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KLIMA/456: Hitzewelle - Sinkender Sauerstoffgehalt in Moskaus Luft (SB)


Den Moskowitern geht die Luft


Der Klimawandel wird zwar seit langem als globale Bedrohung wahrgenommen, und auch das Thema Endlichkeit der Rohstoffe hat Eingang in die Mainstream-Berichterstattung gefunden, aber daß auch Sauerstoff eine endliche Source ist und daß das System aus Sauerstoffverbrauch und -freisetzung einem Wandel unterliegt, das wird geradezu tabuisiert.

Knapp 21 Prozent beträgt der Sauerstoffgehalt der Erdatmosphäre, so war es und so wird es immer sein, lautet die irrtümliche Vorstellung. Daß der Sauerstoff im Laufe der Erdgeschichte in die Atmosphäre kam und möglicherweise irgendwann wieder verschwindet, wird dabei übersehen. Wie beschränkt die Gutgläubigkeit ist, zeigt eine aktuelle Meldung aus Moskau. Der Leiter des russischen Wetterdienstes, Alexander Frolow, sagte laut einem Bericht von RIA Novosti [1], daß in der Hauptstadt Rußlands eine Reduzierung des Sauerstoffgehalts der Luft um 15 bis 20 Prozent festgestellt wurde. Das sähe so aus, als sei Moskau ins Gebirge umgezogen.

Rußland wird seit mehr als einem Monat von einer schweren Hitzewelle heimgesucht. So eine Dürre hat es seit mindestens 40 Jahren nicht mehr gegeben. Vierzehn Regionen in zentralen Landesteilen haben seit Wochen kaum oder keinen Niederschlag erhalten und sind mittlerweile knochentrocken. Die Ernte fällt ausgerechnet in Gebieten, in denen bislang traditionell gute Erträge erzielt wurden, nahezu komplett aus. Die Regierung schafft mit Tanklastwagen Trinkwasser in die Dörfer.

Eine Meldung wie die, daß in einer Metropole der Sauerstoffgehalt abgenommen hat, ist nahezu einzigartig. Allerdings mehren sich Einzelberichte aus diversen gesellschaftlichen und umweltbezogenen Bereichen über Faktoren, die mit der Sauerstoffproduktion zu tun haben. Beispielsweise wachsen die sogenannten Toten Zonen insbesondere vor den Mündungen von Flüssen wie dem Mississippi, die große Mengen Dünger aus der Landwirtschaft ins Meer verfrachten und dort, vor dem Delta und entlang der Küste, das Algenwachstum anregen. Dadurch wird dem Wasser freier Sauerstoff entzogen. Die Meeresgebiete sind "tot".

Auch der fortgesetzte Erdölaustritt im Golf von Mexiko löst Sauerstoffmangel aus. Zum einen ganz einfach durch Verdrängung - wo Rohöl ist, kann kein Wasser sein -, zum anderen durch die Vermehrung von Bakterien, die Erdöl abbauen, sich aufgrund des Nahrungsangebots vermehren und dabei Sauerstoff verbrauchen. Des weiteren sinkt der Sauerstoffgehalt in den Ozeanen generell, da sich diese erwärmen. Bei einem fortgesetzten Klimawandel dehnen sich die Meere nicht nur aus, sie verlieren auch an Sauerstoff.

Aus den Meeren stammt rund die Hälfte des Sauerstoffs der Luft. Hinsichtlich der Freisetzung dieses existentiell wichtigen Gases kommt ihnen eine noch größere Bedeutung zu als den tropischen Regenwäldern, dem zweitwichtigsten Faktor, bei dem Sauerstoff abgeschieden und dadurch für die Atmung verfügbar gemacht wird. Mit dem Bestand der tropischen Regenwälder sieht es bekanntlich nicht gut aus. Die brasilianische Regierung, die die größte Regenwaldfläche der Erde verwaltet, feiert es bereits als großartigen Erfolg, wenn die Geschwindigkeit, mit der die Bäume abgeholzt werden, abnimmt. Das heißt, der tropische Regenwald verschwindet weiterhin. Die Plantagen, auf denen Soja, Zuckerrohr, Jatropha, Palmen und andere Nutzpflanzen aufgezogen werden, können den tropischen Regenwald hinsichtlich seiner Eigenschaft, zuvor gebundenen Sauerstoff verfügbar zu machen, nicht im mindesten ersetzen.

Sauerstoff ist die wichtigste und zugleich am wenigsten beachtete Source, mit deren Bestand das Überleben des Menschen wie auch nahezu aller anderen Tier- und Pflanzenarten steht und fällt. In Moskau wird der Sauerstoff knapp - sicherlich nicht der unpassendste Anlaß, um daran zu erinnern, daß der Mensch nicht die erste Art wäre, die ihre eigenen Überlebensvoraussetzungen vernichtet.


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Anmerkungen:

[1] "Moskau fühlt sich wie im Gebirge mit dünner Luft", RIA Novosti, 20. Juli 2010
http://de.rian.ru/society/20100720/127173639.html

20. Juli 2010



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