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KLIMA/481: Klimaforscher schlagen Maßnahmen zur Reduzierung von Ruß und Sommersmog vor (SB)


Kurzfristige Eindämmung des Klimawandels durch Verringerung von Luftschadstoffen

Neue Klimaschutzstudie Studie ignoriert wachstums- und
verbrauchsorientierte Wirtschaftsweise


Im Kontrast zur akut wachsenden existentiellen Not einer immer größeren Zahl von Menschen, die nicht genügend zu essen und keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser oder angemessenen Abwassersystemen haben, kann die Klimaforschung schon mal den Eindruck erwecken, sie beschreibe das irdische Geschehen aus der abgehobenen Perspektive vom Elfenbeinturm. Die Sorgen der Demonstranten in Tripolis, der indischen Kleinbauern in Uttar Pradesh, der Bergarbeiter in südamerikanischen Minen oder Näherinnen in asiatischen Textilfabriken sind weder auf die Reduzierung ihres persönlichen ökologischen Fußabdruck ausgerichtet noch auf Bestimmungen staatlich verordneter Klimaschutzmaßnahmen. In erster Linie sind diese Menschen Opfer einer gesellschaftlichen Verwertungsordnung, deren Folgen denen sogenannter natürlicher Prozesse in Hinsicht Zerstörungskraft in nichts nachstehen.

Klimaforscher befassen sich in der Regel deskriptiv entweder mit rein natürlichen Abläufen oder dem menschlichen Einfluß aufs Klima. Sie analysieren Wechselwirkungen, unterbreiten Vorschläge zur Korrektur bestimmter Störeinflüsse, aber stellen die Produktions- und Reproduktionsverhältnisse und die an ihrer Aufrechterhaltung beteiligten Interessen nicht in Frage. Konkret hat das dann zur Folge, daß sie Partikelfilter entwickeln, wenn Autos zu viele umwelt- und gesundheitsschädliche Abgase ausstoßen. Nutzen und Zweck des Individualverkehrs hingegen bleiben unhinterfragt.

Vor diesem Hintergrund, also dem Wunsch nach Reform einer als fehlgeleitet erkannten technologischen Entwicklung, prognostiziert nun eine internationale Forschergruppe, daß, wenn die Emissionen von nur zwei der weltweit verbreiteten Luftschadstoffe reduziert werden, kurzfristig die Erwärmung der Erde deutlich gebremst werden kann. Das Ergebnis der Analyse wurde vergangene Woche durch das UN-Umweltprogramm (United Nations Environment Programme - UNEP) und die Weltmeteorologie-Organisation (World Meteorological Organization - WMO) bei einem Treffen der American Association for the Advancement of Science in Washington vorgestellt. [1]

Die Luftschadstoffe Ruß (Black Carbon) und Methan, eine Vorläufersubstanz von Sommersmog (Ozon), sind schon länger als potentiell gesundheitsschädlich bekannt. Darüber hinaus kommt ihnen eine klimarelevante Wirkung zu. Rußpartikel in der Atmosphäre absorbieren Wärme und tragen zur allgemeinen Aufheizung bei. (Allerdings sind die Forschungsergebnisse zu diesem Effekt uneinheitlich. Denn wenn Rußpartikel ihrerseits eine glänzende Oberfläche besitzen, reflektieren sie das Licht und verhindern die Einstrahlung.) Bodennahes Ozon wiederum reizt die Atemwege und schadet dem Pflanzenwuchs.

Nun haben die Wissenschaftler unter Leitung des Klimaforschers Drew Shindell vom Goddard Institute for Space Studies in New York zahlreiche Studien ausgewertet und herausgefunden, daß mit einer Handvoll Maßnahmen die Wärmeaufnahme der Erde in den nächsten fünfzig Jahren relevant reduziert werden kann. Im Gespräch mit dem NASA-Mitarbeiter Adam Voiland stellte Shindell die Ergebnisse der Analyse "Integrated Assessment of Black Carbon and Tropospheric Ozone" in groben Zügen vor.

Ruß wird bei der Verbrennung von Holz und fossilen Energieträgern wie Kohle und Erdöl emittiert. Methan entsteht entweder auf natürliche Weise beispielsweise in Sümpfen oder es tritt aus Mülldeponien, Reisfeldern und Gasleitungen aus. Die Forscher wählten diese beiden Substanzen aus, weil sie sowohl gesundheits- als auch klimaschädlich sind, und untersuchten die möglichen Auswirkungen von 2000 verschiedenen Vorschlägen der Rußreduzierung. Diese wurden schließlich auf 16 Schlüsselmaßnahmen reduziert. Ebenso wurden die Vorschläge zur Emissionsminderung von Methan evaluiert und auf wenige entscheidende Maßnahmen verringert.

Zur engeren Auswahl der Vorschläge einer Rußverringerung gehört die Ausstattung von weltweit sämtlichen Diesel-Antrieben mit Partikelfiltern, der Austausch von Küchenherden durch klimafreundlichere Exemplare und das Verbot, landwirtschaftliche Abfälle zu verbrennen. Methanemissionen wiederum könnten durch das Schließen von Pipelineleckagen, die Begrenzung von Emissionen im Bergbau, die Verbesserung der Abwasseraufbereitung und das Durchlüften von Reisfeldern erfolgen.

Nach Ansicht der Forscher könnte auf diese Weise die Erderwärmung in den nächsten vierzig Jahren halbiert werden. Es gelte aber weiterhin, daß die Verringerung von Kohlendioxidemissionen langfristig die wichtigste Klimaschutzmaßnahme bleibt, nur kurzfristig sollten nach Ansicht der Forscher der Erzeugung von Ruß und Ozon in Bodennähe ein Riegel vorgeschoben werden. Würden auch nur 16 der von ihnen vorgeschlagenen Kontrollmaßnahmen umgesetzt, so Shindell, könnten schätzungsweise jährlich zwei Millionen Menschenleben gerettet und ein Plus von 50 Millionen Tonnen Getreide pro Jahr produziert werden. In der Arktis, die hiervon am stärksten profitiere, würden zum Beispiel zwei Drittel der Erwärmung vermieden, da Ruß, der sich auf die Schneeflächen legt, zur Wärmeaufnahme beiträgt. Ohne die schwarzen Partikel würde die weiße Fläche die Sonnenstrahlung reflektieren.

Technologische Hürden bestünden keine, erklären die Klimaforscher, alle für die Schadstoffverringerung benötigten Technologien existierten bereits. Sie räumen allerdings ein, daß zur Umsetzung erhebliche strategische Investitionen getätigt und institutionelle Veränderungen vorgenommen werden müssen. [2] Das weitestgehende Zugeständnis der Forscher: eine gesellschaftliche Veränderung, ein Umbau der Institutionen, um Klimaschutzmaßnahmen durchsetzen zu können. Wohingegen die Vorbedingungen der wachstums- und verbrauchsorientierten Wirtschaftsweise, die mit der Vergesellschaftung des Menschen verkoppelt ist, mit ihrer verheerenden Folge, daß weltweit mehrere Milliarden Menschen hungern oder verarmt sind, für sie als Naturwissenschaftler offenbar kein Thema ist.


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Anmerkungen:

[1] "Cleaning The Air Would Limit Short-Term Climate Warming", Adam Voiland, NASA's Earth Science News Team, 21. Februar 2011
http://www.terradaily.com/reports/Cleaning_The_Air_Would_Limit_Short_Term_Climate_Warming_999.html

[2] "New Assessment of Black Carbon and Tropospheric Ozone's Role in Climate Change", ScienceDaily, 21. Februar 2011
http://www.sciencedaily.com/releases/2011/02/110220142805.htm

22. Februar 2011



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Elektronische Zeitung Schattenblick, ISSN 2190-6963
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