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KLIMA/493: In neueren Klimastudien rückt der "Point of no return" näher heran (SB)


Neue Studie

2-Grad-Ziel wird regional bereits im Jahr 2020 erreicht


Forscher und Umweltexperten bedienen sich manchmal einer für Laien schwer zugänglichen Sprache, wenn sie sagen wollen, daß die Menschheit schnurstracks auf eine folgenschwere Klimakatastrophe zustrebt. Auf "Ökologisch" heißt das: Bereits in neun Jahren wird die Menschheit eine so große Menge an CO2-Äquivalenten produziert haben, daß das 2-Grad-Ziel praktisch nicht mehr eingehalten werden kann [1]; zehn bis vierzehn Milliarden Tonnen CO2-Äquivalente wären dann schon über den Wert hinaus emittiert worden, der für die Einhaltung jenes Ziels erforderlich wäre. [2]

Hinter Aufzählungen zu den wahrscheinlichen Klimafolgen wie Anstieg des Meeresspiegels, Verschiebung der Klimazonen, Verlust an landwirtschaftlichen Flächen, vermehrte Unwetter, Gletscherschwund, etc. verbergen sich Katastrophen, von denen viele Millionen bis Milliarden Menschen betroffen sein werden. "Betroffen" bedeutet, daß die Menschen umkommen, verhungern, vertrieben werden, ihren Besitz verlieren, in Armut leben müssen oder, allgemein gesprochen, schweres Leid erfahren. Hierbei handelt es sich um keine dystopischen Phantasien, sondern um Aussagen von Wissenschaftlern, deren Prognosen sich auf Umweltdaten und ihre Verarbeitung in Hochleistungsrechnern stützen.

Laut einer neuen Studie im Wissenschaftsmagazin "Nature" [3] wird die Durchschnittstemperatur in einigen Teilen der Welt die als einigermaßen sicher geltende 2-Grad-Grenze (die für flache Inselstaaten und flache, küstennahe Gebiete keineswegs als sicher gilt!) noch im Laufe dieser Generation überschreiten, sollte der Anstieg der Treibhausgasemissionen nicht aufgehalten werden. Als Zeitpunkt haben die Forscher das Jahr 2030 genannt. Im Jahr 2060 wiederum werden demnach fast alle Landflächen einen Temperaturanstieg von zwei Grad (gemessen über eine Periode von fünf Jahren, um statistische Ausreißer "einzufangen") gegenüber der vorindustriellen Zeit verzeichnen.

Selbst dieses Szenario könnte sich als Wunschdenken herausstellen. Denn nicht einmal für das weitgehend wirkungslose Kyoto-Protokoll, das 2012 endet, hat die internationale Staatengemeinschaft bislang ein Nachfolgeprogramm verabschiedet. In Schwellenländern wie China, Indien und Südafrika nehmen die CO2-Emissionen weiter zu, in den Industriestaaten ebenfalls oder es kommt dort zumindest zu keiner nennenswerten Verringerung, und selbst die Entwicklungsländer, die am wenigsten zur globalen Klimaveränderung beigetragen haben und deren Bedeutung für die Erderwärmung lange Zeit nachrangig bleiben wird, begeben sich auf den Weg einer nachholenden industriellen sowie agro-industriellen Entwicklung.

Läßt man die politischen Maßnahmen einerseits und die wissenschaftlichen Prognosen zur Klimaentwicklung andererseits aus den letzten Jahren Revue passieren, besteht kein Anlaß für Optimismus. Was sich derzeit über unseren Köpfen zusammenbraut, scheint der Vorstellung, man könne dem allein mit Effizienzsteigerung oder Umsatteln von fossilen auf erneuerbare Energien wirksam entgegentreten, zu spotten. Das bedeutet nicht, daß deshalb von vornherein auf die vorhandenen Mittel und Methoden verzichtet werden sollte - nur, vielleicht reicht selbst das nicht. Zumal innerhalb der Klimaschutzbewegung eine Strömung vorherrscht, die sich dem Wachstumsdiktat unterworfen hat. Das wird dann als Realpolitik bezeichnet: Grünes Wachstum, Green New Deal. Die vorherrschenden Produktionsverhältnissen bleiben gewahrt, nur daß seine Profiteure grüne Mäntelchen tragen.

Ein gesellschaftlicher Um- oder gar Rückbau wird in den wenigsten Organisationen und schon gar nicht in den Mainstream-Medien diskutiert, als verböte sich das von vornherein. Warum eigentlich? Wenn man auf einem sinkenden Schiff ist, würde man doch auch alles tun, um das Leben von Besatzung und Passagieren zu retten. In Kürze treffen sich die politischen Entscheidungsträger im südafrikanischen Durban zu Beratungen über ein Kyoto-Nachfolgeprogramm. Die Erfahrungen mit solchen Mammutkonferenzen haben gezeigt, daß es den Teilnehmenden im wesentlichen darum geht, ihre Vorteile zu verteidigen und sich zu nichts zu verpflichten, das nur den anderen Vorteile brächte.

Innerhalb des auf Konkurrenz und Profitstreben gestützten Wirtschaftsgeschehens hat das seine eigene Ratio. Nach der gleichen räuberischen Ratio kommen aber schon heute Jahr für Jahr Millionen Menschen um, weil sie verarmt sind und nicht genug zu essen haben, oder sie verschleißen und verbrauchen sich in Arbeitsverhältnissen, die ihnen über die bloße Existenzsicherung hinaus keinen Platz für irgendetwas anderes lassen. Auch das eine Folge der Wachstumsapologetik.

Die unausgesprochene Erwartung politischer Entscheidungsträger und Funktionseliten, sie würden ihre momentan privilegierte Position in Zeiten gravierender Naturkatastrophen bewahren, könnte sich als Irrtum herausstellen. Auch wenn es wohlhabende Gesellschaften oder innerhalb derer die reicheren Mitglieder leichter haben werden, Naturkatastrophen auszuweichen oder sie zu kompensieren, sollte bedacht werden, daß die Wissenschaft von "globalen" Veränderungen spricht. Schon jetzt findet das größte Artensterben in der Evolutionsgeschichte statt, besonders betroffen sind Meeresbewohner. Gleichzeitig versauern die Ozeane, was ihre wichtige Absorptionsfähigkeit für das Treibhausgas Kohlendioxid verringert. Die Planktonproduktion nimmt ab, wodurch wiederum weniger Sauerstoff freigesetzt wird, der für das Leben, wie wir es kennen, unverzichtbar ist (mit Ausnahme vielleicht einiger Schwefelbakterien).

Durch das Artensterben zerlegen sich ganze Nahrungsketten, auf die auch der Mensch zwingend angewiesen ist. Bei einer wärmeren Erde taut der Permafrostboden in den polaren Breiten auf, wodurch ungeheure Mengen des Treibhausgases Methan (20 mal klimawirksamer als Kohlendioxid) in die Atmosphäre gelangen. Wenn sich die Meere weiter erwärmen, könnten auch die am und im Ozeanboden lagernden gefrorenen Methangashydrate aufsteigen und den Treibhauseffekt der Atmosphäre schlagartig verstärken. Bergspitzen wiederum verlieren ihren Zusammenhalt, wenn der Frost abzieht, und krachen in die Täler; Gletscher schmelzen ab, was zunächst Überschwemmungen auslöst und später, wenn die Eismassen keinen Nachschub erhalten, zu Trinkwassermangel bei Flußanrainern führt. Die Landfläche, auf der sich immer mehr Menschen tummeln, die essen, trinken und am gesellschaftlichen Leben teilhaben wollen, schrumpft, wenn der Meeresspiegel steigt. Auch das wird die Menschheit in Bedrängnis bringen. Angesichts dieser Entwicklung ist es durchaus vorstellbar, daß das gegenwärtige Artensterben eine Spezies einschließt, welche zur Zeit intensiv damit befaßt ist, diese Vorgänge zu beschreiben.

Nicht auf der Grundlage einer Vorstellung, sondern der größter Gewißheit kann man feststellen, daß die Regierungen mit Vorbereitungen befaßt sind, um die gesellschaftliche Ordnung mit allen zu Gebote stehenden Mitteln zu verteidigen. In keiner Klimastudie, die in den letzten Jahren ihren Weg an die Öffentlichkeit gefunden hat und von einer staatlichen Einrichtung in Auftrag gegeben wurde, fehlt der Hinweis darauf, daß der Klimawandel soziale Konflikte verstärken wird.

Darauf stellen sich die Staaten ein. Äußeres Merkmal der Vorbereitung, die auch vor dem inneren Gefüge nicht haltmacht, ist der Bau von Hightech-Zäunen, um Menschen aus klimatisch, wirtschaftlich oder sonstwie benachteiligten Regionen rigoros davon abzuhalten, vorteilhaftere Gefilde aufzusuchen. Solche Zäune existieren bereits oder werden weiter ausgebaut von den USA gegen Mexiko, den EU-Staaten gegen Weißrußland, Ukraine, Türkei und Marokko, China gegen Nordkorea, Botswana gegen Simbabwe, Saudi-Arabien gegen Jemen und Irak, Indien gegen Bangladesh. Die Aufzählung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Die Vorbereitungen zur Sicherung der gesellschaftlichen Ordnung (die bekanntlich von einem Widerspruch zwischen arm und reich geprägt ist) laufen bereits. In den oben erwähnten jüngeren Studien rückt der Zeitpunkt, an dem ein Eingriff des Menschen auf die Klimaentwicklung noch wirksam sein könnte, zeitlich näher heran als in den meisten Arbeiten, die in zurückliegenden Jahren veröffentlicht wurden und deren Autoren schon mal Alarmismus vorgeworfen wurde. Inzwischen können die Forscher ihre Computersimulationen umschreiben und frühere Worst-case-Szenarien zur maßgeblichen Referenzgröße machen. Nicht nur das Zwei-Grad-Ziel, sondern die Drei-Grad-"Schwelle", die kein Ziel sein sollte, weil sein Erreichen katastrophale Folgen hätte, wird kaum noch einzuhalten sein.


*

Fußnoten:

[1] CO2-Äquivalente umfassen sämtliche als relevant angesehene Treibhausgase und rechnen ihre Klimawirkung auf die des volumenmäßig wichtigsten Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) um. Mit dem 2-Grad-Ziel wird ein durchschnittlicher Temperaturanstieg von zwei Grad Celsius gegenüber dem Beginn des industriellen Zeitalters vor 150 bis 200 Jahren bezeichnet. Gewöhnlich werden die Temperaturen global verrechnet. Das 2-Grad-Ziel kann aber auch auf einzelne Regionen angelegt werden.

[2] "Planet 'far away' on climate goals: study", TerraDaily.com (AFP), 4. Oktober 2011
http://www.terradaily.com/reports/Planet_far_away_on_climate_goals_study_999.html
Siehe auch:
http://schattenblick.com/infopool/umwelt/redakt/umkl-489.html

[3] "Warming could exceed safe levels in this lifetime", Reuters, 23. Oktober 2011
http://www.newsdaily.com/stories/tre79m2l7-us-warming/

25. Oktober 2011



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Elektronische Zeitung Schattenblick, ISSN 2190-6963
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