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KLIMA/437: Fleischverzicht würde Erderwärmung nicht verhindern (SB)


US-Forscher tritt weltweiter Kampagne zum Fleischverzicht entgegen


Die Vorstellung, daß durch eine Verringerung des Fleisch- und Milchverzehrs ein nennenswerter Beitrag zum Klimaschutz geleistet werden könne, sei ein Irrtum. Mehr noch, damit schade man nur den Menschen in den ärmeren Ländern, die dann noch weniger zu essen hätten als heute. Zu dieser Bewertung gelangte der US-Forscher Frank Mitloehner in einem neuen Bericht, der auf dem 239. Nationalen Treffen der Amerikanischen Chemischen Gesellschaft in San Francisco vorgestellt wurde.

Es sei nicht nur wissenschaftlich inkorrekt, vom Fleischverzicht einen größeren Effekt auf das Klima zu erwarten, sondern das halte die Gesellschaft auch davon ab, tatsächlich wirksame Maßnahmen gegen die globale Erwärmung zu ergreifen, sagte der Forscher von der Universität von Kalifornien in Davis. "Sicherlich können wir unsere Treibhausgasproduktion reduzieren, aber nicht durch weniger Fleisch und Milch", wird Mitloehner von der Website ScienceDaily.com [1] zitiert. "Weniger Fleisch und Milch zu erzeugen bedeutet lediglich mehr Hunger in ärmeren Ländern."

Beinahe ketzerisch in den Ohren mancher Klimaschützer klingt es, wenn Mitloehner fordert, daß die entwickelte Welt sich darauf konzentrieren sollte, die Fleischherstellung in den Entwicklungsländern zu unterstützten. Dort bräuchte die wachsende Bevölkerung mehr nahrhafte Nahrung. Die Entwicklungsländer sollten dahingehend gefördert werden, daß sie westliche Bewirtschaftungspraktiken übernehmen, so daß sie mehr Nahrung erzeugen, aber weniger Treibhausgase produzieren.

Als ketzerisch kann der Vorschlag deshalb bezeichnet werden, weil prominente Klimaschützer wie beispielsweise der Vorsitzende des Weltklimarats IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change), Rajendra Pachauri, Fleischverzicht als bedeutende Lösung der Klimaproblematik predigen. Der sich von Haus aus vegetarisch ernährende Pachauri geriet in jüngster Zeit ziemlich unter Beschuß, weil er Kritik an der Behauptung eines 2007 veröffentlichten IPCC-Berichts, wonach die Himalaya-Gletscher bis zum Jahr 2040 verschwunden sein könnten, als "Voodoo-Science" bezeichnete. Später stellte sich heraus, daß die Kritik vollkommen berechtigt war.

Aber Mitloehner kann sicherlich nicht unterstellt werden, er wolle sich wie die sogenannten Klimaskeptiker als Trittbrettfahrer betätigen und dem IPCC Schaden zufügen. Statt dessen unterbreitet der Forscher konstruktive Vorschläge, was seiner Meinung nach sinnvoller als Fleischverzicht sei, um das Klima zu schützen. Die entwickelten Länder sollten ihren Gebrauch von Öl und Kohle zur Herstellung von Elektrizität, Wärme und Treibstoffen reduzieren. In den Vereinigten Staaten erzeuge der Verkehr rund 26 Prozent aller Treibhausgasemissionen, wohingegen der Aufzucht von Vieh und Schweinen für die Nahrung lediglich ein Anteil von drei Prozent zukomme.

Die Irrtumsvorstellung über die Bedeutung von Fleisch und Milch hinsichtlich des Klimawandels gehe auf einen kleinen Abschnitt in der "executive summary" des 2006 von den Vereinten Nationen herausgegebenen Berichts "Livestock's Long Shadow" (Der lange Schatten des Viehbestands) [2] zurück. Darin werde behauptet, daß die Viehhaltung für 18 Prozent der Treibhausgasemissionen, gemessen in CO2-Äquivalenten, verantwortlich sei und daß damit der Anteil höher läge als beim Transport. Mitloehner bestreitet nicht, daß die Viehhaltung einer der Hauptproduzenten des Treibhausgases Methan ist, aber er kritisiert die in dem UN-Bericht angewandte Methode.

Dem Forscher zufolge wurden bei der Berechnung der Emissionen aus der Viehhaltung die Gase eingerechnet, die bei der Aufzucht des Viehs anfallen, von der Verdauung produziert und bei der Verarbeitung von Fleisch und Milch abgegeben werden. Aber auf der anderen Seite, der des Verkehrs, da seien nur die Emissionen aus der Verbrennung der fossilen Treibstoffe während der Fahrt, nicht aber andere Faktoren des Verkehrs berücksichtigt worden. Man habe sozusagen Äpfel mit Birnen verglichen.

Da die Propagierung des Fleischverzichts mittlerweile zu einer breit angelegten Kampagne ausgewachsen ist, die nicht zuletzt von Politikern forciert wird - in Großbritannien werden Dicke bereits als Klimasünder bezichtigt, da sie angeblich mehr Fleisch verzehren und fauler sind als dünnere Menschen [3] -, werden Mitloehners Ausführungen vermutlich nicht unwidersprochen bleiben. Doch wie auch immer man die Rechnung aufzieht, um das gewünschte Ergebnis zu erhalten, Mitloehner hat auf jeden Fall einen weithin vernachlässigten Aspekt in die Diskussion zum Thema "Nahrungsproduktion und Klimawandel" eingebracht, indem er in Erinnerung rief, daß Menschen in den Entwicklungsländern nicht genug zu essen haben und daß der Hunger zunimmt, wenn die globale Lebensmittelproduktion zurückgefahren wird.


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Anmerkungen:

[1] "Eating Less Meat and Dairy Products Won't Have Major Impact on Global Warming, Export Argues", ScienceDaily, 22. März 2010
http://www.sciencedaily.com/releases/2010/03/100322121103.htm

[2] http://www.fao.org/docrep/010/a0701e/a0701e00.HTM

[3] "Fat people causing climate change, says Sir Jonathan Porritt", The Telegraph, 3. Juni 2009
http://www.telegraph.co.uk/earth/environment/climatechange/5436335/Fat-people-causing-climate-change-says-Sir-Jonathan-Porritt.html

23. März 2010



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