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KLIMA/450: Forscher warnen vor rascher Veränderung der Ozeane (SB)


"Die Forschung zu ignorieren ist keine Option"

Eine australisch-amerikanische Forschergruppe hat in einer Metastudie festgestellt, daß sich die Weltmeere rasant verändern


Da die Lebensspanne eines Menschen verglichen mit geologischen Zeiträumen verschwindend kurz ist, übersteigen erdgeschichtliche Veränderungen seinen Erfahrungsschatz. Mit mündlichen und schriftlichen Überlieferungen sowie der wissenschaftlichen Analyse von sogenannten Klimaarchiven - Eisbohrkernen, Baumringen, Fossilien, etc. - versuchen Menschen ihren Horizont zu erweitern, aus tradierten Erfahrungen zu lernen und sozusagen in die Vergangenheit zu blicken.

Wenn nun Klimaforscher in einer, wie es heißt, ersten umfassenden Synthese über die Auswirkungen des Klimawandels auf die Ozeane feststellen, daß sich diese zur Zeit in einer rasanten Geschwindigkeit verändern wie seit Millionen von Jahren nicht mehr, dann wären die Menschen vielleicht gut beraten, einer solchen Meldung eine einigermaßen hohe Priorität einzuräumen und sich zu überlegen, welche Gegenmaßnahmen ergriffen werden müßten, um diese Veränderungen zu stoppen. Da sind an vorderster Stelle die politischen Entscheidungsträger gefragt. Sollten sie sich weigern, die ihnen gesellschaftlich aufgetragene Aufgabe der Lenkung der Staaten zu übernehmen, sollten sie abdanken oder abgewählt werden. Das wäre das mindeste.

Zwei weltweit führende Meeresforscher faßten vergangene Woche im Wissenschaftsmagazin "Science" unter dem Titel "The impact of climate change on the world's marine ecosystems" die Ergebnisse von Hunderten von Studien über die Auswirkungen des Klimawandels auf die Ozeane zusammen, da sie sich ein umfassenderes Bild von den Folgen der Emissionen anthropogener Treibhausgase machen wollten. Laut einer Presseerklärung der Universität von Queensland [1] fanden Studienleiter Professor Ove Hoegh-Guldberg, Direktor des Global Change Institute der Universität von Queensland, Australien, und Dr. John F. Bruno, Assoziierter Professor an der Universität von North Carolina, USA, heraus, daß die Treibhausgasemissionen viele physikalische und geochemische Aspekte der Ozeane verändern. Mit weitreichenden Folgen für die Gesellschaft. Davon hinge die Existenz von zig Millionen Menschen ab.

Die Forscher richteten ihr Hauptaugenmerk auf die Auswirkungen der raschen Erwärmung und Versauerung der Ozeane, auf Veränderungen der Meeresströmungen und die Ausdehnung von sauerstoffarmen Toten Zonen auf die marinen Ökosysteme und konstatierten, daß es zu großen Veränderungen von Korallenriffen, Seegras und Mangroven komme. Die marine Nahrungskette erlebe Zusammenbrüche, die Anzahl der Fische gehe zurück, und die Fische selbst würden im Wachstum gebremst. Außerdem träten gehäuft Krankheiten unter den Meeresorganismen auf.

Professor Hoegh-Guldberg erklärte, daß wir in eine Phase eintreten, in der sich die Meere so rasch verändern, daß der Planet nicht mehr die Kapazität hat, die Menschen zu versorgen. "Das ist ein weiterer Hinweis darauf, daß wir uns auf den Auftritt des nächsten großen Aussterbens zubewegen." Dr. Bruno ergänzt, daß die marinen Ökosysteme Schwellenwerte (tipping points) entgegenstreben, an denen es zu beschleunigten Veränderungen mit unerwarteten Auswirkungen auf andere Systeme komme. Es sei dringend geboten, daß die Weltführer handeln, damit die weitere Zunahme der Treibhausgasemissionen begrenzt und das Risiko solcher Ereignisse verhindert wird.

Für 3,5 Milliarden Menschen sind die Meere die primäre Nahrungsquelle. In zwanzig Jahren könnte sich die Zahl verdoppeln. Während aber die Abhängigkeit der Menschen von den Ozeanen wächst, nimmt deren Produktivität ab: In wärmeren Meeren ist die Durchmischung geringer, so daß die Nährstoffe in den oberen Meeresbereichen schwinden. Auf die ständige Zufuhr von Nährstoffen ist das Phytoplankton angewiesen, und so bricht die Basis der Nahrungskette weg.

Hierbei handelt es sich um keine dissonante Zukunftsmusik, die Entwicklung wird bereits beobachtet. Zwischen 1998 und 2006 haben sich die am wenigsten produktiven Meeresgebiete des Pazifischen und Atlantischen Ozeans um 6,6 Millionen Quadratkilometer ausgedehnt. Das sind ungefähr 15 Prozent.

Der Mensch ist zwar ein Nachfahre der Lebewesen, die sich einst entschieden haben, das Wasser zu verlassen, und sich fortan an ein Leben auf dem Land anpaßten. Damit haben die Landlebewesen jedoch nicht ihre Abhängigkeit von den Meeren hinter sich zurückgelassen. Rund 50 Prozent des Sauerstoffs in der Atmosphäre werden von den Ozeanen freigesetzt, und diese absorbieren 30 Prozent der von Menschen freigesetzten Kohlendioxidemissionen.

Beide Funktionen sind unverzichtbar - nicht für den Planeten, aber für das Überleben der Menschheit. Sollten die Ozeane den Sättigungsgrad an CO2 erreicht haben, bliebe das Treibhausgas in der Atmosphäre, was die Erderwärmung beschleunigte. Bei einem Versiegen der stetigen Sauerstofffreisetzung der Meere nähme bei gleichem Verbrauchsniveau der Sauerstoffgehalt der Atmosphäre allmählich ab. Gegenwärtig liegt die Sauerstoffkonzentration bei knapp unter 21 Prozent. Als sie in erdgeschichtlicher Vorzeit auf 15 bis 17 Prozent reduziert war, traten Massensterben auf.

Die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko ist so aktuell, daß sie in der Studie nicht berücksichtigt werden konnte. Es versteht sich allerdings von selbst, daß solche Vorfälle die geschilderte Entwicklung noch beschleunigen.


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Anmerkungen:

[1] "Ocean changes may have dire impacts on people", Presseerklärung der Universität von Queensland, 18. Juni 2010
http://www.uq.edu.au/news/index.html?article=21355

Die Originalstudie ist erschienen unter:
Hoegh-Guldberg et al.: "The Impact of Climate Change on the World's Marine Ecosystems", Science, 2010; 328 (5985): 1523
DOI: 10.1126/science.1189930

20. Juni 2010



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