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INTERVIEW/103: Treffen der Wege - Rückbesinnung vorwärts ... Dr. Walter Schmidt im Gespräch (SB)


Die Farbe der Forschung II

Das Innovationspotenzial von Beziehungsnetzen

Symposium am 7./8. März 2014 in Berlin

Dr. Walter Schmidt über Partnerschaften unter Pflanzen



Wer eine Frikadelle verzehrt und ihren Geschmack mit etwas Ketchup aufpeppt, das Ganze dann mit einer Limonade herunterspült und sich zum Nachtisch einen Schokoriegel gönnt, ahnt vermutlich nicht, daß ein erheblicher Teil seiner Nahrung aus Mais besteht oder, im Falle des Rindfleischs, auf der Basis von Mais produziert wurde. Und er wird vermutlich noch viel weniger ahnen, daß sein "Maisgericht" Ergebnis einer rund hundert Jahre alten Züchtungsforschung ist, die Hybridformen hervorgebracht hat, die vor allem eines leisten sollten, das Erntevolumen zu vergrößern.

Einer, der die Maiszüchtung in Deutschland seit vielen Jahren maßgeblich mitbestimmt hat, ist Dr. Walter Schmidt. Von 1989 bis 2013 war er beim größten deutschen Saatguthersteller, der KWS Saat AG in Einbeck, Leiter der Maiszüchtung, nachdem er dort bereits seit 1977 als Assistenzzüchter gearbeitet hatte. Seit rund vier Jahren betreut Dr. Schmidt ein KWS Capacity Development Projekt in Peru, das zum Ziel hat, die genetischen Ressourcen bei Mais und Quinoa zu erhalten.

Auf dem Symposium "Die Farbe der Forschung II - Das Innovationspotenzial von Beziehungsnetzen", das am 7./8. März 2014 in Berlin stattfand, hielt Dr. Schmidt einen Vortrag mit dem Titel "Koevolutionäre Pflanzenzüchtung: Dem Mais seine Mischkulturfähigkeit zurückgeben". Darin verdeutlichte er die Vorteile, die es mit sich bringt, wenn der Mais nicht in Reinkultur, sondern in Verbindung mit einer anderen Pflanze, in diesem Fall der Bohne, angebaut wird. Eigentlich ist das sogar die ursprüngliche Kultivierungsform, wie sie heute noch in einigen Regionen Lateinamerikas verbreitet ist, während die Landwirte mit dem Anbau in Reinkultur (oder womöglich sogar Monokultur) dem Bedarf der Futtermittel-, Lebensmittel- und Agrospritindustrie entgegengekommen sind. Dabei wurden nur allzu leicht andere Wertigkeiten, beispielsweise die Bewahrung der ökologischen Vielfalt oder ein geringerer Dünger- und Herbizideinsatz, vernachlässigt.

Im Anschluß an den Vortrag konnte der Schattenblick noch einmal bei dem Referenten mit Fragen nachfassen und dabei bestimmte Aspekte der Züchtungsforschung vertiefen.

Porträt - Foto: © 2014 'Die Auslöser, Berlin'

Dr. Walter Schmidt
Foto: © 2014 "Die Auslöser, Berlin"

Schattenblick (SB): Wenn man Ihnen zuhört, drängt sich vor allem eine Frage auf: Ist Mais die Agrarpflanze der Zukunft?

Walter Schmidt (WS): Mais ist auf jeden Fall die Agrarpflanze der Zukunft. Allein aufgrund seiner Leistungsstärke hat Mais eine ganz große Zukunft. Aber natürlich werden auch der Weizen, der Reis und die Sojabohne ihre bisherige große Bedeutung für die Welternährung behalten, und hoffentlich kommen noch andere große Kulturpflanzen dazu.

SB: Wie kommt die Leistungsstärke des Mais zustande?

WS: Der Mais ist in Folge der großen Investitionen, die im Laufe der letzten 100 Jahre in seine Züchtung geflossen sind, so stark geworden. Die Hybridzüchtung wurde ungefähr im Zeitraum 1910, 1912 von East [1] und Shull [2] vorgeschlagen. Von 1940 an haben sich die Hybridsorten auf dem US-amerikanischen Markt durchgesetzt, zunächst in Iowa und Illinois und danach auch in den anderen Bundesstaaten der USA. Da Hybridsorten nicht nachgebaut werden können und das Saatgut jedes Jahr gekauft wird, bestand ein guter Rückfluss für die Firmen, die entsprechend stark in die Maiszüchtung investiert haben. Wie ich in meinem Vortrag gezeigt habe, stiegen in den USA die Körnermaiserträge im Zeitraum von 1940 bis heute von 16 dt/ha auf rund 100 dt/ha an.

Zum Vergleich: Der Ertrag des Weizens - ein Selbstbefruchter, den die Landwirte aus dem Erntegut nachbauen können, - stieg im gleichen Zeitraum von 11 dt/ha auf bescheidene 28 dt/ha an. Der Grund: Die Nachbaufähigkeit führt zu einem geringeren Saatgutwechsel, zu niedrigeren Saatgutpreisen und in der Folge zu relativ geringen Gewinnen bei den Züchtungsunternehmen. Geringe Gewinne lassen nur bescheidene Züchtungsbudgets zu und bescheidene Züchtungsbudgets nur geringe Zuchtfortschritte. Nicht anders stellt sich die Situation bei der ebenfalls nachbaufähigen Sojabohne dar. Ihr Ertrag stieg in den USA zwischen 1940 und heute von 9 auf lediglich 25 dt/ha. Auch beim Mais hatte sich bis 1940 bezüglich des Zuchtfortschrittes nicht viel getan. Bis 1940 war der vorherrschende Sortentyp bei Mais die "offen abblühende Landsorte". Das ist auch ein Sortentyp, den der Landwirt ohne nennenswerten Ertragsverlust nachbauen kann, genauso wie die Selbstbefruchter Weizen und Soja. Die nicht-nachbaufähigen Hybridmaissorten brachten den Züchtungsunternehmen gute Gewinne. Diese ließen hohe Züchtungsbudgets zu. Entsprechend groß waren die Zuchtfortschritte. Und so hat der Mais heute ein Leistungsniveau erreicht, an das die anderen Getreidearten nicht herankommen.

SB: Die Kombination von Mais und Bohnen im Anbau sei gut für das Feld und gut für den Teller, sagten Sie. Wäre der Mais in dieser Kombination Ihrer Ansicht nach auch zur Sicherung der Welternährung geeignet?

WS: Ja klar. Die Mischkultur von Mais und Bohnen ist gut für das Feld, denn die Bohne fixiert den Stickstoff nicht nur für sich, sondern auch für den Leistungsträger Mais, und der Mais dient der Bohne als Bohnenstange. Und diese Mischkultur ist gut für den Teller, denn die Bohne ergänzt die Kohlenhydrate des Maises mit ihren wertvollen Proteinen. Weil sich diese beiden Kulturen so ideal auf dem Feld und auf dem Teller ergänzen, ist es für die Sicherung der Ernährung der Menschen in Mittel- und Südamerika und auch in großen Teilen Afrikas wichtig, dass auch zukünftig Mais- und Bohnensorten zur Verfügung stehen, die für die Mischkultur geeignet sind. Da man Mais auch erfolgreich ohne Bohnen anbauen kann, wenn man ihn mit mineralischem Stickstoff versorgt, setzt sich heute auch in den Ländern der Dritten Welt der Reinanbau von Mais mehr und mehr durch. Die Folge ist eine zunehmende Fehlernährung der Menschen in diesen Ländern. Sie ernähren sich mehr und mehr einseitig vom relativ preisgünstigen, aber proteinarmen Mais, dessen Protein noch dazu wenig Lysin und Tryptophan enthält.

Für eine ausgewogene Ernährung der Menschen in den Ländern, in denen der Mais das wichtigste Grundnahrungsmittel darstellt, wäre es wichtig, bei der traditionellen Mischkultur von Mais und Bohne zu bleiben und dort, wo man zum Reinanbau übergegangen ist, zum Mischanbau zurückzukehren. So würde die Fehlernährung der Menschen korrigiert und der Zukauf von mineralischem Stickstoffdünger könnte reduziert werden. Für die Sicherung der Ernährung der Menschen in allen Ländern, in denen der Mais das wichtigste Grundnahrungsmittel darstellt, ist es weiter extrem wichtig, dass ihnen ihre traditionellen Landsorten weiterhin zur Verfügung stehen, denn diese wurden über viele Jahrhunderte ausschließlich für die menschliche Ernährung entwickelt. Auch heute noch werden in Peru 90 Prozent des Maises für die menschliche Ernährung und nur 10 Prozent für andere Zwecke wie beispielsweise zum Füttern der Hühner verwendet. In Peru gibt es über 3000 verschiedene Maissorten. Nicht nur für jede Region, sondern auch für jeden Verwendungszweck gibt es spezielle Sorten.

Die kräftigen Maispflanzen dienen jeweils Kürbis und Bohne als Stütze zum Ranken - Foto: © Walter Schmidt

Das Milpa-System: Anbau der "3 Schwestern": Stangenbohnen (rechts im Bild) und Kürbis (links im Bild) am Mais, angebaut in einem wissenschaftlichen Versuch 2013 in Göttingen
Foto: © Walter Schmidt

Es besteht eine gewisse Gefahr, dass die Vielfalt der adaptierten Sorten mehr und mehr von Hochleistungssorten verdrängt wird, deren Genmaterial zu erheblichen Teilen auf nordamerikanisches Zuchtmaterial zurückgeht, das nicht für die menschliche Ernährung, sondern für die Fütterung von Hühnern, Schweinen und Rindern züchterisch optimiert wurde. Als eines der bedeutendsten Pflanzenzüchtungsunternehmen der Welt sieht sich die KWS SAAT AG hier in der Verantwortung. Im Rahmen eines umfangreichen Capacity Development Projektes leistet die KWS SAAT AG einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der genetischen Ressourcen in Peru. Ein dritter Aspekt ist für die zukünftige Sicherung der Ernährung der Menschen in der Dritten Welt ebenfalls sehr wichtig: Der Mais, der bisher Grundnahrungsmittel der Menschen war, darf den Menschen zukünftig nicht vorenthalten und verfüttert werden. Die Maiskolben und die Bohnen sollen auch zukünftig für die menschliche Ernährung zur Verfügung stehen und nur das Mais- und Bohnenstroh sollte an Tiere, in diesem Fall an die Wiederkäuer, verfüttert werden. So war es bisher in Peru Tradition. Nach der Ernte der Maiskolben und der Bohnen wurden bisher das trockene Maisstroh und gegebenenfalls auch das Bohnenstroh nach Hause getragen, um damit die Rinder zu füttern.

Anfangs hatte ich gedacht, na ja, wenn die Bauern nur das Maisstroh ohne Kolben verfüttern, dann kommen die Rinder zwar durch den Winter, aber sie nehmen dabei ab und werden erst im Frühjahr, wenn sie auf die Weide kommen, wieder zunehmen. Doch das stimmt nicht. Ich habe mit Professor Windisch [3] aus Weihenstephan darüber gesprochen. Von ihm habe ich gelernt, das Maisstroh hat einen so hohen Futterwert wie gutes Heu. Die Rinder nehmen im Winter nicht ab, sondern zu, auch wenn sie nur mit der Mais-Restpflanze gefüttert werden. Und wie wir gestern gehört haben [4], ist das Maisstroh aufgrund seiner Zusammensetzung absolut wiederkäuergerecht. Von Natur aus sind die Wiederkäuer gewohnt, entweder frisches Gras oder Heu zu fressen, wodurch sie viel Zucker, Hemizellulose und Zellulose, aber keine Stärke aufnehmen, weil Gras und Heu praktisch körnerlos sind. Wiederkäuer haben sich nie von einem Stärkelieferanten ernährt. Und wenn die Restpflanze einen so hohen Futterwert hat wie gutes Heu, ist es aus ethischen Gründen geradezu geboten, die wertvollen Kolben auf dem Teller der Menschen zu belassen und nur die weniger wertvollen Restpflanzen von Bohne und Mais den Wiederkäuern vorzulegen. Wenn in der Mais/Stangenbohnen-Mischkultur durch die Bohne sowohl die Nahrung als auch das Futter proteinreicher werden, dann ist das sowohl für die Menschen gut wie auch für die Wiederkäuer.

SB: Und somit auch für die Welternährung.

WS: Genau.

SB: Was bedeutet in der Pflanzenzüchtung koevolutionär?

WS: Koevolution heißt, dass sich mindestens zwei Kulturarten miteinander und gleichzeitig auf einander zu entwickelt haben, beispielsweise Mais und Bohnen. Wenn ich Mais anbaue und nehme die Bohne dazu, und ich selektiere dann im Mischbestand die schönsten Maiskolben, dann haben die selektierten Maispflanzen diese Leistung in der Gesellschaft der Bohne erbracht und deren Stickstoffangebot optimal genutzt. Und wenn ich auch die Bohnen im Mischbestand mit dem Mais selektiere, dann haben die besten die Konkurrenz des Maises gut ausgehalten. Das Ziel einer solchen koevolutionären Züchtungsstrategie sind Mais- und Bohnensorten, die aus der Partnerschaft einen optimalen Nutzen ziehen.

Über viele Jahrhunderte, wenn nicht über einige tausend Jahre, haben die Bauern Mais und Bohnen nicht im Reinanbau selektiert, sondern immer in Gesellschaft. So haben sich automatisch in beiden Kulturarten die Typen durchgesetzt, die sich nicht wie Konkurrenten verhielten, sondern wie Partner. Erst die moderne Pflanzenzüchtung hat die Bohne nicht mehr am Mais, sondern im Reinanbau an der Bohnenstange selektiert und den Mais nicht mehr im Mischanbau mit der Bohne, sondern im Reinanbau. Das führt zu anderen Selektionsergebnissen auf beiden Seiten. Viele Bohnensorten, die an der Stange eine gute Leistung zeigen, halten die Konkurrenz des Maises nicht aus. Und umgekehrt, viele Maissorten, die im Reinanbau eine hohe Leistung zeigen, können von der Bohne nicht profitieren oder erdrücken gar deren Entwicklung.

Ein analoges "koevolutionäres Züchtungssystem" haben wir in der Hybridzüchtung, mit einem Genpool auf der Mutterseite und einem anderen Genpool auf der Vaterseite. In Deutschland steht der Dent-Mais [5], ursprünglich von Nordamerika kommend, auf der Mutterseite der Hybriden. Auf der Vaterseite haben wir Zuchtmaterial, das auf den europäischen Flint-Mais [6] zurückgeht. In der Hybridmaiszüchtung wurde immer der Dent-Mais verbessert in der Kombinationsfähigkeit zum Flint-Mais. Und der Flint-Mais in der Kombinationsfähigkeit zum Dent-Mais. Nicht die Eigenleistung eines Genpools ist entscheidend, sondern die Kombinationsfähigkeit zu einem komplementären Gegenpool. Das nennt man in der Züchtung reziproke, rekurrente Selektion. Rekurrent heißt wiederkehrend, zyklisch, und reziprok heißt zueinander, komplementär. Und so haben wir das praktisch in Peru oder Mexiko mit dem Mais und der Bohne. Es werden immer die Mais- und die Bohnenpflanzen selektiert, die jeweils mit dem anderen Partner gut harmonieren. So hat sich die Leistung der Mischkultur über Jahrhunderte hochgeschaukelt, das ist Koevolution.

Laut Professor Schmid von der Universität Hohenheim [7] haben sich alle Getreidearten zusammen mit Leguminosen [8] entwickelt. Irgendwo mussten die Getreide ja ihren Stickstoff herkriegen. Mit meinem Konzept, Mais und Bohne zusammen anzubauen, komme ich also einfach nur zu einem System zurück, das irgendwann durch die moderne Landwirtschaft und die moderne Züchtung unterbrochen wurde. Wenn man beim Züchten ein Zuchtziel anstrebt, von dem man die Pflanze eine Zeitlang durch Selektion wegbewegt hat, ist das Erreichen der früheren Eigenschaft relativ einfach. Was die Pflanze schon mal konnte, kann man ihr leicht wieder anzüchten. Dennoch wird es mehr als ein Jahrzehnt dauern, bis wir die beiden Kulturarten wieder optimal aneinander angepasst haben. Die koevolutionäre Pflanzenzüchtung wird die herkömmliche Pflanzenzüchtung für die Reinkultur auch nicht ersetzen. Aber sie wird sie ergänzen. Manche Zuchtziele werden sich leichter über eine Züchtung im Reinanbau und manche leichter über eine koevolutionäre Züchtung erreichen lassen.

SB: Was passiert, wenn der Mais in Reinanbau weiterentwickelt wird? Was passiert insbesondere mit seiner Konkurrenzfähigkeit?

WS: Das ist ganz leicht zu erklären. Wenn ich Maispflanzen im Reinanbau selektiere und sie dabei sehr gut mit Dünger versorge und es ihnen in keiner Weise an irgendwelchen Nährstoffen mangelt, dann werden bei der Selektion automatisch die Sorten bevorzugt, die wenig in die Wurzel investieren, weil sie kein großes Wurzelsystem brauchen, da sie quasi in den Nährstoffen schwimmen. Es werden die Maispflanzen selektiert, die vorwiegend in den Blattapparat für die Assimilation und dann in die Kolben investieren. Hat aber eine Pflanze nur noch ein kleines Wurzelwerk, dann kann ihr das Unkraut das Wasser "unter den Füßen" wegziehen - ihre Konkurrenzkraft leidet. Doch wenn ich Maispflanzen unter einem geringen Düngerangebot selektiere, dann selektiere ich automatisch solche Pflanzen, die erst einmal ihre Assimilate heranziehen, um ein großes Wurzelwerk aufzubauen, das dann die Pflanzen auch bei Nährstoffknappheit ausreichend mit Nähstoffen versorgen kann. Ein großes Wurzelwerk verleiht der Pflanze gleichzeitig eine starke Konkurrenzkraft gegenüber dem Unkraut und ein hohes Maß an Trockenstresstolereranz und Eignung für den Mischanbau.

Oder nehmen wir die Mykorrhizierung [9]. Über deren Einfluss hat ja Prof. Wiemken [10] in seinem Vortrag berichtet. Die Mykorrhizierung bringt dann sehr viel, wenn es der Pflanze an Nährstoffen mangelt, insbesondere an Phosphor. Wenn ich aber Phosphor im Überschuss als Dünger zugebe, dann ist die Pflanze benachteiligt, die ihre Assimilate verwendet, um den Pilz zu füttern, damit er viele Hyphen ausbilden kann, weil die Assimilate dann oben zur Kolbenausbildung fehlen. Der Vorteil, dass der Pilz der Maispflanze Nährstoffe heranschafft, bringt der Maispflanze nichts, wenn sie ohnehin schon in Nährstoffen schwimmt.

20 Gefäße mit verschiedenen Maiskornsorten - Foto: © Walter Schmidt

Die Biodiversität des Maises
Foto: © Walter Schmidt

SB: Es wird gesagt, dass der normale Maisanbau zur vermehrten Bodenerosion führt und dass dieser Effekt durch die Klimaerwärmung verstärkt wird. Könnte man dem Mais ein besseres Image verschaffen, wenn man für eine dichtere Bodenbedeckung sorgt?

WS: Wenn man im Pflanzenbau Fehler macht und Mais in Hanglagen anbaut, dann ist nicht der Mais schuld an der Erosion, sondern der Anbauer, der auf die hohe Leistungsfähigkeit des Maises partout nicht verzichten will und bewusst das Risiko einer Bodenerosion in Kauf nimmt. Direktsaat, Untersaaten und Mischkulturen können das Risiko einer Erosion mildern.

SB: Wie trennt man Bohnen vom Mais, die zusammen geerntet wurden?

WS: Beim Körnermais/Käferbohnen-Mischanbau ist die Trennung einfach. In der Steiermark werden jedes Jahr 800 bis 1.000 Hektar Mais und Käferbohne im Mischanbau produziert. Die beiden Kulturarten werden zusammen gedrillt, sie wachsen zusammen, blühen zusammen, und im Herbst, wenn Mais und Bohne reif sind, wird das Gemenge miteinander gedroschen. Da die Bohne ein viel größeres Korn hat - die Käferbohne liegt ungefähr bei 1.400, 1.600 Gramm pro 1.000 Körner, der Mais, den man da verwendet, vielleicht bei 250 oder 280 Gramm -, lässt man das Erntegut einfach über ein Sieb laufen. Dann hat man die Bohne vom Mais getrennt. Die Bohne geht in der Steiermark in die menschliche Ernährung und der Mais in die Fütterung.

Wenn ich aber Mais und Bohne zusammen für die Energieproduktion anbaue, brauche ich gar nicht zu trennen. Das Gemenge wird miteinander gehäckselt, siliert [11] und geht dann in die Biogasanlage.

Die Eignung von Mais/Bohnen-Ganzpflanzengemengen für die Wiederkäuerfütterung und die Eignung von Mais/Bohnen-Körnergemengen für die Fütterung an Schweine und Hühner sind bisher noch nicht ausreichend untersucht. Aber in ersten Fütterungsversuchen, die schon 2008 von Dr. Georg (von der Firma RAGT) in Kooperation mit der Universität Halle durchgeführt wurden, haben die Milchkühe die silierten Mais/Stangenbohnen-Gemenge genauso gern gefressen wie reine Maissilagen. Es werden gerade weitere, umfangreichere wissenschaftliche Untersuchungen initiiert, in denen festgestellt werden soll, ob und in welchen Mengen Mischsilagen an Wiederkäuer verfüttert werden können und welche Mengen an Sojaimporten man gegebenenfalls durch den Mischanbau einsparen kann. Wenn es sich herausstellt, dass das Mais/Bohnen-Gemenge für die Fütterung von Wiederkäuern gut geeignet ist, dann würde das Gemenge auch hier zusammen gehäckselt werden, ginge zusammen ins Silo und würde zusammen verfüttert werden. Man bräuchte Mais und Bohnen nicht zu trennen. Wenn man das Gemenge der Körner von Mais und Bohne in der Schweine- und Hühnerfütterung einsetzen kann, würde man auch da die Maiskörner und die Bohnenkörner zusammen ernten und das Gemenge ohne Trennung feucht silieren.

11 Reihen von in Farbe und Form verschiedenen Bohnen - Foto: © Walter Schmidt

Biodiversität der Bohne
Foto: © Walter Schmidt

SB: Worin unterscheidet sich vom Züchterischen her die grüne Gentechnik von herkömmlichen Züchtungsverfahren?

WS: Der grundsätzliche Unterschied liegt darin, dass man mit Hilfe der Gentechnik Gene in den Mais einbringen kann, die der Mais vorher nicht hatte. Alles andere in der Züchtung läuft parallel. Es gibt keine neuen Maisentwicklungen in den USA, ohne dass diesen die ganz normale konventionelle Züchtung zugrunde liegt. Wenn man ein neues Event in den Mais einbringt, dann integriert man dies in neue Inzuchtlinien, die aus der reziproken rekurrenten Selektion hervorgegangen sind. Manche Zuchtziele kann man in der Züchtung auf verschiedenen Wegen erreichen. Ich hatte in meinem Vortrag das Beispiel der Selektion auf Trockenheitstoleranz auf Low-input-Flächen [12] genannt. Da werden Hybriden gezüchtet, die mit der Trockenheit besser zurechtkommen. Wir haben bei KWS extrem gute Erfahrungen mit dieser Art der Selektion auf Low-Input-Flächen gemacht. Aber es existiert auch eine Alternative von Seiten der Gentechnik. Es gibt Events, die dem Mais eine bessere Trockenstresstoleranz verleihen. Beide Wege können zielführend sein.

SB: Wird in der konventionellen Züchtung auch mit Markern gearbeitet?

WS: Ja, natürlich. Marker haben eine ganz große Zukunft und zwar über die genomische Selektion. Wir arbeiten bei KWS seit vielen Jahren mit Markern, wobei diese bisher mehr für Genpool-Einteilungen verwendet wurden sowie für die Übertragung von sogenannten QTLs (Quantitative Trait Loci). Das sind spezifische Chromosomen-Segmente, auf denen beispielsweise Gene für eine besonders gute Kältetoleranz oder für eine gute Helminthosporium-Toleranz liegen. Die große Zukunft der Marker liegt jedoch in der genomischen Selektion.

Ich habe mal vor ein paar Monaten die bayerische Bauernzeitung durchgeblättert und bin auf eine Tabelle mit den Zuchtwerten der zehn besten Stiere gestoßen, deren Zuchtwert - wie früher üblich - über eine Nachkommenschaftsprüfung ermittelt wurde. Gleich darunter war eine weitere Tabelle, in der die zehn besten Stiere basierend auf der Zuchtwertschätzung über genomische Selektion aufgeführt waren. In der Tierzüchtung hat die genomische Selektion schon so weit in die Praxis Eingang gefunden, dass bereits die Landwirte danach ihre Stiere für die künstliche Besamung ihrer Kühe aussuchen. Bei KWS wenden wir die genomische Selektion seit langem zur weiteren Beschleunigung des Selektionsgewinnes an. Sie verschafft uns die Möglichkeit, auch dann zu selektieren, wenn man draußen auf dem Feld nicht selektieren kann, zum Beispiel in den Winterzuchtgärten.

In Chile oder in Puerto Rico können wir in den Wintergenerationen auf bestimmte Krankheitsresistenzen, die wir in Deutschland brauchen, nicht selektieren, weil es dort diese Krankheiten nicht gibt. Das können wir aber dort mit Markern tun. Auch den Zuchtwert für den gesamten Genotyp können wir im Winterzuchtgarten mit Markern schätzen, während wir ihn dort nicht über eine Leistungsprüfung ermitteln können. Dort ermittelte Ergebnisse hätten überhaupt keine Aussagekraft für unsere Maisregionen in Deutschland. Aber die genomische Selektion können wir an den Genotypen in Puerto Rico oder in Chile anwenden. Das beschleunigt natürlich ungeheuer den Zuchtfortschritt.

SB: Wir haben jetzt sehr viel über die Vorteile der Partnerschaften von Pflanzen erfahren. Was wären Ihrer Einschätzung nach die Nachteile?

WS: Was den Mais/Stangenbohnen-Mischanbau betrifft, wissen wir noch nicht, was die optimalen Bestandsdichten für Mais und Bohnen sind, da wir ja die Sorten dazu erst entwickeln. Und wir müssen sicher noch an den Herbiziden arbeiten. In der Mischkultur müssen ja beide Partner, der Mais und die Bohne, das Herbizid vertragen. Im Ökolandbau ist natürlich die Herbizidtoleranz kein Thema. Die pflanzenbaulichen Aspekte des Mais/Stangenbohnen-Mischanbaus werden unter anderem von Prof. Carola Pekrun [13] und von Prof. Michael Wachendorf [14] untersucht. Die FNR, die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe, fördert sowohl diese Forschungsarbeiten zu den pflanzenbaulichen Fragestellungen wie auch die Entwicklung von Mais- und Bohnensorten für die Mischkultur. Dafür sind wir der FNR zu großem Dank verpflichtet.

SB: Herzlichen Dank, Herr Dr. Schmidt, für Ihre sehr ausführlichen Erläuterungen.

Feld mit ausgewachsenen Maispflanzen, an denen sich Stangenbohnen emporwinden - Foto: © Walter Schmidt

Mais/Stangenbohnen-Mischanbau in Peru
Foto: © Walter Schmidt


Fußnoten:

[1] Edward Murray East (4.10.1879 - 9.11.1938): US-amerikanischer Pflanzengenetiker und Agronom.

[2] George Harrison Shull (15.4.1874 - 28.9.1954): US-amerikanischer Pflanzengenetiker.

[3] Prof. Dr. Wilhelm Windisch: Lehrstuhl Tierernährung am Wissenschaftszentrum Weihenstephan, Fakultät für Ernährung, Landnutzung und Umwelt.

[4] In dem Vortrag von Anet Spengler und Anita Idel zum Thema: "Grasland, Herden und HirtInnen"

[5] Dent-Mais: Zahnmais

[6] Flint-Mais: Hartmais

[7] Prof. Dr. Karl Schmid, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Pflanzenzüchtung, Saatgutforschung und Populationsgenetik der Universität Hohenheim.

[8] Leguminose: Hülsenfrüchtler

[9] Mykorrhizierung ist die künstliche Besiedelung einer Wurzel mit Symbiosepilzen.

[10] Prof. Andres Wiemken, Universität Basel. Er hielt den Vortrag: "Pflanzen-Mykorrhiza-Netze: ein dynamischer Marktplatz im Boden"

[11] Silieren - Herstellen von Silage. Dabei werden die pflanzlichen Stoffe durch Milchsäuregärung konserviert.

[12] Low-input-Flächen: Flächen, auf die nur geringe Inputs (beispielsweise Dünger) von außen eingebracht werden.

[13] Prof. Dr. Carola Pekrun: Leiterin des Instituts für Angewandte Agrarforschung der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen.

[14] Prof. Dr. Michael Wachendorf, Ökologische Agrarwissenschaften, Fachbereich Grünlandwissenschaft und Nachwachsende Rohstoffe, Witzenhausen, Universität Kassel.

Weitere Berichte und Interviews zum Berliner Symposium "Die Farbe der Forschung II" vom 7. und 8. März 2014 finden Sie unter dem kategorischen Titel "Treffen der Wege":
http://www.schattenblick.de/infopool/umwelt/ip_umwelt_report_bericht.shtml
und
http:/www.schattenblick.de/infopool/umwelt/ip_umwelt_report_interview.shtml

BERICHT/067: Treffen der Wege - Ökosynaptische Knoten (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/umwelt/report/umrb0067.html

BERICHT/068: Treffen der Wege - Urknallverständigung (SB)
Gedanken zum Vortrag von Saira Mian "Am Schnittpunkt von Kommunikationstheorie, Kryptographie und Agrarökologie"
http://www.schattenblick.de/infopool/umwelt/report/umrb0068.html

BERICHT/070: Treffen der Wege - Von Auflösungen auf Lösungen (SB)
Über den Vortrag von Ina Praetorius "Beziehungen leben und denken. Eine philosophische Spurensuche"
http://www.schattenblick.de/infopool/umwelt/report/umrb0070.html

INTERVIEW/077: Treffen der Wege - Reform alter Werte, Ina Praetorius im Gespräch (SB)
Ina Praetorius über Beziehungen, den Wandel wörtlicher Werte und das Postpatriarchiale Durcheinander
http://www.schattenblick.de/infopool/umwelt/report/umri0077.html

INTERVIEW/078: Treffen der Wege - Das Flüstern im Walde, Florianne Koechlin im Gespräch (SB)
Florianne Koechlin über das Bewußtsein und die Würde von Pflanzen sowie über Grenzen, die der Mensch verletzt
http://www.schattenblick.de/infopool/umwelt/report/umri0078.html

INTERVIEW/088: Treffen der Wege - Ökoideologische Träume..., Biobauer Sepp Braun im Gespräch (SB)
Josef Braun über die Vernetzung von Wald, Wiese und Acker
http://www.schattenblick.de/infopool/umwelt/report/umri0088.html

INTERVIEW/089: Treffen der Wege - Kahlfraß und Kulturen, Prof. Dr. K. Jürgen Friedel im Gespräch (SB)
Professor Dr. K. Jürgen Friedel über Pflanzennährstoffmobilisierung, Nährstoffwirkung, Nährstoffmangel, Forschungsmethoden und Rudolf Steiner
http://schattenblick.com/infopool/umwelt/report/umri0089.html

INTERVIEW/094: Treffen der Wege - Grüne Netze aus der Hand ... Dr. Christa Müller im Gespräch (SB)
Dr. Christa Müller über die Auflösung der Grenze zwischen Kultur und Natur am Beispiel der Stadtentwicklung
http://schattenblick.com/infopool/umwelt/report/umri0094.html

INTERVIEW/095: Treffen der Wege - Pilze, Pflanzen, Landwirtschaft ... Prof. Andres Wiemken im Gespräch (SB)
Professor emeritus Andres Wiemken über das WWW, das Wood Wide Web, in dem Pilze und Pflanzen in Symbiose leben
http://schattenblick.com/infopool/umwelt/report/umri0095.html

INTERVIEW/099: Treffen der Wege - gesät, begrünt, begriffen ... Bastiaan Frich im Gespräch (SB)
Bastiaan Frich über Networking und das Anlegen von urbanen Gärten als Begegnungs- und Erlebnisraum in Basel
http://schattenblick.com/infopool/umwelt/report/umri0099.html

INTERVIEW/100: Treffen der Wege - von unten nach oben ... Christoph Fischer im Gespräch (SB)
Christoph Fischer über die Intelligenz hilfreicher Mikroorganismen und andere vernachlässigte Ressourcen des Lebens
http://schattenblick.com/infopool/umwelt/report/umri0100.html

INTERVIEW/101: Treffen der Wege - Aufklärung ohne Profit ... Willem A. Stoop im Gespräch (SB)
Dr. Willem A. Stoop über das System der Reis-Intensivierung und warum es von Saatgutuntenehmen nicht stärker erforscht wird
http://schattenblick.com/infopool/umwelt/report/umri0101.html

INTERVIEW/102: Treffen der Wege - Rückschritt durch die Hintertür, Dr. Angelika Hilbeck im Gespräch (SB)
Dr. Angelika Hilbeck über den Fehler der GenTech-Kritik, sich auf sicherem Terrain zu wähnen, Gene-Editing und den Vorstoß der industrienahen Forschung, den Diskurs zu beherrschen, ehe er noch begonnen hat ...
http://schattenblick.com/infopool/umwelt/report/umri0102.html

7. Mai 2014