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KLIMA/485: CO2-Rekordwert - Regierungen nach wie vor lernresistent (SB)


Internationale Energie-Agentur (IEA) gibt Einschätzungen zum CO2-Anstieg bekannt

Spielt IEA-Chefökonom über Bande?


Die politischen Entscheidungsträger schicken sich an, das Problem der sogenannten Überbevölkerung [1] auf zynische Art und Weise zu lösen: Sie ergreifen keine wirksamen Maßnahmen gegen die globale Erwärmung, was wahrscheinlich zur Folge hat, daß in den nächsten Jahren und Jahrzehnten Millionen Menschen vorzeitig sterben werden. Das ist einer der Schlüsse, der aus den jüngsten Zahlen der Internationalen Energie-Agentur (IEA) zum Anstieg der Kohlendioxidemissionen herzuleiten ist [2].

Nach Einschätzung der IEA haben die aus der Energiegewinnung stammenden CO2-Emissionen im vergangenen Jahr den Rekordwert von 30,6 Gigatonnen (Gt) erreicht. Dieser liegt fünf Prozent über dem bisherigen Rekordwert von 2008 (29,3 Gt). Die Zunahme an CO2-Emissionen sei ein schwerer Rückschlag für die Hoffnung, den globalen Temperaturanstieg auf den Zwei-Grad-Wert zu begrenzen, kommentierte Fatih Birol, Chefökonom der IEA, die Daten seiner Institution.

Die führenden Wirtschaftsnationen, die im Pro-Kopf-Vergleich Hauptemittenten von Kohlendioxid sind, haben bei der UN-Klimaschutzkonferenz 2010 in Cancun vereinbart, daß der globale Temperaturanstieg nicht mehr als zwei Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter steigen soll. Das bedeutet bezogen auf die Treibhausgasemissionen, daß der atmosphärische CO2-Äquivalenzwert nicht über 450 ppm (parts per million - Teile pro Million) wachsen darf. Das wäre ein Anstieg von fünf Prozent gegenüber dem Jahr 2000, in dem der CO2-Äquivalenzwert 430 ppm betrug. Um das vereinbarte Ziel einzuhalten, müssen die CO2-Emissionen in den nächsten Jahren deutlich gesenkt werden.

Wie soll das geschehen? Die Staats- und Regierungschefs, die regelmäßig zu großen Klimaschutzgipfel zusammenkommen, erweisen sich als ziemlich lernresistent. Mit anderen Worten: Sie verfolgen andere Interessen als die eines großen Teils der Menschen, der unter den negativen Folgen der Erderwärmung zu leiden hat. Ein altes Thema, das offensichtlich nicht obsolet ist, scheint wieder auf: der Klassenkampf. Vielleicht verdient er heute einen anderen, zeitgemäßeren Namen, aber der Klimawandel zeigt, daß das Interesse der politischen Entscheidungsträger, sich in Konkurrenz zu anderen zu behaupten und die vorherrschenden Produktionsbedingungen, nach der menschliche Arbeitskraft verwertet wird, zu bewahren, unvereinbar mit dem nackten Überlebensinteresse von Millionen Menschen ist, die als Folge des Klimawandels von schweren Naturkatastrophen getroffen werden und ihre Heimat verlassen müssen.

Erst vor wenigen Tagen hat Fatih Birol die Bundesregierung aufgefordert, in Sachen Atomausstieg keinen Alleingang zu wagen [3]. Das war wohl so gemeint, daß sie sich mit dem Atomausstieg zurückhält, und nicht umgekehrt, daß sie andere Regierungen zu überzeugen versucht, mit ihr am selben Strang zu ziehen. Bleibt zu wünschen, daß die aktuelle Hiobsbotschaft der IEA über den Anstieg der CO2-Emissionen nicht den Zweck hatte, der Bundesregierung, die heute ankündigte, bis spätestens 2022 das letzte Atomkraftwerk vom Netz nehmen zu wollen, einen Schuß vor den Bug zu setzen. Zumindest behaupten einige Atomkraftbefürworter, daß der Ausstieg nur mit mehr CO2-Emissionen erkauft werden kann. Auch Birol sagte in einem Bericht der britischen Zeitung "The Guardian" [4]: "Vielleicht mögen die Leute keine Nuklearenergie, aber sie ist eine der wichtigeren Technologien zur Stromerzeugung ohne Kohlendioxid."

Eine vermeintlich kritische Einschätzung, die ihrerseits Kritik verdient. Erstens trifft es nicht zu, daß die Atomenergie CO2-frei ist. Atomkraftwerke müssen gebaut und mit Brennstoff, der seinerseits nur sehr energieaufwendig hergestellt werden kann, bestückt werden. Die Anlagen müssen auch wieder rückgebaut werden, wodurch zusammen genommen große Mengen an CO2-Emissionen anfallen. Zweitens kann Deutschland in den nächsten Jahren sehr wohl auf Atomenergie verzichten, ohne ersatzweise in einem für die globale Klimaentwicklung relevanten Ausmaß auf Kohleverstromung zurückgreifen zu müssen.

Nicht der Ausstieg aus der zentralistischen, industriellen Produktion von Atomenergie in Atomkraftwerken ist für die Zunahme an anthropogenen Treibhausgasen verantwortlich zu machen, sondern eine der Wachstumsideologie unterworfene Wirtschafts- und Produktionsweise, in der Akws ihren Platz haben, aber nicht den ganzen Platz einnehmen.


*

Quellen:
[1] Überbevölkerung ist ein Begriff, mit dem zweifelhafte
Bevölkerungskontrollmaßnahmen legitimiert werden könnten. Nach dem
Motto: Es reicht nun mal nicht für alle Menschen, die Tragfähigkeit
der Erde ist überstrapaziert. Doch bei anderen
Produktionsverhältnissen könnten womöglich zehn Milliarden Menschen
oder noch mehr auf der Erde leben, ohne Hunger zu leiden. Heute
hingegen haben mehr als eine Milliarde nicht genügend zu essen.

[2] "Prospect of limiting the global increase in temperature to 2ºC is getting bleaker", International Energy Agency, 30. Mai 2011
http://www.iea.org/index_info.asp?id=1959

[3] "Warnung vor höheren Strompreisen. Energieagentur fürchtet Atomausstieg", Financial Times Deutschland, 23. Mai 2011
http://www.ftd.de/politik/international/:warnung-vor-hoeheren-strompreisen-energieagentur-fuerchtet-atomausstieg/60055735.html

[4] "Worst ever carbon emissions leave climate on the brink", The Guardian, 29. Mai 2011
http://www.guardian.co.uk/environment/2011/may/29/carbon-emissions-nuclearpower?intcmp=122

30. Mai 2011



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Elektronische Zeitung Schattenblick, ISSN 2190-6963
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