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KLIMA/431: Neue Studie zur CO2-Bilanz bei Im- und Exporten (SB)


Industriestaaten verschlechtern Chinas CO2-Bilanz


Der vergleichsweise hohe westliche Lebensstandard gründet sich nicht zuletzt auf eine Verelendung der Lebensverhältnisse in Entwicklungsländern. Ob Goldabbau in Papua-Neuguinea, Erdölförderung in Nigeria oder Zuckerrohrschneiden in Brasilien - ohne daß sich Menschen in anderen Weltregionen zugrundeschinden, wären die hiesigen Lebensverhältnisse vollkommen andere, weniger konsumreich. Es charakterisiert das nur als Ausbeutung zu bezeichnende Verhältnis zwischen den Verbrauchs- und Produktionsregionen, daß eben dies nur selten thematisiert (und schon gar nicht abgestellt) wird.

Noch weniger durchgedrungen ist bislang, daß ein erheblicher Teil der von den Industriestaaten verbrauchten, importierten Waren und Dienstleistungen die CO2-Bilanz der Produzenten beträchtlich verschlechtern. Würde die direkten und indirekten CO2-Emissionen in einem weltweiten System des Klimaschutzes berücksichtigt, stünden der Exportweltmeister China und andere Entwicklungs- oder Schwellenländer deutlich besser da als heute.

Forscher der Carnegie Institution for Science in Stanford, Kalifornien, berichteten am 8. März in einer Online-Vorabversion der "Proceedings of the National Academy of Sciences" (doi: 10.1073/pnas.0906), daß 6,2 Gigatonnen bzw. 23 Prozent aller im Jahre 2004 erzeugten CO2-Emissionen international gehandelt wurden. Der größte Anteil entfiel dabei auf Exporte aus China und wird in den Industriestaaten verbraucht.

Länder wie Schweiz, Schweden, Österreich, Großbritannien und Frankreich haben mehr als 30 Prozent (USA: 10,8 Prozent) ihrer konsumgestützten Emissionen importiert. Der Nettoimport der meisten Europäer betrug pro Kopf mehr als vier Tonnen CO2 (USA: 2,4 Tonnen). Umgekehrt betreffen 22,5 Prozent der CO2-Emissionen Chinas Waren, die nicht im eigenen Land verbraucht, sondern exportiert werden.

Die Autoren Steven J. Davis und Ken Caldeira schrieben, daß in ihre Bilanz nicht jener Kohlenstoff eingerechnet wurde, der in den Produkten enthalten ist. Es ging ihnen nur um die Kohlenstoffemissionen von Produktion und Transport und um das Schließen von Lücken in früheren Berechnungen ähnlicher Art. Als Datengrundlage diente den Forschern das Global Trade Analysis Project der Purdue-Universität in West Lafayette, Indiana.

Auch mit Blick auf das Scheitern des Weltklimagipfel im Dezember 2009 in Kopenhagen kommt dieser Studie Bedeutung zu. Ein Teil der Beobachter der Konferenz vertritt die Ansicht, daß vor allem China Schuld daran trägt, daß kein rechtsverbindlicher Nachfolgevertrag für das 2012 auslaufende Kyoto-Protokoll abgeschlossen wurde. Die US-Studie stärkt die Positionen von Entwicklungs- und Schwellenländern, indem sie deren Argumente Munition liefert. Demnach kommt den Industriestaaten nicht nur eine historische Verantwortung für den anthropogenen Einfluß auf die Erderwärmung zu, sondern auch eine gegenwärtige, und die fällt noch größer aus als gemeinhin zugestanden.

10. März 2010



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