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KLIMA/462: Climate Action Camp in Schottland - wider die Passivität (SB)


Klima-Aktivisten nehmen Royal Bank of Scotland ins Visier


Nur mal für einen Moment angenommen, daß die Prognosen der Wissenschaftler zur Erderwärmung und zum Klimawandel eintreffen und anthropogene Treibhausgase die entscheidende Triebkraft dieser Entwicklung sind, und weiterhin angenommen, daß es in nächster Zeit zu mehr Extremwetterereignissen mit Hitzewellen (wie zuletzt in Rußland) und Überschwemmungen (wie in Pakistan, Indien und China) kommt. Wäre es dann nicht dringend geboten und höchst rational, die Quellen der Treibhausgasemissionen zum Versiegen zu bringen? Nun verhält es sich aber so, daß die politischen Entscheidungsträger, von denen man eigentlich erwarten sollte, daß sie das Problem der Klimaveränderung erkennen, ernst nehmen und unverzüglich wirksame Gegenmaßnahmen einleiten, beschlossen haben, nichts zu beschließen. Zumindest nichts Verbindliches. Sie trafen sich im vergangenen Dezember in Kopenhagen zur großen Klimakonferenz und haben dort versucht, ganz andere Dinge auszuhandeln - vor allem wirtschaftliche Vorherrschaft -, die nichts mit der Verringerung der Gefahren der Klimawandelfolgen zu tun haben.

Vor diesem Hintergrund stellen sich Bürger aus der ganzen Welt die Frage, wie es nun weitergeht. Einige fragen sich, was sie an Politikern statt tun können, um die Erderwärmung zu unterbinden. Sie stellen diese Frage vielleicht nicht mit der Konsequenz, daß sie die Politiker zum Teufel jagen, aber einige überantworten sich auch nicht vollständig der Passivität und werden initiativ. So wie in Schottland, wo vergangene Woche Aktivisten ein Lager in unmittelbarer Nachbarschaft vom Hauptgebäude der Royal Bank of Scotland (RBS) bei Edinburgh aufgeschlagen haben. Sie wollen darauf aufmerksam machen, daß die Bank unter anderem Unternehmen finanziert, die im Abbau kanadischer Ölsande tätig sind.

Seitdem der Weltmarktpreis für Erdöl über 50 Dollar pro Barrel (ca. 159 Liter) gestiegen ist, rentiert sich der Abbau der Ölsande, und riesige Bagger und andere Raupenfahrzeuge reißen mit Nachdruck Löcher in die kanadische Landschaft. Unter hohem energetischem Aufwand und mit Hilfe großer Mengen an Chemikalien werden die bitumenartigen Anteile aus den Sanden herausgelöst und über diverse Zwischenschritte zu einem Erdölprodukt verarbeitet. Während sich die Maschinen durch die Landschaft fressen, werden in der Weiterverarbeitung des Materials große Mengen an Süßwasser verbraucht und lebensfeindliche, chemisch verseuchte Flächen hinterlassen. Das Verbrennen des so gewonnenen Erdöls wiederum trägt zur Erderwärmung bei.

Daß die RBS auch in erneuerbare Energien investiert und Vertreter der Bank die Proteste deshalb als völlig fehlgeleitet ansehen, ist typisch für eine Denkweise, nach der alles bilanziert und wie ein Konto mit Plus und Minus betrachtet werden kann. Solch eine simple Vorstellung hat zum Beispiel bei internationalen Klimaschutzverhandlungen zum CDM geführt, dem Clean Development Mechanism, demzufolge sich Unternehmen von der Verpflichtung, ihre Treibhausgasemissionen zu senken, freikaufen können, indem sie das machen, was sie schon immer gemacht haben, nämlich investieren und expandieren, nur daß das in ärmeren Ländern geschehen soll. Der mutmaßliche Klimaschutzmechanismus ermöglicht es einem Industriekonzern beispielsweise in einem Entwicklungsland ein Kohlekraftwerk zu finanzieren und sich das als Klimaschutzmaßnahme anrechnen zu lassen, falls nachgewiesen werden kann, daß eine Alternative darin bestehen könnte, ein Kohlekraftwerk zu bauen, das noch viel mehr Treibhausgase emittiert. Welch bestechende Logik.

Angesichts der eingangs angedeuteten Entwicklung genügt es womöglich nicht, ein Konto zu führen, auf dem CO2-Einsparungen und -Emissionen gegeneinander verrechnet werden. Es könnte darum gehen, eine erdgeschichtlich einzigartige Klimaentwicklung zu stoppen, und dazu wäre es erforderlich, auf eine Weise tätig zu werden, bei der die bestehenden Produktionsbedingungen radikal in Frage gestellt würden. Die Verwertung menschlicher Arbeitskraft durch fremdnützige Interessen in all ihren Verästelungen abzuschaffen wäre eine Grundvoraussetzung für ein dann völlig anderes Zusammenleben der menschlichen Gemeinschaft. Es müßten Produktionsverhältnisse geschaffen und Technologien entwickelt werden, gegenüber denen selbst die im Green New Deal propagierten Energiegewinnungsformen noch viel zu sehr im alten verhaftet sind. Sie erfüllen eine Feigenblattfunktion und sorgen für die Wahrung und Qualifizierung der vorherrschenden Verwertungsformen.

Inwieweit die einzelnen Aktivistinnen und Aktivisten des schottischen Klima-Camps in ihrem Anliegen zu gehen bereit sind, soll hier nicht diskutiert werden. Der Event-Charakter, mit dem ein solches Ereignis immer behaftet ist, wäre kein relevanter Kritikpunkt, weswegen kein solches Lager errichtet werden sollte. Nachdem es in der vergangenen Woche bereits einer Aktivistin gelungen war, in das RBS-Gebäude einzudringen und sich am Tresen der Rezeption mit einem Atomkleber festzuheften, haben die Organisatoren des Klima-Camps für den heutigen Montag angekündigt, die Bank schließen zu wollen - wie auch immer das aussehen wird. Auseinandersetzungen mit den Sicherheitskräften, welche das Geldhaus schützen, sind zu erwarten.

Bei der Beurteilung dessen, was die Aktivistinnen und Aktivisten machen und was sie erreichen könnten, sollte nicht vergessen werden, daß die übliche Alternative der Bürger darin besteht, nichts zu machen, die Hände in den Schoß zu legen und sich vielleicht noch darüber beklagen, daß "die da oben" bei den Kopenhagen-Verhandlungen versagt haben. Allein durch die Tatsache, daß Aktionen vor der schottischen Bank durchgeführt werden, wird an einen fundamentalen Widerspruch zwischen Worten und Taten der Regierungen erinnert. Von den Folgen klimatischer Veränderungen sind immer zuerst die Ärmsten der Armen betroffen, sei es daß aufgrund der Dürre in Rußland nun die Weizenpreise steigen und sie sich keine Nahrung mehr leisten können, sei es, daß sie in von Hochwasser gefährdeten Regionen leben. Über Geld und Einfluß zu verfügen verhilft umgekehrt zu Überlebensvorteilen in einer von Naturkatastrophen heimgesuchten Welt. Insofern trifft es bei den aktuellen Aktionen in Schottland nicht die falschen.

23. August 2010



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