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INTERVIEW/193: Hambacher Forst - Kenntnis, Nähe und Gebrauch ...    Michael Zobel im Gespräch (SB)


Waldführungen - "Man kann nur schützen, was man auch kennt"

Interview im Hambacher Forst am 14. Juni 2015


Fast wäre die Tausend voll geworden. Nur einige wenige Gäste fehlten, um die 14. Führung durch den Hambacher Forst mit dieser Gesamtzahl an Besucherinnen und Besuchern krönen zu können. Einmal im Monat leitet der Waldpädagoge und Naturführer Michael Zobel eine Gruppe Interessierter durch den ältesten Wald Nordrhein-Westfalens oder genauer gesagt, das, was die Rodungsmaschinen und Schaufelradbagger von ihm übriggelassen haben. Daß die seit über drei Jahren währende, durch keine Räumung der Polizei gänzlich zu beendende Besetzung des Waldes seine Zustimmung und Unterstützung findet, versteht sich in Anbetracht seines Einsatzes für den Erhalt der Natur von selbst.

Tatsächlich müßte diese Führung als "pädagogisch wertvoll" gefördert und allgemein empfohlen werden. Auf direkterem Wege läßt sich der Widerspruch zwischen dem Erhalt des erdgeschichtlichen Erbes, das der Mensch nicht nur zu eigenen, sondern zu Lasten aller Lebewesen verheizt, und des seine einzigartige Bedeutung und seinen unersetzlichen Charakter negierenden Zugriffs industrieller Verbrauchs- und kapitalistischer Verwertungslogik kaum auf den Punkt eigener Erkenntnis bringen. Im Anschluß an die vier Stunden währende Wanderung durch den verbliebenen Wald bis in Sichtweite der Abrißkante des Hambacher Lochs und über den stillgelegten Teil der Autobahn A 4 beantwortete Michael Zobel dem Schattenblick einige Fragen.


Bei der Führung im Hambacher Forst - Foto: © 2015 by Schattenblick

Michael Zobel
Foto: © 2015 by Schattenblick

Schattenblick (SB): Herr Zobel, die Frage der Waldnutzung wird im wesentlichen unter Freizeit- oder Holzwirtschaftsgesichtspunkten erörtert. Welche Bedeutung hat der Wald für Sie als Waldpädagoge?

Michael Zobel (MZ): Jeder Mensch hat einen Bezug zum Wald und zur Natur, viele von uns noch aus der Kindheit, als der Umgang ein ganz anderer war. Ich kann mich daran erinnern, daß ich wie selbstverständlich viel draußen war. Das ist in der heutigen Generation anders geworden. Der Kontakt ist nicht mehr so gegeben. Ich lebe davon als Naturführer, daß viele Menschen, die zu mir kommen, die Beziehung zur Natur fast schon vollständig verloren haben. Natürlich habe ich auch Tage in meinem Beruf, wo ich keine Lust habe hinauszugehen, aber sobald ich dann draußen bin, spüre ich die heilende Wirkung des Waldes. Es ist schön, einfach nur in der Natur zu sein, sich einmal hinzusetzen, still zu sein und zu hören, zu riechen und zu fühlen. Das ist für uns Menschen wichtig und kommt im Alltag viel zu kurz. Das sollte man sich viel öfter gönnen.

Jeder hat irgendwie Natur vor der Haustür und kann rausgehen. Zum Glück gibt es in unserer mitteleuropäischen Landschaft noch Naturbereiche, die mehr oder weniger wildwüchsig geblieben sind. Ich erlebe in meinem Beruf jeden Tag aufs neue, wie gut mir das tut, und den Menschen, mit denen ich unterwegs bin, geht es ähnlich. Einmal abschalten zu können von den wirtschaftlichen Verhältnissen, in die wir eingebunden sind und die eine so große Rolle in unserem Leben spielen. Hinausgehen und einfach wahrnehmen, alle Sinne schulen. Das geht unglaublich gut in der Natur.


Buchengeäst, Hainbuchenstamm - Fotos: © 2015 by Schattenblick  Buchengeäst, Hainbuchenstamm - Fotos: © 2015 by Schattenblick

Über mehrere Menschenalter gewachsene Formenvielfalt
Fotos: © 2015 by Schattenblick

SB: Es gibt eine lange kulturhistorische Tradition des Waldes in Deutschland, die unter anderem auch Eingang in die romantische Literatur gefunden hat. Heutzutage wird der Wald im wesentlichen vernutzt und nicht selten auch regelrecht zerstört. Existiert überhaupt noch eine gelebte oder gefühlte Beziehung zu dieser Waldtradition im Bewußtsein der Menschen?

MZ: Das hat sich natürlich über die Generationen sehr verändert. Als Kind hat mir meine Oma im Wald die Pilze und Pflanzen gezeigt und auch erklärt, wie man sie kochen kann und welche medizinischen Zwecke manche Pflanzen erfüllen. Die Generationen vor uns hatten einen viel engeren Bezug zur Natur. Sie haben viel mehr mit der Natur gelebt und damit auch den Wechsel der Jahreszeiten viel intensiver erfahren. Das geht in unserem heutigen Alltag und der technisierten Welt immer mehr verloren. Eine spezielle Aufgabe in meinem Beruf besteht darin, bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen diesen Bezug wiederherzustellen und ihnen zu zeigen, wie wir aufeinander angewiesen sind. Vielen ist nicht klar, daß wir ohne die Natur und den Wald nicht leben können. Es geht nicht allein mit Autos, Benzinabgasen und Hochhäusern, wir brauchen die Natur und ihre Schätze, die sie bietet, wir brauchen die fruchtbaren Böden, die Tiere, die Bienen, die die Blüten befruchten usw. Es muß den Menschen wieder klarer werden, daß all das zusammenhängt. Täglich kann ich erleben, wie Menschen staunend dastehen und nicht mehr wissen, was sie vor ihrer Haustür oder unter ihren Füßen haben. Ihnen das zu zeigen ist wichtig, damit der Kontakt zu unserer Umwelt wieder intensiver wird. Mit meinen bescheidenen Mitteln versuche ich ihnen zu vermitteln, daß man nur schützen kann, was man auch kennt.

SB: In der Forstwirtschaft wird der Wald als ein sich im Wandel befindliches Ökosystem betrachtet, in dem Bäume gefällt und wieder aufgeforstet werden. Laut Statistik soll die Waldfläche seit Jahren sogar wieder zunehmen. Können Sie erklären, wie dieser Wandel vonstatten geht?

MZ: Ich kann natürlich nur für Gebiete sprechen, die ich kenne. Ich bin im Aachener Wald zu Hause, der ein Paradebeispiel dafür ist, wie es auch gehen kann. Dort setzt man seit vielen Jahren auf die Naturverjüngung, das heißt, es wird sehr wenig gepflanzt, man überläßt den Bäumen das Aussäen selbst. Das Ergebnis ist ein sehr stabiler und gesunder Mischwald. Überhaupt geht man weg von den Monokulturen, die man jahrzehnte-, mitunter jahrhundertelang mit den Fichten betrieben hat, weil man erkannt hat, daß diese Art der Aufforstung ökologisch gesehen eine Katastrophe ist.

Ein Mischwald bereitet den Holzfällern zwar mehr Arbeit, weil sie keine Kahlschläge mehr machen, sondern immer nur einzelne Bäume herausholen können, aber man hat dafür einen weniger anfälligen Wald. Bei der Frage des ökologischen Wandels fällt oft das Wort Nachhaltigkeit, das eigentlich aus der Forstwirtschaft kommt. Wenn man das vernünftig und mit wissenschaftlichen Erkenntnissen macht, läßt sich fast schon erreichen, daß nur so viel abgeholzt wird, wie nachwächst. Es ist durchaus möglich, das Ökosystem Wald zu erhalten und trotzdem zu bewirtschaften. Wichtig ist natürlich, daß es weiterhin Nationalparks und Kernzonen gibt, wo nichts gemacht wird.

SB: Am Anfang der Führung erwähnten Sie, daß Sie an dieser Stelle gerne ein Bibelzitat gebracht hätten. Hat der christliche Glaube für Sie eine Rolle gespielt, daß Sie Waldpädagoge geworden sind oder sich überhaupt für den Wald interessieren?

MZ: Nein, gar nicht. Es ist nur so, daß ich die ersten Verse der Schöpfungsgeschichte gerne einbringe, weil es dort darum geht, was alles geschaffen worden ist, welchen Nutzen es hat und daß alles aufeinander angewiesen ist. In kaum einem anderen Zitat kommt das so schön rüber. Natürlich bin ich als Mensch in unserer mitteleuropäischen Heimat christlich geprägt, aber ich habe keinen besonderen Bezug zur Kirche. Dennoch finde ich viele Texte aus der Bibel gut und für das Thema passend.


Blick über Autobahn auf Hambacher Tagebau - Foto: © 2015 by Schattenblick

Die Rodungen haben die alte Autobahn erreicht
Foto: © 2015 by Schattenblick

SB: RWE hat in relativer Nähe zur Grube an der neuen Autobahn eine Allee der Bäume des Jahres gepflanzt. Was halten Sie von dieser Maßnahme?

MZ: Wir sind hier an der alten Autobahn, drei Kilometer weiter läuft die neue, die in einer Länge von 17 Kilometern den entstehenden Tagebau umgeht. Diese 17 Kilometer lange Trasse hat übrigens 170 Millionen Euro gekostet, wovon RWE 80 Millionen Euro übernommen hat, den Rest mußten die Steuerzahler aufbringen - so viel zum Thema Subventionen. Als Krönung all dessen hat RWE an dieser Autobahn die Allee "Bäume des Jahres" angelegt. Die Einrichtung "Baum des Jahres" gibt es seit 1989, also seit 26 Jahren. Nun steht immer im Abstand von 250 Metern jeweils ein Baum des Jahres mit einem großen Schild dran - Stileiche, Erle, Weißbuche usw. 26 Baumsorten hintereinander, immer fünf Bäumchen direkt neben der Leitplanke in beide Richtungen eingepflanzt.

An jeder anderen Autobahn wäre das vielleicht eine witzige Idee gewesen, aber hier kenne ich die Zusammenhänge und weiß, daß zwei Kilometer weiter von den eingepflanzten Bäumchen der älteste Wald Nordrhein-Westfalens komplett vernichtet wird. Die ganze Aktion ist einfach nur zynisch. Wenn man die Trasse entlangfährt, kann man sehen, daß die ersten Bäume inzwischen eingegangen sind und die anderen so nah an der Leitplanke stehen, daß sie, wenn sie etwas größer werden, wahrscheinlich aus Sicherheitsgründen gefällt werden müssen. Und als Gipfel der Unverschämtheit hat RWE das auch noch als ökologische Ausgleichsmaßnahme verkauft. Auf der einen Seite werden Millionen von Bäumen gefällt und auf der anderen 26 mal fünf kleine Bäumchen gepflanzt. Bei dieser ungeheuerlichen Verdrehung der Tatsachen fehlen mir wirklich die Worte.

SB: Der Hambacher Forst hatte einmal eine Größe von 6000 Hektar gehabt. Er ist über 1000 Jahre alt und wird nun seit Jahrzehnten bis auf einen kleinen Rest abgebaggert. Erstaunlicherweise ist dies den meisten Menschen unbekannt, obwohl zum Beispiel das Abholzen von Bäumen in der Stadt viel Aufregung erzeugt. Wie kann es sein, daß ein wertvoller Baumbestand über Jahrzehnte sang- und klanglos verschwindet und erst auf den letzten Metern ein öffentlicher Streit entfacht wird?


Von Bäumen umsäumte Autobahn - Foto: © 2015 by Schattenblick

Irgendwann holt sich der Wald alles zurück ...
Foto: © 2015 by Schattenblick

MZ: Das ist schwer zu erklären. Der Hambacher Tagebau hat 1978 begonnen. Von den späten 70er Jahren bis Anfang der 90er Jahre hinein hat man den Abbau der Braunkohle gar nicht in Frage gestellt. Gerade in dieser Gegend galt es als gottgegeben. Viele Menschen hatten damals bei Rheinbraun - jetzt RWE - gearbeitet und gut verdient. Das Schweigen wird sozusagen erkauft. Dafür gibt es viele Beispiele, sei es, daß der Sportverein eine neue Flutlichtanlage und die Schule besonderes Lehrmaterial bekommt, oder sei es, daß für das Schützenfest gespendet wird. All das hat sich über Jahrzehnte entwickelt, so daß der Widerstand vor Ort eigentlich nie wirklich groß werden konnte. Man hat die Veränderungen einfach hingenommen. Außerdem kam immer das Totschlagargument: Wir brauchen alle Strom und eine sichere Energieversorgung. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Natürlich haben viele Menschen Angst um die Arbeitsplätze. Als die Orte umgesiedelt wurden, war das zwar insbesondere für die alten Leute nicht schön, aber manche von den Jüngeren fanden das gut. Das alte Haus kam weg und sie bekamen ein neues dafür. Da gibt es die verschiedensten Zusammenhänge. Wie der Widerstand vor Ort war auch das Bewußtsein für den Wert des Waldes und der Umwelt lange Zeit nicht besonders ausgeprägt. In den letzten Jahren hat sich das glücklicherweise geändert. Das hat sicherlich damit zu tun, daß die Themen Klima, Klimafolgen und Energieversorgung fast täglich in die Nachrichten kommen und für großen Diskussionsbedarf sorgen. Ich trage hoffentlich mit dazu bei, daß es so bleibt. Es entsteht ein Bewußtsein dafür, und ich habe das Gefühl, daß das Thema wieder mehr Menschen bewegt.

SB: Können Sie bei Ihren Führungen auch ein gesteigertes Interesse am Wald beobachten?

MZ: Ich habe über 300 Termine im Jahr, was ich darauf zurückführe, daß sich mehr Menschen für den Wald interessieren. Viele Lehrer gehen mit ihren Schülern ins Freie, weil sie merken, daß die Kinder nichts mehr über den Wald wissen. Ich kenne einen Fall, bei dem Schüler aus der dritten Klasse plötzlich aus Angst zu weinen anfingen. Sie waren noch nie im Wald gewesen und fürchteten sich nicht etwa vor Bären und Wölfen, sondern vor Monstern und Werwölfen aus den Filmen und Videospielen.

SB: Herr Zobel, vielen Dank für das Gespräch.


Stoppschild auf der stillgelegten Autobahn - Foto: © 2015 by Schattenblick

Ob die Bagger sich daran halten werden?
Foto: © 2015 by Schattenblick


Fußnoten:


[1] Unter INFOPOOL → UMWELT → REPORT
sind bisher zum Besuch im Hambacher Forst am 14. Juni 2015 erschienen:

BERICHT/103: Hambacher Forst - Kehrwald voran ... (1) (SB)
http://schattenblick.com/infopool/umwelt/report/umrb0103.html

BERICHT/104: Hambacher Forst - Kehrwald voran ... (2) (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/umwelt/report/umrb0104.html

INTERVIEW/191: Hambacher Forst - Vita meines Widerstands ... Aktivistin Wanda im Gespräch (SB)
http://schattenblick.com/infopool/umwelt/report/umri0191.html


20. Juli 2015


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