Schattenblick → INFOPOOL → UMWELT → REDAKTION


KLIMA/446: Erderwärmung - keine Solidarität mit Griechenland zu erwarten (SB)


Neue EU-Studie zu "Klimawandel und Mediterrane Sicherheit" erschienen

Aktueller Konflikt zwischen Deutschland und Griechenland noch nicht berücksichtigt


Der Klimawandel werde sich als Multiplizierer bestehender Trends auswirken und die Ordnung in konfliktträchtigen Regionen und Staaten gefährden, lautet zusammengefaßt die Einschätzung mehrerer Analysen, die in den letzten Jahren von verschiedenen Institutionen innerhalb der Europäischen Union zum Thema "Klimawandel und Sicherheit" erstellt wurden. [1] Zuletzt hat der Politikwissenschaftler Prof. Hans Günter Brauch von der Freien Universität Berlin einen 64 Seiten umfassenden Report vorgelegt, in dem der Klimawandel und die Sicherheit in den Mittelmeeranrainerstaaten einer Analyse unterzogen werden. [2]

Bei aller Detailliertheit der Ausführungen Brauchs auch in Hinsicht der bislang wenig beachteten innereuropäischen Konfliktlinien konnte er eine Entwicklung, die erst in den letzten Tagen deutlich in den Vordergrund getreten ist, nicht mehr berücksichtigen. Vielleicht wäre ansonsten die eine oder andere Vorstellung, daß die Europäische Union mit den klimabedingten Problemen Spaniens und der anderen Mittelmeeranrainerstaaten im Geiste einer solidarischen Gemeinschaft umgehen könnte, weniger hoffnungsgetragen ausgefallen. Unter dem Eindruck der hohen Schuldenlast Griechenlands und des Problems, daß finanzstarke Hedge Fonds für Millionen Menschen folgenschwere Wetten auf den Niedergang des Landes abschließen durften, wurden seitens der Politik (Nicolas Sarkozy, Angela Merkel) Überlegungen angestellt bzw. Warnungen ausgestoßen, daß der Euro als Währung scheitern könnte, ja, daß daran sogar die Europäische Union zerbrechen würde.

Zur gleichen Zeit wurde in den deutschen Medien eine Hetzkampagne gegen die angeblich faulen Griechen, die über ihre Verhältnisse gelebt hätten, losgetreten, und das nicht allein von dem Revolverblatt mit den vier großen Buchstaben. Auch Vertreter der Regierung und der Opposition gefielen in unverhohlenen Beschuldigungen "des Griechen", obschon sie es hätten besser wissen können: Selbst die sogenannten Rettungspakete für Griechenland, das an den Euro gebunden ist und somit keine Abwertung seiner Währung vornehmen kann, weil es auf diese Weise die eigenen Exporte wieder attraktiver gemacht hätte, kommen nicht zuletzt seinen Gläubigern zugute, unter anderem der Deutschen Bank. Die hohen Schulden gereichen ihr und anderen Banken zum Vorteil. Zu dieser Entwicklung kam es in Folge der jahrelangen Lohnzurückhaltung in Deutschland und somit der Förderung der deutschen Exportwirtschaft, durch die "wir" in dieser Disziplin Weltmeister wurden. Dieses für Griechenland nachteilige politische und wirtschaftliche Modell wurde innerhalb der EU unter maßgeblichem Einfluß Deutschlands durchgesetzt.

Der Zusammenhalt der Europäischen Union wurde in den letzten Wochen schwer erschüttert. Der angedrohte Kollaps des Euro oder gar der Europäischen Union ist bislang nicht eingetreten, zu sehr dominiert das Interesse an einem Zusammenhalt, der der deutschen Wirtschaft bislang gute Dienste geleistet hat. Dennoch sollte nicht in Vergessenheit geraten, auf welch brüchigen Säulen die Solidarität der wirtschaftlich starken Staaten gegenüber ihren weniger starken Brüdern beruht. Man kann sagen, Griechenland wurde nur deshalb (vorübergehend) gerettet, weil alle anderen Lösungsansätze für das Schuldendilemma zu einem größeren Schaden für Deutschland und andere wirtschaftlich stärkeren EU-Staaten geführt hätten.

Das Hegemoniestreben der Bundesregierung, die Deutschland nicht nur auf Kosten innereuropäischer Konkurrenten als Wirtschaftsmacht Nummer eins etabliert hat, sondern eine nicht weniger unanfechtbare politische Führung innerhalb der Union einnehmen will, läßt darauf schließen, daß sich die deutsche Regierung bei zukünftigen Konflikten genauso nationalchauvinistisch verhalten wird in der Griechenlandkrise. Nun prognostizieren jedoch Klimawissenschaftler, daß die Durchschnittstemperaturen im Mittelmeerraum im Zuge der globalen Erwärmung deutlich steigen werden. Es werde zu einer Verschiebung der Klimazonen kommen, so daß sich die Sahelzone bis in die Mittelmeeranrainerstaaten hinein ausdehnen wird. Temperaturen von über 40 Grad Celsius würden nicht die Ausnahme, sondern die Regel sein.

Das betrifft voraussichtlich nicht nur Spanien, Italien oder Griechenland, sondern selbst Frankreich. Eine Verschiebung der Klimazonen von Afrika nach Norden bedeutete dann, daß auch Großbritanien, die Beneluxländer und Deutschland heißer und trockener würden. In klimatischer Hinsicht bleibt jedoch Griechenland der eigentliche Frontstaat. Wenn die Prognosen zutreffen, daß manche Regionen der Mittelmeeranrainerstaaten klimatisch so unwirtlich werden, daß die Einwohner fliehen müssen, stellt sich die Frage, ob sie dann von den nördlichen EU-Ländern, zu denen es die Griechen (und Italiener, Spanier, etc.) verstärkt ziehen dürfte, aufgenommen werden. In der Europäischen Union herrscht zwar Freizügigkeit, die Grenzbäume wurden abgeschafft, aber legt man das Verhältnis zwischen Deutschland und Griechenland in den letzten Wochen zugrunde, so sind Zweifel angebracht, ob die Deutschen bereit sind, ihre "Brüder", die Klimaflüchtlinge aus dem Mittelmeerraum, in gebotener Zahl aufzunehmen.

In den üblichen Analysen zum Thema "Klimawandel und Sicherheit" werden der Nahe Osten, Nordafrika, Südostasien, Kaschmir und die Arktis zu den Regionen der Erde gezählt, die am anfälligsten für Konflikte aufgrund von Verteilungsfragen (Wasser, Getreide, Energie, Lebensraum) sind. Wohingegen die Europäische Union in der Regel als fester Block angesehen wird, der entweder als Ganzes "gefährdet" ist, beispielsweise durch den Zustrom von Flüchtlingen, oder auf Gefährdungen in anderen Weltregionen reagiert - Stichwort Ressourcensicherung und Bewachung von Transportwegen.

Daß die Europäische Union selbst vor einer schweren Zerreißprobe stehen könnte, falls sich das Klima nachteilig entwickelt, das wird bislang wenig thematisiert. Die aktuelle, noch längst nicht ausgestandene Krise verleitet indessen zu der Vermutung, daß sich das Klima in den EU-Staaten auch im übertragenen Sinn deutlich verschlechtern wird.


*

Anmerkungen:

[1] Unter anderem: "Joint paper by the Commission and the Secretary-General/High Representative concerning Climate Change and International Security to the European Council", Brüssel, 3. März 2008
http://euractiv.com/29/images/SolanaCCsecurity%20reportpdf_tcm29-170886.pdf

[2] "Climate Change and Mediterranean Security. International, National, Environmental and Human Security Impacts for the Euro-Mediterranean Region during the 21st Century. Proposals and Perspectives", Hans Günter Brauch, März 2010
http://www.iemed.org/publicacions/papers9.pdf

20. Mai 2010



Copyright 2010 by MA-Verlag
Elektronische Zeitung Schattenblick, ISSN 2190-6963
Nachdruck und Wiedergabe, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlages.
Redaktion Schattenblick, Dorfstraße 41, 25795 Stelle-Wittenwurth
Telefon: 04837/90 26 98 · Fax: 04837/90 26 97
E-Mail: ma-verlag.redakt.schattenblick@gmx.de
Internet: www.schattenblick.de