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KLIMA/479: Deutlich höhere Ernteerträge durch immergrüne Landwirtschaft in Afrika (SB)


Vorbereitung auf den Klimawandel mit agroforstwirtschaftlichen Methoden


Sollte die globale Klimaveränderung in den nächsten Jahren und Jahrzehnten an Geschwindigkeit zunehmen, wird das die Nahrungsversorgung der Menschheit in einem erheblichen Ausmaß gefährden. Bereits heute ist die Versorgungslage völlig unzureichend, da bis zu eine Milliarde Menschen Hunger leiden. Im Zeitraum 2007, 2008 hatten Spekulationsgeschäfte, Agrospritsubventionen und Ernteausfälle in wichtigen landwirtschaftlichen Gebieten der Erde binnen kurzer Zeit weitere 100 Millionen Menschen in den Hunger getrieben. Wieviele Menschen mehr werden von Nahrungsmangel betroffen sein, sollten sich die Klimazonen global verschieben?

In der Regel liefern hochgezüchtete landwirtschaftliche Nutzpflanzen das Optimum an Erträgen nur innerhalb einer kleinen Spanne der natürlichen Faktoren wie Temperatur und Niederschlagsmenge oder -verteilung. Manche Getreide-, Gemüse- oder Obstsorten sind zwar robuster als andere und liefern auch bei witterungsbedingtem Streß einigermaßen hohe Erträge, bei anderen bricht jedoch die Erntemenge rasch ein, sollten sich die natürlichen Umstände auch nur geringfügig verändern. Ob die Züchtungsforschung in der Lage sein wird, die Landwirtschaft ausreichend auf den Klimawandel vorzubereiten, bleibt eine offene Frage.

Eine andere Möglichkeit der Landwirte, sich auf die zu erwartenden klimatischen Veränderungen einzustellen, besteht in der Veränderung der landwirtschaftlichen Anbaumethode. Beispielsweise werden in Afrika bei der sogenannten immergrünen Landwirtschaft (Evergreen Agriculture) in regelmäßigen Abständen Bäume auf die Felder gepflanzt und aufgezogen. In einer anderen Variante werden natürlicherseits gekeimte Bäume gepflegt und großgezogen, wo sie gewachsen sind. Nach diesen beiden traditionellen agroforstwirtschaftlichen Methoden werden auf dem Kontinent bereits Hunderttausende Hektar landwirtschaftliche Fläche bewirtschaftet.

Der zu den Akazien zählende Anabaum (Faidherbia albida) liefert auf natürliche Weise Stickstoffdünger, vermehrt den organischen Anteil des Bodens und verhilft den Bauern zu Feuerholz; er sorgt für ein ausgeglicheneres Mikroklima, indem er die Feuchtigkeit im Boden und der Luft bindet; er schützt vor Wind- und Wassererosion, verbessert die Bodenstruktur und entziehen der Atmosphäre das Treibhausgas CO2. In der immergrünen Landwirtschaft entstehen den Bauern keine zusätzlichen Kosten. Die Nachteile aufgrund der Beschattung und der Wasserverbrauch der Bäume sind gering und werden durch die regional teils phantastischen Erntegewinne mehr als wettgemacht.

Anabäume eignen sich besonders gut für agroforstwirtschaftliche Maßnahmen. Sie zählen zu den indigenen Arten und haben sich über den gesamten Kontinent verbreitet. Das bedeutet, daß sie an verschiedene Klimazonen angepaßt sind. Sie werfen ihre Blätter günstigerweise zu Beginn der frühen Regenzeit ab, wenn die Bauern ihre Felder bestellen. Erst am Ende der Regenzeit wachsen die Blätter nach. Das bedeutet, daß die Bäume weder um Licht noch um Nährstoffe noch um Wasser mit dem Nutzgetreide konkurrieren.

Über die Erfolge der Agrarforstwirtschaft in den vier afrikanischen Ländern Sambia, Malawi, Niger und Burkina Faso berichteten Dennis Philip Garrity vom World Agroforestry Centre in Nairobi und seine Kollegen im August dieses Jahres in der Fachzeitschrift "Food Security" [*]. Nur einige Beispiele von vielen: In einer Untersuchung im Jahr 2008 an 15 Orten in Sambia wurde bei ungedüngtem Mais 4,1 Tonnen pro Hektar geerntet, sofern in regelmäßigen Abständen Anabäume in den Feldern standen. Dagegen wurden in der unmittelbaren Nachbarschaft, in der keine Bäume wuchsen, nur 1,3 Tonnen Mais pro Hektar geerntet. 2009 wurden die Ergebnisse bestätigt. In Malawi konnte der Maisertrag auf locker bewaldeten Flächen um bis zu 280 Prozent gegenüber baumfreien Feldern gesteigert werden. In Niger werden durch die immergrüne Landwirtschaft pro Jahr schätzungsweise 500.000 Tonnen Nahrung zusätzlich produziert, was dem Bedarf von 2,5 Millionen Einwohnern entspricht.

Die Autoren der Studie leugnen nicht, daß es keine Pauschallösung für die gesamte landwirtschaftliche Produktion Afrikas gibt, aber sie schlagen eine weitere Verbreitung der agroforstlichen Techniken vor. Das Wissen um die günstigste Anbaumethode müsse gelehrt und dadurch stärker verbreitet werden, fordern sie. Im April 2009 haben auf Einladung der Afrikanischen Union Umwelt- und Landwirtschaftsminister vom gesamten Kontinent eine Deklaration verabschiedet, in der sie sich für die Förderung agroforstwirtschaftlicher Maßnahmen aussprechen. Auch das Comprehensive African Agricultural Development Programme (CAADP) der afrikanischen Wirtschaftsinitiative NEPAD und verschiedene, länderübergreifende Gemeinschaften befürworten die Anbaumethode.

Angesichts dessen, daß rund ein Drittel der afrikanischen Bevölkerung Hunger leidet, die Pro-Kopf-Produktion von Nahrungsmitteln zwischen 1970 und 2000 um 20 Prozent zurückgegangen ist, rund 70 Prozent der Arbeitsplätze in der Landwirtschaft verankert sind und die meisten Bauern Subsistenzwirtschaft betreiben, könnte die immergrüne Landwirtschaft eine wichtige Anbaumethode darstellen, die keinen nennenswerten finanziellen Input erfordert, aber binnen weniger Jahren zu höheren Erntemengen führen kann.

Eine großflächige Mechanisierung der Landwirtschaft blieb in Afrika aus, also sticht das Argument nicht, daß der gezielte Baumbesatz dem Fortschritt - verstanden als großflächig arbeitende Mechanisierung - entgegensteht und ihn behindert.

Die Agroforstwirtschaft vermehrt die Biodiversität und sorgt für eine Erholung der organisch kargen Böden Afrikas. Sollten die wissenschaftlichen Klimaprognosen, nach denen auf dem schwarzen Kontinent die Niederschlagsmengen zurückgehen und die Temperaturen steigen, eintreffen, gleichzeitig aber das Bevölkerungswachstum anhalten, wird die Ernährungsunsicherheit in den nächsten zwei Jahrzehnten um 43 Prozent und die Nahrungsmittelhilfe um 60 Prozent zunehmen. [*]

Die hier beschriebene Form der immergrünen Landwirtschaft schließt großflächigen Plantagenanbau mit gentechnisch veränderten Pflanzen oder anderen für den Export bestimmten Feldfrüchten (cash crops), wie transnationale Agrokonzerne sie in Afrika etablieren wollen, nicht zwingend aus. Aber sie hat durchaus das Potential zu einem Gegenentwurf zu jeglichen zentralistischen Anbaumethoden. Mit der Agroforstwirtschaft wird hauptsächlich das Kleinbauerntum und die Subsistenzwirtschaft gefördert - wahrscheinlich ist das der Grund, warum die traditionelle immergrüne Landwirtschaft in Afrika von internationalen Geldgebern bis heute vernachlässigt wird. Eine Kapitalakkumulation ist aus der agroforstwirtschaftlichen Produktion nicht zu erwarten - dafür vermag sie die Nahrungsnot der Landbevölkerung in einem beträchtlichen Ausmaß zu lindern. Und der Beitrag einer locker bewaldeten Fläche zum Klimaschutz sollte ebenfalls nicht unterschätzt werden. Aus diesem Grund gibt es Bestrebungen, daß im Rahmen internationaler Klimaschutzverträge Zertifikate für die Agroforstwirtschaft ausgegeben werden. Das wäre allerdings nicht unumstritten. Einerseits könnte es den Kleinbauern Afrikas ein zusätzliches Einkommen verschaffen, andererseits werden dadurch ihre Bäume und Felder zu begehrten Spekulationsobjekten globaler Finanzakteure, so daß die Bauern in neue Abhängigkeiten geraten und viele von ihnen am Ende womöglich mit weniger dastehen, als wenn keine Klimazertifikate für die Agroforstwirtschaft ausgegeben worden wären.


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Anmerkungen:

[*] "Evergreen Agriculture: a robust approach to sustainable food security in Africa", Dennis Philip Garrity & Festus K. Akinnifesi & Oluyede C. Ajayi & Sileshi G. Weldesemayat & Jeremias G. Mowo & Antoine Kalinganire & Mahamane Larwanou & Jules Bayala.
In: Food Sec. (2010) 2:197-214, DOI 10.1007/s12571-010-0070-7

27. Dezember 2010



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Elektronische Zeitung Schattenblick, ISSN 2190-6963
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