Schattenblick → INFOPOOL → UNTERHALTUNG → LESELAMPE


ERZÄHLUNG/0001: Ein Schattenriß vom Schach der Finsternis (SB)



Es hat den Anschein, als wäre dies die Geschichte des Menschen Pjotr Sergejewitsch Kaspariow, des einzigen männlichen Sprosses einer im Pariser Exil lebenden Adelsfamilie aus Rußland, der voller Übermut und Koketterie an eine Pforte zu klopfen wagte, die auch nur in Augenschein zu nehmen jemand, der seine fünf Sinne beieinander hat, noch nicht einmal in Erwägung ziehen wird. Von alters her befeuerte so manchen Menschen die unstillbare Sehnsucht, sein Können und Vermögen im Streit um die Erlangung höherer Sinnfindungen einer Bewährung auszusetzen. Von diesen Umtriebigkeiten besessen, versteigen sich gelegentlich menschliche Gemüter dazu, sogar dem unsäglich Schrecklichen die kühne Stirn zu bieten. Wer sich jedoch mit den dunklen Mächten anlegt, gleichviel, ob er einen höheren Sinn verfolgt oder schlichtweg vor reiner Dummheit strotzt, der sollte sich ernstlich vergegenwärtigen, daß das Belieben des Menschen zu Spiel und Neugierde eben ein durch und durch menschliches Verfehlen ist. Schon von daher hüte man sich davor, die berühmt-berüchtigten Worte "Und glücklich in seiner Torheit umarmte der Narr den Teufel!" auf die leichte Schulter nehmen zu wollen. So manches hochmütige Herz schwieg auf immer im Angesicht des wahrhaft Finsteren, dem im eigentlichen diese Liebeserklärung gilt.

*

Der Gutsherr Kaspariow setzte seinen Fuß nur unter großen Mühen gegen die heftigen Sturmböen, die unerbittlich gegen ihn brandeten, nach vorne. Sie umwehten und schüttelten ihn so nachdrücklich, daß ihm jeder seiner Schritte zur Qual wurde. Zudem erfaßte das Unwetter immer wieder seinen Überrock, zerrte dann so wildentfesselt daran, daß ihn der Eindruck ankam, die Furien selbst seien ihm auf den Fersen. Die Nacht war pechschwarz und umschmiegte ihn klettenhaft. Ihn fröstelte. Längst schon verfluchte er, überhaupt aufgebrochen zu sein.

Seine Frau hatte vergeblich all ihre Redekunst darauf verwendet, ihn zum Bleiben zu bewegen, wo doch ihm selbst nicht klar werden wollte, weswegen er unbedingt den behaglichen Abend in trauter Häuslichkeit gegen die Wanderung durch die regnerische Unbill der Nacht eintauschte. Bereits in den frühen Abendstunden hatte ihn jedoch der unwiderstehliche Drang beschlichen, die städtische Kaffeestube aufzusuchen, wo er sich für gewöhnlich mit Freunden zu treffen pflegte.

Da er unweit der Stadtmauern in einem bewaldeten Anliegen sein Zuhause hatte, schien es ihm überdies ein leichtes, sich seinen Wunsch zu erfüllen. Betrüblicherweise hatte sein Kutscher am heutigen Abend Ausgang. So mußte er sich notgedrungen dazu entschließen, die Abkürzung durch das nahegelegene Waldstück zu nehmen.

Es verlangte einem schon am hellichten Tag ein gerüttelt Maß an Wagemut ab, den Fuß in den Wald hineinzusetzen. Es war trotz alledem nicht so, daß tatsächliche Greueltaten eine begründete Ursache dafür geboten hätten, daß der Hain gemieden wurde. Zwar sponn das abergläubische Landvolk viel von Trollen, Gnomen und anderen Waldschraten, die zu gewissen Nachtstunden umhertollen sollten. So mancher will sogar gehört haben, daß ein ums andere Mal unvorsichtige Waldgänger um den Verstand gebracht worden seien. Aber wer wollte schon etwas darauf geben, was von solch törichten Menschen dahergeredet wurde!

Der Volksmund sprach von Legenden, die sich maßgeblich um den Geistersee rankten, der mitten im stadtnahen Wald lag. Dieser See hatte die Besonderheit, daß aus ihm in bestimmten Zeitabständen übelriechende Gasschwaden entwichen und dabei ein weithin vernehmbares Blubbern verursachten. Es ging das Gerücht, daß sich an dieser Stelle das Tor zur Hölle befände, weswegen die Bauersleute und bisweilen auch gestandene Honoratioren den Berichten Glauben schenkten, daß zu gewissen Nachtstunden furchterregende Unholde aus der Satansrotte in der Nähe des Gewässers ihr schauriges Unwesen trieben. Satan selbst soll gar gesichtet worden sein, wie er aus den pestilenzialischen Ausdünstungen emporstieg und sein teuflisches Lachen über den Baumkronen erschallen ließ. Dergleichen Gespinste entbehrten unzweifelhaft eines profunden Hintergrunds.

Sie entstammten Kaspariows Meinung zufolge vielmehr dem übertriebenen Hang schlichter Gemütsmenschen zu Kleinmut und dem tristen Glauben an eine abgrundtiefe Schicksalhaftigkeit. Niemandes Auge war schließlich je eines dieser skurrilen Waldgeschöpfe ansichtig geworden. Daß grotesk anmutende Schattenspiele bei düsterem Mondlicht schnell zu monströsen Ungeheuern umgestaltet werden können, ist ein hinreichend bekannter Zug der menschlichen Vorstellungsgabe. Und in diesem Sinne tat er auch die unzählig kursierenden Schauergeschichten ab. Er belächelte schlechthin solchen Unfug.

Gleichwohl befielen ihn vage Ahnungen von einem bald schon eintreffenden Unglück, als wäre er gleichsam einem fremden Willen untertan, dem er sich hilflos zu fügen habe, ohne sich dies jedoch einzugestehen. So redete er sich nur allzu gerne ein, nichts anderes vorzuhaben, als aus freien Stücken die vielbesuchte Lokalität des gehobenen Standes aufzusuchen. Er beanspruchte nun auch noch für sich, daß sein sonderbares Unwohlsein vor dem Wald feinsinnige, schwerlich zu leugnende Gründe hätte.

Tatsächlich überkam einem bei nächtlichen Waldbesuchen selbst in größeren Gesellschaften so eine Ahnung, als sei dieser Landstrich von einer abgrundtief bösen Wesenheit für die künftige Vollstreckung schlimmster Untaten beschlagnahmt worden. Dieser Ruch einer gewissermaßen vorauseilenden Einflußnahme ließ selbst dem hartgesottensten Wagehals Schauer über den Rücken laufen. Was hatte ihn bloß dazu bewogen, ausgerechnet diesen unheimlichen Waldgang zu wagen, nur um mit seinen Freunden an einem für ihn durchaus ungewöhnlichen Abend zusammenzusein?

Er erinnerte sich auf einmal an all die sinistren Erzählungen seiner Kinderzeit, die ihm sein Beichtvater aufs auslassendste in den gräßlichsten Farben vorzutragen pflegte. Es war in diesen Schreckensgemälden immer wieder die Rede von dem übelwollenden Verderber, dem Abtrünnigen und Wegbereiter aller Höllenqualen, dem leibhaftigen Teufel, der die armen Seelen mit böswilligstem Ingrimm von dem gottesfürchtigen und allein seligmachenden Weg abwendig zu machen suchte.

Sein damaliger Beichtvater ereiferte sich bis zum Übermaß in dem Ansinnen, bei seinem Zögling sozusagen eine generalpräventive Roßkur vorzunehmen, um ihn gegen die beelzebubischen Machenschaften und dämonischen Lockungen zu wappnen. So wurden ihm bereits in jungen Jahren die satanischen Abscheulichkeiten so eindringlich geschildert, daß er viele Nächte von schlimmsten Alpträumen heimgesucht wurde und schweißnaß aus dem Schlaf aufschreckte. Der Pater verwies bei seiner Beweisführung gegen den Widersacher und der Rechtfertigung des Guten beständig auf alte, geheimgehaltene Folianten, die einzusehen ihm während seines Studiums der Dämonologie gestattet wurde. In diesen Schriften sollen Menetekel aus dunkelsten Zeitaltern menschlicher Seinswerdung verwahrt werden, in denen von einem trutzigen Rebell gesprochen wird, der lange schon vor dem Anbeginn der Zeitrechnung Widergöttliches im Schilde führte. Dereinst, so stünde dort weiter, würde der Tag kommen, an dem das unnennbar Schlechte sich auf Erden personifiziere, indem der Äther der Lüfte zu eines Menschen Gestalt gebündelt und damit das Urböse Tag werde für die Dauer einer Übeltat. Es kostete ihn in reiferen Jahren viel Mühe, sich von den Kindheitsängsten freizumachen.

Seiner Emanzipation kam zupaß, daß die zeitgenössischen Umwälzungen und das Aufklärungsbestreben bürgerlich-intellektueller Kreise in Politik und Gesellschaft vehement gegen die religiösen Lebensauffassungen stritten. Als neues Glaubensbekenntnis und schicke Geisteshaltung gewann nun verstärkt der Imperativ der Vernunft an Bedeutung und nahm damit den entschiedenen Kampf gegen die althergebrachten Glaubensinhalte und Weltanschauungen der Kirche auf. Die den alten Überzeugungen weiterhin anhängende Priesterschaft wurde unerbittlich verfolgt. Das Bangemachen mit dem Schreckensbild des Teufels wurde dabei im besonderen Maße angeprangert und als Verschleierungs- und Unterdrückungsmotiv seitens der kirchlichen Institution bloßgelegt und im Zuge der aufklärenden Vernunft per Dekret abgeschafft. Er war ein ausgesprochen aufnahmewilliges Kind dieser epochalen Innovationen. Von da an begegnete er den Geschichten von einem Teufelsspuk schon aus altem Groll heraus entschieden feindlich.

Kaspariow riß sich aus seinen Überlegungen, als er die fernen Lichter der Stadt erkannte. Schweren Trittes suchte er sich den Weg vorwärts auf dem matschigen und streckenweise von Unterholz versperrten Waldboden. Völlig ermattet erreichte er schließlich die Stadtmauer. Sein Herz wurde ihm dabei weit, so froh war er, das Beängstigende gewissermaßen im lauernden Dunkel des Waldes zurückzulassen. Er verschnaufte eine kurze Weile und setzte dann seinen Weg kurz entschlossen zum Stadtzentrum fort.

Die Tür zur Kaffeestube ächzte schauerlich, als er sie heftig aufstieß. Er taumelte mehr hinein, als daß er ging, da ihn das Lampenlicht blendete. Doch nach einigen Schritten hatte er sich wieder gefangen. Schon bald umringten ihn die anwesenden Schachliebhaber, und er gefiel sich dabei, die Pose eines Lebenskünstlers zur Schau zu stellen. Und kurz darauf ließ er sich gerne dazu verführen, sein meisterliches Können in einer Partie zum besten zu geben.

Nun muß gesagt werden, daß ihm niemand aus der illustren Abendgesellschaft das Wasser reichen konnte. Er war der unbestrittene Salonlöwe. Ungezählt und brillant waren seine Siege auf dem Schachbrett. Man pflegte zu sagen, die Perlen unter seinen Partien glichen geistigen Höhenflügen. Wiewohl die wenigsten imstande waren, auch nur einigermaßen unbeschadet den Übergang vom Eröffnungsspiel ins gestaltende Taktieren und Kombinieren des Mittelspiels zu schaffen, reizte es viele, den Meisterspieler angelegentlich herauszufordern und sich nach der erlittenen Niederlage belehren zu lassen.

Mit der Zeit hatte sich beinahe so etwas wie ein liebedienerischer Kult um seine Person gebildet. Er unternahm nichts, um dieser eitlen Glorifizierung ein Ende zu setzen. Ruhm ist eine Speise, die stetig süßer und angenehmer schmeckt, je öfter man sie genießt. Er gab sich bei solchen Gelegenheiten kokett, wurde bisweilen derb leutselig und ereiferte sich zu guter Letzt immer über das mangelnde Verständnis der schachspielenden Emporkömmlinge, die sich zu erdreisten wagten, "das Königliche Spiel und die admirablen Partien der verehrungswürdigen Großmeister mit dem Ungeist ihrer dummen Auslegungen zu verunreinigen".

So manches Mal ging seine Spottlust weit über das verträgliche Maß hinaus; dann erhitzte er sich so sehr in seiner Selbstgefälligkeit, daß er sogar den Fürsten der Finsternis einen Popanz schimpfte. Seine eigene Könnerschaft, so prahlte er des öfteren, "stünde glanzvoll über der Mickrigkeit, die sich da erhaben als Verführer dünke". Es bereitete ihm aufs neue delektable Freuden, gewisse Zeitgenossen wegen ihrer Anhänglichkeit an religiöse Inhalte vor den Kopf zu stoßen.

Die Kaffeestube war bekannt dafür, allerart eigensinnig verschrobenen Dichtern und Denkern ein Stelldichein zur Plauderei zu ermöglichen. Auch die feine Gesellschaft hofierte in diesen Räumen und vertrieb sich die Abende mit allerlei Kurzweil und Vergnügungen. Daneben residierte dort ein wohlsituierter Club gleichgesinnter Freigeister und erging sich mit allem Ehrgeiz einer zunehmend Fuß fassenden Liebhaberei. Denn seit den Tagen der Freien Städtebünde und ihrer wirtschaftlichen wie administrativen Unabhängigkeit vom monarchischen Herrscherhaus hatte das Königliche Spiel Einzug gehalten in die gutbürgerlichen und gebildeten Kreise, und über die Jahre schlossen sich die ortsansässigen Schachfreunde zu einer freischaffenden Spielgemeinschaft zusammen.

Der Freundeskreis hatte sich mittlerweile einen recht beachtlichen Ruf erworben. Viele aus ihren Reihen trugen bei den alljährlichen Turnieren der Freien Städte des Königreiches Pokal um Pokal davon. Als der aus Rußland exilierte Kaspariow zu ihnen stieß und eine von ihm aus den St. Petersburger Tagen neuentwickelte Gambitkonzeption einführte, erklomm der Denkclub rasch den Gipfel der Schachwelt. So mutet es auch nicht wunderlich an, daß das einst allein dem Zeitvertreib anheimgestellte Amüsement leidenschaftlich von jenen Bürgerschichten auf ihre Fahnen geschrieben wurde, die für den eigenen, nunmehr vermehrt Einfluß gewinnenden Bürgerstand ein angemessenes Statussymbol suchten, um sich von dem als dekadent geschmähten Adel abzuheben. Ein vom bürgerlichen Gelehrtenstand aufgegriffenes, weiterentwickeltes und verbreitetes Schach bahnte sich den Weg durch die althergebrachten Sinngebungen und erstrahlte in den Augen vieler als der identifikationsstiftende Siegeszug eines auf Vernunft und Aufklärung gegründeten Lebensstils.

Draußen weiteten sich die Regenschauer zu einem wahren Unwetter aus. Grelle Blitze zuckten in rascher Folge vom Himmel, erleuchteten sekundenlang das Dunkel der Nacht und ließen dabei vor den Augen des Publikums unwirkliche Landschaften entstehen. Dem einen oder anderen lief ein eisiges Frösteln durch alle Glieder. Obgleich es in diesen Breiten gar nicht selten zu atmosphärischen Entladungen kam, erschreckte nun doch die Heftigkeit des Sturms das ängstliche Gemüt, zumal als das Gewitter zu einem markerschütternden Donnern anwuchs, daß einem das Herz schier bis zum Hals zu springen drohte.

Kaum war das Donnergetöse verklungen und machte dem prasselnden Regen Platz, als mit einem Mal, wie mit einem vortrefflichen Sinn fürs Dramatische inszeniert, ein lautes Klopfen an der Eingangstür ertönte. Die Tür öffnete sich mit einem jammervoll gedehnten Geknarre. Aus dem Schatten hinter der Tür schälte sich zunächst ein ungestalter Umriß. Durch eine starke Windbö blähte sich der Regenumhang des Fremden und dies verlieh ihm in dem trüben Licht der Hoflaterne das Aussehen eines zum Beutefang sprungbereiten Flügelmonstrums. Manch einer hätte nachher beschwören können, er habe den Hauch schwefeliger Ausdünstungen gerochen. Und einigen huschte der Gedanke durch den Kopf, der Leibhaftige selbst sei erschienen, sie alle zu verschlingen.

"Verzeihen Sie, wenn ich so unverhofft eintrete. Ich bin von weither gereist und glaube, daß mein Eintreffen schon seit längerem angekündigt ist. Ich werde erwartet, wenn auch zugegebenermaßen unwissentlich", erklärte sich der Unbekannte. Dann löste er sich von der im Schatten stehenden Pforte und trat vollständig ins Licht. Aller Augen weiteten sich vor Erstaunen. Vor ihnen stand ein wohlbeleibter Mann mit einem vollen Bart wie aus den Erzählungen über die rauhen Nordmänner. Da ihn die Abendgesellschaft weiterhin mundoffen anstarrte, fügte er begütigend hinzu: "Ich hoffe, Sie sehen mir nach, daß ich direkt zur Sache komme, denn die Zeit eilt. Mich führte der Weg zu ihnen, um etwas Seltenes zu erwerben."

"Was wünschen ... Sie ... zu erstehen?", brachte ein junger Kavalier mühsam hervor.

"Soweit ich unterrichtet bin, wird an diesem Ort ein mysteriöses Schachspiel, wie soll ich sagen, verwahrt. Dürfte ich erfahren, in wessen Besitz es sich befindet oder vielmehr, wer es hütet?"

Wieder breitete sich ein bedrückendes Schweigen aus. "Entschuldigen Sie vielmals, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Mein Name ist Djawol, man nennt mich den Hirten."

Nun endlich löste sich das beklemmende Gefühl von der schreckstarren Salongesellschaft, und beherzt trat Kaspariow vor. Aus einer unergründlichen Laune heraus wußte er, daß er höchstpersönlich mit dem unwissentlichen Gastgeber gemeint war. "Ich bin unendlich froh, Sie herzlichst willkommen zu heißen! Was verschafft mir die Ehre ihres Besuches?", sagte er und gab dem Fremden die Hand.

"Sie müssen wissen, daß ich ein leidenschaftlicher Sammler von Verlorengegangenem bin und besonders interessiert an ausgefallenen Handwerksstücken", betonte Djawol, neigte dabei den Kopf und betrachtete sein Gegenüber mit einem scheelen Blick. Ein Ruck entlud sich dabei durch Kaspariow.

Die Umstehenden verließen gedankenverloren die Empfangshalle und zerstreuten sich in den Räumlichkeiten, ausgenommen eine kleine Gruppe, die sich um Kaspariow scharte. Es waren eng mit ihm befreundete Schachgenossen. Ein unmerklicher Bann hielt sie zurück. Kaspariow führte seinen Gast zu einem Tisch.

"Hätten Sie die Liebenswürdigkeit, Ihr Anliegen ein wenig präziser zu fassen?", fuhr Kaspariow fort.

"Ich irre wohl kaum, wenn ich sage, daß Sie im Besitz eines außergewöhnlichen Schachspiels sind", beantwortete Djawol die Frage.

"Ich bedaure sehr, Ihnen sagen zu müssen, daß dieses Spiel unveräußerlich ist", erwiderte Kaspariow und ein wenig beklommen setzte er hinzu, "Sie sprechen da ein heikles Thema an. Es gibt Menschen, die sehen in diesem Kunstwerk ein Danaergeschenk."

"Glauben Sie mir, ich wäre schon über die Maßen froh, wenn ich es nur sehen dürfte." Ein maliziöses Lächeln schlich sich auf die Lippen des Gastes.

"Wer so viel Mühen auf sich nimmt, bloß um ein von obskuren Gerüchten umranktes Schachspiel zu sehen, wo dies doch offensichtlich aller Vernunft spottet, der hat, unterstelle ich einmal freimütig, gewiß tiefere Beweggründe." Der Wunsch seines Gastes, das altertümliche Schachspiel zu erwerben, weckte in Kaspariow eine Begehrlichkeit.

"Sie verfügen über einen hellen Verstand. Sie liegen da durchaus richtig mit Ihrer Vermutung", bestätigte Djawol. Er hielt einen kurzen Moment inne, ehe er fortfuhr: "Ich bin gekommen, das Spiel zu Ende zu bringen."

"Dann wissen Sie also von unseren Schwierigkeiten! Sind Sie ein Schachspieler, ein Virtuose dazu?" Kaspariow witterte die Chance, endlich einem ebenbürtigen Gegenspieler gegenübersitzen zu können.

"Ich spiele kein Schach im üblichen Sinne, ich streite denn um die Welt. Ich spiele das Teufelsgambit."

"Sie belieben zu scherzen!"

"Keineswegs."

"Ich habe noch nie davon gehört. Meines Wissens gibt es weder in der Turnierpraxis noch in der entsprechenden Literatur oder gar in den klassischen Quellentexten stichhaltige Hinweise auf ein derartiges Gambit", dozierte Kaspariow im Brustton der Überzeugung.

"Ich dagegen habe durchaus Schriften studiert, die das Merkmal einer entfernten Verwandtschaft zu einer außerzivilisatorischen Tradition aufweisen, der ich zugehörig bin. Eine bruchstückhafte Hinterlassenschaft ist also vorhanden, wenn auch tausendfältig verwässert und säkularisiert. Wer zwischen den Zeilen zu lesen vermag, der ist imstande, das Gambit des Teufels zu realisieren. Der Name mag für Sie exotisch klingen, doch kommt die Gangart oder vielmehr die dem Gambit immanente Machbarkeit den Forderungen in Bezug auf eine ernsthafte Wissenschaftlichkeit durch und durch nach", erwiderte Djawol entschieden.

"Dann kann ich also Ihren Worten entnehmen, daß Sie mich herausfordern!", brach es aus Kaspariow hervor.

"Nennen Sie es, wenn Sie wollen, eine Herausforderung."

"Ich muß Sie jedoch darauf aufmerksam machen, daß ich ein anerkannter Meister der 64 Felder bin. Man rühmt mich nicht von ungefähr als federführenden Kenner der Gambiteröffnungen. Meine Vernunft gebietet mir ferner, allein zu glauben, was sich untadelig beweisen läßt. Es heißt doch, verrückt und drei macht sieben. So halte ich es", bramarbasierte Kaspariow.

"Steht nicht in dem fragmentarisch erhaltenen Schriftgut des Zarathustra, daß ehemals aus einer grünen Glut das Schachwerk Ahrimans geformt wurde und daß eine kundige Hand auf diesem Brett Zug- oder Schrittfolgen zu tun imstande sei, denen sich das gesamte Universum nachordnen müsse? In arabischen Bänden steht wiederum geschrieben, daß ein geheimnisvolles Schachbrett von alters her das symbolträchtige Sinnbild eines unversöhnlichen Streits darstelle, mithin soll es sich dabei um ein machtvolles Angriffswerkzeug Schajtans im Kampf gegen den Garten Allahs handeln", nahm Djawol den Faden wieder auf.

"Pardon, denn obgleich Ihre Darlegung wie ein Unheilsspruch aus einem apokalyptischen Endzeitroman klingt, will ich der Wahrheit die Ehre geben. Es mag zutreffen, daß in gewissen persisch-griechischen Spätfassungen längst verschollener Bücher vieldeutige Hinweise zu finden sind über so etwas wie eine Entscheidungsschlacht, die mit einem Kampffeld in Verbindung gebracht wird. Jedenfalls zweifle ich die Echtheit solcher Texte an. Nichtsdestoweniger haben Sie mich neugierig gemacht. Ich werde Ihnen nicht nur das Schachbrett zeigen, sondern fühle mich darüber hinaus geehrt, daß Sie mit mir eine Partie auf diesem Brett austragen wollen."

So waren die beiden übereingekommen, auf diesem als verwünscht geltenden Brett ihre Kräfte und Befähigungen zu messen. Sie erhoben sich, und mit einer Schar eingeschworener Clubmitglieder betraten die beiden einen kleinen Raum, der ein wenig abseits von den eigentlichen Zimmern lag. Zu besonderen Anlässen, wenn beispielsweise ausgesprochen spielstarke Meister ein Brettduell auszufechten wünschten, hatte man noch vor einigen Jahren in dieses Separee übergewechselt, wo unter dem Ausschluß der lärmenden Gästeschaft nur ausgesuchte Zeugen beim Spiel zugegen sein durften. Doch dann war es zu gewissen Zwischenfällen gekommen, und man ließ davon ab.

Mit einem goldverzierten Schlüssel wurde die eisenbeschlagene Tür geöffnet. Kaum war dies getan, da kam ihnen ein eigenartig süßlicher Geruch entgegen, der einige Herrschaften zum Husten reizte. Die mitgebrachten Lampen erleuchteten einen Raum, dessen Wände mit orientalischen Ornamenten reich verziert waren. Ein geheimnisvoller Zauber ging von der Ausstattung aus. Die Anmut, die sich dem Auge darbot, erwuchs aus dem meisterhaften Arrangement der einzelnen Kunstgegenstände der verschiedenen Stilepochen aus dem Morgenland wie auch aus dem Okzident.

Am auffallendsten jedoch stach die Estrade ins Auge, auf deren Mitte ein barocker Marmortisch stand. Voller Ehrfurcht traten sie ein und näherten sich der Austragungsfläche. Die mächtige Tür wurde geschlossen und die mitgebrachten Leuchter zu beiden Seiten des auf dem Tisch befindlichen Schachbrettes abgestellt. Nun erst konnte man das mit Symbolen und Zahlen unbekannter Art beschriebene Brett voll in Augenschein nehmen. Die aus unbestimmbarer Metallegierung gegossenen und mit sonderbar helleuchtenden Mineralien bestückten Figuren riefen ein großes Staunen hervor.

"So, danach nun verlangte Ihr Herz. Ein Schachspiel von unbeschreiblicher Eigentümlichkeit, meinen Sie nicht auch?", intonierte Kaspariow mit unverhohlenem Besitzerstolz.

"Ich bin beinahe überwältigt von soviel Zauber. Was wissen Sie über die Entstehungsgeschichte dieses einzigartigen Meisterstücks, und wie kamen Sie in seinen Besitz?"

"Weniges ist überliefert worden. Es heißt, daß es einst von einem Alchimisten in Basra gegossen wurde, der bis ins hohe Alter hinein unermüdlich den Zauberkünsten nachforschte. Auf diesen Legendenschatz heben die besagten Buchwerke wohlweislich ab, über die wir vorhin sprachen. Bis zum heutigen Tag konnte man nicht genau ermitteln, welche Materialien der Alchimist für dieses Werk verwendete, geschweige denn Eindeutiges zur ausgesprochen grandiosen Handwerksleistung herausfinden. Man munkelt, er habe auf der Suche nach dem Stein der Weisen in einem Schmelztiegel eine grüne Glut geschaffen, in der er dann die Figuren herstellte. Zum Brett ist wenig zu sagen. Die am Brettrand eingeritzten Einkerbungen konnten bislang von niemandem übersetzt werden. Es scheint, daß der Alchimist eine Sprache niederschrieb, die niemals auf Erden gesprochen wurde. Es wird zwar gemutmaßt, daß es sich dabei um eine alchimistische Symbolsprache handelt, doch fehlen die notwendigen Quellenbeweise. Jedenfalls gibt es weder zeitgenössische noch altertümliche Dokumente, die eine solche These unstrittig belegen würden. Es gibt natürlich auch wirre Köpfe, die behaupten, es handle sich dabei um eine persische Dämonensprache. Doch ist so etwas ohnehin nicht ernstzunehmen. Nach dem Tode des Alchimisten verschwand das Brettspiel für Jahrzehnte, ehe es in Alexandria wieder auftauchte, wo es der Haushofmeister des Kalifen auf dem Basar erstand und seinem Herrn zum Geschenk machte. Jahrhunderte später nun war es in Händen eines jüdischen Gelehrten zu Cordoba. Es ist nicht bekannt, wie es in seinen Besitz kam. Erst im Zuge der Reconquista und damit der Vertreibung des maurisch-jüdischen Elements aus der iberischen Halbinsel gelangte es schließlich über verschlungene und nicht näher zu bestimmende Wege zu guter Letzt in christliche Hände. Mein verstorbener Beichtvater hatte es in seiner Obhut. Ich nehme an, daß er es während seines Studiums der Dämonologie in einem abgeschiedenen Kloster irgendwo in den Bergen erhielt. In seinem Testament vermachte er es mir mit der strengen Bitte, es so gewissenhaft wie meinen Augapfel zu hüten. Obgleich er mich in die Schachkünste einwies, wußte ich bis zur Eröffnung des Testaments nichts von der Existenz dieses Werkes. Er war ein übertrieben eigenbrötlerischer Geist, dessen Passion, mich vor den Machenschaften des Vaters der Lüge zu beschirmen, mir die Knabenzeit verleidete. Zu seiner Ehrenrettung muß ich trotz dieser Verschrobenheit sagen, daß er im Kern seines Wesens ein herzensguter Mensch war." Bei den letzten Worten war Kaspariow wehmütig zumute. Doch er faßte sich geistesgegenwärtig. "Man vermutet, daß der magische Schmied den Figurensatz und das Holzbrett vor etwa 800 Jahren herstellte", klärte Kaspariow seinen Gast über den geschichtlichen Hintergrund des Kunstwerkes auf.

"Beachtlich! Die Recherchen sind von gründlicher Tiefe", bemerkte Djawol anerkennend.

"Es gibt da noch mehr Geheimnisumwittertes zu berichten. So wurde geflüstert, daß den Figuren die Kraft machtvoller Beschwörungen innewohne." Auf Kaspariows Lippen legte sich ein Schmunzeln. "Sei es auch dahingestellt, warum Menschen seit Urgedenken auf derlei unvernünftige Argumente zurückgreifen, wahr ist, daß der Anblick der kunstvollen Handarbeit einen inneren Aufruhr entfesselt. Ein fremdartiger Nimbus umweht sie. Vielen meiner Bekannten erging es so. Das diabolische Antlitz jeder einzelnen Figur läßt einem schier das Blut in den Adern gefrieren. Sie strömen ein solch übelwollendes Eigenleben aus, daß man sich am liebsten abwenden möchte vor dieser zu Gußwerk gewordenen Schlechtigkeit. Allein die Gesichtszüge der Bauern sind von so ausnehmend hinterhältiger Verschlagenheit, daß man sie nicht anrühren mag, da man fürchtet, sie würden sofort zubeißen. Schalk und Hinterlist schauen aus winzigen Augen empor. Es kommt viele ein Unbehagen an, weil man sich schlichtweg beobachtet fühlt, gleichsam zum Gegenstand einer Vivisektion gemacht."

Kaspariow lächelte seinen Gast an, ehe er fortfuhr. "Es gibt aber ein triftiges Faktum, das in maßgebender Weise zur Mystifizierung beigetragen hat. Wann immer sich auch zwei Kontrahenten zusammenfanden, noch nie wurde ein Spiel auf diesen Feldern zu Ende geführt. Über die Ursachen grüble ich vergebens nach, ohne eine plausible Erklärung dafür zu finden, weswegen viele Partien im wesentlichen aus Gründen zunehmenden Unwohlseins und im Einvernehmen beider Spieler abgebrochen wurden. Am Zimmer konnte es nicht liegen, denn des öfteren wurde der Austragungsort gewechselt, ohne daß sich am Resultat Grundlegendes geändert hätte. Die Befragten sagten hinterher aus, daß ihnen vom ersten Zuge an frostige Schauer in die Glieder krochen. Fernerhin überkomme sie während des Spiels der übermächtige Zwang, bestimmte Figuren wider aller Schachlogik ungeschlagen zu lassen. Die Finger wollen nicht wie der Schachverstand, sie verweigern sich schlechthin. Dann wieder gab es weniger ernstzunehmende Stimmen, die äußerten, aus den Augenwinkeln heraus und nur für Augenblicke, unheimliche Schatten an den Wänden gesehen zu haben, die sich zu bizarren Tänzen zu formieren schienen. All dies sei allenfalls schemenhaft zu sehen gewesen und nur dem flüchtig schauenden Auge gewahr. Aus diesen Gründen fand sich im Laufe der Jahre kaum noch jemand, der Lust dazu verspürte, die Figuren setzen zu wollen. So lagen sie staubbedeckt da, bis ausgerechnet Sie danach verlangten. Damit Sie keinen falschen Eindruck von mir gewinnen, erwähne ich noch, daß ich der einzige bin, der nicht von sich aus das Spiel abbrach. Dennoch muß auch ich mich in die Phalanx derer einreihen, denen es nicht vergönnt war, auf diesem Brett eine Schachpartie bis zur Neige auszuspielen", schloß Kaspariow seinen ausführlichen Kommentar.

"Wie ich bereits sagte, ich bin gekommen, das Spiel in ausschöpfender Weise zu Ende zu bringen, damit kein Mythos bleibt, auf den man Bezug nehmen könnte", sagte Djawol mit ernster Stimme.

"Sie würden mich damit sehr glücklich machen, werter Herr. So wollen wir uns denn setzen und dem Königlichen Spiel die Ehre geben", entgegnete Kaspariow salbungsvoll.

Und so kam es zu einem Treffen der unvereinbaren Positionen. Für Kaspariow war dies ein Spiel mehr, das seinen Ruhm unsterblich machen sollte. Nicht, daß er Djawol für gering erachtete, dafür ging vom nämlichen viel zu sehr eine bis ins Kleinste kontrollierte Präsenz aus. Kaspariow war es jedoch schlechterdings gewohnt zu siegen und konnte daher gar nicht anders, als einen verinnerlichten Gleichmut vorzuhalten. Er gab deswegen auch nicht viel auf das, was Djawol über die Ursache seines Kommens gesagt hatte. Kaspariow tat diese Reden vielmehr als Ausdrucksform einer ihm unverständlichen Lebensphilosophie ab. Und so achtete er nicht weiter darauf. Ohnedies wäre Kaspariow außerstande gewesen, in irgendeiner Weise Einfluß auf einen Streitverlauf zu nehmen, der lange vor seiner Geburt begonnen hatte.

Das Los wies die weißen Steine Djawol zu. Er überlegte nur kurz, hob die Hand und führte sie auf den auserwählten Bauern zu. Die Finger umfaßten die Figur, und bedächtig wurde der Randbauer auf dem Damenflügel zwei Felder vorgesetzt. Allen im Raum stockte der Atem. Der erste Zug Djawols käme für gewöhnlich einem unverzeihlichen Fauxpas gleich. Niemand in der anerkannten Schachwelt eröffnete auf diese Weise, weil ein derartiger Bauernschritt so ziemlich allen gültigen schachtheoretischen Strategieentwicklungen aufs tiefste widersprach.

Im allerersten Moment war Kaspariow überrascht und zugleich über die Maßen verwirrt vom seltsamen Zug des Unbekannten, aber in der Art, wie Djawol die Figur gesetzt hatte, in einer so unbeschreiblichen Geschlossenheit, als ob der gesamte Körper gleichsam mitginge mit der ausführenden Handbewegung, lag etwas von einem tieferen Wissen. Und so stiegen in Kaspariow Beunruhigung und Nervenspannung auf ein Höchstmaß an. Seine Routiniertheit und gelassene Spielart ließen ihn diesmal im Stich, denn es gelang ihm in der Folge einfach nicht, das spielerische Naturell seines Gegenübers in verwertbarer Weise einzuschätzen, um daraus etwaige Spielschwächen anzupeilen und unablässig einzukreisen. In seiner Orientierungsnot blieb Kaspariow nichts anderes übrig, als allgemeingültigen Eröffnungsratschlägen zu vertrauen.

Djawol gab ihm indessen nicht die geringste Chance, eine der zahlreichen Gambitentwicklungen anzuwenden, die Kaspariows souveränen Ruf begründeten, und so erkannte er erst jetzt, daß die unabdingbare Voraussetzung für ein Gambit immer auch die Bereitschaft des Gegenspielers ist, die dafür notwendigen Verlaufsführungen bereitzustellen. Aber Djawols Spiel war von vornherein so angelegt, daß er die noch so kleinste Rückkoppelung tunlichst verweigerte und dies ungebrochen beibehielt. Kaspariows Spielführung geriet dadurch immer mehr ins Hintertreffen.

"Ich plane den bestmöglichen Zug, halte ein weites Spektrum möglicher Gegenzüge dagegen und möchte meinen, die Rechnung müßte aufgehen. Ich ersinne ein vorausberechnetes Gefüge aus kombinierten Zugfolgen, aber wieviel Mühe ich auch darauf verwende, im wirklichen Spielablauf fehlt meinen Entwürfen pechlicherweise das stützende Element. Mein Planen wird so unweigerlich zum Hirngespinst. Sie gehen schlicht an meinen Plänen vorbei und sind doch in Ihren Aktionen treffsicherer, als ich es je für möglich gehalten habe", konstatierte Kaspariow mit verzweifeltem Gesichtsausdruck.

"Sie beschwören voll Inbrunst die Unendlichkeit und hoffen darauf, das Genie Ihres Zählvermögens möge Ihnen das Heraufbeschworene untertan machen. Das ist Ihre ureigene Fessel und Behinderung. Was auf diesem Brett durch die figürlichen Verfassungen festgehalten werden soll, ist der lächerliche wie gleichermaßen vergebliche Versuch, den längst vergangenen Momenten oder Werdegängen und damit der unterstellten Kontinuität der Gedanken Gestalt zu verleihen, und dann tun Sie so, als hätten Sie dies der Unendlichkeit tatsächlich abgetrotzt", erwiderte Djawol in einem gefaßten Tonfall.

Er kommentierte das Spielgeschehen, ohne daß Tadel oder gar Hochmut in seiner Stimme gelegen hätten. Vielmehr brachte er mit eingehendem Sprachgefühl und messerscharfem Sachverstand die Hinfälligkeiten auf den Punkt. Das Spiel wurde fortgesetzt, aber es zeichnete sich immer deutlicher ab, daß auf diesem Brett ausschließlich Djawol die Zügel in den Händen hielt. Sein positionelles und strategisches Übergewicht wie auch das taktische Vermögen standen außer Frage, aber all dies ließ sich dennoch nicht in einen Kontext zwingen.

"Der wunderliche Gang Ihrer Figuren um einen mir entrückten Sinn, der macht, daß meiner Figuren Zahl Stück für Stück verrinnt! Verzeihen Sie mir diesen poetischen Einstand, doch ich verliere zusehens meine Fassung. Wo ich Sie packen will, da stoße ich ins Leere und weiche zurück, immerfort nur zurück. Sie gehen zudem so kompakt vor, daß, wagte ich es auch nur, einen Ihrer Steine zu rauben, ich zweifach, nein, dreifach an Material verlustig gehen würde", lamentierte Kaspariow.

Seine Gesichtszüge sahen mittlerweile erbärmlich aus. Das Spiel spitzte sich nun rasch zu, als die weißen Steine sich geschlossen zum Mattangriff formierten. Kaspariows Rochadestellung war inzwischen von den gegnerischen Steinen lückenlos umzingelt. Eine Gegenwehr war daher illusiorisch geworden, zumal im Gegensatz zu Djawols Steinen kaum noch schwarze Figuren auf dem Brett standen.

"Die Zeit ist reif, den Abschluß einzuläuten. Und wie es sich für das Teufelsgambit gehört, kündige ich an dieser Stelle ein Matt in 13 Zügen an, damit das, was es zu geben scheint, aufhöre und das, was es nicht gibt, dem Universum den Rang abläuft. Sie halten noch immer an der irrigen Meinung fest, daß mein Tun und Lassen auf die wenigen Felder eines Brettes zu begrenzen sei."

Djawols Worte übten einen unwiderstehlichen Zauber auf die Umgebung aus. Kaspariows Begleiter fielen plötzlich besinnungslos zu Boden. Der Boden schien sich aufzutun, und die Wände verloren an Festigkeit. Und wie das vertraute Gefüge auseinanderbrach, entfesselten sich die Lüfte in einem fürchterlichen Gewitter, derweil der Regen in Kübeln vom Himmel fiel. Die Elemente spielten verrückt, das Universum lief Amok, und die Welt erzitterte in ihren Grundfesten.

"Wie ist mir", stöhnte Kaspariow mit sorgenumwölkter Stirn. "Sie spielen partout nicht gegen mich. Welches Handlungsbegehren treibt Sie nur, daß Sie mir dieses antun? Ich finde keinen Anhalt in Ihrem Spiel. Da ist keine Festung zu erobern. Wogegen zu stürmen Sinn machte, mir gebricht es daran, und mein Gegenanlaufen verkümmert nurmehr zur Posse. So geben Sie mir doch Anlaß zu Anfang und Ende. Ihr Tun ist irgendwie unlauter ... und doch machtvoll", kam es jammervoll von seinen Lippen. "Wer sind Sie bloß", fuhr Kaspariow fort, "daß Ihre Front bereits siegreich ist, wo ich noch kein Banner zeigte? Ich bin überrannt, ohne in Erscheinung getreten zu sein. Sie machen aus mir einen kompletten Narren", schluchzte er heftig.

"Einen Narren nennen Sie sich, und Sie tun wohl daran. Sagte ich Ihnen nicht mehrere Mal, daß ich im Grunde genommen kein Schach spiele." Djawol hielt einen Moment inne. Eine kälteklirrende Luft breitete sich im Raum aus. Dann hub Djawol erneut an zu sprechen, und gewaltig war seine Stimme. "Seit Äonen schreit das Blut der Erde nach Vergeltung für die sinnlos dargebrachten Leiden. Es ist Krieg und alles steht in Brand von Anbeginn an."

Kaspariow war, als hätte der unhörbare Laut eines Flügelschlags die Luft erzittern lassen, die den Raum sich weiter krümmen ließ. Die Dimensionen verschwammen gegeneinander, und mit Sinnen unfaßliche Merkwürdigkeiten brachen sich Bahn durch die entstandenen Ritzen und Klüfte. Djawols Stimme, die anfangs noch heftig im Zimmer erschallte, senkte sich zu einem markgefrierenden Flüstern: "Die Ahnen kommen flugs, wenn der Teufel sein Gambit spielt und dabei die Welt aus den Angeln hebt."

Er schaute Kaspariow tief in die Augen und wechselte plötzlich in eine vertrauliche Anrede. "Hast du vergessen, was ich sagte, nämlich daß ich gekommen bin, das Teufelsgambit zu spielen? Du dagegen willst der Vernunft als dem angeblich höchsten Wesensgut des Menschen auf dem Schachbrett einen Altar errichten. Du willst Ordnungen im Universum begründen und glaubst tatsächlich, dadurch an einer ominösen Macht teilhaftig werden zu können. Wie verlogen Du doch bist! Du liebst allein das Joch Deiner Schwestern und Brüder. Hast Du Dich nicht gefragt, aus welchem Grund niemand bis zum heutigen Tag imstande war, den Streit zu vervollkommnen, den Du in Deiner Verkennung eine Partie nennst? Ich sage dazu das Schach der Finsternis. Ich bin gekommen wider alle Gewalt. Mein Reich ist nicht von dieser Welt, denn ich bin von Anbeginn der Zeit der Todfeind."

Erstveröffentlichung im Winter 1995

18. April 2008


Zur Tagesausgabe / Zum Seitenanfang