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KLIMA/440: Inuit-Wissen gefragt - Forscher verbessern Computersimulationen (SB)


Klimaforschung in der Arktis

Wissenschaftler verwerten traditionelles Wissen der Inuit


US-Forscher wollen das traditionelle Wissen kanadischer Inuit über das Wetter mit computergenerierten Klimamodellen verbinden, um zuverlässigere Aussagen zur Klimaentwicklung des hohen Nordens treffen zu können.

Für die Bewohner der Arktis war es in der Vergangenheit überlebenswichtig und ist es auch noch heute, daß sie wissen, ob Stürme aufziehen, wie schnell sie kommen, welche Wucht und Richtung sie haben, etc. So hat sich ein Wissen angesammelt, das von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Ob dies auch noch für die Zukunft gilt, ist fraglich. Denn erstens verändert sich die Gesellschaft der Inuit - seit langem schauen sie die gleichen Fernsehserien wie die Metropolenbewohner auch - und zweitens verändert sich das Wetter. Das tut es zwar immer, aber gemeint ist eine andere Veränderung, nämlich die, daß eine bestimmte Wolkenbildung am Himmel heute nicht mehr das gleiche bedeutet wie vor zwanzig Jahren. Hatten sich die Inuit früher mit ihrer Prognose beispielsweise darauf verlassen, daß am nächsten Tag ein Sturm aufzieht, so kann es inzwischen sein, daß solch ein Sturm binnen einer Stunde eintrifft - höchst problematisch für Menschen, die beispielsweise vom Fischfang leben und mit ihrem Boot aufs Meer hinausfahren.

Die Forscherin Elizabeth Weatherhead vom Cooperative Institute for Research in Environmental Sciences der Universität von Colorado in Boulder verspricht sich von ihrer Zusammenarbeit mit dem Inuit mehr Praxisnähe. [1] Die Berichte der Inuit über das nicht mehr vorhersagbare Wetter deckten sich nicht mit den Messungen der Wissenschaftler, erklärt sie. Die Daten besagen, daß das Wetter rund um den Globus stabiler, weniger variantenreich geworden ist. Diesen Widerspruch habe sie auch schon von anderen Umweltstatistikern gehört, sagt Weatherhead, die auch mit der NOAA (National Oceanic and Atmospheric Administration) in Boulder kooperiert. Die Inuit besäßen eine andere Sprache als "wir Statistiker". "Niemand von uns kann wirklich genau sagen, was mit ihren Beobachtungen übereinstimmt." [1]

An dieser Schnittstelle zwischen experimentellem Inuit-Wissen und wissenschaftlicher Statistik sitzt Shari Gearheard vom National Snow and Ice Data Center der Universität von Boulder. Seit zehn Jahren arbeitet sie mit den Inuit zusammen, dokumentiert das Wissen der Älteren und Jäger über ihre Umwelt und die Veränderungen, die sie erleben. Gearheards Berichte werden mit den Klimamodellen abgeglichen, und tatsächlich erweist sich das Wetter in den polaren Breiten als dasjenige, das sich am wenigsten gut vorhersagen läßt. Das bestätigt die Beobachtung der Inuit.

Wenn man die verschiedenen Perspektiven als unterschiedliche Formen von Wissensbeweisen betrachte und schaue, wohin einen das bringt, sei das richtig aufregend, meint Gearheard. In diesem Monat soll die Studie von ihr, Weatherhead und Roger Barry, Leiter des World Data Center for Glaciology am National Snow and Ice Data Center der Universität Boulder, im Journal "Global Environmental Change" erscheinen.

Die hier geschilderte Zusammenarbeit zwischen der statistischen Klimawissenschaft und den Inuit könnte zu dem irrtümlichen Eindruck verleiten, daß die vor den Klimaveränderungen warnenden Stimmen der Arktisbewohner auch bei internationalen Klimaschutzverhandlungen Gehör finden. Typischerweise wurden die Inuit zu einem kürzlich von Kanada organisierten Treffen der arktischen Anrainerstaaten nicht eingeladen, und bei der Klimakonferenz im Dezember in Kopenhagen ging ihre Stimme genauso unter wie die der kleinen Inselstaaten oder der Staaten Afrikas.

Kaum vorstellbar, daß das traditionelle Wissen der Inuit bewahrt wird, wenn es nun für die Rechenanforderungen von Computern aufbereitet wird. Womöglich haben die Inuit bereits Schwierigkeiten damit, wenn sie einem Wissenschaftler ihr Wissen erklären sollen. Ein fiktives Beispiel: Es ist ja nicht das gleiche, wenn ein älterer Jäger dem jüngeren vor Ort sagt, daß sie die Jagd wohl besser abbrechen sollten, weil es Regen gibt, oder wenn er einer Wissenschaftlerin in den Laptop diktiert, welche Wolkenform ihn schließlich dazu bewegt habe, die Jagd zu beenden. Daraus macht die Wissenschaftlerin womöglich die Regel (was der Inuit nicht unbedingt gemeint hat) und schreibt, daß die Inuit bei Cirrostratus nebulosus zwischen 6.00 und 7.00 Uhr morgens bei Windstärke 3 aus südlicher Richtung die Jagd abbrechen ...


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Anmerkungen:

[1] "Traditional Inuit knowledge combines with science to shape weather insights", 7. April 2010
http://www.eurekalert.org/pub_releases/2010-04/uoca-tik040710.php

12. April 2010



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Elektronische Zeitung Schattenblick, ISSN 2190-6963
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