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KLIMA/461: US-Forscher rechnen mit Migrantenflut aus Mexiko (SB)


Prognose - Klimawandel führt zu massiven Ernteverlusten in Mexiko


Jahr für Jahr versuchen zahllose Menschen, illegal in die USA einzuwandern. Viele verenden auf dem Weg durch die Wüste oder beim Versuch, auf dem Seeweg oder beim Durchqueren des Rio Grande die Grenze in Richtung Norden zu überwinden. Die Menschen kommen aus Armutsregionen von Ländern wie Mexiko, Honduras oder Haiti und hoffen, im Land der unbegrenzten Möglichkeiten Fuß fassen zu können. Mit einem strengen Grenzregime bemüht sich die US-Administration, den Zustrom an Menschen zu unterbinden, wobei die Behörden manchmal bereit sind, andere, rechtliche Grenzen zu überschreiten. So wie der Bundesstaat Arizona, in dem neulich ein diskriminierendes Gesetz auf dem Rechtsweg gestoppt wurde, wonach die Polizei unter anderem alle Personen, die wie illegale Einwanderer aussehen, anhalten und kontrollieren darf. Das Gesetz hätte zur Abschiebung von voraussichtlich mehreren Millionen Menschen aus Arizona geführt.

Von den schätzungsweise zwölf Millionen illegalen Einwanderern in den USA stammen rund zwei Drittel aus Mexiko. Einer neuen Studie zufolge rechnen US-Wissenschaftler damit, daß die Zahl der mexikanischen Landarbeiter, die illegal in die USA auswandern wollen, in den nächsten Jahren aufgrund des Klimawandels drastisch zunehmen wird. [1]

Die klimatische Veränderung wird die Lebensverhältnisse in den riesigen ariden und semiariden Regionen Mexikos weiter verschlechtern. Der Forscher Michael Oppenheimer von der Universität Princeton in New Jersey und seine Kollegen haben berechnet, daß für einen zehnprozentigen Ernterückgang zwei Prozent mehr Mexikaner ihr Land verlassen werden. Von diesen wiederum würde die Mehrheit versuchen, in die Vereinigten Staaten zu gelangen. In den "Proceedings of the National Academy of Sciences" schrieben die Studienautoren, daß der Klimawandel massive Migrationen, auch über internationale Grenzen hinweg, auslösen wird.

Oppenheimer ist Mitarbeiter des Weltklimarats IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change). Er und seine Kollegen Shuaizang Feng und Alan B. Krueger hatten mexikanische Census-Daten aus dem Zeitraum 1995 bis 2005 mit statistischen Angaben zur Getreideproduktion und zum Klima abgeglichen und daraus die voraussichtliche Auswanderungsrate herzuleiten versucht. Demnach werden im Jahr 2080 zwischen 1,4 und 6,7 Millionen Mexikaner als Folge der geringeren Produktivität auf dem Land und einer Getreideernte von gerade einmal knapp über der Hälfte der heutigen Menge auswandern.

Ihre Ergebnisse könnten zwar nicht automatisch auf andere Bereiche und Zeiträume übertragen werden, räumen die Forscher ein, aber aus einer übergreifenden Perspektive sei klar, daß es in vielen Regionen, insbesondere in den Entwicklungsländern, zu erheblichen Ernteverlusten aufgrund der Erderwärmung kommen werde.

Kritiker der Hochrechnung wenden ein, daß andere Faktoren den Zustrom aus Mexiko womöglich begrenzen werden, beispielsweise eine rückläufige Fertilitätsrate in Mexiko. Ein solcher Einwand wäre berechtigt, wenn die Forscher den Anspruch erhöben, präzise Prognosen für das Jahr 2080 abgeben zu können. Das wollten sie jedoch gar nicht, sondern sie wollten die Bedeutung der Probleme für die politischen Entscheidungsträger darstellen, erklärte Oppenheimer. "Ich will nicht behaupten, daß das [der Klimawandel] der einzige und größte Faktor ist, der die Einwanderung antreibt, aber er könnte zu den größten dazugehören." [2]

Ein anderer Einwand gegen die Prognose hat die Klimaforscherin Diana Liverman von der Universität von Arizona vorgebracht. Auch sie glaubt, daß der Klimawandel die Migration fördert, hat aber noch keine Studie kennengelernt, die das angemessen beschreibt. Liverman hat zwei Jahrzehnte lang die Probleme der mexikanischen Bauern erforscht und ist der Ansicht, daß eine schlechte Wirtschaftslage, der Rückzug der Regierung von Agrarsubventionen und der Nordamerikanische Freihandelsvertrag Probleme geschaffen haben, die weitaus bedeutender sind als der Klimawandel.

Der Einwand ist berechtigt, doch gilt dies für die Vergangenheit. Welche gesellschaftliche Entwicklung Mexiko und die USA in den nächsten siebzig Jahren durchlaufen läßt sich schwerlich aus der Vergangenheit herleiten. Grundsätzlich kritisch gegenüber der Landwirtschaftspolitik Mexikos hatte sich auch der philippinische Soziologieprofessor Walden Bello in seinem Buch "Politik des Hungers" (Assoziation A, 2010) geäußert. Darin beschreibt er, wie Mexiko gezielt von einem Nahrungsexporteur zu einem -importeur gemacht wurde.

Aber auch damit läßt sich die aus statistischen Daten abgeleitete Aussage der aktuellen Studie nicht widerlegen. Die wesentliche Aussage Oppenheimers bleibt bestehen: Die Erderwärmung wird die Erntemenge reduzieren und Menschen dazu nötigen, ihr Land zu verlassen.

Im übrigen könnten die massiven, milliardenschweren Grenzsicherungsmaßnahmen der US-Regierung an der Südgrenze des Landes durchaus als Beweis für die Gültigkeit der These Oppenheimers angesehen werden. Denn wenn Washington mit keinem Zustrom aus dem Süden rechnete, würde kein meterhoher, doppelreihiger und Hunderte Kilometer langer Grenzzaun gebaut. Die allgemeine Erderwärmung fördert die Migration. Das gilt zumindest für die Menschen, die noch nicht so geschwächt sind, daß sie gar nicht mehr die Kraft haben, eine Hungerregion zu verlassen.


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Anmerkungen:

[1] "Study suggests climate change will boost Mexican emigration", Reuters, 26. Juli 2010
http://www.timescolonist.com/technology/Study+suggests+climate+change+will+boost+Mexican+emigration/3325784/story.html

[2] "Climate change predicted to cause Mexican influx", Arizona Daily Star, 27. Juli 2010
http://azstarnet.com/news/local/border/article_7a77f457-a50d-5c40-b26a-a8072befedfe.html

2. August 2010



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