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KLIMA/491: Nationale Sicherheit und Geoengineering - US-Experten für Forschungsförderung (SB)


Hohes Konfliktpotential des Geoengineerings

US-Arbeitsgruppe schlägt Einrichtung eines Forschungsprogramms unter zentraler Aufsicht des Weißen Hauses vor


Nachdem das menschheitsgeschichtlich erste größere Geoengineering-Projekt auf ganzer Linie gescheitert ist, wollen Wissenschaftler und Ingenieure nun die angerichteten und ungebremst fortgesetzten Schäden ebenfalls durch Geoengineering beheben. Seit Beginn des industriellen Zeitalters vor rund zwei Jahrhunderten und dem rasanten Wachstum der Weltbevölkerung bringen die Menschen über zahllose kleine und größere Brandherde, vom Streichholz über das Auto bis zum Kohlekraftwerk, Treibhausgase in die Erdatmosphäre ein, so daß sich deren Zusammensetzung minimal, aber entscheidend ändert: Das erste größere Geoengineering-Projekt, lange Zeit in Unwissenheit ausgeführt, inzwischen aber in aller Munde. Dennoch werden von der Politik nicht die für einen entgegengerichteten Trend erforderlichen Maßnahmen ergriffen. Das läßt befürchten, daß mit der gleichen Unbedachtheit oder Verantwortungslosigkeit auch gezielte Eingriffe in das Klimageschehen gehandhabt werden. Die Folgen sind unabsehbar.

Der atmosphärische Anteil von Kohlendioxid, des wichtigsten Treibhausgases, beträgt gegenwärtig nur rund 0,039 Prozent oder 390 Partikel auf eine Million Partikel (ppm). Aber die Steigerung um ein Drittel gegenüber dem Beginn des Industriezeitalters ist entscheidend für den Wärmehaushalt der Erde. Die globale Durchschnittstemperatur steigt. Auch hier geht es nur um kleinste Beträge, um ein, zwei Grad im Verlauf von zwei Jahrhunderten. Doch erstens werden in diesen Durchschnittswert die regionalen Extreme eingerechnet, so daß sie sich ausgleichen und nicht mehr erkennbar sind, und zweitens reagieren die Ökosysteme in der Regel sehr empfindlich auf Veränderungen der klimatischen Bedingungen. Daraus folgt, daß auch ein geringer globaler Temperaturanstieg weitreichende Folgen hat. Werden dann auch noch Schwellenwerte oder Kippunkte überschritten, kann das zu einer hochdynamischen, plötzlichen Veränderung des Klimas führen.

Unter dem Stichwort Geoengineering werden Verfahren zur gezielten "ingenieurstechnischen" Beeinflussung des Erdklimas verstanden. Das kann beispielsweise durch Steigerung der Energieeffizienz und damit einer Verringerung der Treibhausgasemissionen erfolgen; es kann aber auch von einer Technologie, die besonders viele Treibhausgase entstehen läßt, auf eine "klimafreundlichere" Technologie umgesattelt werden; oder es können Treibhausgase künstlich oder durch die Aufforstung bzw. durch die Steigerung des marinen Planktonwachstum abgefangen und quasi (end-)gelagert. Oder aber - und das ist die bislang umstrittenste, da eine weitgehend unkalkulierbare Methode - die Sonneneinstrahlung wird gezielt reduziert (Solar Radiation Management - SRM). Hierzu sind viele verschiedene Verfahren im Gespräch. Beispielsweise könnte man künstlich Wasserdampfwolken erzeugen, welche die Sonneneinstrahlung reflektieren, bevor sie die Erdoberfläche erreicht, oder Schwefelpartikel in der Stratosphäre ausbringen, was den gleichen Effekt hätte. (Und nebenbei die Ozonschicht zerlegen würde ...)

Das Thema Geoengineering kocht zur Zeit kräftig auf, was unter anderem damit zusammenhängen könnte, daß die internationalen Klimaschutzverhandlungen unter der Ägide der Vereinten Nationen auf der Stelle treten, gleichzeitig der globale Erwärmungstrend anhält. Ein Nachfolgeprogramm für das im Dezember 2012 auslaufende Kyoto-Protokoll, dem Experten sowieso eher eine symbolische denn klimawirksame Bedeutung zugewiesen haben, ist nicht in Sicht. Auch wenn das Geoengineering unerwünschte Nebenwirkungen auslösen dürfte, könnte der Zeitpunkt kommen, an dem Notmaßnahmen ergriffen werden müssen, damit das Klima nicht vollends aus dem Ruder läuft. Auf dieses Worst-case-scenario will die Klimaforschung vorbereitet sein.

In Europa und den USA hat es in jüngerer Zeit zwei gegensätzliche Bemühungen gegeben, Einfluß auf die politischen Entscheidungsträger hinsichtlich der Handhabung des umstrittenen Geoengineerings zu nehmen. Das Europaparlament sprach sich in einer Resolution vom 29. September gegen Vorschläge für großmaßstäbliche Geoengineering-Projekte aus. [1] Zum anderen empfahl eine Gruppe von 18 US-Experten, die Anfang vergangenen Jahres am Bipartisan Policy Center (BPC) die Task Force on Climate Remediation Research gebildet haben, in einem umfassenden Report für die US-Regierung [2], die Forschungen zur "Klimasanierung" (Climate Remediation) zu intensivieren. (Die Bezeichnung Climate Remediation soll Geoengineering ersetzen, schlagen die Forscher vor, weil sie präziser sei.) Die Fachleute kommen aus den Natur- und Sozialwissenschaften, der Forschungs- und Außenpolitik, dem nationalen Sicherheitsapparat und Umweltschutz. Es handelt sich um den ersten Report dieser Task Force.

Sie stellt die Erklärung an den Anfang ihres Berichts, daß die Klimasanierung kein Ersatz dafür sein soll, die CO2-Emissionen zu reduzieren oder Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel zu ergreifen. Außerdem betonen die Forscher, daß es zur Zeit noch viel zu früh ist, irgendeine Klimasanierungsmaßnahme durchzuführen. Dennoch wird der US-Regierung empfohlen, ein Forschungsprogramm aufzulegen, um Risiken, Kosten und Machbarkeit der unterschiedlichen Methoden zu bestimmen. Auch wenn die USA selbst keine Klimasanierung betreiben sollten, sei es wichtig, sie bewerten zu können, falls andere Länder sich dafür entschieden; zudem sollte man in den nächsten Jahren bei der internationalen Debatte eine Führungsrolle einnehmen.

Die Arbeitsgruppe stützt ihren Report auf zwei Kernaussagen, die ihrer Meinung nach eindeutig für ein Forschungsprogramm zur Klimasanierung sprechen: Erstens gebe es physikalische Risiken eines Klimawandels, die sogar noch zunehmen. Zweitens bestünden geopolitische und nationale Sicherheitsrisiken von Klimasanierungsmaßnahmen durch andere Länder oder Akteure.

Die Task Force rät dazu, das Forschungsprogramm zur Klimasanierung direkt dem Weißen Haus zu unterstellen, bzw. dort dem White House Office of Science and Technology Policy (OSTP) zuzuweisen. Diese Empfehlung und die oben zusammengefaßten Anmerkungen lassen vielleicht bereits das Konfliktpotential der Klimasanierung bzw. des Geoengineerings erahnen. Beispielsweise könnten die Nebenwirkungen von wie auch immer gearteten Maßnahmen zur Abschattung der Erde darin bestehen, daß in einigen Ländern die landwirtschaftlichen Erträge zurückgehen - welcher Staat würde das hinnehmen, ohne zumindest eine Entschädigung zu verlangen?

Einen Überblick über die sicherheitsrelevanten Fragen des Geoengineerings lieferte Prof. Dr. Jürgen Scheffran, Leiter der Forschungsgruppe "Klimawandel und Sicherheit" im Hamburger Exzellenzcluster CliSAP, auf der Fachkonferenz "Severe Atmospheric Aerosol Events" am 11./12. August 2011 in Hamburg. Am Rande der Konferenz sagte er gegenüber dem Schattenblick, daß "absichtliches Geoengineering eine eminent politische Frage" ist. Es stellten sich Fragen wie, ob "andere Akteure von dem, was als optimale globale Temperatur definiert wird, betroffen sein" werden. Man müsse sich in diesem Zusammenhang mit "Motivation, Interessen, Zielen und Kosten" beschäftigen, aber auch mit Fragen der Akzeptanz von Risiken. [3]

Die Stellungnahme des Europaparlaments gegen Geoengineering entspricht dem Moratorium für größere Geoengineering-Experimente, das im Oktober 2010 auf der Biodiversitätskonferenz der Vereinten Nationen in Nagoya, Japan, beschlossen wurde. Die Betonung liegt auf "groß". In beiden Fällen handelt es sich um keine prinzipielle Absage. So fördert die EU bereits seit 2009 das internationale Forschungsprojekt IMPLICC (Implications and risks of engineering solar radiation to limit climate change - "Implikationen und Risiken des Engineerings der Sonnenstrahlung zur Begrenzung des Klimawandels"). Forschungen zum Geoengineering im weiteren Sinn finden in mehreren Dutzend Ländern statt, der Trend läßt sich kaum noch aufhalten.

Zwar haben britische Forscher kürzlich das für Mitte Oktober angesetzte Experiment SPICE (Stratospheric Particle Injection for Climate Engineering), bei dem mit Hilfe eines langen "Gartenschlauchs" an einem Ballon Wassertröpfchen in der Atmosphäre ausgebracht werden sollten, unter anderem wegen der Bedenken von Umweltgruppen ausgesetzt, aber die Entscheidung ist nicht endgültig und das Experiment sowieso nur Teil eines umfänglicheren Forschungsvorhabens. [4]

Nicht die Forschungen zur Beeinflussung des Klima bergen ein großes Konfliktpotential, sondern die Ausführung, lautet ein Argument der Befürworter des Geoengineerings. Das gleiche werden sich allerdings auch einst die Kernphysiker gesagt haben, die erst die Voraussetzungen zum Bau der Atombombe schufen. Die Wissenschaftler, die an Geoengineeringprojekten beteiligt sind, wollen die Bedingungen der Machbarkeit solcher Verfahren herausfinden. Bei allen Bedenken dürfte mehrheitlich die Grundeinstellung lauten: "Na, wollen wir mal sehen, unter welchen Bedingungen ein Geoengineering vertretbar ist." Allein dieser Ansatz birgt eine gewisse Gefahr der Betriebsblindheit, vor der womöglich nicht einmal eine interdisziplinäre Forschergruppe bewahrt, in der verschiedene Sichtweisen und Blickwinkel eingebracht werden. Und wenn erst die Kräfte der profitorientierten Marktwirtschaft greifen und die Politik dazu grünes Licht erteilt, ist es wahrscheinlich, daß von Forschern empfohlene Schutzmaßnahmen aus Kostengründen unter den Tisch fallen.


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[1] "European Parliament resolution of 29 September 2011 on developing a common EU position ahead of the United Nations Conference on Sustainable Development (Rio+20)", 30. September 2011
http://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?pubRef=-//EP//TEXT+TA+P7-TA-2011-0430+0+DOC+XML+V0//EN&language=EN

[2] "The Bipartisan Policy Center´s Task Force On Climate Remediation Research. Geoengineering: A national strategic plan for research on the potential effectiveness, feasibility, and consequences of climate remediation technologies", 4. Oktober 2011
http://www.bipartisanpolicy.org/sites/default/files/BPC%20Climate%20Remediation%20Final%20Report.pdf

[3] "Generation Aufbruch in der kritischen Forschung. Bericht von der Konferenz 'Severe Atmospheric Aerosol Events' am 11./12.8.2011 in Hamburg. Teil 8 und Schluß: Zusammenfassende Bewertung", Schattenblick, 2. September 2011
http://schattenblick.com/infopool/umwelt/report/umrb0011.html

[4] "SPICE put on ice", Nature, 30. September 2011
http://blogs.nature.com/news/2011/09/spice_put_on_ice.html

18. Oktober 2011



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Elektronische Zeitung Schattenblick, ISSN 2190-6963
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