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GESCHICHTE/036: Freireligiöse und Nationalsozialismus (ha)


humanismus aktuell - Hefte für Kultur und Weltanschauung - Nr. 20 - 2007

Freireligiöse und Nationalsozialismus
Replik auf eine Debatte

Von Christian G. Langenbach


Quellenlage

Während die Zeit der Gründung der freireligiösen Gemeinden nach 1844 und die Rolle von bekannten Freireligiösen in der Revolution von 1848/49 bis zur Gegenwart ein wichtiges Thema darstellt, ist innerhalb der freireligiösen Gemeinden ihre Geschichte während der NS-Zeit bisher nur wenig thematisiert worden. Zumeist beschränkte man sich auf die Erinnerung an Mitglieder der freireligiösen Gemeinden, die unter der nationalsozialistischen Diktatur als Regimegegner verfolgt wurden. Eine von der Unitarischen Freien Religionsgemeinde in Frankfurt a.M. herausgegebene Dokumentation stellt insofern eine Ausnahme dar.[1] Einige Texte aus der Zeitschrift Freie Religion aus den Jahren 1933 bis 1939 sind abgedruckt in der von Lothar Geis zusammengestellten Quellensammlung.[2] Für Berlin hat Ernst Jeske in einer Dokumentation auch Texte aus der fraglichen Zeit, z.T. im Faksimile, aufgenommen.[3]

Einige Angaben zu den Lebensläufen wichtiger Persönlichkeiten aus den freireligiösen Gemeinden dieser Zeit finden sich zudem im Lexikon freireligiöser Personen.[4] Aber auch dort fällt auf, dass die NS-Zeit fast ausschließlich in den Kurzbiographien von Gegnern und Opfern des NS-Regimes aus den Reihen der Freireligiösen thematisiert wird, wie bei Ludwig Marum (S.103f) oder Albert Heuer (S.731). Die fragwürdige Haltung anderer bekannter Freireligiöser zum NS-Staat bleibt aber bis auf wenige Ausnahmen (z.B. bei Karl Weiß auf S.174) zumeist unberücksichtigt. Insgesamt blieb die Rückschau häufig zu einseitig und berücksichtigte oft nur einen Teil der Fakten. Im Folgenden seien daher einige Beispiele für den Umgang mit der Vergangenheit der freireligiösen Gemeinden im Nationalsozialismus angeführt.


Drei Beispiele

Max Gehrmann, der frühere Pfarrer der freireligiösen Gemeinde in Offenbach, verfasste eine Darstellung der Geschichte der Gemeinde von den Anfängen bis 1968, darin steht u.a. über die Jahre 1937 bis 1938: "Das galt ebenso für Graf Reventlow in Potsdam, der als bedeutender kulturphilosophischer Autor sich selbstbewußt von der Deutschen Glaubensbewegung Hauers losgesagt und aus Gegnerschaft zu Hitler das Reichstagsmandat niedergelegt hatte. In mehrstündiger in seiner Wohnung geführter Aussprache bekundete er dem Pfarrer volles Verständnis, ja Zustimmung und bewilligte ihm daraufhin in dem von ihm herausgegebenen Reichswart die Aufnahme einer längeren Abhandlung über den Katholizismus."[5]

Hier wird nicht erwähnt, dass Reventlow zusammen mit Jakob Wilhelm Hauer einer der Begründer der Deutschen Glaubensbewegung war. Auch fehlt die Angabe, dass er als Abgeordneter nicht etwa einer demokratischen Partei, sondern der NSDAP im Reichstag gesessen hatte. Dass der "Reichswart" eine Zeitschrift mit einer extrem nationalistischen Ausrichtung war, wird ebenfalls nicht angesprochen.

Georg Pick, der langjährige Pfarrer der Freireligiösen Gemeinde in Mainz, schrieb eine Autobiographie, worin er sich selbst mit dem Pseudonym "Albert Bauer" bezeichnete. Darin steht: "Als im 2. Kriegsjahr Zwillinge in der Wiege lagen, erhielt Albert den Besuch des Philosophen Ernst Bergmann. Ein schweres Geschick lag hinter ihm. Aus seiner Ehe war ein Sohn hervorgegangen, hoch beanlagt und nun als Halbjude aus der Volksgemeinschaft ausgeschlossen. Um die Tragik seines Schicksals zu vollenden, traf ihn schließlich noch die Mitteilung, daß dieser, sein einziger Sohn, Opfer des Krieges geworden war. Sein Besuch galt der Weihehalle, vor allem aber den großen Büsten, die Paula, Alberts erste Gattin, eigens für die Mainzer Halle geschaffen hatte. Bergmann war von den Werken tief beeindruckt: Meister Eckhart, der Phantasie der Künstlerin entsprungen, die Büste Goethes als Höhepunkt unserer klassischen Dichtung und der Kopf Friedrich Nietzsches, dessen zum Letzten drängende Dynamik sich auf der Suche nach höchsten Zielen verzehrte und etwas von dem abenteuerlichen und gefahrdrohenden Schicksal ahnen ließ, das sich hinter den Nebelschwaden der Zukunft verbarg. Bergmann stand lange Zeit schweigend vor diesen Dokumenten von unerhörter Ausdruckskraft, in denen die begnadete Künstlerin das Geheimnis geschichtlichen Werdens enthüllte."[6]

Pick erwähnt hier nicht, dass Bergmann Mitglied der NSDAP und Vorsitzender der Gemeinschaft Deutsche Volksreligion war. Drei der vier Büsten, die damals in der Mainzer Weihehalle aufgestellt waren, werden hier ausdrücklich beschrieben. Die vierte Büste aber, die zu Beginn des Jahres 1941 aufgestellt wurde und den germanischen Gott Odin darstellte, bleibt in Picks Autobiographie ungenannt.

Der langjährige Präsident der Freireligiösen Landesgemeinschaft Hessen, Erich Satter, thematisierte die NS-Vergangenheit in einem Beitrag anlässlich des Jubiläums zum hundertvierzigjährigen Bestehen der freireligiösen Gemeinde in Wiesbaden.[7] Darin steht: "Die Gemeinde hätte das Verbot umgehen können, wenn sie bereit gewesen wäre, Nichtarier auszuschließen. Daß sie es nicht getan hat, erfüllt uns heute mit Stolz. Sie widerstand damit dem Ungeist des Nationalsozialismus weit eindeutiger, als die beiden Großkirchen. Hier sei vor allem darauf hingewiesen, was der Katholik und Vizekanzler Hitlers, Franz von Papen, am 9. November 1933 in Köln vor der Arbeitsgemeinschaft katholischer Deutscher bekannte: '...die Strukturelemente des Nationalsozialismus sind nicht nur der katholischen Lebensauffassung nicht wesensfremd, sondern sie entsprechen ihr in fast allen Beziehungen'. Nachdenklich stimmt auch, daß Hitler seit seines Lebens Mitglied der katholischen Kirche war, bis heute nicht exkommuniziert wurde; aber die Exkommunikation von Galileo Galilei bis heute noch nicht aufgehoben ist.

Von evangelischer Seite war die Akzeptanz des Nationalsozialismus ebenso weit größer als gelegentliche Proteste. Fest steht, daß nicht die Christen, sondern die Humanisten sich offen auflehnten. Es ist deshalb zynisch, auch hier von Kollektivschuld zu sprechen, es ist im Gegenteil zu fragen, wieviel Leid vermieden worden wäre, hätten sie die gleiche Macht gehabt wie die christlichen Kirchen." Hier werden die Freireligiösen pauschal als Gegner der Nationalsozialismus und Widerstandskämpfer deklariert, die dem "Ungeist des Nationalsozialismus weit eindeutiger" widerstanden als die Christen, ja sich sogar gegen das NS-Regime "offen auflehnten". Derartige Aussagen werden durch die Tatsachen aber nicht gedeckt. Anstatt dass eine Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte erfolgt, kippt die Argumentation sogleich in Polemik gegen die christlichen Kirchen um. Katholiken wie Protestanten wird vorgeworfen, den Nationalsozialismus unterstützt zu haben. Widerstand von christlicher Seite wird allenfalls als "gelegentliche Proteste" einer Minderheit innerhalb der christlichen Kirchen angesehen. Selbst Galilei wird hier als Kronzeuge gegen das Christentum angeführt, obwohl seine Person mit der Zeit des Nationalsozialismus in keinerlei Beziehung steht. Die Tatsache, dass die Situation in den freireligiösen Gemeinden nicht prinzipiell anders war als in den christlichen Gemeinden, sondern hier wie dort sowohl Widerstand als auch Anpassung, Distanzierung wie auch Befürwortung des NS-Staates vorkamen, fällt unter den Tisch und wird durch die "Widerstandslegende" verdeckt und verklärt.

Dabei ist auch von einer nichtchristlichen, freigeistigen Position aus eine angemessene Würdigung der Tatsachen möglich. Ein positives Beispiel aus dem freigeistigen Bereich für den Umgang mit der Zeit des Nationalsozialismus bietet beispielsweise das Freidenker- Magazin (heute diesseits).[8] Hier wird das Verhältnis der christlichen Kirchen zum Nationalsozialismus nicht einseitig und polemisch dargestellt, sondern in seinen Brüchen und Widersprüchlichkeiten.

Trotz der eindeutig atheistischen und dem Christentum gegenüber kritischen bis ablehnenden Ausrichtung des Freidenker-Magazins werden die Beziehungen der beiden großen Konfessionen zum NS-Regime differenziert behandelt und zusätzlich mit wenig bekannten Quellen belegt. Die anfängliche feindliche Haltung katholischer Bischöfe gegenüber dem Nationalsozialismus, die Mitglieder der NSDAP nicht zu den Sakramenten zuließen, oder der Widerstand einzelner katholischer Geistlicher gegen das NS-Regime wird hier nicht weniger angesprochen als das Reichskonkordat von 1933 (S.30f), die Deutschen Christen finden ebenso Erwähnung wie die Bekennende Kirche. (S.32f).


Die Magisterarbeit

Im Jahr 2004 wurde von mir eine Magisterarbeit erstellt mit dem Titel Freireligiöse Gemeinden im Nationalsozialismus.[9] Ein Mangel der Arbeit liegt freilich darin, dass nicht sämtliche Aspekte der Geschichte freireligiöser Gemeinden in der Zeit des Nationalsozialismus gleichmäßig berücksichtigt werden konnten. Während der Erstellung der Arbeit zeigte sich ein beträchtliches Ungleichgewicht, was die in den Gemeinden noch vorhandenen Materialien betrifft. Manche Bereiche konnten daher verhältnismäßig gut, andere hingegen kaum erhellt werden. Auch die regionale Verteilung des erhaltenen Materials auf die Gemeinden erwies sich als höchst ungleich. Diese Tatsache führte dazu, dass die Gemeinden Südwestdeutschlands wesentlich ausführlicher behandelt werden konnten als diejenigen Gemeinden, die damals dem VfG bzw. BFGD angehört hatten.

Aufgrund des vorliegenden Materials war es erforderlich, eine Schwerpunktsetzung vorzunehmen. In der Einleitung der Magisterarbeit wird das Thema genauer eingegrenzt: "Im Zentrum der Arbeit steht die Auseinandersetzung zwischen den freireligiösen Gemeinden und ihrer Umgebung. Ausgehend von der damaligen Außendarstellung der freireligiösen Gemeinden wird ihr Bezug zu unterschiedlichen Fragestellungen untersucht. Die Positionierung der Freireligiösen gegenüber dem nationalsozialistischen Staat und seiner Ideologie nimmt hier den größten Raum ein. Auf welche Weise präsentierten sich die Freireligiösen nach dem Machtwechsel in der Öffentlichkeit? Leisteten sie Widerstand, paßten sie sich an, oder versuchten sie durch eine 'unpolitische' Haltung dem staatlichen Druck zur Gleichschaltung auszuweichen?"[10] Der Schwerpunkt der Arbeit liegt somit auf der Außendarstellung der freireligiösen Gemeinden.

Auf der Basis dieser Schwerpunktsetzung konnte das vorhandene Material untersucht werden, da in diesem Bereich die vorhandenen Lücken nicht allzu groß waren. "Da die vorliegende Arbeit als Schwerpunkt die offizielle Positionierung der freireligiösen Gemeinden im Nationalsozialismus behandelt, liegen der Darstellung in erster Linie gedruckte Quellen zugrunde, nämlich Bücher, Zeitschriften oder Flugschriften, die zwischen 1933 und 1945 von freireligiösen Gemeinden oder Gemeindeverbänden herausgegeben wurden. Die Untersuchung stützt sich dabei vor allem auf die Aussagen von Pfarrern, Predigern oder Funktionären der freireligiösen Gemeinden."[11]

Was das "Innenleben" der freireligiösen Gemeinden betrifft, sind Quellen in wesentlich geringerem Maß vorhanden. Für einzelne Gemeinden, z.B. die Freireligiöse Gemeinde Frankfurt am Main, heute Unitarische Freie Religionsgemeinde, sind tatsächlich noch interne Unterlagen wie Protokolle von Vorstandssitzungen oder Teile des Schriftverkehrs aus dieser Zeit erhalten. Damit stellt die Frankfurter Gemeinde aber eine große Ausnahme dar. Durch die Kriegseinwirkungen ist leider ein großer Teil des internen Materials verloren gegangen, das einen vertieften Einblick in die innere Entwicklung freireligiöser Gemeinden geben könnte.

Der mit dem Betreuer der Arbeit, Prof. Dr. Peter Brandt, zu Beginn vereinbarte Titel wurde auch beim Fortgang der Bearbeitung beibehalten und nachträglich nicht mehr abgeändert. Tatsächlich wäre es sinnvoll gewesen, der Arbeit einen präziseren Titel zu geben, um bereits auf den ersten Blick die Schwerpunktsetzung zu verdeutlichen. Dann hätte die Arbeit einen Titel wie 'Die Außendarstellung freireligiöser Gemeinden im Nationalsozialismus unter besonderer Berücksichtigung der freireligiösen Gemeinden Südwestdeutschlands' tragen sollen.


Die Kritik

Im Mitteilungsblatt Wege ohne Dogma (WoD) erschien eine ausführliche kritische Besprechung der Magisterarbeit aus der Feder von Dr. Eckhart Pilick, dem früheren langjährigen Prediger der Freireligiösen Landesgemeinde Baden.[12] Ein weiterer kritischer Artikel von Anke Reuther[13] enthält einerseits wertvolle Informationen über die Freireligiöse Gemeinde Berlin in der NS- Zeit und ihren stellvertretenden Vorsitzenden vor dem Verbot, den Sozialdemokraten und Widerstandskämpfer Otto Brass (S.196). Andererseits wird in diesem Artikel dem Autor der Magisterarbeit "Selbstgerechtigkeit" (S.195) und eine "nicht offene, nicht wertfreie Ausgangsposition" (S.197) vorgeworfen sowie die "Absolutheit des Urteils des Autors" (S.197).

Der Versuch, "das vorgefaßte Moraldiktum" (S.195) zu bedienen, wird wie folgt bemängelt: "Vermuten muß man, daß es das Prinzip des Autors war, wo heute noch Material vorliegt, wurde ein Beispiel aufgegriffen, wenn es zur Unterstützung der These des Autors paßte" (S.194). Eine solche Aussage unterstellt dem Autor implizit eine absichtlich verfälschende Darstellung der Tatsachen. Eine derartige Kritik verlässt die sachliche Ebene und geht in eine persönliche Ebene über, wo dem Autor moralische Defekte unterstellt werden.

Vorwürfe auf der persönlichen Ebene sind in der wissenschaftlichen Diskussion wenig sinnvoll. Im Folgenden soll daher ausschließlich auf die pointierte, aber dabei stets sachliche Kritik Eckhart Pilicks eingegangen werden.


Die Protagonisten

Pilick stellt zu Recht fest, dass die in der Magisterarbeit angeführten Belege überwiegend von einer relativ kleinen Zahl von Autoren stammen, und betont demgegenüber die "individualistische Einstellung" der Freireligiösen. [14] Dieser für die freireligiösen Gemeinden charakteristische Individualismus soll hinsichtlich meiner Magisterarbeit auch keinesfalls geleugnet werden. Dennoch gab es in den freireligiösen Gemeinden Persönlichkeiten, die einen starken Einfluss auf die Gedanken und Überzeugungen der Gemeindemitglieder ausübten.

Männer wie Georg Pick in Mainz, Max Gehrmann in Offenbach, Clemens Taesler in Frankfurt und Karl Weiß in Baden waren über Jahrzehnte hinweg in ihren Gemeinden als Pfarrer bzw. Prediger tätig und haben in dieser Zeit Generationen von Freireligiösen nicht zuletzt im Religions- und Konfirmandenunterricht geprägt. Die Prägung, die diese Persönlichkeiten ihren Gemeinden gaben, wirkt sich erkennbar auch noch bis heute aus. Durch ihre Tätigkeit als Autoren wirkten sie auch über die eigenen Gemeinden hinaus. Insbesondere Georg Pick war viele Jahre lang der fruchtbarste freireligiöse Autor in ganz Deutschland. Der Einfluss, den diese Männer auf ihre Gemeinden und darüber hinaus ausübten, muss also wesentlich höher veranschlagt werden, als es eine zahlenmäßige Gegenüberstellung von "4 zu 90.000" vermuten lässt.

Diejenigen Autoren, die in der Arbeit zitiert werden, waren auch diejenigen, die in der fraglichen Zeit der Öffentlichkeit gegenüber definierten, was "freireligiös" war. Wenn mehr als die Hälfte des gesamten freireligiösen Schrifttums, das in dieser Zeit erschien, von einer einzigen Person stammt, nämlich von dem Mainzer Pfarrer Georg Pick, dann muss diese Person auch einen entsprechenden Raum einnehmen in einer Diskussion darüber, was damals als "freireligiös" verkündet wurde.

Pilick verweist drauf, das die Mehrheit der Gemeindemitglieder "überwiegend sozialdemokratisch eingestellt" gewesen seien.[15] Diese Auffassung wird in der Magisterarbeit ausdrücklich geteilt.[16] Auch Persönlichkeiten, die vor 1933 der Sozialdemokratie angehörten, waren nach Hitlers "Machtergreifung" jedoch an der Anpassung an den Zeitgeist beteiligt. Hier lediglich von "Opportunismus" oder "einer eher bürgerlichen Einstellung" auszugehen[17], erscheint zumindest fragwürdig.

Ausführliche Informationen besitzen wir über den Frankfurter Pfarrer Clemens Taesler. Er war von 1918 bis 1962 in der Freireligiösen Gemeinde (seit 1948 Unitarische Freie Religionsgemeinde) in Frankfurt als Pfarrer tätig. Taesler verfasste (wahrscheinlich noch 1945) eine Beschreibung seiner Tätigkeit in der NS-Zeit. In der Weimarer Republik gehörte er der SPD an und bekleidete Leitungsfunktionen in der Freimaurerloge Sokrates zur Standhaftigkeit in Frankfurt a.M. und in der Großloge des Eklektischen Freimaurerbundes. Taesler beantragte am 1. Mai 1933 die Aufnahme in die NSDAP "aus Verantwortung für meine Familie" und "in Sorge um meine ganz auf mich angewiesene Gemeinde, deren Auflösung befürchtet werden mußte". 1935 erhielt er eine vorläufige Mitgliedskarte der NSDAP, die später wieder eingezogen wurde. Eine endgültige Aufnahme in die Partei wurde ihm wegen seiner früheren Tätigkeit für die Freimaurerei verweigert.[18]

Auch der Offenbacher Pfarrer Max Gehrmann war ein langjähriges Mitglied der SPD, der er über fünfzig Jahre angehörte.[19] Es ist dabei unbestritten und wurde auch von den betreffenden Persönlichkeiten nach 1945 betont, dass die Verantwortlichen zunächst in der Sorge handelten, ihre Gemeinden vor einem drohenden Verbot zu retten. Nur ergab sich bei der Untersuchung, dass die Aussagen deutlich über eine rein äußerliche Anpassung hinaus gingen, und dass hier Teile der nationalsozialistischen Ideologie rezipiert wurden. Der Wandel war nicht nur äußerlich, sondern betraf auch die Inhalte dessen, was in dieser Zeit als freie Religion gepredigt wurde.

Die Geschichte von Max Gehrmann und dem Mitgliederverzeichnis der Münchner Gemeinde ist recht fragwürdig. So, wie sie im Lexikon (S.60) geschildert wird, ist sie zumindest unwahrscheinlich. Wieso hätte sich die Gestapo von einem versiegelten Schrank aufhalten lassen sollen, wenn sie an dem Mitgliederverzeichnis Interesse gehabt hätte?

Eine detaillierte Untersuchung der einzelnen Gemeinden stößt hinsichtlich der großen Mehrzahl der Gemeinden auf beträchtliche Schwierigkeiten bei der Beschaffung aussagefähigen Materials. Wie Pilick zu Recht anmerkt, war eine derartige Untersuchung im Rahmen einer Magisterarbeit nicht möglich. Lediglich in der Unitarischen Freien Religionsgemeinde in Frankfurt sind noch einige interne Unterlagen vorhanden, die - zumindest für diese eine Gemeinde - eine solche Untersuchung zuließen.


Das Führerprinzip

Nach Pilicks Überzeugung ist die rätedemokratische Verfassung der freireligiösen Gemeinden dem "elitären Führerprinzip der Nazi-Ideologie diametral" entgegengesetzt.[20] Das Führerprinzip widersprach ohne Zweifel der traditionellen freiheitlichen Verfassung der freireligiösen Gemeinden. Aber auch hier erfolgte eine Anpassung. [21] In Berlin wurde der 1. Vorsitzende der Gemeinde als "Führer" tituliert, die Gemeinde Fürth führte das "Führerprinzip nach geltenden Richtlinien" ein, und in der Landesgemeinde Baden wurde das "Führerprinzip" 1933 in die Verfassung übernommen, wonach der Landesvorsitzende als der "allein verantwortliche und selbständig entscheidende Führer" bezeichnet wurde.

Ausführlich äußerte sich Georg Pick, der Pfarrer der Freireligiösen Gemeinde in Mainz, hinsichtlich des Führerprinzips in den freireligiösen Gemeinden. Er bezeichnete die "Formung des Glaubens und Gebrauchtums" als "Sache der Führer". Die "Führer unserer Gemeinschaft" seien dazu berufen, die "Grundlinien unserer Religion" zu gestalten. Die Führer "weisen uns die Wege, uns unseres Wesens bewußt zu werden und damit die tiefste Quelle unserer Freiheit zu finden". Nur so könne der "lebendige Zusammenhang der Religion mit der Kultur eines Volkes gewährleistet" werden.

Andererseits schränkte Pick die Verwendung des Führerprinzips in den freireligiösen Gemeinden auch wieder ein. Die Führer dürften niemals "über den Kopf der Mitglieder eine seelenlose Gewaltherrschaft" ausüben. Im religiösen Bereich wäre das "Führerprinzip in seiner unbedingten Form" ohnehin nur dann sinnvoll, "wenn das deutsche Volk eine Staatskirche hätte". Insgesamt ergibt sich also ein zwiespältiges Bild: auf der einen Seite stehen ausdrückliche Bekenntnisse zum Führerprinzip, auf der anderen Seite wird das Prinzip wiederum so weit abgeschwächt, dass es seinen Inhalt weitgehend verliert und zu einem bloß äußerlichen Lippenbekenntnis entleert wird.


Ernst Bergmann als Freireligiöser?

Als auf der Bundesversammlung des BFGD am 16. und 17. Juni 1934 in Leipzig Jakob Wilhelm Hauer seinen Rücktritt als BFGD-Vorsitzender erklärte, wurde zunächst Carl Peter als kommissarischer Vorsitzender gewählt, während Ernst Bergmann Vorstandsmitglied wurde.[22] Kurze Zeit später wurde Bergmann dann vom BFGD Vorstand zum "Führer" des BFGD gewählt.[23]

Ist es angemessen, den BFGD-Vorsitzenden als Freireligiösen zu bezeichnen? Zwar lernte Bergmann die Freireligiösen erst nach 1933 durch die Gespräche über die Gründung einer 'Deutschen Glaubensbewegung' kennen. Als "Führer" des BFGD setzte sich Ernst Bergmann dann mit Vehemenz gegenüber den staatlichen Stellen für die Erhaltung der freireligiösen Gemeinden ein. In der Magisterarbeit sind von Bergmann ausschließlich Zitate verwendet worden, die aus der Zeit stammen, nachdem er in den Vorstand des BFGD gewählt worden war. Aussagen aus seinem Buch über Die deutsche Nationalkirche hingegen wurden nicht zitiert, da Bergmann bei der Veröffentlichung dieses Buchs noch keine Kontakte zu den Freireligiösen hatte. Die Aussagen von Bergmann stellen auch nicht nur "isolierte Einzelmeinungen" dar, wie Pilick (S.173) meint. Beim Vergleich mit den Aussagen von anderen Persönlichkeiten, die zweifellos als Freireligiöse einzustufen sind, fällt die weitgehende inhaltliche Übereinstimmung auf. Bergmanns Aussagen entsprechen weitgehend denjenigen von genuinen Freireligiösen wie Pick oder Gehrmann.


Freireligiöse und DG

In der Magisterarbeit wird nirgends der Versuch unternommen, wie Pilick andeutet (S.172), Freireligiöse und Deutsche Glaubensbewegung (DG) "in einen Topf" zu werfen. Es werden aber in Anlehnung an die bereits genannte ausführliche Darstellung der DG von Ulrich Nanko die zeitweilig engen Beziehungen zwischen den freireligiösen Verbänden und der DG thematisiert. "Sowohl der Verband freireligiöser Gemeinden Deutschlands als auch der BFGD zeigten zunächst ein lebhaftes Interesse an einem Zusammengehen mit der von Hauer initiierten Deutschen Glaubensbewegung. Eine solche Zusammenarbeit schien die Gefahr für die freireligiösen Gemeinden zu verringern, aus politischen Gründen verboten zu werden. Durch Hauers Ansehen bei der Staatsführung hoffte man, eine Rücknahme der bisherigen Einschränkungen erreichen und das Fortbestehen der Gemeinden sichern zu können. Das Anliegen Hauers, religiöse Bestrebungen außerhalb des Christentums in einer von den neuen Machthabern anerkannten Organisationsform zusammenzufassen, stieß bei den Gemeinden des BFGD daher ebenso wie auch unter den südwestdeutschen Freireligiösen zunächst auf Sympathien."[24]

In der Magisterarbeit wird weiter ausgeführt: "Der Verband freireligiöser Gemeinden Deutschlands lehnte nach vorübergehendem Einverständnis ebenso wie die Freireligiöse Landesgemeinde Baden einen Beitritt ab. Letztlich schloß sich nur der BFGD der Deutschen Glaubensbewegung als förderndes Mitglied an, um durch ein Zusammengehen mit den völkisch-religiösen Gruppen einem Verbot zu entgehen. Diese Zusammenarbeit wurde aber durch das Verbot des BFGD vom 20. November 1934 hinfällig."[25]

Insgesamt kommt die Magisterarbeit hinsichtlich des BFGD zu dem gleichen Ergebnis wie Ernst Jeske: "Die Bundesleitung unter ihrem Geschäftsführer Carl Peter versuchte, durch Anlehnung an die von der nationalsozialistischen Staatspartei begünstigte Deutsche Glaubensbewegung den Bestand und die Tätigkeit der freireligiösen Gemeinden zu sichern."[26]


Bekenntnisse zum "Führer"

In der Magisterarbeit wird folgendes Fazit gezogen (S.119): "Aus den Quellen geht eindeutig hervor, daß die freireligiösen Gemeinden in der NS-Zeit Mitglieder jüdischer Abstammung ausschlossen oder ihrer Mitgliedsrechte beraubten, sich mit Nachdruck zum NS-Staat und der Führung Adolf Hitlers bekannten und die freie Religion als 'deutsche Religion' propagierten." Die Äußerungen, die zu diesem Fazit führen, stammen dabei keineswegs nur von Ernst Bergmann oder anderen NSDAP-Mitgliedern, die sich erst nach 1933 den Freireligiösen anschlossen, sondern von langjährigen und anerkannten Vorkämpfern der freireligiösen Bewegung.

So verurteilte Carl Peter das Attentat Georg Elsers auf Adolf Hitler im Münchener Bürgerbräukeller vom 8. November 1939 als Beispiel eines "furchtbaren Verbrechens" und "ausgereifte Saat einer Verbrecherclique". Der Offenbacher Pfarrer Max Gehrmann sah die Freireligiösen "in treuer Gefolgschaft des Führers".[27]

Ausführlicher beschrieb Georg Pick die Bedeutung des "Führers" für die Freireligiösen in seinem Buch über die Religion der freien Deutschen. Der Führer zeichne sich "durch Charakter, durch geistige Überlegenheit, durch Seelentiefe, Willenskraft und Opfermut" aus. Pick bezeichnete den Führer als "Träger der letzten Entscheidung des Volkswillens". Der Führer sei "Sachwalter und Stellvertreter alles dessen, was dem Deutschen heiligster Besitz ist". Er vollziehe "furchtlos den Willen der Nation", ja, er sei selbst die "Verkörperung des Willens der Nation". In der Person des Führers stelle sich die "stärkste Sammlung der Kräfte seines Volkes", ja, die "Seele des Volkes, die jedes Deutschen tiefster Lebenswert" sei, "in Wesen und Wirkung am vollendetsten" dar. Weil der Führer den "aus der göttlichen Tiefe drängenden Willen der Nation" verkörpere, sei er "heilig".

Für die Freireligiösen sei deshalb das "Erheben der Rechten und der Heilruf auf den Führer" gleichbedeutend mit einem "Gebet". Kurz nach der "Machtergreifung" schrieb Georg Pick bereits von der "einzigartigen nationalen Erhebung des deutschen Volkes". Pick äußerte "Vertrauen" und "Verehrung" für den "Führer unseres Volkes".

1939, nach dem "Anschluss" Österreichs, dem Münchener Abkommen und der Besetzung Böhmens und Mährens, lobte Pick die "kühne Staatskunst des Führers". Nach dem Ausbruch des Krieges und den "Blitzkriegen" gegen Polen, die Benelux-Staaten und Frankreich sprach Pick von Hitlers "beispielloser Kühnheit", seinem "unfehlbaren Instinkt" sowie "weiser Vorausschau und deutscher Gründlichkeit" bei der Vorbereitung des Krieges.[28]


Gemeinschaft Deutsche Volksreligion

Am 29. August 1937 wurde die Gemeinschaft Deutsche Volksreligion gegründet. Ernst Bergmann übernahm das Amt des Vorsitzenden, während Carl Peter zum Geschäftsführer der Gemeinschaft bestimmt wurde. Ehemalige Freireligiöse, aber auch Anhänger völkisch-religiöser Vorstellungen, sammelten sich in der neuen Vereinigung, so dass bis 1942 bereits vierzig Gemeinden entstanden waren. 1944 besaß die Gemeinschaft ca. 18.000 Mitglieder.

Der Vergleich mit den Mitgliederzahlen des VfG bzw. BFGD zeigt, dass nur eine Minderheit der Mitglieder der verbotenen freireligiösen Gemeinden sich der neuen Gemeinschaft anschloss. Wie sich die Mitgliederstruktur zusammensetzte, bedarf noch genauerer Untersuchungen. Hier wäre der Nachlass von Carl Wüst, der im Archiv des Humanistischen Verands Nordrhein-Westfalen erhalten ist, ein lohnender Untersuchungsgegenstand.

Es erscheint zumindest zweifelhaft, dass die Mitgliedschaft "zahlreiche Anhänger anderer Gruppen" und nicht in erster Linie ehemalige Mitglieder der verbotenen freireligiösen Gemeinden umfasst haben soll. Die Gemeinschaft betrieb keine Werbung und verzichtete auf öffentliche Veranstaltungen. Trotzdem erreichte sie in wenigen Jahren eine beachtliche Mitgliederzahl.

Die völkisch-religiösen Gruppierungen waren hingegen zumeist wesentlich kleiner und darüber hinaus oft untereinander zerstritten. Zudem dürfte die Deutsche 'Glaubensbewegung für diese Gruppierungen' eine größere Anziehungskraft ausgeübt haben als eine Vereinigung, die versuchte, das Erbe der freireligiösen Gemeinden zumindest teilweise fortzuführen. Hingegen kam es vor, dass Personen aus der völkisch-religiösen Bewegung über die Kontakte innerhalb der Deutschen Glaubensbewegung den Weg zu den Freireligiösen fanden. Dies gilt für Ernst Bergmann, aber auch für Wilhelm Bonneß, einen ehemaligen Schüler Jakob Wilhelm Hauers, der später, längst zum Demokraten gewandelt, Landessprecher der Freireligiösen Gemeinde Pfalz wurde.


Freireligiöse und DG

Erich Schramm hatte sich nicht, wie Pilick meint, "von den Freireligiösen entfernt", als er sich für ein Zusammengehen der Freireligiösen mit der Deutschen Glaubensbewegung aussprach.[29] Von 1933 bis 1934 arbeitete er als Pfarrer der freireligiösen Gemeinde in Wiesbaden, nach dem Krieg amtierte er dann von 1949 bis 1951 als Prediger der Freireligiösen Landesgemeinde in Baden.[30]

Schramm gehörte damals zu denjenigen Freireligiösen, welche die Zukunft der freireligiösen Gemeinden innerhalb der Deutschen Glaubensbewegung sahen. Wie aus den von Pilick angeführten Zitaten aus dem Briefwechsel zwischen Schramm und dem Philosophen Arthur Drews eindeutig hervorgeht, hat Drews bereits damals, 1934, die Deutsche Glaubensbewegung massiv kritisiert und einen Zusammenschluss der freireligiösen Gemeinden mit der DG abgelehnt.

Ein "törichter Rassenmaterialismus" bzw. ein "zur Religion erhobener Nationalsozialismus", wie er ihn in der DG erblickte, konnte seinen Ansprüchen nicht genügen. Dabei war Drews auf der Eisenacher Tagung der DG am 29. und 30. Juli 1933 in den Führerrat der DG gewählt worden, ohne aber selbst auf der Tagung anwesend zu sein.[31]

Da der Verband Freireligiöser Gemeinden Deutschlands, als dessen Vertreter im Führerrat Drews und der Pforzheimer Prediger Georg Elling amtieren sollten, der DG letztlich doch nicht beitrat, war Drews freilich nie in dieser Funktion tätig.

Um Drews' eigene Position in dieser Zeit deutlicher zu erfassen, ist es nötig, seine damals in der Zeitschrift Freie Religion öffentlich geäußerten Überzeugungen heranzuziehen. Einerseits nahm Drews unmissverständlich Stellung gegen antisemitische Stereotype.[32] Andererseits äußerte er aber auch Gedanken, die einer völkischen Religiosität entsprechen. So erklärte Drews, das Christentum sei der Ausdruck einer "versunkenen Zeit und der Denkweise einer uns fremden Rasse". Er betonte, dass "Christentum mit Deutschtum schlechterdings nichts zu tun" habe und deshalb auch ein "deutsches Christentum" einen "Widersinn" darstelle.[33]

Die Vorstellung von einem "persönlichen Schöpfer der Welt" entspreche "der semitischen Geistesart".[34] Im Gegensatz zu den "Bibelgläubigen, für die Palästina das 'heilige' Land ist", sei für die Freireligiösen "Deutschland das heilige Land". Der Germane sei "als Arier, grundsätzlich Monist, (Pantheist)" im Gegensatz zum dualistischen Christentum. Die freie Religion schließlich charakterisierte Drews als einen "Wesensausdruck selbst unseres deutschen Volkes".[35]

Aus diesen Aussagen geht hervor, dass Drews sehr wohl völkische Vorstellungen in die eigene Weltanschauung übernommen hatte. Seine differenzierten Äußerungen zum Judentum beweisen aber auch, dass er dabei ein unabhängiger Denker blieb, der es auch wagte, Meinungen zu äußern, die dem damaligen Zeitgeist diametral entgegengesetzt waren. Drews' letztes Werk, das Buch Deutsche Religion, das kurz vor Drews' Tod im Jahr 1935 erschien, wurde von dem Bearbeiter der Magisterarbeit nicht rechtzeitig gefunden, um noch in die Untersuchung mit einbezogen werden zu können. Anhand dieses Buches könnten sich Drews' Überzeugungen am Ende seines Lebens in aller Deutlichkeit darstellen lassen.

Nicht nur Arthur Drews hat die DG scharf kritisiert. Ablehnung erfuhr die DG auch von Ernst Bergmann, obwohl die 'Gemeinschaft Deutsche Volksreligion' korporatives Mitglied der DG war. Bergmann bemängelte den "von uns schmerzlich beklagten bisherigen Mißerfolg" der DG. Er charakterisierte die Deutsche Glaubensbewegung als "ein von ihren Führern verlassenes Trümmerfeld". Die DG bot nach Bergmanns Überzeugung das "beschämende Schauspiel, daß die einzelnen Führer und Kämpfer sich untereinander in blinder Leidenschaft befehdeten".[36]

Beim Vergleich der von Drews und von Bergmann geübten Kritik an der DG zeigt sich, dass Drews sich vor allem an der von DG-Vertretern vorgenommenen Gleichsetzung zwischen Religion und (nationalsozialistischer) Politik störte, während Bergmann weniger die Fixierung auf die Politik kritisierte, sondern in erster Linie die Uneinigkeit und die Streitigkeiten innerhalb der DGB monierte.


Verfolgung von Freireligiösen

Die Verfolgung von Mitgliedern freireligiöser Gemeinden wird in der Magisterarbeit kurz behandelt (S.21f). Gerade hier ist die Darstellung lückenhaft wegen der disparaten Materialsituation. Im Bereich des VfG bzw. BFGD zählte Dietrich Bronder achtzig polizeiliche Verhöre, 37 Verhaftungen und drei Einweisungen in Konzentrationslager. Bronder bezieht sich ausschließlich auf den VfG bzw. BFGD und zählt deshalb die Opfer aus anderen freireligiösen Gemeinschaften - wie der Freireligiösen Landesgemeinde Baden - nicht mit. Ausdrücklich erwähnt wird in der Magisterarbeit die KZ-Haft folgender Personen: Albert Heuer und Gerhard v. Frankenberg aus Hannover, Richard Schramm aus Nürnberg, Jakob Schneider aus Iggelbach, Otto Herzog und Gustav Unverricht aus Gladbeck, sowie Ludwig Marum aus Karlsruhe. Hierbei waren bis auf Ludwig Marum sämtliche Opfer Mitglieder einer Gemeinde des BFGD. Wenn Bronder nur drei KZ-Häftlinge zählt, dann können seine Zahlen nicht stimmen, sind zumindest nicht vollständig. Dies liegt aber wahrscheinlich weniger an Bronders späterer Hinwendung zum Rechtsradikalismus, sondern eher an der unzureichenden Datenbasis, die ihm bei Abfassung seines Beitrags vorlag. Zu dieser Zeit war Bronder noch Sozialdemokrat.


Ablehnung der Freireligiösen durch die NS-Führung

Die Hoffnung einzelner Freireligiöser, dass sich die freireligiösen Gemeinden im Dritten Reich zur Basis einer "deutschen Nationalkirche" entwickeln könnten, erfüllten sich nicht einmal in Ansätzen. "Derartige Ansprüche wurden aber von der Staats- und Parteiführung niemals ernst genommen. Tatsächlich blieben die Ansätze zu einer arischen, nichtchristlichen Religion der verschiedenen völkischen, nordisch- oder germanisch-religiösen Gruppen ebenso unbeachtet wie die von Freireligiösen propagierte "Volksreligion" oder "Nationalkirche". Die Freireligiösen stießen hier entgegen ihren überzogenen Hoffnungen auf eine große Zukunft im nationalsozialistischen Staat auf die "harte Abgrenzungsstrategie", die die NSDAP gegenüber den völkischen Gruppen verfolgte". Die Magisterarbeit kommt daher zu dem Ergebnis: "Die Freireligiösen waren und blieben eine kaum beachtete Splittergruppe".[37]


Fazit

Die Magisterarbeit kann die wechselvolle Geschichte der freireligiösen Gemeinden im Dritten Reich nur in einzelnen wichtigen Aspekten darstellen. Andere wichtige Bereiche konnten nicht oder nur oberflächlich berücksichtigt werden.

Auf diese Weise entsteht ein erster Einblick in den Problemkreis, der aber durch weitere Forschungen ergänzt werden muss. Es ist zu hoffen, dass weitere Untersuchungen das Bild der freireligiösen Gemeinden in dieser schwierigen Zeit zusätzlich erhellen und dadurch zu einer exakteren Beurteilung der Tatsachen beitragen können.

Ansätze für weitergehende Forschungsarbeiten kann die umfangreiche Materialsammlung bieten, die Georg Batz aus Nürnberg angelegt hat und für wissenschaftliche Zwecke gerne zur Verfügung stellt. Auch das von der Freireligiösen Gemeinde Berlin initiierte Dokumentationszentrum läßt für die Zukunft auf eingehende Studien hoffen. Weitere Gelegenheiten für spezifische Untersuchungen bieten die Archive der Unitarischen Freien Religionsgemeinde in Frankfurt, des Humanistischen Verbandes Nordrhein-Westfalen in Dortmund sowie der Freireligiösen Landesgemeinde Pfalz in Ludwigshafen, wo der Nachlass Carl Peters einer intensiven Auswertung harrt.


Anmerkungen

  [1] Vgl. Das Wirken Clemens Taeslers in schwerer Zeit.
       Frankfurt 1994 (3. Aufl.). - Im Folgenden zitiert als "Dokumentation".
   [2] Vgl. Quellensammlung freireligiöser Thesen. Hg. von der Freireligiösen Gemeinde Mainz.
       Mainz 1989, S.120-142.
  [3] Vgl. Geschichte der Freireligiösen Gemeinde Berlin 1845-1945.
       Hg. von der Freigeistigen Gemeinschaft (Freireligiöse Gemeinde) Berlin.
       Dortmund 1981, S.72-88. Im Folgenden zitiert als "Geschichte Berlin".
  [4] Vgl. Lexikon freireligiöser Personen. Hg. von Eckhart Pilick. Rohrbach 1997. -
       Im Folgenden zitiert als "Lexikon".
  [5] Geschichte der Freireligiösen Gemeinde in Offenbach am Main. Offenbach 1968, S.46.
  [6] Georg Pick: Schicksalsweg eines Idealisten. Egelsbach, Frankfurt a.M,
        St. Peter Port u. Washington 1997, S.131f.
  [7] Erich Satter: Die motivierende Kraft freier Religion einst und jetzt.
       In: Religion ohne Offenbarung und Dogmen. Neu-Isenburg 1986, S.23.
  [8] 4. Jg., H. 1, 1984, S.30ff.
  [9] Im Folgenden zit. als "Magisterarbeit". - Diese Magisterarbeit ist im Internet auf der
       Website des bfgd eingestellt unter www.freireligioese.de/bfgd/Magisterarbeit.pdf -
       Sämtliche Zitate aus der Zeit von 1933 bis 1945 im vorliegenden Artikel sind in der
       Magisterarbeit auf den jeweils angegebenen Seiten mit den genauen Fundstellen nachgewiesen.
[10] Magisterarbeit, S.5.
[11] Magisterarbeit, S.8.
[12] WoD 2005, S.171-175. - Im Folgenden zitiert als "Pilick".
[13] WoD 2005, S.197.
[14] Vgl. Pilick, S.172.
[15] Vgl. Pilick, S.171.
[16] Vgl. Magisterarbeit, S.14.
[17] Vgl. Pilick, S.171.
[18] Vgl. Dokumentation, S.6ff. u. Lexikon, S.162f.
[19] Vgl. Lexikon, S.60.
[20] Pilick S.171.
[21] Vgl. Magisterarbeit, S.43f.
[22] Vgl. Ulrich Nanko: Die Deutsche Glaubensbewegung. Marburg 1993, S.207.
       Im Folgenden zitiert als "Nanko". - Siehe auch Magisterarbeit, S.26.
[23] Vgl. Nanko, S.207.
[24] Magisterarbeit, S.22
[25] Magisterarbeit, S.23f.
[26] Geschichte Berlin, S.72.
[27] Magisterarbeit, S.39f u. 40.
[28] Magisterarbeit, S.40f.
[29] Pilick, S.174.
[30] Lexikon, S.150.
[31] Nanko, S.147f
[32] Magisterarbeit, S.50.
[33] Magisterarbeit, S.60.
[34] Magisterarbeit, S.68.
[35] Magisterarbeit, S.86f.
[36] Magisterarbeit, S.100.
[37] Magisterarbeit, S.114f u. 115f.



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Quelle:
humanismus aktuell, Heft 20 - 2007, Seite 43-54
Hefte für Kultur und Weltanschauung
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veröffentlicht im Schattenblick am 5. Oktober 2007