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KLIMA/457: Ein Drittel aller US-Bezirke bis 2050 von Wassermangel bedroht (SB)


Erderwärmung führt zu weitreichendem Wassermangel in den USA

Forscher warnen vor Ertragseinbußen in der Landwirtschaft


Wenn Wissenschaftler vor den Gefahren durch den Klimawandel warnen, sprechen sie häufig von zwei existentiellen Bedrohungen: Mangel an Trinkwasser und Mangel an Nahrung. Nun haben US-Experten eine Prognose erstellt, wie sich die Wasserverfügbarkeit in den Vereinigten Staaten in den nächsten Jahrzehnten entwickeln wird, und sind zu einigen brisanten Voraussagen gelangt. Demnach ist mehr als jeder dritte Bezirk bis zum Jahr 2050 potentiell von Wassermangel gefährdet. Für 412 der 1100 gefährdeten Bezirke (von insgesamt 3140) sagen die Forscher sogar eine "extrem große" Wasserknappheit voraus. Damit liegen die Prognosen, die die Beratungsfirma Tetra Tech auf der Basis öffentlich verfügbarer Daten für den Natural Resources Defense Council (NRDC) durchgeführt hat, um das Vierzehnfache über früheren Voraussagen. Das berichtete der Environmental News Service am Mittwoch. [1]

NRDC ist eine landesweite, nicht-kommerzielle US-Organisation von Wissenschaftlern, Anwälten und Umweltexperten, die sich für die öffentliche Gesundheit und Umwelt einsetzen, und zählt 1,3 Millionen Mitglieder. [2] Die Tetra Tech-Analysten haben den Wasserverbrauch verschiedener Wirtschaftssektoren, beispielsweise für die landwirtschaftliche Bewässerung, Versorgung der Stadtbevölkerung, Kühlung von Kraftwerken ausgewählt, ein leichtes Wirtschaftswachstum vorausgesetzt und daraus den wahrscheinlichen Wasserbedarf der US-Gesellschaft berechnet. Der wächst demnach bis 2050 um durchschnittlich 25 Prozent. Zudem wurden diese Daten mit verschiedenen Klimasimulationen, wie sie unter anderem von Weltklimarat IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) erstellt wurden, abgeglichen.

Demnach wird der Wasserbedarf den -verbrauch in den vierzehn Bundesstaaten Arizona, Arkansas, Colorado, Florida, Idaho, Kalifornien, Kansas, Mississippi, Montana, Nebraska, Nevada, New Mexico, Oklahoma und Texas übertreffen. Das bedeutet, daß sich der Wassermangel nicht auf die südlichen, an Mexiko grenzenden Gebiete beschränkt. So werden die Great Plains, die Prärielandschaft zwischen den Rocky Mountains im Westen und dem Mississippi im Osten, bis hinauf an die kanadische Grenze als besonders gefährdet ausgewiesen.

Tetra Tech hat zwar nicht zu ermitteln versucht, wie sich der Klimawandel spezifisch auf die Getreideproduktion in jedem einzelnen Bezirk auswirkt, aber die Forscher haben den Wert der Ernte in den 1100 von Wassermangel gefährdeten Bezirke aus dem Jahre 2007 summiert: 105 Milliarden Dollar. Dieser Betrag vermittelt einen Eindruck vom Ausmaß der Entwicklung: Die Nahrungsproduktion nimmt ab.

Die Verluste und sonstigen Folgen des Wassermangels können nach Einschätzung von Dan Lashof, Leiter des Climate Center des NRDC, nur durch Anpassungsmaßnahmen im Wassermanagement sowie durch eine Klimaschutzpolitik gemildert werden. Die USA sollten dabei eine globale Führungsrolle einnehmen, fordert er. Eine weitere Forderung des NRDC ist fürs erste hinfällig: Der US-Senat hat diese Woche das von der Regierung Präsident Barack Obamas erarbeitete Klimaschutzgesetz, das eine Obergrenze für CO2-Emissionen vorsieht, nicht angenommen. Angeblich belastet es die Wirtschaft zu sehr und bringt nicht den erwünschten Erfolg. Die demokratische Partei hofft, in der kommenden Woche ein gestrafftes Gesetz durchbringen zu können.

Es bleibt nicht aus, daß Prognosen, mit denen immerhin 40 Jahre in die Zukunft geblickt werden sollen, von starken Unwägbarkeiten geprägt sind. Wer hätte 1970 die heutige Verhältnisse in der Welt vorhersagen können? Die Unsicherheit gilt nicht nur hinsichtlich der Entwicklung der menschliche Gesellschaft und damit für die Berechnungen zu Wirtschaftswachstum, Einwanderungszahlen, Wasserverbrauch, etc., sondern in Bezug auf natürliche Faktoren. Beispielsweise die Menge an verfügbarem Grundwasser.

Eine wichtige Wasserquelle insbesondere für weitläufige landwirtschaftliche Gebiete, in denen Bewässerungswirtschaft betrieben wird, ist ein riesiger, fossiler Grundwasserspeicher, der Ogalalla-Aquifer. Er liegt unterhalb der Great Plains; aus ihm stammen rund 30 Prozent des in der Bewässerungswirtschaft der USA verbrauchten Süßwassers. Zur Entwicklung dieses Wasserreservoirs lassen sich nur schwer gesicherte Prognosen abgeben. Daß der Speicher sehr stark belastet wird und der Grundwasserspiegel immer mehr sinkt, ist hinlänglich bekannt. Es kann aber nicht ausgeschlossen werden, daß der Aquifer innerhalb weniger Jahre weitgehend versiegt. Die Folgen für die Nahrungsproduktion in den USA wären verheerend.

Studien wie die aktuelle zur Entwicklung der Wasserverfügbarkeit in den US-Bezirken müssen aus methodischen Gründen von einer Kontinuität der bereits bekannten Entwicklung ausgehen. Das ist problematisch. Plötzliche oder zumindest schnell ablaufende Ereignisse wurden statistisch nivelliert. Das Ergebnis hat dann mit dem, was Realität genannt wird, meist wenig zu tun. Am extremsten wird diese prinzipielle Diskrepanz zwischen Simulation und Wirklichkeit beim Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur. Selbst wenn es gelänge, den Temperaturanstieg unter die in der Klimaforschung vertretene 2-Grad-Grenze im Verhältnis zur vorindustriellen Zeit zu halten, würde damit wahrscheinlich nicht verhindert, daß ganze Inselstaaten untergehen, niedrig gelegene Küstenabschnitte vom Meer überspült werden und regional ein Temperaturanstieg von vier, fünf oder noch mehr Grad verzeichnet wird.

Zwei aktuelle Beispiele machen das Problem der statistischen Nivellierung von Extremen noch deutlicher. In die Durchschnittstemperatur von 2010 wird die außergewöhnliche Hitzewelle in Zentralrußland und auch die extreme Kältewelle in Südamerika einfließen und zusammengerechnet einen moderaten Mittelwert ergeben. Wenn also in einigen Jahren auf das Jahr 2010 zurückgeblickt wird, erscheint das Klima vielleicht wärmer als durchschnittlich, aber niemals geht aus der Zahl hervor, welche Extreme sich dahinter verbergen.

Selbstverständlich wissen Forscher um diese Angleichung und werden sich bei Prognosen nicht allein auf Temperaturangaben beschränken. Der aktuellen Wasserstudie kann und soll auch nicht der Vorwurf gemacht werden, sie arbeite mit Mittelwerten und rechne bekannte Trends hoch. Sehr viel anderes bleibt den Forschern sowieso nicht übrig. Nur, die letzten Jahre haben gezeigt, daß selbst die negativen Szenarien zur Klimaentwicklung noch übertroffen werden. Mit der Tetra Tech-Studie wäre somit festzustellen, daß den Vereinigten Staaten von Amerika ein eklatanter Wassermangel und Ernteeinbußen ins Haus stehen. Die Chance, daß sich der Trend eher noch verschlechtert als verbessert, ist groß. Da die USA der weltgrößte Getreideexporteur sind, dürfte sich das negativ auf die Nahrungsversorgung der Weltbevölkerung auswirken.


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Anmerkungen:

[1] "Risk of Water Scarcity Increasing for 1,100 U.S. Counties", Environmental News Service, 21. Juli 2010
http://www.ens-newswire.com/ens/jul2010/2010-07-21-092.html

[2] www.nrdc.org/

Die Studie ist unter folgender Adresse abrufbar:
http://www.nrdc.org/globalWarming/watersustainability/files/WaterRisk.pdf

23. Juli 2010



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