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KLIMA/472: Persönlicher Kohlenstoffhandel auf Norfolk Island - Kontrolle des Lebensstils? (SB)


Australischer Lebensstil-Professor verknüpft Maßnahmen gegen Dickleibigkeit mit System des Persönlichen Kohlenstoffhandels


Im allgemeinen herrscht die Ansicht vor, daß die sogenannte Klimakatastrophe kein gegenwärtiges, sondern ein noch bevorstehendes Ereignis ist. Politiker, Wissenschaftler und viele andere an diesem Thema Interessierte warnen vor der globalen Erwärmung, die als Folge der Emissionen anthropogener Treibhausgase auf die Menschheit zukomme und deren Folgen nur dann zu bändigen seien, wenn die Treibhausgasemissionen radikal gesenkt werden. Bei dieser Vorstellung wird vernachlässigt, daß die Lebensverhältnisse für eine Milliarde hungernde Menschen aus teilweise klimatisch benachteiligten Regionen bereits heute katastrophal sind. Sich um etwas Zukünftiges Sorgen zu machen, fällt offenbar leichter, als über ein akutes Problem von heute - im Unterschied zu globalen Klimafragen wird das ebenfalls globale Hungerthema weitgehend ausgeblendet. Die hiesige Öffentlichkeit wurde allenfalls durch weltweit Dutzende Hungeraufstände in den Jahren 2007, 2008 als Folge der Preisexplosion für Grundnahrungsmittel ein wenig an den Grundwiderspruch der menschlichen Weltgemeinschaft erinnert.

Unter Ausblendung der Vernichtungskonsequenzen, die mit der Vergesellschaftung des Menschen einhergehen und ihrerseits Gesellschaft begründen, wollen Klimaschützer eine gesellschaftliche Veränderung erzielen und die Menschen dazu bringen, weniger Energie zu verbrauchen und ihre Emissionen zu reduzieren. Dabei wird immer häufiger der Vorschlag eines privaten bzw. Persönlichen Kohlenstoffhandels zur Diskussion gestellt. Zu dieser Idee wurden schon unterschiedliche Ansätze entwickelt, die das gemeinsame Element enthalten, daß jeder Person eine bestimmte Menge an erlaubten CO2-Emissionen zugeteilt wird, die im Laufe der Jahre auf immer niedrigere Niveaus abgesenkt werden soll.

Im nächsten Jahr soll auf der zum Australischen Außengebiet zählenden Pazifikinsel Norfolk Island das weltweit erste umfassende Projekt zum Persönlichen Kohlenstoffhandel gestartet werden [1]. Die 2100-Einwohner Insel, auf der sich einst Meuterer der Bounty ansiedelten und die zur Zeit des britischen Imperiums zu einer Gefängnisinsel ausgebaut wurde, eignet sich nach Ansicht des Forschungsleiters Garry Egger wegen seiner abgeschiedenen Lage und der Überschaubarkeit der Warenverbrauchs besonders gut.

Egger ist Professor an der Southern Cross University in Brisbane auf dem 1700 Kilometer entfernten australischen Festland und leitet dort die Abteilung für Lifestyle Medicine and Applied Health Promotion. Er hat mit seinem Projektkollegen Boyd Swinburn, Professor für öffentliche Gesundheit an der Alfred Deakin University und Mitglied der International Task Force on Obesity der Weltgesundheitsorganisation, das Buch "Planet Obesity: How We're Eating Ourselves and the Planet to Death" (z. Dt.: Planet-Fettleibigkeit: Wir wir uns und den Planeten zu Tode essen) geschrieben. Das neue Forschungsprojekt wird vom australischen Forschungsrat ARC (Australian Research Council) mit 390.000 Dollar finanziert.

Prof. Egger verbindet in der auf drei Jahre angesetzten Studie, die im übrigen bei der Gouverneursregierung der Norfolkinseln großen Zuspruch erfährt, den Persönlichen Kohlenstoffhandel mit dem Kampf gegen Fettleibigkeit. Alle Teilnehmer des Projekts werden im ersten Jahr nicht nur ihren Strom- und Energieverbrauch bezahlen, sondern parallel dazu auch das CO2-Äquivalent von einer eigens zu diesem Zweck kostenlos ausgegebenen Chipkarte abbuchen lassen. Ab dem zweiten Jahr wird zusätzlich das Äquivalent der Kohlenstoffemissionen für Nahrung abgezogen. Genaue Einzelheiten über die Berechnungsgrundlage, die auf Norfolk Island zum Einsatz gelangt, liegen nicht vor. Auch bestehen widersprüchliche Angaben darüber, ob der Versuch freiwillig ist. Einerseits heißt es, daß alle Inselbewohner und Touristen (jährlich etwa 30.000) an dem System teilhaben, andererseits ist von einem "freiwilligen" Versuch die Rede.

Grundsätzlich fällt jedenfalls auf, daß hier zwei Dinge miteinander verknüpft werden, die nicht unbedingt etwas miteinander zu tun haben müssen. Fettleibigkeit hat keineswegs zwingend mit höheren CO2-Emissionen zu tun. Auf diesem Gebiet werden gern Annahmen zu Kausalitäten erklärt, um ein sicherlich verbreitetes, nichtsdestotrotz viele Fragen ignorierendes Vorurteil bestätigt zu sehen. Ein Nahrungsmittel, für dessen Herstellung relativ große Mengen an Klimagasen erzeugt werden, kann nach den Lehrsätzen der Diätetik gesund sein - beispielsweise biologisch angebautes Soja aus Südamerika, für das Regenwald gerodet und das quer über den Atlantik befördert wurde. Umgekehrt kann ein Lebensmittel, für dessen Produktion vergleichsweise wenig CO2 in die Atmosphäre geblasen wird, als ziemlich ungesund gelten. Hier wäre regional erzeugter Zucker als Beispiel zu nennen.

Wie Prof. Egger mit solchen Widersprüchen umgeht, ist unklar. Da liegt die Vermutung nahe, daß er als Experte für "Lebensstil-Medizin" die Gelegenheit beim Schopf ergriffen hat, um sein spezielles Forschungsgebiet - Fettleibigkeit als Folge eines vermeintlich ungesunden Lebensstils - ungeachtet zahlreicher offener Grundsatzfragen in das Projekt einfließen zu lassen.

Auf der rund 34 Quadratkilometer kleinen Norfolkinsel soll ein Konzept verwendet werden, das ursprünglich an der Universität Oxford [2] in Großbritannien entwickelt wurde. Laut Egger haben britische Forscher festgestellt, daß Fettleibigkeit und Klimawandel auf "ähnliche Antriebe" zurückgehen. Zu dieser Verknüpfung muß angemerkt werden, daß "ähnlich" nicht identisch mit "gleich" ist. Während die Oxford-Forscher keine geeignete Methodik entwickelten, um ihre Idee zu überprüfen, will Egger "zwei der gegenwärtig weltweit größten Probleme in einem einzigen Projekt in Angriff nehmen". [1]

Die von dem australischen Professor gezogene Verbindung zwischen den beiden Themen Klimawandel und Fettleibigkeit bleibt im wesentlichen assoziativ, wie auch an folgendem Zitat aus einer Pressemitteilung der Southern Cross University deutlich wird [3]:

"Die Ähnlichkeiten, die wir hergeleitet haben, bestehen darin, daß sich Typ-2-Diabetes entwickelt, wenn jemand fett wird, weil der Körper zu viel Zucker im Blut hat und die Muskeln diesen nicht mehr aufnehmen können. Das gleiche geschieht in der Umwelt. Die Atmosphäre erhält zuviel Kohlenstoff, weil wir zu viele Bäume fällen, Häuser bauen, den Ozean belasten und so weiter. Es gibt keinen Ort, wohin dieser Extra-Kohlenstoff wandern könnte, so daß wir es als langfristige Konsequenz mit der globalen Erwärmung zu tun bekommen."

Was wäre an Erkenntnisgewinn von einer Wissenschaft zu halten, die sich auf solche Assoziationen stützt? Setzt sie sich nicht dem Verdacht aus, eine vorgefaßte Meinung bestätigen zu wollen? Nichts gegen das Anliegen, irgend etwas zur Bewahrung des gegenwärtigen Klimas unternehmen zu wollen, aber wer den Anspruch hat, Wissenschaft zu betreiben, muß mit Nachfragen rechnen. Es scheint, daß Äpfel und Birnen mehr gemeinsam haben und deshalb mit mehr Berechtigung miteinander verglichen werden könnten als Dickleibigkeit und die Beanspruchung eines individuellen Kohlenstoffkontos. Wobei hier nicht bestritten werden soll, daß zwischen den beiden Faktoren Korrelationen gezogen werden können - aber herrscht nicht in der Wissenschaft Konsens vor, daß Statistiken nichts beweisen, sondern lediglich veranschaulichen können?

Das Konzept des Persönlichen Kohlenstoffhandels nutzt ökonomisches Profitstreben als Lenkungsinstrument zur Verringerung von Treibhausgasemissionen. Da wird ausgerechnet einer Denkweise das Wort gesprochen, mit der ansonsten scharfe soziale Gegensätze erzeugt werden. Deshalb ist nicht damit zu rechnen, daß der Persönliche Kohlenstoffhandel plötzlich das Gegenteil bewirkt und eine Umverteilung von oben nach unten in die Wege leitet. Ein solches Umverteilungssystem wäre niemals gegen die gesellschaftlich vorherrschenden Interessen durchsetzbar. Anders gesagt, es würde so austariert werden, daß die Armen arm und die Reichen reich blieben.

Mit dem individuellen Kohlenstoffhandel wird jeder Person von vornherein eine CO2-Schuld angehängt. Jemand hat Schuld, weil er CO2 emittiert. Sollte eine Person das ihr zugewiesene Konto überziehen, erfolgt die Bestrafung. Zum Beispiel, indem sie CO2-Gutscheine erwerben muß. Was aber, wenn sie nicht über genügend Mittel verfügt? Das wird an einem Beispiel aus der Rubrik "Fragen und Antworten" der Internetseite www.co2-card.de der Aachener Stiftung Kathy Beys deutlich [4]. Es wird gefragt:

"Was geschieht, wenn Menschen ihre Emissionsquoten vor Ablauf des Jahres verbraucht haben werden? Müssen sie dann in ihren Wohnungen frieren und sind dort gefangen, weil sie keine Reisen mehr unternehmen können?

Sollten die zur Verfügung gestellten persönlichen Emissionsquoten nicht ausreichen, so können selbstverständlich am Markt Quoten hinzu gekauft werden. Für diese zusätzlichen Emissionsquoten muss dann der Preis gezahlt werden, der sich zum Kaufzeitpunkt am Markt gebildet hat. Niemand muss daher frieren, niemand wird in seiner Wohnung gefesselt sein und keine Reisen mehr unternehmen können."

Hier wird der Widerspruch ausgeblendet, daß es womöglich viele Menschen geben wird, die nicht genügend Geld haben, um Quoten am Markt zu kaufen. Was soll beispielsweise jemand machen, wenn er ein krankes Familienmitglied zu pflegen hat, das auf eine warme Wohnung angewiesen ist, aber sein CO2-Konto bereits verbraucht wurde? Werden die in manchen Konzepten vorgeschlagenen Freibeträge ausreichen und den Bedarf decken? Oder werden sich in Zukunft Personen bei Nahrung, Kleidung, Bildung oder Teilhabe am öffentlichen Nahverkehr und kulturellen Leben einschränken müssen, weil ihr CO2-Konto keinen Konsum mehr zuläßt? Vermutlich noch nicht auf Norfolk Island, aber es könnte sein, daß mit einer Einführung der CO2-Karte eine neue Methode der Mangelerzeugung und -administration etabliert wird.

Ähnlich wie heute die Empfänger von Alg II häufig gegen Monatsende ihren ohnehin knappen Konsum weiter einschränken müssen, könnte auch das Persönliche Kohlenstoffkonto mit Einschränkungen für diejenigen verbunden sein, die über die geringste Kaufkraft verfügen. Wer dagegen wohlhabend ist, wird weiterhin seinen Lebensstil durch Konzepte wie den CDM (Clean Development Mechanism) pflegen können und sich von der CO2-Schuld freikaufen.

Wenn der ehemalige Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin den ärmeren Einwohnern der Hauptstadt empfiehlt, sich im Winter einen dicken Pullover überzuziehen, so daß sie Heizkosten sparen könnten, und eben dieser Mann mit seinen sozialdarwinistischen Vorstellungen einen großen Rückhalt in der Bevölkerung genießt, dann wäre all denjenigen, die vielleicht im guten Glauben den Persönlichen Kohlenstoffhandel propagieren, geraten, deutlich mehr Aufmerksamkeit auf die sozialen Folgen des Klimaschutzes zu richten.

Der Persönliche Kohlenstoffhandel geht mit einer Erweiterung der Verfügungsgewalt des Staates einher, der zum Schuldherrn über die CO2-Bilanz avanciert. Wie gesagt, jedem Bürger wird von Geburt an eine Schuld aufgelastet, nämlich diejenige, ein Emittent von Kohlendioxid zu sein und damit der Weltgemeinschaft Schaden zuzufügen. Versehen mit einer individuellen elektronischen Karte soll dann jeder einzelne Verbrauch einer Person erfaßt und von seinem Kohlenstoffkonto abgezogen werden - solange, bis er es überzieht. Dann wird deutlich, daß das CO2-Konto kein Guthaben enthält, sondern eine zuvor bemessene Schuld, die anwächst, je mehr das Konto sich leert. Bei Überschreiten der Grenze hat der Verschuldete seinen Anspruch auf einen bestimmten Lebensstandard verwirkt, was bedeutet, daß es ihm nicht gestattet wird, sein gewohntes Leben fortzusetzen. Welche administrativen Folgen werden zukünftig daraus gezogen?

Britische Forscher und Politiker liebäugeln schon seit einigen Jahren mit der Einführung des Persönlichen Kohlenstoffhandels, und das Umwelt- und Energieberatungsunternehmen WSP hat ein solches System bereits für seine Angestellten eingeführt [5]. Insofern war die australische Universität nicht Vorreiter dieser Entwicklung. Egger möchte es aber werden. Er sieht das Projekt als Testfall für eine ganze Nation und später die ganze Welt.


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Anmerkungen:

[1] "Carbon trading project a world first", 28. Oktober 2010
http://www.sunshinecoastdaily.com.au/story/2010/10/28/carbon-trading-scheme-obesity-scu/

[2] http://www.eci.ox.ac.uk/

[3] "Obesity described as the canary in the coalmine of western economic and political systems", Pressemitteilung der Southern Cross University, 14. Oktober 2010
http://www.scu.edu.au/news/media.php?item_id=1632&action=show_item&type=M

[4] Abgerufen am 2. November 2010
http://www.co2card.de/fragen-antworten/frage/werden-bei-der-einfuehrung-von-emissionsquoten-nicht-neue-indikatoren-fuer-die-messung-von-wohlstand-n/#anchor_19

[5] Näheres dazu unter:
KLIMA/410: Vom Bürger zum Verbraucher zum CO2-Schuldner (SB)

2. November 2010



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