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KLIMA/463: Neue Studie - Auswirkungen von Geoengineering unberechenbar (SB)


Internationale Forschergruppe analysiert Wirksamkeit von Geoengineering-Projekten

Meeresspiegelanstieg trotz strenger Gegenmaßnahmen


Unzureichende Ingenieurskunst trug entscheidend zur gegenwärtigen Erderwärmung bei, nun soll ausgerechnet Ingenieurskunst alles wieder richten? Daran glauben wohl nur Optimisten oder Geschäftemacher, die aus der Not noch Profit schlagen wollen. Mit Geoengineering-Projekten wollen sie verhindern, daß sich die Erde weiter aufheizt. Fast zweihundert Jahre lang hat es der technologische Fortschritt mit sich gebracht, daß sich die Zusammensetzung der Erdatmosphäre aufgrund der Emissionen aus den vermeintlichen Errungenschaften von Verkehr, Produktion und Haushalten geringfügig, aber entscheidend veränderte. Der Anteil des Abgases Kohlendioxid nahm stetig zu, so daß die langwellige Rückstrahlung des Sonnenlichts nicht ins Weltall entwich, sondern absorbiert wurde und zur globalen Erwärmung beitrug. Im Grunde genommen könnte man diese Entwicklung ebenfalls als Geoengineering bezeichnen, nur daß kein Mensch bedacht hat, welche weitreichenden Veränderungen durch zahllosen Feuerstellen ausgelöst werden. Im übrigen ist bis heute nicht erkennbar, daß die politischen Entscheidungsträger, die ihre wissenschaftlichen Berater haben und ausreichend über die wahrscheinlichen Folgen eines Weiter-so-wie-bisher informiert sein müßten, gewillt sind, die für einen Stopp und eine Umkehr der Entwicklung erforderlichen Schritte einzuleiten.

Selbst wenn die Treibhausgasemissionen konsequent reduziert und die "aggressivsten" Geoengineering-Pläne umgesetzt würden, werde der Meeresspiegel um 30 bis 70 Zentimeter bis Ende des Jahrhunderts gegenüber dem Jahr 2000 steigen, berichtete diese Woche eine internationale Forschergruppe laut ScienceDaily.com [1] im Wissenschaftsmagazin PNAS. Die Forscher aus England, China und Dänemark haben mehrere Computersimulationen zu Geoengineering-Maßnahmen und CO2-Reduzierungen durchlaufen lassen und festgestellt, daß der Anstieg des Meeresspiegel verlangsamt, aber nicht verhindert werden kann. Vom höheren Meeresspiegel werden rund 150 Millionen Menschen, die in flachen Küstenregionen leben, betroffen sein, erklärte Co-Autorin Dr. Svetlana Jevrejeva vom National Oceanography Centre in Southampton.

Um möglichst zuverlässige Prognosen zum Anstieg des Meeresspiegels zu erstellen, hatte die Forschergruppe historische Pegelstände aus einem Zeitraum von 300 Jahren ausgewertet. Daran ließen sich unter anderem die Abkühlungseffekte aufgrund von Vulkanausbrüchen nachvollziehen. Ein Ergebnis der Studie lautet, daß die natürlichen Schwankungen des Meeresspiegels, die durch Extremereignisse wie schwere Vulkanausbrüche ausgelöst werden, allgemein schwächer sind als die Meeresspiegelschwankungen aufgrund anthropogener Treibhausgasemissionen oder möglicher Geoengineering-Maßnahmen, so Jevrejeva.

In den Simulationen zeigte sich, daß die Injektion von Schwefeldioxidpartikeln in die obere Atmosphäre in einer Menge, die der des Ausbruchs des philippinischen Vulkans Pinatubo im Jahr 1991 alle 18 Monate entspräche, die Temperatur senken und den Meeresspiegelanstieg um 40 bis 80 Jahre verzögern könnte. Somit würde er auf dem Niveau von 1990 gehalten. Doch welche Folgen hätte solch eine Ingenieurskunst auf die Ökosysteme? Man wisse einfach nicht, wie das Erdsystem mit einem so großmaßstäblichen Geoengineering-Projekt zurechtkommt, sagte die Forscherin.

Sie und ihre Kollegen sehen noch das geringste Risiko und den wahrscheinlich wünschenswertesten Weg zur Begrenzung des Meeresspiegelanstiegs darin, im großen Maßstab Pflanzen für Biosprit anzubauen und das bei der Verbrennung oder Fermentierung anfallende Kohlendioxid einzufangen. Das könnte dann entweder zu Biokohle verarbeitet und gelagert oder als verflüssigtes Gas in geologischen Formationen eingebracht werden. Den zukünftigen Generationen würden durch Geoengineering-Projekten zur Kontrolle der Treibhausgasemissionen hohe Risiken aufgelastet, faßte Jevrejeva die Resultate ihrer Simulationen zusammen.

Dieses als am wenigsten risikoreich bezeichnete Geoengineering-Projekt birgt allerdings ganz andere Risiken: Der Anbau von Pflanzen für Treibstoff steht in Konkurrenz zum Anbau von Nahrung. Des weiteren würde durch den Anbau von Biospritpflanzen die Bodendegradierung beschleunigt, es würden große Mengen Süßwasser, Dünger und Pflanzenschutzmittel verbraucht und grundsätzlich würde ein technologischer Schwenk, der ansonsten aufgrund der reduzierten Erdölvorräte notwendigerweise vollzogen werden müßte, vermieden. Um eine grundsätzlich Beendigung der heutigen Produktions- und Verwertungsvoraussetzungen kommt man offensichtlich nicht herum.


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Anmerkungen:

[1] J. C. Moore, S. Jevrejeva, A. Grinsted: "Efficacy of geoengineering to limit 21st century sea-level rise". Proceedings of the National Academy of Sciences, 2010; DOI: 10.1073/pnas.1008153107
Online abgerufen am 25. August 2010 von:
http://www.sciencedaily.com/releases/2010/08/100824092408.htm

26. August 2010



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Elektronische Zeitung Schattenblick, ISSN 2190-6963
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