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KLIMA/500: Trotz des Winters Regenmangel in England - Regierung lädt zum "Dürregipfel" (SB)


Dürre im regenreichen England - Vorbote des Klimawandels?


Wer jemals England im Winter besucht hat, kennt ihn, diesen nicht mehr enden wollenden Nieselregen. Von kräftigen atlantischen Tiefausläufer vorangepeitscht lassen die Niederschläge manchmal die Bäche zu Flüssen und diese zu reißenden Strömen anschwellen. Auf den kleinen Landstraßen sammelt sich das Naß in großen Pfützen, die man vorsichtshalber besser umfahren sollte. Von diesem Bild muß man sich wohl verabschieden.

Die britische Regierung hat gemeinsam mit Vertretern der Wasserversorgungsunternehmen, Landwirtschaft und Naturschutzorganisationen eine Krisensitzung zur Dürre ("Drought summit") abgehalten und am Montag den Südosten Englands zum Dürregebiet erklärt. Die Bevölkerung wurde zum Wassersparen aufgerufen: "Jedermann ist gefragt zu helfen. Wir bitten dringend darum, weniger Wasser zu gebrauchen und jetzt damit anzufangen", sagte Umweltministerin Caroline Spelman laut einem Bericht der Zeitung "The Guardian" [1]. Sollte der Wassermangel anhalten, könnten die Behörden in diesem Frühjahr ein Verbot zur Bewässerung der Gärten aussprechen, mußmaßt die Zeitung.

In Wintern mit normalen Niederschlagsmengen werden die Wasserreservoire aufgefüllt, doch in diesem Jahr kommt zum Problem der ausgesprochen geringen Niederschläge hinzu, daß die Speicher bereits von der letztjährigen Dürre ausgeschöpft waren. Es sei die schwerste Dürre in England und Wales seit 100 Jahren, schrieb damals das Met Office [2]. Aus diesem Grund befassen sich die Behörden mit der Frage, was sie tun können, sollte der nächste Winter erneut nicht genügend Niederschläge bringen. Dann werden womöglich bestimmte Notmaßnahmen wie aktuell das Einleiten von Trinkwasser in den Snailwell-Weiher bei St Peter's Church in der Grafschaft Cambridgeshire eingestellt. Jeden Tag wird der malerische Weiher mit 1,8 Mio. Liter geflutet, damit er nicht austrocknet und mit ihm nicht die uralten Eichen und anderen Pflanzen an seinem Ufer [3].

Seit dem vergangenen Jahr leiden die Grafschaften Lincolnshire und Cambridgeshire sowie Teile von Bedfordshire, Northamptonshire und Norfolk unter Trockenheit. Offiziell wurden auch Gebiete in den Midlands und Berkshire, Buckinghamshire, Hampshire, Hertfordshire, Kent, London, Surrey und West- und Ost-Sussex zu Dürregebieten erklärt. Weiterhin gelten Gebieten in Essex, Gloucestershire, Oxfordshire, Suffolk, Wiltshire und dem übrigen Norfolk als dürregefährdet.

Der Fluß Lee nördlich von London führt derzeit nur 24 Prozent seiner sonst üblichen Wassermenge [4]. Die Niederschlagsverteilung zeigt für das Vereinigte Königreich ein sehr uneinheitliches Bild. Doch nach Angaben von Wasserunternehmen sind generell zwischen Oktober 2011 und Januar 2012 nur 73 Prozent der zu erwartenden Niederschläge gefallen. Das ist der niedrigste Wert seit 1992.

Ob eine Region unter Dürre leidet, ist nicht ausschließlich eine Frage der Niederschlagsmenge. So zitiert der "Guardian" das WWF-Mitglied Rose Timlett mit den Worten, daß die Dürre voraussagbar war. Seit September letzten Jahres führe der Fluß Kennet kein Wasser mehr. Es sei klar gewesen, daß etwas unternommen werden müsse, aber das habe man versäumt [1].

Die privatisierten Trinkwassersysteme im Vereinigten Königreich gelten als dringend überholungsbedürftig. Schätzungsweise bis zu einem Viertel des Wassers geht über Leckagen verloren. Eine grundlegende Sanierung ist den Versorgungsunternehmen oftmals zu teuer, da nehmen sie lieber Wasserverluste in Kauf. Oder sie kommen mit der Sanierung nicht hinterher. Der Wasserversorger Thames Water hat seine Kundschaft aufgerufen, ihm Leckagen an Rohren, die im Winterfrost geborsten sind, zu melden [5].

Zeigt sich im Vereinigten Königreich bereits der von
Wissenschaftlern prognostizierte Klimawandel?

Nimmt man ausschließlich die Niederschlagsstatistik und keine anderen Parameter, so muß man die Frage verneinen. Zumindest lieferten die Meßergebnisse der Niederschlagsmengen bis zum Jahr 2010 keinen Hinweis auf einen langfristigen Trend zu einem wachsenden Wassermangel. Im Durchschnitt haben die Sommerniederschläge in den letzten Jahrzehnten sogar kräftig zugelegt, lediglich bei den Niederschlagsmengen im Winter kam es zu einem leichten Rückgang [6]. Ungeachtet dieser Angaben des Ministeriums für Energie und Klimawandel (DECC - Department of Energy and Climate Change) prognostiziert das Caroline Spelman unterstellte Ministerium für Umwelt, Ernährung und ländliche Angelegenheiten (Defra - Department for environment, food and rural affairs) in seiner in diesem Jahr veröffentlichten Risikoabschätzung des Klimawandels für das Vereinigten Königreich (CCRA - Climate Change Risk Assessment) einen generellen Niederschlagsrückgang für die nächsten Jahrzehnte [7].

Darin wird prognostiziert, daß das Vereinigte Königreich im Jahr 2080 "signifikant trockener" sein wird als 1921, dem niederschlagsärmsten Jahr im Südosten Englands seit 1766. Die Forscher gehen davon aus, daß einige Oberflächengewässer im Sommer vollständig austrocknen werden (was allerdings in den letzten beiden Jahren bei kleineren Flüssen bereits geschehen ist; es wäre nicht das erste Mal, wenn die Klimaprognosen von der Realität überholt würden).

Ob die vergangenen beiden Jahre ein klimatischer Ausreißer oder Beginn des befürchteten Trends zu häufigeren, anhaltenderen und schwerwiegenderen Dürren nicht nur im Südosten, Osten und den Midlands, sondern im gesamten Land sind, läßt sich aus der Niederschlagsstatistik nicht ablesen. Nimmt man hingegen andere Faktoren hinzu, so zeigt sich sehr wohl eine klimatische Veränderung: Im Vereinigten Königreich wird es wärmer, die Zugvögel kommen früher zurück und verlassen das Land später, die Böden verzeichnen einen Verlust an organischen Bestandteilen, die Vegetationszonen verschieben sich. Im Abgleich mit globalen Klimasimulationen, in denen versucht wird, Trends bis Mitte bzw. Ende dieses Jahrhunderts für den gesamten Planeten aufzuzeigen, gelangen Forscher zu dem Schluß, daß es zwar im Vereinigten Königreich immer Wetterextreme wie die letztjährige Dürre oder die jüngsten Überschwemmungen im Lake Distrikt geben wird, aber daß der generelle Trend auf einen langfristigen Klimawandel deutet.

Ähnlich wie in Wüstenstaaten wird im Südosten Englands Trinkwasser unter anderem mittels energieaufwendiger Meerwasserentsalzungsanlagen gewonnen. Sollte es notwendig werden, weitere solcher Anlagen zu bauen, wird das zu deutlich höheren Wasserpreisen führen. Gleichzeitig wird die Verfügbarkeit von Trinkwasser durch Verbote, den Garten zu sprengen oder das Auto zu waschen, und durch die flächendeckende Verbreitung von Wasserzählern, eingeschränkt.

Der Inselstaat ist ein Beispiel dafür, daß der Klimawandel auch die europäischen Länder, die in den gemäßigten Breiten liegen, erreichen und sie zu Notmaßnahmen zwingen wird. Ein Mangel an Trinkwasser bedeutet immer auch einen Mangel an Nahrung. Wenn die britische Regierung die Bewässerung in der Landwirtschaft eingeschränkt, sinken die Erträge und nimmt der Import von Nahrung zu. Zugleich steigen jedoch weltweit die Energiepreise, wodurch sich landwirtschaftliche Produkte verteuern werden. Eine Meerwasseraufbereitung im großen Stil wird sich womöglich auch ein vermeintlich reiches England nicht leisten können.

Während der weltweiten Preisexplosion für Grundnahrungsmittel 2007, 2008 und Hungerunruhen in mehreren Dutzend Ländern sagte ein britischer Minister, daß die Bevölkerung sich darauf einstellen müsse, nicht immer alle Waren im Supermarktregal vorzufinden - eine noch harmlose Warnung, die in Zukunft, wenn die Niederschläge ausbleiben und die Temperaturen steigen, nicht nur bestätigt, sondern von der Wirklichkeit übertroffen werden dürfte. Die schweren Unruhen im vergangenen Jahr in London und anderen britischen Städten stellen lediglich ein Vorgeplänkel zu den bevorstehenden Kämpfen zwischen den Sicherheitsorganen des Staates und allen von den Entscheidungen der zukünftigen Mangeladministration betroffenen Einwohnern dar. Daß es dabei nicht um die Petunien im Vorgarten geht, die nicht mehr begossen werden dürfen, sondern um die Grundversorgung der Menschen mit Wasser und anderer Nahrung, liegt auf der Hand.



Fußnoten:

[1] "Drought declared in south-east England", The Guardian, 20. Februar 2012
www.guardian.co.uk/environment/2012/feb/20/drought-declared-south-east-england

[2] "Driest start for decades", Met Office, 7. Juli 2010, Letztes Update: 21. April 2011
http://www.metoffice.gov.uk/news/releases/archive/2010/driest-start

[3] "Fears of British super-drought after record low rainfall in winter", The Observer, 12. Februar 2012
http://www.guardian.co.uk/environment/2012/feb/12/summer-drought-looms-for-england

[4] "Britain warns of widespread summer drought", TerraDaily/AFP, 20. Februar 2012
http://www.terradaily.com/reports/Britain_warns_of_widespread_summer_drought_999.html

[5] Presseerklärung Thames Water, 3. Februar 2012
http://www.thameswater.co.uk/cps/rde/xchg/corp/hs.xsl/15330.htm

[6] Precipitation (1874 - 2010), aus dem Internet abgerufen am 21. Februar 2012
http://www.decc.gov.uk/assets/decc/Statistics/climate_change/1723-summary-report-precipitation.pdf

[7] "UK 2012 - Climate Change Risk Assessment", aus dem Internet abgerufen am 21. Februar 2012
http://randd.defra.gov.uk/Document.aspx?Document=CCRASummaryWater.pdf

21. Februar 2012



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