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KLIMA/458: Zur Debatte über CO2 als Motor der Erderwärmung (SB)


Die Skepsis der Klimaskeptiker geht nicht weit genug

Erdgeschichtlich betrachtet folgt zwar die CO2-Kurve der Kurve der Erdtemperatur, aber die Deutung durch die Klimaskeptiker trifft nicht


Zu den gelegentlichen Einwänden der sogenannten Klimaskeptiker gegenüber dem herkömmlichen Klimamodell, demzufolge das anthropogene Treibhausgas Kohlendioxid (CO2) hauptverantwortlich für die Erderwärmung ist, gehört, daß dies deshalb nicht sein könne, weil erdgeschichtlich erst die globale Durchschnittstemperatur und anschließend der CO2-Gehalt in der Atmosphäre zunahm. Die Schlußfolgerung der Kritiker: Es gibt keinen Rückkopplungseffekt zwischen Anstieg der CO2-Emissionen und Erderwärmung, also müssen auch keine CO2-Emissionen gesenkt werden.

Zur Veranschaulichung ihrer Behauptung wurden die Proxydaten zusammengefaßt und als Diagramm, das lesbarer ist als die Menge der zugrundeliegenden Meßdaten, mit zwei Kurven dargestellt. Die x-Achse repräsentiert die Zeit, die y-Achse die CO2-Konzentration und die Temperatur. Zu erkennen ist ein ungefähr paralleler Verlauf beider Kurven, wobei die Temperaturkurve der CO2-Kurve streckenweise um rund 800 Jahre "vorauseilt". Allerdings ist das Phänomen nicht durchgängig zu beobachten, an manchen Zeitpunkten fallen die Kurven in eins.

Der Einwand der Skeptiker greift aus verschiedenen Gründen daneben. Die Bezeichnung "Rückkopplungseffekt" ist bei den beiden Faktoren "Temperatur" und "CO2-Konzentration in der Atmosphäre" zu ungenau. Hier müßte man statt dessen von einer Wechselwirkung sprechen. Ein höherer CO2-Gehalt in der Atmosphäre läßt die Temperatur steigen, eine höhere Temperatur läßt aber auch den CO2-Gehalt steigen (beispielsweise dadurch, daß die Meere weniger CO2 aufnehmen). Bereits damit wird die Interpretation jenes Kurvendiagramms als Gegenbeweis zur Abhängigkeit der Erdtemperatur vom CO2-Gehalt der Atmosphäre widerlegt.

Ungeachtet dessen seien hier noch einige Anmerkungen zu jenem Diagramm gestattet. Der Blick allein auf die beiden Faktoren erweist sich als zu eng. Vielleicht, ja, ganz sicher sogar, war ein anderer Faktor für den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur viel bestimmender als das CO2. Vielleicht kam es zu Veränderungen in der Einstrahlungsintensität, weil die Sonnenaktivität zunahm, sich der Abstand von Erde zur Sonne verkürzte oder sich die Achsneigung der Erddrehung zur Sonne veränderte. Das alles und vieles mehr ist vorstellbar, nur widerspricht es nicht im geringsten der Feststellung, daß CO2 ein Treibhausgas ist und in erdgeschichtlich jüngster Zeit der CO2-Gehalt der Atmosphäre maßgeblich durch menschliche Aktivitäten verändert wurde. Auch deshalb kann das oben beschriebene Diagramm kein Gegenbeweis zum dominanten menschlichen Einfluß auf das Klima sein. Mit den Menschen trat nun mal ein völlig neuer Faktor in die Klimaentwicklung ein, den es vor Millionen Jahren nicht gab. Das Klimageschehen präsentiert sich als derart komplex, daß monokausalen Behauptungen nicht weiterführen. Wer den Anspruch erhebt, ein Skeptiker zu sein, wäre gut beraten, wenn er auch gegenüber den eigenen Vorstellungen und Denkvoraussetzungen mehr Skepsis zuließe.

Betrachtet man sich noch einmal die beiden Kurven, so könnte man sich fragen, welche Kräfte die Temperatur bestimmen und welche die CO2-Konzentration. Es läßt sich schwer vorstellen, daß das CO2 in der Atmosphäre aus sich heraus zunimmt; so eine Entwicklung bedarf eines auslösenden Faktors. Wohingegen die Vermutung naheliegt, daß zunächst die Erde wärmer wurde und dann die CO2-Konzentration zunahm. Das wäre eine mögliche Erklärung für das erdgeschichtlich zu beobachtende "Nachfahren" der CO2-Kurve.

Die Argumentation der Klimaskeptiker ist auch deshalb eingleisig, weil die Wissenschaft nie einen Zweifel daran gelassen hat, daß das Erdklima von vielen Faktoren abhängt. Daraus aber abzuleiten, daß der menschlichen Faktor - die anthropogenen CO2-Emissionen - vernachlässigbar sei, ist unwissenschaftlich. In der Erdgeschichte gab es Phasen, in denen der CO2-Gehalt relativ konstant blieb, aber die globale Durchschnittstemperatur stark schwankte. Das steht nicht im Widerspruch zum heutigen Einfluß des Menschen auf das Klima.

Um noch einmal auf die Bezeichnung "Rückkopplungseffekt" einzugehen. Selbst wenn die CO2-Konzentration in der Vergangenheit mit einem Abstand von 800 Jahren dem Temperaturanstieg gefolgt ist, schließt das nicht aus, daß nach einer Startphase von 800 Jahren die Erhöhung der CO2-Konzentration in der Atmosphäre die Erderwärmung beschleunigt hat.

Wir halten die metrischen Verfahren der Wissenschaft gewiß nicht für unhinterfragbar, aber in unserem Beispiel bilden sie die Grundlage für beide Fraktionen der Klimaforschung, so daß auf dieser Basis deren Argumente miteinander verglichen werden können. Abschließend ein Gedankenspiel: Angenommen, die Sonnenaktivität trüge zu 50 Prozent zur Erderwärmung bei, die anthropogenen Treibhausgasemissionen jedoch nur zu 30 Prozent. Wäre es nicht auch dann vernünftig, sich um eine Reduzierung der Emissionen zu bemühen, um nicht von vornherein die geringen Einflußmöglichkeiten zu verspielen? Auf einem ganz anderen Blatt steht dagegen, daß mit dem Kyoto-Protokoll eine Ökonomisierung der CO2-Emissionen etabliert wurde, anstatt die ökonomischen Kategorien und ihre Funktionen in Frage zu stellen.

28. Juli 2010



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