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WISSENSCHAFT/014: Die Schule aus dem Blickwinkel der Neurobiologie (diesseits)


diesseits 3. Quartal, Nr. 88/2009 - Zeitschrift des Humanistischen Verbandes

Beziehungsgestaltung als Voraussetzung von Motivation
Die Schule aus dem Blickwinkel der Neurobiologie

Von Joachim Bauer


Zentrale Herausforderungen, denen sich Lehrkräfte gegenübersehen, betreffen die Erzeugung von Motivation und den Umgang mit Destruktivität. Beide Phänomene haben eine neurobiologische Grundlage.


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Ergebnisse der modernen Neurobiologie führten zur Wiederentdeckung der zentralen Rolle der Beziehung für die kindliche bzw. jugendliche Motivation. Entscheidende Voraussetzung für die biologische Aktivierung der Motivationssysteme ist die pädagogische Beziehung. Kern der pädagogischen Beziehung ist ein Spiegelungsgeschehen, welches ebenfalls neurobiologische Grundlagen hat. Nährboden für Destruktivität und Gewalt sind, wie neurobiologische und soziologische Studien übereinstimmend zeigen, verweigerte soziale Akzeptanz und Ausgrenzung.


Die Motivationssysteme des Gehirns

Die Motivationssysteme des Gehirns sind im Mittelhirn, also an zentraler Stelle gelegene Nervenzell-Netzwerke. Ihre Spezialität ist die Herstellung und Ausschüttung eines Botenstoff-Cocktails, der uns das fühlen lässt, was für die Erledigung unserer täglichen Arbeit unerlässlich ist: Vitalität und Motivation, also die Lust etwas zu tun. Dopamin hat die Wirkung einer Leistungsdroge, endogene Opioide als zweite Komponente verbinden das Prinzip der Kraft mit dem des Wohlbefindens, während das "Freundschaftshormon" Oxytocin - als dritter Bestandteil des Cocktails - die Motivation an die Qualität der Beziehung koppelt, die wir mit unserem jeweiligen Gegenüber haben, was bedeutet, dass wir besonders dort motiviert sind, wo wir für bzw. mit solchen Menschen etwas tun können, mit denen wir uns zwischenmenschlich verbunden fühlen.

Die Motivationssysteme werden nicht von alleine aktiv. Die Ausschüttung des motivierenden Botenstoff-Cocktails erfordert eine vorherige Aktivierung. Was die Motivationssysteme des menschlichen Gehirns aktiviert, ist die Beachtung, das Interesse, die Zuwendung und die Sympathie anderer Menschen, was sie inaktiviert ist soziale Ausgrenzung und Isolation. Das Gehirn macht aus Psychologie Biologie, oder anders ausgedrückt: Die stärkste Motivationsdroge für den Menschen ist der andere Mensch. Dies bedeutet: Es gibt keine Motivation ohne zwischenmenschliche Beziehung. Menschen sind in ihren zentralen Motivationen auf soziale Akzeptanz hin orientierte Wesen, ein Umstand, der in der neurobiologischen Szene der USA den Begriff des "social brain" entstehen ließ.

Für den pädagogischen Alltag bedeutsam sind die neurobiologischen Effekte von sozialer Ausgrenzung und Demütigung: Sie beschränken sich nicht nur auf eine biologische Lähmung des Motivationssystems. Neuere Untersuchungen zeigen, dass Ausgrenzung aus der Sicht des Gehirns ähnlich wahrgenommen wird wie absichtsvoll zugefügter körperlicher Schmerz. Da zugefügter körperlicher Schmerz ein potenter Auslöser von Aggression ist, wird verständlich, warum auch soziale Ausgrenzung bzw. Bindungslosigkeit aggressives Verhalten begünstigt: Das Gehirn macht keine bzw. kaum eine Unterscheidung zwischen körperlichem und psychischem Schmerz und beantwortet daher beides mit Aggression. Dies bedeutet: Überall dort, wo wir aggressivem Verhalten von Schülern entgegentreten müssen, sollten wir dies zwar mit Entschiedenheit tun. Wir sollten dabei aber die Betroffenen nicht demütigen, sondern etwas gegen ihre soziale Ausgrenzung oder Bindungslosigkeit tun, die oft den Hintergrund aggressiven Verhaltens bilden.


Die neurobiologische Grundlage von "Beziehung": Das System der Spiegelnervenzellen

Um im Gehirn Motivation hervorzurufen, bedarf es gelingender zwischenmenschlicher Beziehungen. "Beziehung" wird uns Menschen nicht auf dem silbernen Tablett serviert, wir müssen sie selbst gestalten. Beziehung gründet - soweit es die Begegnung zwischen Pädagogen und Kindern bzw. Jugendlichen betrifft - auf einer Balance zwischen verstehender Zuwendung und Führung. Natürlich ließen sich noch weitere wichtige Komponenten des Beziehungsgeschehens nennen. Für die beiden genannten Komponenten ist das System der Spiegelnervenzellen, dessen Existenz erst Mitte der 90er-Jahre entdeckt wurde, von entscheidender Bedeutung.

Spiegelnervenzellen sind ein neurobiologisches Resonanzsystem. Eine Spiegelzelle (bzw. ein Spiegelzell-Netzwerk) verhält sich wie die in Ruhe befindliche Saite einer Gitarre, die jedoch plötzlich in Schwingung gerät, wenn eine auf den gleichen Ton gestimmte andere Saite angezupft und zum Klingen gebracht wurde. Spiegelzellen sind Nervenzellen, die im eigenen Körper eine bestimmte Handlung steuern könnten, zugleich aber - auf eine stille, unmerkliche Weise - auch dann in Aktion treten, wenn die von ihnen kodierte Handlung bei einem anderen Menschen beobachtet wird. Spiegelneurone sind Zellen, die im eigenen Körper bei einem bestimmten Gefühl (Freude, Trauer, Schmerz) tätig werden würden, die aber auch dann "klingen", wenn wir das jeweilige Gefühl bei einem anderen Menschen erleben. Der Spiegelvorgang unterliegt keiner bewussten Kontrolle, er läuft "präreflexiv" ab, d. h. ohne dass wir gedankliche oder sonstige intellektuelle Willensakte vollführen müssten. Spiegelzellen vermitteln zweierlei: 1. Indem sie in uns in Resonanz gehen, informieren sie uns mit einem in uns ausgelösten Gefühl (mit einer Intuition) über das, was sich im anderen Menschen abspielt; 2. zusätzlich haben Spiegelzellen aber auch die Tendenz, uns "anzustecken": Sie können uns mit der Stimmung eines anderen "infizieren" (z. B. mit guter Laune oder mit Energie, ebenso aber mit einem Gefühl der Müdigkeit oder Apathie).

Spiegelnervenzellen sind die neurobiologische Grundlage für das "Lernen am Modell", welches bereits vor über drei Jahrzehnten vom kanadischen Psychologen Albert Bandura formuliert wurde. Sehen wir einen anderen Menschen etwas tun, führt dies zur stillen Aktivierung von Nervenzellen, die wir benützen müssten, wenn wir die beobachtete Handlung selbst ausführen würden. Das meiste, was Jugendliche - aber auch Erwachsene - lernen, geht über das "Lernen am Modell". Spiegelzellen sind verantwortlich dafür, dass alles, was Kinder - als gute oder als schlechte Modelle (z. B. in den Medien) - sehen, Folgen hat. Dieser Mechanismus lässt sich aber für die pädagogische Beziehung auch nutzbar machen.


Der Kern der pädagogischen Beziehung: Spiegelung

Kinder und Jugendliche wollen spüren, dass sie von ihren Lehrern und Lehrerinnen verstanden werden. Sie suchen unbewusst nach der Resonanz, die sie in ihren Lehrkräften auslösen. Kinder und Jugendliche suchen unbewusst nach Antworten auf unausgesprochene Wünsche, welche lauten: 1. Zeige mir, dass ich da bin, lass mich spüren dass es mich gibt! 2. Zeige mir, wer ich bin, beschreibe meine starken und schwachen Seiten! Lobe mich, aber kritisiere mich auch! 3. Zeige mir, was meine Entwicklungsmöglichkeiten sind, was aus mir werden kann! Zeige mir, was Du mir zutraust! Die Antworten auf diese Fragen entnehmen Kinder und Jugendliche nicht den Sonntagsreden, die wir an sie richten, sondern der Art und Weise, wie wir Erwachsene im ganz normalen Alltag mit ihnen umgehen. Das Geheimnis, ja die Magie guter Pädagogik ist: Jugendliche, die sich wahrgenommen und einfühlsam verstanden fühlen und die spüren, dass man leidenschaftlich an ihre Zukunft glaubt, vertragen es, dass man auch ihre Schwächen klar benennt und sie bei Bedarf durchaus auch kritisiert!

Verstehende Zuwendung ist nur die eine Seite der pädagogischen Beziehung. Lehrkräfte müssen auch führen. Führen heißt, Ausstrahlung zu zeigen und Kinder/Jugendliche zu veranlassen, ihrerseits in Resonanz zur Lehrkraft zu gehen. Dies beinhaltet für Lehrer die Notwendigkeit, mit den Mitteln der Körpersprache (Art des Stehens und Gehens, Stimme, Blickverhalten, Mimik) deutlich zu machen, dass man präsent und gewillt ist, als Person zu sich zu stehen, für die eigenen Vorstellungen einzutreten und diesen Gehör zu verschaffen. Schüler sehen bereits am Auftreten des Lehrers bzw. der Lehrerin, ob eine Lehrkraft Selbstvertrauen oder Angst hat, ob sie selbstbewusst ist oder sich am liebsten verdrücken würde. Die Bereitschaft, als Mensch erkennbar zu sein und sich "sehen" zu lassen, spielt beim Auftreten im Klassenzimmer eine entscheidende Rolle. Wenn Pädagogen sich als Menschen erkennbar machen und Ausstrahlung entfalten, hinterlassen sie im Spiegelsystem des Jugendlichen - Lernen am Modell! - ein Skript. Auch dann, wenn Jugendliche mit den "Ansagen" des Pädagogen immer wieder in Konflikt geraten, wenn sie Opposition zeigen, die Standfestigkeit des Pädagogen testen und ihre Kräfte an ihm erproben, wird dieses Skript unmerklich zu einem Teil der Identität des Jugendlichen.


Zusammenfassung

Motivation ist ein neurobiologisch fundiertes Geschehen. Motivation können Kinder und Jugendliche nur aufbauen, wenn sie persönliche Beachtung und Interesse spüren. Wahrgenommen und "gesehen" zu werden, setzt verbindliche zwischenmenschliche Beziehungen des Jugendlichen zu seinen Lehrern und Lehrerinnen (aber auch zu seinen Eltern!) voraus. Wesentliche Komponenten von "Beziehung" sind Spiegelungsakte: Jugendliche nehmen zum einen in sich das (Spiegel-)Bild dessen auf, das ihnen durch (gute oder schlechte) Vorbilder zufließt. Zum anderen achten Jugendliche darauf, welches Bild sie ihrerseits in der Wahrnehmung ihrer Pädagogen erzeugen. Dieses Bild gibt dem Jugendlichen nicht nur eine Auskunft darüber, wer er ist, sondern vor allem auch darüber, welche Entwicklungspotenziale sich ihm eröffnen, also darüber, was er sich selbst zutrauen darf.


Joachim Bauer, 57, ist Universitätsprofessor und Oberarzt an der Abteilung Psychosomatische Medizin der Uniklinik Freiburg und Ärztlicher Direktor an der psychosomatischen Hochgrat-Klinik im Allgäu.


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Quelle:
diesseits 3. Quartal, Nr. 88 3/2009, S. 23-25
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veröffentlicht im Schattenblick zum 30. September 2009