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BERICHT/159: Brasilien - Afrikanische Wurzeln wiederbeleben, Unterstützung für Candomblé (IPS)


IPS-Inter Press Service Deutschland gGmbH
IPS-Tagesdienst vom 26. November 2012

Brasilien: Afrikanische Wurzeln wiederbeleben - Unterstützung für Candomblé

von Fabiana Frayssinet


Rio de Janeiro, 26. November (IPS) - Sie tanzen und singen gemeinsam: ein brasilianischer Priester und ein nigerianischer Yoruba-Führer. Alexander da Silva - auch bekannt als Alexandre de Oxossi - hat Chief Jokotoyé Awolade Bankole aus dem nigerianischen Bundesstaat Oyó zu sich eingeladen. Zusammen wollen sie helfen, Candomblé, eine von afrikanischen Sklaven mit nach Brasilien gebrachte Religion, wieder aufleben zu lassen.

Mehr als die Hälfte der 194 Millionen Brasilianer verstehen sich als Schwarze oder Kinder aus Mischehen. Die ehemaligen Sklaven brachten ihre eigenen Religionen mit, doch die große Mehrheit der Einwohner dieses südamerikanischen Landes gehört heute der katholischen Kirche an. 64,4 Prozent der Bevölkerung hat bei der letzten Volkszählung von 2010 angegeben, Mitglied der katholischen Kirche zu sein. Die nächstgrößere Religionsgemeinschaft sind mit 22,2 Prozent die Anhänger der protestantischen Pfingstkirche.


Glaube im Stillen praktiziert

Nur 0,3 Prozent der Brasilianer sind demnach Anhänger eines afrikanischen Kultes, darunter Candomblé und Umbanda. Doch kaum jemand praktiziert die Glaubensrichtungen öffentlich. "Viele, die in der Schule oder Universität erzählen, dass sie einer afrikanischen Religion angehören, erfahren noch immer Diskriminierung", sagt Glaucia Bastos, Iyanifa (Priesterin) des Ifa-Kultes, der vor allem in westafrikanischen Staaten verbreitet ist und auch für den Candomblé relevant ist.

Seit die afrikanischen Sklaven die Candomblé-Religion mitgebracht hatten, wurde diese mal mehr, mal weniger unterdrückt. Verfolgt wurden die Anhänger bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts von der sogenannten 'Brauchtumspolizei' (comisarias de costumbre). Sie lernten daher, ihre Religion nur im Geheimen auszuüben und sie nach außen hin zu verschleiern.

"Bis vor 27 Jahren rief man mir auf der Straße immer wieder 'Macumbera' zu", erzählt Bastos, die einen portugiesischen Vater und eine Mutter mit afrikanischen Wurzeln hat. Macumbera ist ein afrikanisches Wort, das in Brasilien allerdings oft abwertend genutzt wird und so viel bedeutet wie 'schwarze Magierin'.

Von katholischen Einflüssen blieb Candomblé im Gegensatz zu vielen anderen südamerikanischen Glaubensrichtungen weitgehend verschont. "Die Afrobrasilianer haben ihre Götter weiterhin angebetet, das aber unter dem Deckmantel der Anbetung christlicher Heiliger", erklärt Alexandre de Oxossi gegenüber IPS.

Doch mit der Zeit änderte sich das Bild der Schwarzen und ihrer Traditionen. Das Gesetz Nr. 7.716 erklärte religiöse Diskriminierung zu einem rassistischen Akt und verbietet die öffentliche Zurschaustellung von solchen Vorurteilen. 2007 wurde außerdem der Nationale Tag des Kampfes gegen die religiöse Intoleranz eingeführt. An jedem 21. Januar wird damit in erster Linie Mae Gilda gedacht, einer Camdomblé-Priesterin. Sie starb im Jahr 2000 an den Folgen der religiösen Verfolgung durch Anhänger der Pfingstkirche.

Am 13. November veranstaltete die 'Koordinationsstelle von Bildungsexperten für Ethno- und Rassenbeziehungen' eine Konferenz zum Thema 'Erinnerung und Identität im afrikanischen Kontext', um an die afrikanischen Traditionen in Brasilien zu erinnern und ihnen neuen Raum zu geben. Die Konferenz wurde ausschließlich auf Yoruba abgehalten, eine Sprache, die rund zehn Millionen Menschen im westlichen Afrika sprechen.

Ganz verschwunden ist die afrikanische Kultur nicht aus Lateinamerika, wie Chief Jokotoyé Awolade Bankole auf seinen Reisen durch den Kontinent feststellen konnte. Noch immer werde beispielsweise der Glaube an die Orixas - Geister in der Camdomblé-Religion - aufrecht erhalten. "Und selbst der brasilianische Karneval hat afrikanische Wurzeln", so Bankole. (Ende/IPS/jt/2012)


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veröffentlicht im Schattenblick zum 28. November 2012