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KLIMA/432: Mais-Ethanol klimaschädlicher als fossile Energieträger (SB)


Neue Studie demaskiert "klimafreundliches" Mais-Ethanol

Agrospritziel der USA führt zu Veränderungen der Landnutzung und höheren CO2-Emissionen als bei fossilen Energieträgern


Weder die Europäische Union noch die Vereinigten Staaten von Amerika haben nach der globalen Preisexplosion für Nahrungsmittel 2008, der gewaltsamen Niederschlagung von Armuts- und Hungeraufständen in mehreren Staaten sowie 100 Millionen zusätzlich Hungernden in der Welt von ihren Agrospritzielen Abstand genommen. Obgleich ein nicht unerheblicher Teil des Preisanstiegs eine Folge der Attraktivität des subventionierten Anbaus von Pflanzen für Agrosprit war, will die EU bis 2020 zehn Prozent der fossilen Energieträger beim Treibstoffverbrauch ersetzen; die USA streben bis zum Jahr 2022 eine jährliche Agrospritmenge von 136 Milliarden Litern (36 Mrd. Gallonen) an. Selbst Umweltschutzgruppen, die ursprünglich in den sogenannten Energiepflanzen ein großes Potential hinsichtlich Klimaschutz und Entwicklungsförderung für ärmere Länder sahen, sind umgeschwenkt. Zumal in diversen wissenschaftlichen Studien nachgewiesen wurde, daß bei der Verbrennung von Biosprit unter Umständen mehr Kohlendioxidemissionen produziert werden als bei der Verbrennung von fossilen Energieträgern.

Wie nicht anders zu erwarten, haben die Agrosprithersteller und ihre Lobbyisten eine Reihe von Gegenargumenten vorgebracht, nach denen Energiepflanzen unter Umständen sehr viel klimafreundlicher sind. Statt Mais und Soja, die auch als Nahrungs- oder Futtermittel verwendet werden könnten und teils einen hohen Energieeintrag (Dünger, künstliche Bewässerung, etc.) erfordern, sollten Pflanzenreste aus der landwirtschaftlichen Produktion sowie Pflanzen wie Jatropha oder Präriegras, die nicht zum Verzehr geeignet sind und auf anspruchsarmen Böden gedeihen, verwendet werden. Auch auf Algen könnte eines Tages ein beträchtlicher Anteil an der Agrospritproduktion entfallen. Das hoffen unter anderem die US-Streitkräfte, die sich von Erdölimporten unabhängig machen wollen, um keine Einbußen hinsichtlich ihrer Kriegsfähigkeit zu erleiden. (Allerdings könnten auch Algen zu Nahrung verarbeitet werden, so daß dann doch wieder eine Nahrungskonkurrenz besteht.)

Bei dem ausgewiesenen Agrospritziel von 136 Mrd. Litern jährlich müßten die USA ihre Maisethanolproduktion gegenüber 2007 ungefähr verdreifachen. Doch schon heute wird rund ein Viertel ihrer Maisernte zu Treibstoff verarbeitet. Deshalb setzt die Regierung auf den Import von Biosprit. Nun berichten jedoch US-Forscher, daß durch den Bedarf an Mais-Ethanol global mehr Treibhausgasemissionen erzeugt werden, als wenn die USA fossile Energieträger verwendeten.

Thomas W. Hertel von der Purdue Universität und fünf Co-Autoren haben untersucht, in welchem Ausmaß das Agrospritziel der US-Regierung zu Veränderungen der heimischen wie auch der ausländischen Landnutzung führen wird. Generell gilt, daß die Landwirte auf den zunehmenden Maisbedarf reagieren, indem sie bislang ungenutztes Land in Bewirtschaftung nehmen. Dabei würden vermehrt Treibhausgase freigesetzt, schrieb die Website ScienceDaily.com [1] unter Berufung auf einen Fachartikel in BioScience [2].

Bereits vor zwei Jahren hatten der Forscher Timothy Searchinger und Kollegen über die indirekten Folgen der Gewinnung von Mais-Ethanol berichtet und erklärt, daß dabei sehr viel mehr Kohlendioxid emittiert wird als bei der Verbrennung fossiler Energieträger [3]. Bei der aktuellen Studie wurde ein noch umfänglicherer Ansatz gewählt. Die Forscher hatten ökologische mit ökonomischen Daten kombiniert, um die Folgen der Mais-Ethanolgewinnung für die Kohlendioxidemissionen aufgrund von Landnutzungsänderungen in weltweit 18 Regionen zu bestimmen. Zusammenfassend wurde festgestellt, daß die indirekten Auswirkungen auf die Treibhausgasemissionen ausreichen, um die Vorteile von Mais-Ethanol hinsichtlich der globalen Erwärmung zunichte zu machen. Im Endeffekt kommen Hertel und seine Co-Autoren zwar auf einen nur rund ein Viertel so starken Einfluß auf die Treibhausgasemissionen durch Landnutzungsänderungen wie Searchinger im Jahr 2008, aber auch sie stellen den Klimanutzen von Maisethanol fundamental in Frage.

Schon jetzt läßt sich die wahrscheinliche Reaktion der Biospritindustrie auf die neue Studie absehen. Sie wird behaupten, daß Mais durch andere pflanzliche Rohstoffe ersetzt werden soll und sich dadurch die Klimabilanz von Agrosprit deutlich verbessern wird. Auch würde durch Pflanzen der nächsten Generation die Nahrungskonkurrenz, das heißt das Dilemma "Teller oder Tank", vollends wegfallen.

Das sind allerdings bis jetzt nur Versprechungen, wie sie jeder Wirtschaftszweig für seine Produkte abgibt. Die Folgen einer umfangreichen, kontinuierlichen und dauerhaften Verwendung von Jatropha, Präriegras, Algen oder landwirtschaftlichen Abfallprodukten auf das Klima, die Wasserverfügbarkeit, den organischen Gehalt der Böden, die Biodiversität oder auch die Bewahrung indigener Kulturen läßt sich kaum abschätzen. In den letzten zehn Jahren haben traditionelle Energiepflanzen wie Mais und Soja ihren vormals guten Ruf weitgehend verloren. Selbst der als Wunderpflanze gepriesene Jatropha-Strauch hat an Attraktivität eingebüßt, da er häufig die Ertragserwartungen einer industriellen Verwertung, die von der dörflich-gemeinschaftlichen zu unterscheiden ist, nicht erfüllt, sobald er nicht auf nährstoffreichen, gut durchfeuchteten Böden wächst.

Noch ungestellt blieb in der Diskussion bislang die Frage, in welcher Gesellschaftsform die Industriestaaten USA und EU ihre Ziele einer vermeintlich grünen Agrospritpolitik zu verwirklichen suchen. In Brasilien und anderen exportorientierten Agrosprit-Ländern herrschen teils sklavereiähnliche Arbeitsverhältnisse auf den Plantagen (nicht daß der Gemüse- und Obstanbau beispielsweise in Spanien sehr viel anders aussieht). Allem Anschein nach sichern die relativ wohlhabenden Länder den Standard ihrer Lebensqualität und ihre hohe Mobilität sowie die Einhaltung der Klimaschutzziele mittels der Verelendung der Lebensverhältnisse in den Agroproduktionsräumen weltweit. Solange lediglich nach Ersatz für fossile Energieträger und nicht nach Ersatz der ausbeuterischen Produktionsbedingungen gesucht wird, wird in Zukunft das Grün der Umweltbewegten immer als Lodengrün, mit dem letzten Endes die globale Raubordnung gegen die Heerscharen an Unterdrückten durchgesetzt wird, in Erscheinung treten.


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Anmerkungen:

[1] "More Maize Ethanol May Boost Greenhouse Gas Emissions", ScienceDaily, 12. März 2010
http://www.sciencedaily.com/releases/2010/03/100311074121.htm

[2] Hertel et al.: "Effects of US Maize Ethanol on Global Land Use and Greenhouse Gas Emissions: Estimating Market-mediated Responses", BioScience, 2010; 60 (3): 223
DOI: 10.1525/bio.2010.60.3.8

[3] Timothy Searchinger et al.: "Use of U.S. Croplands for Biofuels Increases Greenhouse Gases Through Emissions from Land-Use Change", Science, 29. Februar 2008, Vol. 319. no. 5867, pp. 1238 - 1240
DOI: 10.1126/science.1151861

15. März 2010



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