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PFEFFERSTREUER 011

Mikroprofil der elektronischen Zeitschrift Schattenblick

21.11.2006


INHALT

Schattenblick - BILDUNG UND KULTUR\COMIC
NEUERSCHEINUNG/535: 10/06 · Simpsons Comics (120) Jubiläumsausgabe


Schattenblick - BUCH\BIOGRAPHIEN
REZENSION/15: Pechmann - Mary Shelley, Leben und Werk (Literatur)


Schattenblick - BUCH\HÖRBUCH
REZENSION/009: Gustav Langenscheidt - Reisetagebuch (1849 - 1850)
REZENSION/010: Der Sternenozean, Folge 1 - 6 (PERRY RHODAN-Hörspiele)


Schattenblick - BUCH\ROMANE
BUCHBESPRECHUNG/077: Mensch aus dem Nichts (Perry Rhodan Silberband)
BUCHBESPRECHUNG/078: Plophos-Zyklus, Band 1 und 2 (Perry Rhodan)
REZENSION/094: Seamus Deane - Im Dunkeln lesen
REZENSION/097: Mary Shelley - Frankenstein (Englische Literatur)
REZENSION/099: Pelewin - Der Schreckenshelm ("Die Mythen")


Schattenblick - BUCH\SACHBUCH
REZENSION/333: Anna Geis (Hrsg.) - Den Krieg überdenken (Politik)
REZENSION/334: Mahmood Mamdani - Guter Moslem, böser Moslem (Politik)
REZENSION/335: A. G. Grauwacke - Autonome in Bewegung
REZENSION/336: Ivan Nagel - Das Falschwörterbuch (Politik)
REZENSION/337: Joachim Hirsch - Materialistische Staatstheorie
REZENSION/338: Anne O'Connor - The Blessed and the Damned (Folklore)
REZENSION/341: Strizek - Geschenkte Kolonien (Ruanda und Burundi)
REZENSION/342: K. Hagena - Was die wilden Wellen sagen (Joyce/Ulysses)
REZENSION/343: Irene und Gerhard Feldbauer - Sieg in Saigon (Politik)
REZENSION/344: Newth - Die Krähe, die nicht bis 5 zählen konnte
REZENSION/345: Otto Karl Werckmeister - Der Medusa-Effekt
REZENSION/346: Jürgen Cain Külbel - Mordakte Hariri (Nahost-Politik)
REZENSION/347: Imre von der Heydt - Rauchen Sie?
REZENSION/348: John Rose - Mythen des Zionismus (Politik)
REZENSION/349: Fragner, Kappeler (Hg.) - Zentralasien (Geschichte)
REZENSION/350: Pflüger, Wagner (Hg.) - Welt-Macht EUropa (Militär)
REZENSION/352: Chen & Wu - Zur Lage der chinesischen Bauern (Politik)
REZENSION/355: WIDERSPRUCH 50 - Beiträge zur sozialistischen Politik
REZENSION/356: Jon Cassar - "24 - Twenty Four: Behind the Scenes" (TV)
REZENSION/357: Nizar Sassi - Ich war gefangen in Guantanamo
REZENSION/358: Redaktion Brockhaus - Literatur (Lexikon)
REZENSION/360: Biermann/Klönne - Objekt der Gier (US-Iranpolitik)


Schattenblick - EUROPOOL\REDAKTION
JUSTIZ/174: Neuer Bericht über "dirty tricks" der Briten in Nordirland
JUSTIZ/175: Britischer Doppelagent soll zum Omagh-Anschlag schweigen
PARTEIEN/202: Paisley sagt Ja zu Regierungskoalition mit Sinn Féin
PARTEIEN/203: Paisley kneift vor Treffen mit Adams und McGuinness


Schattenblick - MEDIEN\REDAKTION
REZENSION/003: Jakob Moneta Jude - Gewerkschafter - Sozialist


Schattenblick - MEDIZIN\MEINUNGEN
BALL/1202: Experten warnen vor globaler Hungerkatastrophe


Schattenblick - NATURWISSENSCHAFTEN\CHEMIE
KOMMENTAR/072: In höchster Not - Phosphor aus organischen Überresten
KOMMENTAR/073: Manipulation durch Nahrungsmittel - Widerstand zwecklos
UMWELTLABOR/180: Perlmut am Himmel, ein Zeichen für den Weltuntergang
UMWELTLABOR/181: Letzte Klimarettung - mit Stinkbomben und Feuerwerk


Schattenblick - POLITIK\KOMMENTAR
FRIEDEN/0744: Die selektive Gültigkeit des Kriegsvölkerrechts
FRIEDEN/0772: Merkel militarisiert Wiederaufbauhilfe in Afghanistan
HEGEMONIE/1154: Iran übt mäßigenden Einfluß auf Hisbollah aus
HEGEMONIE/1165: Steinmeiers Affront eine Kampfansage an Syrien
HEGEMONIE/1186: Die neue Ordnung Europas nach Bertelsmann
HEGEMONIE/1191: Französisches Gesinnungsdiktat fordert Türkei heraus
HEGEMONIE/1197: Liebermann definiert EU-kompatiblen Rassismus
HEGEMONIE/1204: Größerer Kriegsbeitrag Deutschlands verlangt
HERRSCHAFT/1119: Tönnies propagiert staatlich sanktionierte Morde
HERRSCHAFT/1139: El-Masri wird als Terrorsymphatisant vorgeführt
HERRSCHAFT/1154: Neokonservative stehlen sich aus der Verantwortung
HERRSCHAFT/1157: Nancy Pelosi verschafft Bushs Politik neues Ansehen
KRIEG/1017: Die Zukunft des Krieges liegt in seiner Rechtsförmigkeit
KRIEG/1045: Krieg gegen Terror als Chiffre für soziale Unterdrückung
KRIEG/1053: "Army strong" ... Opferbereitschaft ist Trumpf
KRIEG/1059: Michel, schlaf weiter ... Kriegsgreuel wohl dosiert
KULTUR/0527: Warum wir kämpfen ... für das bessere Amerika?
KULTUR/0528: Guardian deckt Mythen alter Hippies auf ...
KULTUR/0539: Ästhetik des Mangels - Hungergestalten als Modeikonen
KULTUR/0541: Ratzingers Erfolg nicht nur Ergebnis einer PR-Stragegie
KULTUR/0548: Klerikaler Eurozentrismus potentiell gewaltätig
KULTUR/0555: Kurnaz legt Zeugnis ab vom Innenleben des Terrorkriegs
KULTUR/0557: Politischer Diskurs im Bannkreis der Antiterrordoktrin
KULTUR/0558: Auf die Folter gespannt ... Unterhaltung ist Trumpf
KULTUR/0560: Schröder beansprucht Souveränität, indem er sie negiert
KULTUR/0562: Dem Foltern eine positive Ethik geben ...
KULTUR/0563: Da Vinci Code ... Blutmythos für Herrenmenschen
PROPAGANDA/0987: Schäuble will die Medien vor sich selbst schützen
PROPAGANDA/0989: Was bleibt vom Nationalwahn? Affirmation über alles
PROPAGANDA/1007: Generalisierung des Terrorverdachts auf alle Muslime
PROPAGANDA/1015: Jüdische Kritiker Israels von "Selbsthaß" getrieben?
PROPAGANDA/1017: AI verharmlost Israels Einsatz von Streumunition
PROPAGANDA/1019: Auch Juden fühlen sich durch den Papst verunglimpft
RAUB/0636: Debatte um das Alter werdender Mütter in Britannien
RAUB/0639: Wer frißt wen? "Schicksalsgemeinschaft" bis auf den Tod
RAUB/0647: Ein Jahr nach Katrina ... sozialer Krieg in den USA
RAUB/0649: Blair plant vorgeburtliche Selektion sozial Randständiger
RAUB/0653: Verteuerung von Nahrungsmitteln dient der Sozialkontrolle
RAUB/0659: Prostitutionsgesetz legalisiert Ausbeutung von Frauen
RAUB/0671: Unterschichtendebatte zur Befriedung der Betroffenen
RAUB/0673: "Befähigungsgerechtigkeit" ... im Schuldturm der EKD
REPRESSION/1066: Sicherheitspolitik in Zeiten des Mangels
REPRESSION/1072: John Yoo ... in Berkeley wird heute Folter gelehrt
REPRESSION/1075: Automatisierte Personenkontrolle in Städten
REPRESSION/1079: Nach Nutzen von Folter zu fragen setzt diesen voraus
REPRESSION/1081: Das US-Antiterrorgesetz bedroht jeden Kriegsgegner
REPRESSION/1087: Antiterrordatei bedroht demokratische Opposition
REPRESSION/1088: Barbarisches Strafregime nicht nur für Sexualtäter


Schattenblick - POLITIK\MEINUNGEN
DILJA/949: Der "Fall Barschel" im Dunkel der CIA-Iran-Contra-Affäre
DILJA/960: Israels "Sommerregen" - Phosporbomben und neue Chemiewaffen
DILJA/968: Neue Verfassung in Serbien - Diktatur in der Warteschleife
DILJA/973: Kein Weltkrieg ohne Vorwand - die prekäre Lage in Georgien
LAIRE/898: Wer viel hat, kann sich Spendenlaune leisten
LAIRE/906: Neue US-Direktive - Alleinherrschaft im Weltall
LAIRE/910: "Terrorismus" ist out - neue Feinde braucht das Land


Schattenblick - POLITIK\REDAKTION
AFRIKA/1433: Schall und Rauch - Entschuldung nicht mehr Thema
AFRIKA/1438: Sanktionen gegen Sudan - Angriff auf Chinas Ölversorgung
AFRIKA/1443: WFP ohne Nahrung - HIV-Kranke müssen als erste verhungern
AFRIKA/1444: Prinzipienlos - Deutsche Linke für Sudan-Intervention
ASIEN/434: Bushs Dauerdrohungen beantwortet Pjöngjang mit Atomtest
ASIEN/435: Afghanischer Widerstand fordert Abzug ausländischer Truppen
HISTORIE/286: "Shock and Awe" - Ein Veteran der US-Luftwaffe packt aus
INNERE SICHERHEIT/186: Großbritannien Vorreiter des Überwachungsstaats
INNERE SICHERHEIT/191: Boston nimmt U-Bahn-Kontrollregime wieder auf
INNERE SICHERHEIT/192: USA geben erste Reisepässe mit RFID-Chips aus
JUSTIZ/568: US-Studie wirft weitreichende Fragen zu Terrorverdacht auf
JUSTIZ/571: Padilla-Fall - Verteidigung erhebt schwere Foltervorwürfe
JUSTIZ/572: Haftstrafe für US-Bürgerrechtlerin Lynne Stewart
JUSTIZ/574: US-Einwanderungsbehörde macht Jagd auf Araber und Muslime
JUSTIZ/575: Brief des CIA-Opfers Abu Omar sorgt in Italien für Wirbel
JUSTIZ/576: Lockerbie - Neue Hinweise auf die Unschuld Al Megrahis
LATEINAMERIKA/1649: Ölkonzerne beugen sich der Regierung Boliviens
LATEINAMERIKA/1656: Verdeckte US-Zahlungen an Opposition Venezuelas
LATEINAMERIKA/1657: Gegenkandidat wirbt mit Plagiat der Chávez-Politik
LATEINAMERIKA/1658: Erster hispanischer Vorsitzender der Republikaner
LATEINAMERIKA/1659: Auch in Nicaragua träumt man vom großen Kanal
MEDIEN/397: BBC wegen Taliban-Interview in der Kritik
MEDIEN/399: Tony Blairs Innenminister wirbt für den Antiterrorkrieg
MILITÄR/711: Pentagon setzt Videospiel zur Rekrutierung ein
MILITÄR/714: Israel setzt umstrittene Waffen gegen Zivilisten ein
MILITÄR/716: Großbritannien rüstet atomar auf
MILITÄR/717: Erneuerung des US-Atomwaffenarsenals schreitet voran
MILITÄR/719: Iraksoldaten schleppen Supermikrobe in Großbritannien ein
NAHOST/721: Palästinensische Regierungsmitglieder in Israel gefoltert
NAHOST/722: Israel drosselt Einwanderung in die Palästinensergebiete
NAHOST/736: Steigende Kriegsgefahr am Persischen Golf
NAHOST/738: Schauprozeß endet mit Todesurteil für Saddam Hussein
NAHOST/739: Israelischer Angriff richtet Blutbad im Gazastreifen an
NAHOST/740: Richard Armitage voll des Lobes für die Hisb Allah
NAHOST/741: Krieg Israels gegen Hisb Allah und Syrien für 2007 geplant
NAHOST/742: Britischer Diplomat belastet Kriegsverbrecher Tony Blair
USA/986: Republikaner und Demokraten einig im Kampf gegen Migranten
USA/990: Islam-Gelehrter Tariq Ramadan erhält nach wie vor kein Visum
USA/994: Kontroverse um journalistischen Berufsethos in der Kubafrage
USA/1001: Unterliegen Terrorwarnungen der politischen Manipulation?
USA/1002: Bush-Regierung ersetzt Diplomatie durch Drohgebärden
USA/1004: Donald Rumsfeld wegen Chaos im Irak unter Dauerbeschuß
USA/1006: Ex-CIA-Chef Robert Gates löst Donald Rumsfeld im Pentagon ab
USA/1007: Evangelikale Christen fordern Unterstützung Israels


Schattenblick - RECHT\MEINUNGEN
DILJA/152: Auf ewig "Knacki"? Sicherungsverwahrung gegen Jugendliche
DILJA/153: Das Varvarin-Urteil ebnet deutscher Kriegsjustiz den Weg


Schattenblick - UMWELT\MEINUNGEN
LAIRE/043: Wasser- und Nahrungsmangel führt zu "gescheiterten Staaten"


Schattenblick - UMWELT\REDAKTION
ATOM/297: Nuklearlobbyisten wähnen sich dank Klimawandel im Aufwind
ATOM/298: Geldmangel bei UNSCEAR - Risikoabschätzung vor dem Aus?
GENTECHNIK/244: Hybrid-Reis - vom Skandal zum kontrollierten Mangel
KLIMA/232: Globaler Temperaturanstieg um 8,0 Grad bis zum Jahr 2100
KLIMA/233: Methan-Emissionen zu gering berechnet
KLIMA/238: Australien - Vorhergesagte Dürre nicht 2050, sondern heute
RESSOURCEN/072: Dürre in US-Anbaugebieten - Nahrungsmangel
RESSOURCEN/073: FAO-Experte warnt - Biodiesel konkurriert mit Nahrung


Schattenblick - POLITISCHE GEDICHTE
DICHTERSTUBE/291: Rumpelstilzchen




Es folgen die Texte

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SCHATTENBLICK - Bildung und Kultur / COMIC \ NEUERSCHEINUNG


NEUERSCHEINUNG/535: 10/06 · Simpsons Comics (120) Jubiläumsausgabe



Jubiläum



"Zehn Jahre Simpsons-Comics in Deutschland" heißt es in diesem Monat. Eine amerikanische Erfolgsgeschichte, die auch bei uns ihre Blüten treibt: Deutschland gilt als europäische "Simpsons"- Hochburg, die Comics sind hierzulande sogar beliebter als in ihrem Heimatland, wo sich die Fans mehr auf die TV-Serie konzentrieren, die den US-Amerikanern mittlerweile offenbar bekannter ist als ihre Verfassung. Einer Umfrage aus dem Jahr 2006 für das McCormick Tribune Freedom Museum zufolge kann nur einer von vier US-Bürgern mehr als eine der fünf Freiheiten benennen, die ihnen der Erste Zusatz zur Verfassung garantiert. Dagegen kennt mehr als die Hälfte die Namen von mindestens zwei Familienmitgliedern der Simpsons. 22 Prozent der US-Amerikaner kennen sogar die Namen aller fünf Cartoonfiguren. Aber nur einer von 1000 Befragten konnte alle fünf Freiheiten des Ersten Verfassungszusatzes aufzählen (Redefreiheit, Religionsfreiheit, Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit sowie die Freiheit, Petitionen zur Abschaffung von Mißständen zu verfassen).

In den 80er Jahren schuf Matt Groening, Jahrgang 1954, der seine Karriere einst als Musikjournalist mit Schwerpunkt Reggae begonnen hatte, unter dem Titel "Life in Hell" eine Reihe von Zeitungs-Comicstrips mit depressiven Hasen über die Hölle, in der wir alle darben. Diese erregten die Aufmerksamkeit des Fernsehsenders Fox, der daraus eine Show machen wollte. Hierfür erfand Groening aber lieber etwas Neues: "Die Simpsons" und später die Science-fiction-Persiflage "Futurama". Der erste kurze Film mit den Simpsons lief 1987 in der Fernseh-Nummernrevue "The Tracey Ullman Show". Zwei Jahre später bekamen sie eine eigene Serie und 1993 einen Comic-Ableger.

Trotz der Komplexität der Serie kann jedes Kind die Inhalte verstehen, auch ohne alle Anspielungen zu erkennen. Dies ist einer der Gründe für ihren Erfolg. Die "Simpsons" sind der comicgewordene Traum des Kleinbürgers, frei von Ideologie und Verantwortung leben zu können. Doch genau dies führt Matt Groening immer wieder ins Absurde, indem er das Politische wieder und wieder in die Welt der "Simpsons" einbrechen läßt. Auf diese Weise hat die Serie fast alle politischen Debatten der letzten zwanzig Jahre durchgespielt und zeigt beispielhaft auf, daß es das Apolitische gerade dort nicht gibt, wo man um jeden Preis einem politischen Anspruch zu entkommen versucht.

Auch in der Jubiläumsausgabe lassen sich solche Andeutungen finden: Bekanntlich geht Homer Essen über alles. Aber daß er wegen eines schlichten Truthahn-Sandwichs in einem türkischen Gefängnis landet, wo er sich die Zelle mit dem Erz-Schurken Hank Scorpio teilen muß, ist selbst für Simpson-Verhältnisse eine tolldreiste Geschichte. Wie es dazu kam? Nun, zufällig entdeckte Homer, daß es ein Land namens "Turkey" (Türkei) gibt, ein Land, in dem er seiner Meinung nach das ultimative Turkey- (Truthahn-) Sandwich finden würde. Auf einem Basar wurde er fündig und ließ sich zwei einpacken, um sie in der Heimat zu genießen. Doch am Zoll kam Homer nicht vorbei und so landete er in der Gefängniszelle. Gerade hat Homer Hank seine Geschichte erzählt, da stürmen zwei Aufseher herein, die vor Homers Augen eines der beiden Sandwiches verspeisen, um, wie sie sagen, den "unrechtmäßig erlangten Besitz wieder dem Vaterland zuzuführen". In heißen Ländern muß man verderbliche Lebensmittel bekanntlich rasch verzehren oder zumindest kühl lagern, was beides offensichtlich nicht geschah, denn die Uniformierten kippen mit akuter Lebensmittelvergiftung aus den Latschen.

Dies ist der Auftakt zu einer wahrlich simpsonesken Fluchtgeschichte, gegen die die Abenteuer von James Bond geradezu simpel wirken. Nichtsdestotrotz ergeht man sich lustvoll in Anspielungen an die Filme mit dem britischen Superagenten, angefangen beim Titel (im amerikanischen Original "Sandwiches are forever") der sich an "Diamonds are forever" von 1971 anlehnt. Auch die Übersetzung "Sandwich-Fieber" wurde dem Titel "Diamantenfieber" der deutschen Synchronisation angeglichen. Hank Scorpio ist unschwer als Parodie auf die schurkischen Gegenspieler Bonds zu erkennen, auch die Weltraum-Attacke von Scorpio hat eine Entsprechung zum Film "Diamantenfieber" in dem der verbrecherische Blofeld mit Hilfe gestohlener Diamanten einen Laser konstruiert, mit dem er von einem Satelliten aus die Erde bedroht.

Am Ende ist der Bösewicht Präsident von Frankreich, Antiheld Homer bekommt endlich sein ersehntes Sandwich, Marge ist froh, daß alles überstanden ist, und die aufrechte Lisa zeigt sich, erstaunlich, erstaunlich, ein klein wenig bestechlich, als sie aus der Hand des Schurken einen Globus aus purem Gold annimmt. Pures Jubiläumsvergnügen also, daß durch Jubiläumsquiz, Bongo- Glückwunsch-Galerie, Malwettbewerb und XXL-Poster ergänzt wird und der Erfolgsstory der "Simpsons" einen weiteren Abschnitt hinzufügt.

Simpsons Comics (120) "Sandwich-Fieber"
Ty Templeton (Story und Zeichnungen), Andrew Pepoy (Tusche),
Art Villanueva (Farben)
Panini, Stuttgart,10.2006
44 Seiten, Heft, 2,50 Euro
Mit Extra: Jubiläumsposter



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SCHATTENBLICK - Buch / BIOGRAPHIEN \ REZENSION


REZENSION/15: Pechmann - Mary Shelley, Leben und Werk (Literatur)



Alexander Pechmann


Mary Shelley - Leben und Werk



Kein anderer Roman der englischen Schriftstellerin Mary Shelley, geborene Wollstonecraft Godwin, hat auch nur annähernd den Bekanntheitsgrad erreicht wie "Frankenstein". Es ist nicht übertrieben, diesem 1818 veröffentlichten Werk einen mythischen Charakter zu attestieren. Wobei der vollständige Titel, "Frankenstein oder Der moderne Prometheus", im Unterschied zu der bekannteren, aber verkürzten Version treffender daran erinnert, daß der Roman nicht als Gruselschocker geschrieben wurde, sondern daß er sich an eine klassische ideengeschichtliche Vorlage anlehnen sollte. So wie der Sage nach Prometheus, der Sohn des Zeus, den Menschen das Feuer gebracht und auch Menschen geschaffen hat, läßt Mary Shelley den von Wissensdurst getriebenen Forscher Viktor Frankenstein ein übermächtiges Wesen erzeugen, zusammengesetzt aus menschlichen Leichenteilen, dank überragender chemischer Kenntnisse bewahrt und unter Nutzung der unbändigen Kraft des Blitzes ins Leben geschleudert. Doch Frankenstein schuf einen Dämon, der seinem Schöpfer vom ersten Augenblick an zum Fluch geriet.

Ist bereits den wenigsten Menschen Mary Shelleys anspruchsvolle Romanvorlage für die manchmal nur noch entfernt assoziativ verknüpften Frankenstein-Adaptionen im Film, auf der Bühne oder in der Popkultur bekannt, so dürfte sich der Kreis der Menschen, die weitere Romane aus dem literarischen Werk der Autorin gelesen haben, bestenfalls auf wenige Experten der englischen Literatur beschränken. Dem möchte Alexander Pechmann, der zeitgleich eine Neuübersetzung der Urfassung des Frankenstein-Romans vorgelegt hat, mit seiner jetzt erschienenen Biographie von Mary Shelley abhelfen. Beide Bücher können durchaus als gelungene Werbung für künftige Übersetzungsprojekte dieser Autorin verstanden werden.

Aus den Reisebeschreibungen, Romanen und Manuskripten Mary Shelleys, ihrem regen Briefverkehr und den Tagebuchnotizen sowie aus schriftlichen Hinterlassenschaften ihres Bekanntenkreises hat Pechmann eine thematisch akzentuierte Chronologie des Lebens der Autorin verfaßt, das schon früh von tragischen Todesfällen im privaten Umfeld gekennzeichnet war. Die Mutter, die bekannte Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft, stirbt zehn Tage nach der Entbindung an Kindbettfieber. Mary Godwin lernt in jugendlichen Jahren den verheirateten englischen Dichter Percy Bysshe Shelley kennen und bringt mit 17 Jahren eine Tochter, Clara, zur Welt. Diese überlebt nur zwei Wochen. Im Jahr darauf, 1816, nimmt sich sowohl Marys Halbschwester Fanny das Leben als auch Harriet Shelley, die Frau P. B. Shelleys, den Mary noch im gleichen Jahr heiratet. 1818 und 1819 verliert Mary zwei weitere Kinder, Clara Everina und William. Das Jahr 1822 hält ihr gleich mehrere tragische Todesfälle bereit. Am 19. April kommt die Tochter ihrer Halbschwester Claire ums Leben, am 16. Juni erleidet Mary eine Fehlgeburt, und am 1. Juli kentern ihr Gatte und ein gemeinsamer Freund, Edward Williams, während einer gemeinsamen Italienreise bei einem Bootsausflug im Golf von Spezia.

Da stand sie nun, 25 Jahre jung, Witwe und Mutter eines einzigen ihr verbliebenen Kindes, des 1819 geborenen Percy Florence. Die vielen tragischen Schicksalsschläge sowie das Leben in einer "Patchwork-Familie", wie Pechmann sie nennt, beeinflußten in starkem Maße das gesamte literarische Schaffen Mary Shelleys. Wobei sich der Biograph mit allzu kühnen Interpretationen des Lebens der Autorin zurückgehalten hat. Spekulationen über spiritistische Praktiken, wie sie gern mit der Zeit in der Villa des englischen Lebemanns und Dichters Lord Byron am Genfer See verknüpft werden, in der auch der "Frankenstein"-Roman entstanden war, läßt Pechmann zwar nicht unerwähnt, aber er teilt sie nicht. In den Fällen jedoch, in denen er über die möglichen Beweggründe Mary Shelleys für bestimmte Handlungen oder über ihr Verhältnis zu einzelnen Familienmitgliedern und Bekannten schreibt, stützt er seine Annahmen durch plausible Verweise entweder auf Mary Shelleys eigene Aussagen oder auf überlieferte Ereignisse in ihrem Lebensumfeld ab.

Dabei fällt ein Phänomen ins Auge, das typisch für viele Biographien ist: Je intensiver sich jemand mit einer historischen Person befaßt, desto facettenreicher erscheint sie ihm. Wenn Mary Shelley beispielsweise als eine führende Autorin der englischen Romantik beschrieben würde, könnte dem entgegengehalten werden, daß sie eine nüchtern denkende, eher der Wissenschaft zugeneigte Person war. Wollte aber jemand umgekehrt behaupten, Mary Shelley sei schon früh vom Leben gezeichnet gewesen, so daß ihr für Träumereien kein Platz geblieben sei, so könnte diese Vorstellung durch den Verweis auf ihre durchaus vorhandenen idealistischen Neigungen gekontert werden, die an etlichen Stellen ihrer Arbeiten eingeflossen sind und sich beispielsweise ausgerechnet in dem wissenschaftlichen Forscherdrang Frankensteins zeigen.

Kurzum, vereinfachende, lineare Erklärungen, welche mal von dieser, mal von jener Stelle aus Shelleys Schriften abgeleitet werden, nur um eine vermeintlich abschließende Charakterstudie von ihr zu zeichnen, würden der Autorin in keiner Weise gerecht. Darauf macht Pechmann bereits in seinem Vorwort, das er mit einem Tagebucheintrag Shelleys beginnt, aufmerksam, wenn er schreibt:

Die in der knappen Notiz verborgenen Standpunkte belegen eine Unabhängigkeit im Denken und einen fundamentalen Skeptizismus, der eine eindeutige Zuordnung unmöglich macht. (S. 7)

In dem vorliegenden Buch werden die Leserinnen und Leser nicht mit biographischen Standards abgespeist. Pechmann versucht vielmehr, ein möglichst umfassendes Bild der Autorin zu zeichnen, indem er verstärkt ihre persönlichen Aufzeichnungen heranzieht. Außerdem geht er ausführlich auf die Inhalte ihrer Romane ein und erörtert, welche Einflüsse bei bestimmten Handlungen eine Rolle gespielt haben könnten. Wobei als überzeugendster Beweis für die erstaunliche literarische Bandbreite Mary Shelleys sicherlich ihr Roman "Frankenstein oder Der moderne Prometheus" angesehen werden muß. Insbesondere in der von Pechmann neuübersetzten Urfassung finden sich zahlreiche Anspielungen aus dem Privatleben der Autorin sowie auf die von ihr gelesenen Bücher. Auch die sozialtheoretischen Schriften ihres Vaters, William Godwin, finden sich im Gesamtwerk der Autorin wieder, ebenso wie die Ansichten des radikalen Romantikers Percy B. Shelley, dessen Stimmung regelmäßig zwischen Himmel hoch jauchzend und zu Tode getrübt zu pendeln schien.

Pechmann hat für jedes der 17 Kapitel dieser Biographie einen anderen Schwerpunkt gesetzt, der mal der Mutter, dem Vater oder Ehemann, mal Freunden und Bekannten gewidmet ist. Und auch Shelleys Romanen. Zu nennen sind "Valperga" (1823), "Der letzte Mensch" (1826), "Perkin Warbeck" (1830), "Lodore" (1831-35), "Falkner" (1835-37) und ihr Erstlingswerk "Frankenstein" (1818). In diesem spiegelt sich der Übergang von der aus heutiger Sicht rückständigen Alchimie zu der vermeintlich nüchternen Chemie ebenso wider wie die von der Philosophie, Naturwissenschaft und Religion aufgeworfene Frage nach dem Wesen des Menschen, seiner Seele, dem göttlichen Funken oder schlicht dem Unvergänglichen.

Die frühe Verarbeitung des "Frankenstein"-Stoffs durch die Bühnenaufführung hat der Autorin allerdings keinerlei Tantiemen eingebracht und ihr auch auf andere Weise zum Nachteil gereicht, nämlich durch die starke Verfremdung dieses vielschichtigen Stoffs. Wie hartnäckig sich der allgemein verbreitete Irrtum gehalten hat, daß in Abweichung von der Romanvorlage die meisten Menschen den Unhold und nicht seinen Schöpfer als Frankenstein bezeichnen, beweist selbst die vorliegende Biographie, auf deren Einbandrückseite der Text mit den Worten beginnt: "Wer kennt nicht Frankenstein, das aus Leichenteilen zusammengesetzte Monster? ..." Dieser allzuleichte, nachvollziehbare Lapsus ist nicht Pechmann anzulasten, da ein Autor normalerweise auf die Präsentation seines Werks wenig Einfluß hat und er das Produkt womöglich vor der Drucklegung gar nicht zu sehen bekommt.

Das Leben Mary Shelleys war bereits so bewegt, daß Pechmann es sich erlauben konnte, die Biographie recht unaufgeregt zu schreiben. Das liest sich angenehm und läßt das Leben und Werk der Autorin viel klarer vor dem inneren Auge entstehen, als wenn er mit Überhöhungen und sensationsheischenden Formulierungen gearbeitet hätte. Im deutschen Sprachraum wurde bislang wenig zu der Autorin veröffentlicht. Mit der Neuübersetzung von "Frankenstein" und der Biographie von Mary Shelley dürfte Alexander Pechmann seinem selbsterklärten Ziel, den Anstoß zu geben, daß das übrige Schaffenswerk der Schriftstellerin auch der deutschsprachigen Leserschaft zugänglicher gemacht wird, ein beachtliches Stück nähergekommen sein.

3. Nobember 2006


Alexander Pechmann
Mary Shelley - Leben und Werk, Biographie
Patmos Verlag, Artemis & Winkler, Düsseldorf 2006
ISBN 3-538-07239-6



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SCHATTENBLICK - Buch / HÖRBUCH \ REZENSION


REZENSION/009: Gustav Langenscheidt - Reisetagebuch (1849 - 1850)



Reisetagebuch Gustav Langenscheidt


Promenaden durch Nord, Süd und West 1849 - 1850



Die Ereignisse, die der Gründung des Langenscheidt-Verlags vor genau 150 Jahren vorausgingen, waren sprichwörtlich äußerst bewegt: Der 17jährige Gustav Langenscheidt hatte sich in den Jahren 1849 und 1850 zu einer monatelangen Fußreise von Berlin aus kreuz und quer durch Europa entschlossen. Dabei bekam er es beinahe vor seiner eigenen Haustür, also noch inmitten des deutschen Sprachraums, mit einem fundamentalen Problem vieler Reisender zu tun: Er verstand kaum ein Wort von dem, was ihm die Einheimischen erklärten. Langenscheidt trug dazu in sein Reisetagebuch ein:

Hamburg war vorläufig mein Ziel. Mein Ränzel war leicht und drückte nicht. Denn was ich sonst noch an Effekten mitnahm, hatte ich der Post übergeben. Bei Warnow betrat ich die Mecklenburgische Grenze. Ich konnte kein Wörtchen der Landleuten dieser Gegend verstehen. Sie sprechen ein schauerliches Plattdeutsch.

Ganz zu schweigen von den Engländern, zu denen ihn seine Reise später führen sollte! Es sei ein "wahrhaft peinliches Gefühl, unter Menschen nicht Mensch sein und seine Gedanken austauschen zu können", notierte Langenscheidt nach seinem Besuch in einer im doppelten Sinne ziemlich anrüchigen Unterkunft in London.

Von seiner angeblich zu Fuß absolvierten, womöglich bei Gelegenheit auch per Postkutsche oder Bahn beschleunigten Reise hatte Gustav Langenscheidt ein Tagebuch angelegt. Das wurde nun in gekürzter Fassung von dem Langenscheidt-Verlag zu seinem 150. Jubiläum als Hörbuch auf CD herausgegeben. Die Stimme des Sprechers lieferte der Hörfunkjournalist Dieter Mayer-Simeth, die des jungen Langenscheidt der Schauspieler Paul Herwig.

Sprachliche Hürden während der Wanderschaft könnten Gustav Langenscheidt mit dazu bewogen haben, "zusammen mit seinem Französischlehrer Charles Toussaint die erste praktikable Lautschrift" zu erfinden und "1856 mit dem 'Brieflichen Sprach- und Sprechunterricht für das Selbststudium der französischen Sprache' einen eigenen Verlag" zu gründen, wird in einem inwendigen Begleitkommentar zur CD angemerkt.

Hatte sich der siebzehnjährige Gustav Langenscheidt schon einiges vorgenommen, wenn er viele Dutzend Städte und Orte in den Ländern Deutschland, Belgien, Schweiz, Frankreich, England, Italien und Österreich-Ungarn innerhalb von rund sechs Monaten besuchen wollte, so steht ihm der Verlag mit dem Hörbuch an Tempo kaum nach. Auch darin wird ein Ort nach dem anderen abgeklappert, so daß die Hörerinnen und Hörer den Eindruck gewinnen, der junge Mann eile durch die Welt und habe keine Muße, Land und Leute kennenzulernen. Deshalb ist es ein wenig schade, daß die Reisetagebücher auch noch gekürzt wurden. Zumal es durchaus interessant ist, aus dem Blickwinkel jenes Reisenden im nebenbei über die politischen Verhältnisse im kriegszerrütteten Europa und den Problemen der Bevölkerung zu erfahren. Es handelt sich hier um persönliche Eindrücke, die durch keine trockenen Geschichtsbücher vermittelt werden können.

Die Intention Gustav Langenscheidts, ein Tagebuch zu führen, und die Sichtweise eines Siebzehnjährigen unterscheiden sich selbstverständlich von denen anderer Reisender aus früheren Epochen, die durch halb Europa gezogen sind und mit ihren Schilderungen tiefe literarische Spuren hinterlassen haben. Im vorliegenden Hörbuch werden namentlich Johann Wolfgang von Goethes Reisen nach Italien (zwischen 1786 und 1790) und Johann Gottfried Seumes "Spaziergang nach Syrakus" (1803) erwähnt.

Wenn somit Gustav Langenscheidts Hinterlassenschaft auf dem Feld der Reisebeschreibungen als weniger beeindruckend bezeichnet werden darf als die jener beiden Größen der deutschen Literatur, so sind seine Spuren auf einem anderen Gebiet gewiß sehr viel tiefer und breiter angelegt, selbst um von den Fußstapfen der besagten beiden Größen gefüllt werden zu können, handelt es sich doch hier um seine populär gewordenen Wörterbücher, die zu den meist gelesenen Printprodukten zählen, in welchen je von einem suchenden Finger geblättert und von einem nach Aufklärung verlangenden Auge gestöbert wurde.

5. Oktober 2006


Reisetagebuch Gustav Langenscheidt
Promenaden durch Nord, Süd und West 1849 - 1850
Länge: 69'47 Minuten
Sprecher: Dieter Mayer-Simeth und Paul Herwig
Ton: Ron Behrendt, Plan1, München
http://www.langenscheidt.de/150 Jahre/



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REZENSION/010: Der Sternenozean, Folge 1 - 6 (PERRY RHODAN-Hörspiele)



PERRY RHODAN


Der Sternenozean

(6 Hörspiele auf CD)



Der junge Halbarkonide Kantiran und sein treuer Freund, der Tierheiler Mal Detair, haben die Heftromanserie PERRY RHODAN um etliche rasante Abenteuer bereichert. Hätte das Autorengespann nicht von je her darauf geachtet, daß es die seit 45 Jahren Woche für Woche erscheinende Science-Fiction-Serie rund um den unsterblichen Perry Rhodan und seine Mitstreiter regelmäßig mit jugendlichen Haupt- und Nebenfiguren erweitert, wäre sie in Gefahr gelaufen, sich von der jüngeren Leserschaft zu entfernen. Als aber Exposé-Autor Robert Feldhoff vor knapp drei Jahren mit dem Jubiläumsband 2200, "Der Sternenbastard", den gemeinsamen Sohn Perry Rhodans und der Arkonidin Ascari da Vivo in die Handlung einführte, erzeugte das bei den Lesern einen besonders starken und positiven Widerhall, vergleichbar mit dem einstigen Auftritt von Rhodans Sohn Michael unter dem Pseudonym Roi Danton, einem mit Puderquaste und Degen auftretenden Stutzer.

Kantiran ist ein ganz anderer Typ, sicherlich nicht weniger draufgängerisch als sein Halbbruder, aber von Anfang nachdenklicher und tief geprägt vom Verlust Theremes, seiner ersten großen Liebe. Zudem wuchs er als Außenseiter unter Arkoniden auf, die für den vermeintlich minderwertigen Halbterraner nicht einmal so viel Achtung übrig hatten wie für die als unkultiviert angesehenen Kolonialarkoniden. Dennoch wird Kantiran von höchster Stelle protegiert - nur kennt er den Grund dafür nicht. Erwartungsgemäß mußte er sich an der Kadettenschule Paragetha gegen seine Kameraden, die für ihn genau dies nicht waren, behaupten. Das verlieh der Figur ebenso Kontur wie ihre einzigartige Fähigkeit, durch die Augen von Tieren schauen oder auch Tiere nach seinen Wünschen lenken zu können.

Aus diesen Gründen war es eine gelungene Entscheidung des Pabel- Moewig Verlags, Kantiran in den Mittelpunkt der neuen Hörspielserie zu stellen und den Stammvater Perry Rhodan ein wenig in den Hintergrund zu rücken. Dessen Abenteuer werden auf zwei der sechs jetzt herausgegebenen CDs geschildert, die übrigen wurden im wesentlichen dem Handlungsstrang um Kantiran gewidmet. Es beginnt mit der CD "Der Sternenbastard", auf der in über 70 Minuten Länge Leben und Ausbildung Kantirans, sein Gewinn und Verlust der großen Liebe, die Entdeckung seiner mutantischen Fähigkeit und der Beginn der Freundschaft mit Mal Detair geschildert wird. Folge 2, "Die Mascantin", handelt von Kantirans Rache an seiner Mutter, die den hochgefährlichen arkonidischen Geheimagenten Shallowain ausgesandt hatte, Thereme zu töten, und deren wunderschönes Gesicht nun von einem marderähnlichen Tier, das Kantiran kraft seiner besonderen Fähigkeit auf sie hetzt, zerfleischt wird.

Über sein eigenes Tun nicht minder entsetzt als über die ruchlose Tat seiner Mutter flieht Kantiran den blutbesudelten Ort und landet mit seinem Freund Mal Detair bei den Terranern. Dort eröffnet er sich seinem Vater, der bis dahin keine Ahnung von der Existenz seines Sohnes hatte, aber ihm selbstverständlich Schutz anbietet. Das Treffen ist indes nur von kurzer Dauer. Höhere Ereignisse bringen Vater und Sohn viel zu schnell wieder auseinander. Die einst von den nahezu allmächtigen Kosmokraten angekündigten fundamentalen physikalischen Veränderungen, durch die der kosmische Widerstand des Universums erhöht wird, beginnen um sich zu greifen und lösen zunächst schwere Raumbeben aus. Als erstes wird der Transmitterverkehr, dann auch der Raumflug extrem eingeschränkt; auf syntronischer Basis arbeitende Geräte erweisen sich als nutzloser Ballast. Im Zusammenhang mit den kosmischen Verwerfungen taucht inmitten des Leerraums ein riesiger Sternenhaufen auf. Lotho Keraete, ein Bote der Superintelligenz ES, fliegt mit Perry Rhodan und Atlan in seinem Raumschiff zu der Ansammlung von Sternen und stürzt auf einem fremden Planeten ab.

Während Keraete im Eis eingeschlossen wird, überstehen Perry und Atlan die Havarie weitgehend unversehrt und brechen rasch auf, da sie umgehend wärmere Gefilde erreichen wollen. Dort werden sie jedoch gefangengenommen und ebenso versklavt wie die menschenähnlichen Bewohner dieser Welt, die sich Motana nennen und vorzugsweise in den ausgedehnten Wäldern leben. Alle Sklaven erhalten Ringe um den Hals, in denen eine Giftspritze eingebaut ist, die aktiviert wird, sollte ein Träger zu fliehen versuchen. Seite an Seite mit den niedergeschlagenen und ausgezehrten Motana müssen Perry und Atlan in einem lebensgefährlichen Bergwerk arbeiten (Folge 6: "Blut der Veronis"). Davon lassen sich die beiden langjährigen Weggefährten aber nicht unterkriegen und entrinnen dem ihnen zugedachten Los.

Die Mascantin hat Kantirans Attentatsversuch knapp überlebt und hetzt nun Shallowain hinter ihm und seinem Freund her. Trotz des Hyperschocks und der schweren Weltraumbeben (Folge 3 und 5), die jeden Raumflug zu einem Vabanquespiel machen, findet der Bluthund die beiden Flüchtenden. Es kommt zu einem erbittert geführten Zweikampf, der damit endet, daß Kantiran seinem früheren Lehrer Shallowain ... Nun, das zu erzählen und vieles mehr, das sich zwischen Terra, Arkon und dem Sternenozean ereignet, soll hier nicht der Platz sein. Den Perry-Rhodan-Lesern und allen Neulingen im "Perryversum", die sich nach dem Genuß der Hörspiele nur schwer der Begeisterung für die Serie werden entziehen können, wird gut sechs Stunden lang abwechslungsreiche Unterhaltung geboten.

Es ist den Produzenten der PERRY RHODAN-Hörspiele gelungen, sich weitgehend an die Romanvorlagen zu halten und dennoch nicht den Eindruck einer bloßen Übertragung auf ein anderes Medium zu erwecken. Die Hörspiele sprechen für sich. Sie erfordern von den Zuhörerinnen und Zuhörern kein PERRY RHODAN-spezifisches Vorwissen und vermitteln auf der anderen Seite der langjährigen Leserschaft auch nicht den Eindruck, hier seien für das Gesamtverständnis unverzichtbare Inhalte gestrichen worden.

Bei der Auswahl der Synchronstimmen haben die Produzenten ein geschicktes Händchen, beziehungsweise ein gewieftes Ohr gezeigt. Die Stimme Volker Lechtenbrinks paßt zu dem unsterblichen Perry Rhodan, der biologisch 39 Jahre alt ist, aber über eine Lebenserfahrung von mehr als tausend Jahren verfügt. Christian Stark versteht es, Kantirans manchmal aufbrausendes Temperament, sein spontanes Vorpreschen, aber auch seine Verzweiflung zum Ausdruck zu bringen, und Daniela Hoffmann verleiht Ascari da Vivo genau jene grenzenlose Arroganz, die einer arkonidischen Admiralin und engen Vertrauten Imperator Bostich I. gut zu Gesicht steht.

Erzähler ist Joachim Höppner, der seine würdevolle Stimme bereits dem Zauberer Gandalf in dem Kinofilm "Herr der Ringe" verliehen hat, und der geniale Wissenschaftler Myles Kantor wird von Klaus-Peter Grap gesprochen - Science-fiction-Fans dürfte er aus der Serie "Stargate" bekannt sein, in der er die Synchronstimme des Archäologen Dr. Daniel Jackson übernommen hat. Unverkennbar auch Regina Lemnitz, die unter anderem Whoopie Goldberg synchronisiert hat und jetzt passenderweise ihre Stimme Pearl TenWafer gibt, der epsalesischen Kommandantin des Schlachtschiffs LEIF ERIKSSON, die genauso breit wie groß ist.

Aber was nützte eine vielschichtige Handlung, eine abwechslungsreiche Dramaturgie und die treffendste Sprechstimme ohne die entsprechende musikalische Begleitung? Mit dem Berliner Filmorchester unter Leitung von Christian Hagitte haben die Produzenten eine ausgezeichnete Wahl getroffen. Die exklusiv für die Hörspiele komponierte und live eingespielte Musik unterstützt das gesamte Geschehen, sie versucht jedoch nicht, an seine Stelle zu treten. Instrumentierung, Tonlage, Takt und Tempo der musikalischen Begleitung sind schlicht und ergreifend stimmig. Neben häufig wiederkehrenden, sehr klangmächtigen Motiven, die an große Kinofilme erinnern, sorgen auf den sechs CDs die verschiedenen Solisten für erfrischende Varianz. Sie spielen sich nicht in den Vordergrund, aber sind doch genügend erkennbar, um der jeweiligen musikalischen Begleitung einen eigenen Charakter zu verleihen. Die computergenerierten, elektronischen Einspielungen durch das STIL-Team fügen sich ebenfalls geschmeidig in das Gesamtwerk ein und sorgen für einen rundum spannenden Hörgenuß.

Bleibt zum Schluß noch anzumerken, was der Hörerschaft und PERRY RHODAN-Fangemeinde überhaupt nicht gefallen wird und mit schärfstem Protest quittiert werden dürfte: Sechs Folgen sind entschieden zu wenig ...

Folge 1: Der Sternenbastard (ISBN 978-3-7857-3163-5)
Folge 2: Die Mascantin (ISBN 978-3-7857-3164-2)
Folge 3: Der Hyperschock (ISBN 978-3-7857-3165-9)
Folge 4: Planet der Mythen (ISBN 978-3-7857-3166-6)
Folge 5: Havarie auf Hayok (ISBN 978-3-7857-3167-3)
Folge 6: Das Blut der Veronis (ISBN 978-3-7857-3168-0)

27. Oktober 2006


Lübbe Audio, Verlagsgruppe Lübbe GmbH & Co. KG, Bergisch Gladbach 2006



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SCHATTENBLICK - Buch / ROMANE \ BESPRECHUNG


BUCHBESPRECHUNG/077: Mensch aus dem Nichts (Perry Rhodan Silberband)



PERRY RHODAN - Silberband 95


Mensch aus dem Nichts



Bereits seit vielen Jahren faßt der Pabel Moewig Verlag mehrere Heftromane der Science-fiction-Serie PERRY RHODAN zu sogenannten SILBERBÄNDEN zusammen. Inzwischen wurde in dieser Reihe Band 95, "Mensch aus dem Nichts", herausgegeben. Die Handlung spielt im Jahre 3583. Die Superintelligenz ES hatte sich mit der Aufnahme von 20 Milliarden Bewußtseinen ihres wichtigsten Hilfsvolks, der Terraner, kurz vor dem Sturz der Erde durch den Schlund übernommen und sich sozusagen Erleichterung verschaffen müssen, indem sie beginnt, Bewußtseine wieder abzustoßen, und zwar vorzugsweise sieben auf einen Streich. Wie aus dem Nichts tauchen diese Menschen an verschiedenen Orten der Milchstraße auf und sind nicht nur selber verwirrt, sondern sorgen in ihrer Mitwelt auch für einige Verblüffung.

Der sogenannte Sieben-D-Mann stellt allerdings eine Ausnahme dar, denn seine sieben Bewußtseine waren zuvor von ES mit dem Auftrag versehen worden, den Menschen zu helfen. Dieses "Konzept" - nach dem "Hauptbewußtsein" Kershyll Vanne genannt - verfügt über einzigartige kognitive Fähigkeiten, so daß es sogar mit den in sieben Dimensionen denkenden Keloskern "mathelogisch" mithalten kann. Die im Grunde friedfertigen Kelosker arbeiten nach außen hin weiter für das "Konzil der Sieben" genannte Imperium, aber insgeheim an einem 80-Jahresplan zu Befreiung der Milchstraße von den Okkupatoren, die aus weit entfernten Galaxien stammen.

Abgesehen von dem Sieben-D-Mann und den Keloskern sinnen auch der Roboter Vario-500, der in der Bio-Maske des alternden Prospektors Clynt Talahassie auftritt, sowie das Neue Einsteinische Imperium (NEI) der Menschen und die Milchstraßenvölker der GAVÖK (Galaktische Völkerwürde Koalition) an Mitteln und Wegen, das von den Laren mit ihren einst technologisch unbezwingbaren SVE-Raumern errichtete und mit Hilfe der kollaborierenden Überschweren brutal verteidigte Besatzungsregime endgültig zu Fall zu bringen.

In den vorliegenden Sammelband sind die Romane "Mensch aus dem Nichts" (809) von Hans Kneifel, "Homo sapiens x 7" (810) von William Voltz, "Begegnung auf Olymp" (811) von Peter Terrid, "Der Howalgonier" (812) von H. G. Francis, "Im Strom der Ewigkeit" (813) von Clark Darlton, "Der Vario und der Wächter" (814) von Ernst Vlcek und "Der Sieben-D-Mann" (815) von Kurt Mahr eingeflossen.

Bei einem Vergleich mit den Heftromanen fällt auf, wie weit sich der Charakter der SILBERBÄNDE von den ursprünglichen Heftromanen entfernt hat. Dies soll stellvertretend an einem Beispiel deutlich gemacht werden. In "Der Vario und der Wächter" führt Ernst Vlcek eine Figur namens "Einsam" ein, welche die Nekropolis bewacht und sehr geheimnisvoll ist. Die Leserinnen und Leser erfahren Gedanken und Gewohnheiten Einsams, aber können zunächst noch wenig damit anfangen. Erwartungsgemäß löst sich das Rätsel, was es mit der Figur auf sich hat, erst zum Ende der Geschichte. Dadurch ist ein wichtiger Spannungsbogen entstanden.

In dem SILBERBAND dagegen wird ein wesentlicher Stützpfeiler dieses Spannungsbogen, nämlich das Mysterium um die Figur des Wächters, gleich zu Beginn sehr stark zusammengestrichen. Unter anderem fiel der Inhalt einer komplette Spalte des zweispaltigen Heftausgabe dem Rotstift zum Opfer. Im folgenden sei eine Passage, die die Leser des SILBERBANDS nicht erfahren, von den ersten beiden Heftromanseiten zitiert:

Die Zeit verging, er maß sie nicht ... Das heißt, er konnte nicht anders, als die Zeit messen und sie bis hinab zu den kleinsten Einheiten einzuteilen. Aber er versuchte es wenigstens, sich dessen nicht bewußt zu werden.

Er kam seinen Pflichten mit der nötigen Sorgfalt nach, ja, er tat sogar mehr als das. Er ging bedächtig und umständlich ans Werk, mit geradezu pedantischer Akribie. Er machte seine Arbeit zu einem Zeremoniell.

Er hätte es einfacher haben können, denn ein einziger Impuls von ihm hätte genügt, um alles das, was er manuell verrichtete, vollautomatisch ablaufen zu lassen.

Doch sich selbst gegenüber entschuldigte er seine Umständlichkeit und die Ritualisierung seiner Tätigkeit damit, daß er den Helden diese Behandlung schuldig war. Und er sagte ihre drei Millionen Namen auf. Und er sang die Heldenlieder, Hymnen und Oden auf die Heroen, die auf den Llungorenischen Schlachtfeldern gekämpft haben. Dort gesiegt und unsterblichen Ruhm erlangten. Dort verwundet worden waren und unsterblichen Ruhm erlangten ... Er unterbrach seinen Gesang, denn die wachsamen Sensoren lösten den Alarm aus. (Perry Rhodan, Heftroman Nr. 814, S. 8 f)

Aus der Sicht eines Redakteurs, der sieben Einzelromane zusammenfassen soll und darauf achten wird, daß die Darstellung der Kernhandlung gewährleistet bleibt, macht es womöglich wenig Sinn, die abwegig wirkenden Reflektionen und Aktivitäten eines Einsamkeit fühlenden Roboters, wie das Aufzählen von drei Millionen Heldennamen, die auf dem Schlachtfeld gefallen sind, zu erwähnen. Die Kürzung läuft jedoch auf eine Verarmung der Handlung heraus. Den Lesern wird die Chance genommen, sich auch mit Nebenfiguren näher zu befassen und eigene Phantasien an sie zu knüpfen.

Eine Figur wie Einsam, der ein Roboter mit Bio-Anteilen ist und an Schizophrenie leidet, verliert in der gestrafften Version des SILBERBANDS an Tiefe, und das wirkt sich sehr wohl auf den gesamten Handlungsbogen aus, der an Spannung verliert. Zwar wird die Rahmenhandlung wiedergegeben, aber das Besondere an der Heftromanserie PERRY RHODAN, an der mehrere Autoren mitschreiben, deren Stil sich unterscheidet, geht verloren. Immerhin wird in diesem Fall der Wächter bereits im Titel des Romans aufgeführt und somit auf gleiche Stufe mit dem Roboter Vario-500 gestellt, so daß zu erwarten gewesen wäre, daß dem bei der Leserschaft beliebten Vario-500 eine mindestens ebenso tiefschürfende Figur gegenübergestellt würde. Das fällt in dem SILBERBAND nicht vollständig, aber weitgehend unter den Tisch.

Was wir hier exemplarisch dargestellt haben, gilt auch für andere Figuren und Abläufe, die durch die Überarbeitung reduziert wurden. In diesem Sinne kann man sagen, daß sich der SILBERBAND von den Einzelromanen unterscheidet wie eine Tüte Fast-Food-Essen von einem mehrgängigen französischen Gericht.

Mensch aus dem Nichts
PERRY RHODAN Silberband 95
Pabel-Moewig Verlag, Rastatt 2006
ISBN 10: 3-8118-4080-0
ISBN 13: 978-3-8118-4080-5



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BUCHBESPRECHUNG/078: Plophos-Zyklus, Band 1 und 2 (Perry Rhodan)



Perry Rhodan


Feinde der Menschheit (Plophos-Zyklus Band 1)

Soldaten für Kahalo (Plophos-Zyklus Band 2)



Seit 1978 gibt der Pabel-Moewig Verlag die sogenannten Silberbände heraus, in denen die Perry Rhodan-Heftromane aufbereitet und zu rund 400 Seiten starken Büchern zusammengefaßt werden. Dabei ist so manch liebgewordenes Werk dem Rotstift zum Opfer gefallen, vermutlich weil es für den größeren Handlungsrahmen keine besondere Bedeutung besaß. Daß aber selbst ganze Zyklusabschnitte herausgestrichen wurden, wie zum Beispiel jenen um den Zerfall des Solaren Imperiums durch den Angriff des plophosischen Obmanns Iratio Hondro, haben viele Fans nie verstanden. Zumal in diesem Handlungsteil Perry Rhodan erstmals Mory Abro kennenlernt, die später seine Frau werden wird. Nun hat sich der Verlag entschieden, eben diese in den Silberbänden unberücksichtigt gebliebene Heftromanfolge rund um die dramatischen Ereignisse von Plophos im Taschenbuchformat herauszugeben. Band 1 (Feinde der Menschheit) und Band 2 (Soldaten für Kahalo) sind im September erschienen, die beiden weiteren Bände in der Reihe "Der abgeschlossene Zyklus" sind für November angekündigt.

Der Plophos-Zyklus beginnt mit dem Heftroman "Der gnadenlose Gegner" (Nr. 180) von William Voltz. Das legendäre Raumschiff CREST wird angegriffen und stürzt auf einem unbekannten Planeten ab. Kugelraumer kämpft gegen Kugelraumer! Jene Raumschifform wird von den Milchstraßenvölkern bereits als Symbol des rasanten Vordringens der Terraner ins All angesehen, nun hat erstmals eine von Menschen kolonisierte Welt die direkte Konfrontation mit der ursprünglichen Heimatwelt gesucht und sich der Expansion entgegengestellt.

An Bord der CREST befinden sich hochrangige Persönlichkeiten wie Großadministrator Perry Rhodan, sein langjähriger Wegbegleiter Reginald Bull, der Arkonide Atlan, der ertrusische USO-Agent Melbar Kasom und der Hypno André Noir. Sie werden von den Schergen des plophosischen Diktators Iratio Hondro gejagt und gefangengenommen, wohingegen jene Besatzungsmitglieder, die glücklich waren, die Bruchlandung der CREST überlebt zu haben, gnadenlos getötet werden.

Hondro hofft, durch die gewaltsame Zerrüttung des Vereinten Imperiums, das aus dem Solaren Imperium der Terraner und dem Reich der Arkoniden besteht, die Macht an sich reißen zu können. Das allein auf seine Person ausgerichtete Regime gründet sich auf die existentielle Abhängigkeit der engsten Untergebenen, die zuvor eine Giftinjektion verabreicht bekommen haben und nun regelmäßig auf die Auffrischung eines Gegenmittels angewiesen sind. Über das verfügt selbstverständlich nur Iratio Hondro.

Die vier Zellaktivatorträger und Melbar Kasom werden nach Zentral-City auf dem Planeten Greendor verschleppt und ins Gefängnis geworfen. Ein Entkommen gilt als unmöglich, denn außerhalb der Stadt gibt es einen Dschungel mit extrem gefährlichen Pflanzen, die ausgefuchste Fertigkeiten des Beutefangs entwickelt haben. Dennoch versuchen die Gefangenen zu fliehen, und im zweiten Anlauf gelingt es ihnen sogar. Das haben sie jedoch im wesentlichen einer Rebellenorganisation zu verdanken, die es geschafft hatte, sich riesige, wandernde Bäume - Drenhols genannt - gefügig zu machen und gegen Hondros Leute ins Feld zu werfen.

Die Rebellen nennen sich Neutralisten und haben ihren Hauptsitz auf dem Planeten Badun, der in der Nähe des mit Sternen dicht gesäten Milchstraßenzentrums liegt und dessen genauen Koordinaten der strengen Geheimhaltung unterliegen. Formal ist Lord Kositch Abro Herrscher Baduns und somit Anführer der Neutralisten. Seit längerem leitet aber seine bildhübsche Tochter Mory Abro die Staatsgeschäfte. Sie ist mit dem Nadler nicht minder schnell wie mit den Worten, doch gegenüber der burschikosen Art der Vertreter des Solaren Imperiums verschlägt es selbst ihr die Sprache.

Den Spionen des Obmanns ist es gelungen, die Koordinaten des Rebellenplaneten herauszufinden. Ohne Verzögerung folgt der Angriff, dem die Verteidiger Baduns keinen ernsthaften Widerstand entgegenzusetzen haben. Trotz des Bombardements und enormen Durcheinanders können Perry Rhodan und seine Mitstreiter den Planeten verlassen. Während Lord Abro, der schon seit längerem an einer Geisteskrankheit leidet, stirbt, wird die bewußtlose Mory Abro gerettet. Dafür bedankt sie sich nach ihrem Erwachen mit etlichen Verwünschungen und - vergeblichen - Versuchen, dem Griff des Ertrusers, der sie geschultert hat, zu entkommen.

Die allgemeine Gefühlslage der Fliehenden kann man nur als bedrückt bezeichnen, denn abgesehen von Melbar Kasom haben alle ehemaligen Gefangenen des Obmanns eine Giftinjektion erhalten und rechnen fest mit ihrem Tod. Dennoch kämpfen sie unverdrossen ums Überleben, wohin auch immer sie von den turbulenten Ereignissen geworfen werden. Als die Stunde naht, in der sie eigentlich sterben müßten, geschieht nichts. Die Zellaktivatoren haben das Gift neutralisiert.

Dennoch ist der eingeschworenen Gemeinschaft, zu der mittlerweile auch Mory Abro gerechnet werden muß, da sie ihre abweisende Fassade immer häufiger vernachlässigt - insbesondere gegenüber Perry Rhodan -, eine Rückkehr in die Heimat nicht möglich. Die Gruppe wird auf merkwürdige Weise auf ein Raumschiff versetzt und muß zunächst einen Kampf führen, der eigentlich nicht der ihre ist. Das Volk der Bigheads wird von den insektoiden Flooths bedroht, ist aber aufgrund der tief verankerten pazifistischen Einstellung unfähig, selber zu den Waffen zu greifen. Die Gruppe stößt auf dem Planeten Kahalo auf einige rätselhafte Pyramiden, hinter denen sich die hochwertige Technologie eines uralten Volkes verbirgt, die zu erschließen nicht die Zeit bleibt.

Entgegen der Erwartung Iratio Hondros wird das Solare Imperium nach der Verbreitung der Nachricht von Rhodans Tod und dem Lossagen der vielen Kolonien nicht geschwächt. Es geht vielmehr gestärkt daraus hervor, da sich die Führung nun auf die Verteidigung des Kernbereichs konzentrieren kann, während sie die Kolonialplaneten ziehen läßt. Perry Rhodans ranghöchster Stellvertreter auf der Erde, Solarmarschall Julian Tifflor, und der Geheimdienstchef Allan D. Mercant entsenden das Mutantenkorps zum Planeten Plophos, um der Botschaft eines ihrer Agenten nachzugehen. Der hatte mittels eines kurzen Funkspruchs gemeldet, daß Perry Rhodan beim Absturz der CREST nicht ums Leben gekommen sei, sondern gefangengenommen wurde. Damit erhält der Feind endlich ein Gesicht: Iratio Hondro, Herrscher der Plophoser.

Ein permanent im Hintergrund dieses Zyklus schwelendes Grundthema hat seine Aktualität bis heute nicht eingebüßt: Muß ein Imperium zwangsläufig schlecht sein? Nach dem in der Romanhandlung verbreiteten Bild zerbrach das von Perry Rhodan geführte Solare Imperium weniger an dem inneren Widerspruch zwischen Herrschenden und Unterdrückten, sondern in erster Linie aufgrund der reinen Machtgier eines einzelnen Mannes, des Diktators von Plophos. Mit der Idee, daß eine Person allein dadurch, daß sie andere mit Hilfe von Giftinjektionen gefügig machen und auf diese Weise ihre Herrschaft über mehrere Planeten ausdehnen kann, regen die Perry Rhodan-Autoren im nebenbei die Frage an, wie Herrschaft überhaupt zustande kommt. Die hier gegebene Antwort, daß eine einzige Person ein ganzes Volk an sich binden kann, erinnert ein wenig an den Mythos, eine einzige Person habe die Deutschen einst kraft ihres "Charismas" in den Bann gezogen und verführt, so daß sie gar nicht anders konnten, als in den Krieg zu ziehen und vor den fürchterlichen Repressionen die Augen zu verschließen.

Solch ein Konzept erinnert aber ebenfalls daran, daß zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung der im Plophos-Zyklus verarbeiteten Heftromane keine zwei Jahrzehnte seit dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland vergangen waren. Die damalige Geschichtsschreibung war weit davon entfernt anzuerkennen, daß das Regime ohne eine breite Beteiligung der Bevölkerung keinen langen Bestand gehabt hätte. Für die Romanhandlung wiederum ist daraus der Schluß zu ziehen, daß die Vorstellung einer auf Giftinjektionen gegründeten Diktatur unplausibel wirkt - womit überhaupt nicht in Abrede gestellt werden soll, daß durch die Idee der Giftinjektionen wichtige dramaturgische Akzente gesetzt wurden.

Die Perry Rhodan-Autoren haben einen starken Kontrast konstruiert zwischen der negativen Herrschaftsform, auf die sich Iratio Hondro stützt, und dem positiven Solaren Imperium, das zwar ebenfalls stark von einer Person, nämlich Perry Rhodan, getragen wird, aber das den in der Peripherie liegenden Welten viele Freiheiten zur Entfaltung gelassen hatte. Indem nun die Vorstellungen des Obmanns als zum Scheitern verurteilt beschrieben werden, wird umgekehrt der Eindruck einer vermeintlichen Alternativlosigkeit des Solaren Imperiums erzeugt.

Allerdings werden an mehrere Stellen in den ersten beiden Bänden des Plophos-Zyklus Verhaltensweisen der eigentlich positiv besetzten Helden geschildert, die frappant daran erinnern, daß in der realen Menschheitsgeschichte im Grunde genommen kein Imperium ohne Knechtschaft, Sklaverei oder, allgemein gesprochen, Unterdrückung errichtet wurde. In den vorliegenden Romanen erweist sich ausgerechnet der immer zu Späßen aufgelegte Mausbiber Gucky, der mit seinen Superkräften eine wichtige Stütze Perry Rhodans ist, gleich an mehreren Stellen als ziemlich hintertrieben und, ja, man muß es sagen, brutal.

Hintertrieben zeigte er sich, als er das telepathisch begabte und friedliebende Volk der Drechselpfeifer für seine Zwecke einspannte, ohne sie vorher darüber aufzuklären, daß sie mit ihrer Unterstützung seines telepathischen Impulses höchstwahrscheinlich zahlreiche intelligente Wesen in den Tod schicken würden. Es wäre nett gewesen, ihnen zumindest die Wahl zu lassen, ob sie dazu bereit seien. Gucky wollte per telepathischem Fernbefehl sämtliche von Terra zur Verfügung gestellten Transformkanonen in einem viele Lichtjahre weiten Umkreis zur Explosion bringen. Im politikwissenschaftlichen Jargon würde man das als Verhinderung der Proliferation gefährlicher Waffen bezeichnen. In der folgenden Beschreibung zeigt der Mausbiber, daß er durchaus über Leichen geht:

Einen Augenblick lang dachte Gucky an die Opfer, die der Befehl kosten würde. Dann wischte er alle Bedenken beiseite. Der Befehl lag vor, und er diente der Sicherheit des Solaren Imperiums. Er entsprang dem Willen zur Selbstverteidigung. Es war, so besehen, Notwehr. (Bd. 1, S. 317 f)

Erinnert solch eine Inkaufnahme von "Kollateralschäden" nicht an die Legitimationsversuche für Verwüstungen, wie sie beispielsweise die USA in Irak angerichtet haben und heute noch anrichten? Oder an die Beteiligung von Kampfjets der Bundeswehr 1999 an der Bombardierung Belgrads?

Als Folterspezialist erweist sich Gucky, als er einem Gefangenen telekinetisch die Luftröhre zupreßt und ihm mit dem Erstickungstod droht, falls er nicht willens sei auszupacken. Als Solarmarschall Tifflor das mitbekommt, gebietet er Gucky nicht etwa Einhalt, um diese, ethische Normen aufs schwerste verletzende Gefangenenmißhandlung zu stoppen, sondern lächelt statt dessen und gibt dem Ilt noch zwei Stunden Zeit, in denen er den Gefangenen ausquetschen darf (Bd. 1, S. 366). Und daß Geheimdienstchef Mercant den Zellaktivator Iratio Hondros schon mal als Belohnung für denjenigen in Aussicht stellt, der Hinweise auf Perry Rhodans Aufenthaltsort liefert (Bd. 1, S. 382), obgleich er den Obmann damit zum Tode verurteilt, liegt auf der gleichen Ebene wie Guckys Machenschaften. Das Imperium Perry Rhodans hat durchaus Zähne ... und sei es auch nur jener berühmte einzelne Zahn des Mausbibers.

An den oben beschriebenen und vielen weiteren Stellen ist den Romanen deutlich anzumerken, daß sie in einer anderen Epoche entstanden sind. Bei einem Vergleich mit aktuellen Heftromanen wird erkennbar, daß in der ersten Hälfte der sechziger Jahre sowohl die Dialoge anders gestaltet als auch die Personen noch nicht so wie heute geschildert wurden. Dazu beispielhaft ein Zitat aus "Soldaten für Kahalo":

Mory war groß, fast zu groß für eine Frau, und doch wiederum gerade richtig gewachsen für diese Versammlung von großen Männern. Niemand hatte sie je etwas anderes als eng anliegende Kleidung tragen sehen. Sie wußte, daß ihre Formen sehenswert waren, und scheute sich nicht, sie zur Geltung zu bringen. Mory Abro war der Typ von Frau, von dem sich mancher Mann nach dem ersten bewundernden Blick mit einem Seufzen abwandte, weil er niemals hoffen konnte, so beeindruckend zu wirken, um Morys Aufmerksamkeit zu erregen. (Band 2, S. 167)

Ein Verhältnis, wie es zwischen Mory Abro und den "großen Männern" (sprich: Mackern) geschildert wird, kommt in den heutigen Heftromanen nicht mehr vor. Es werden Rollenklischees verbreitet, die Anfang der sechziger Jahre womöglich vielen Leserinnen und Lesern kaum aufgefallen sind, aber die heute geradezu ins Auge stechen. Womit nicht behauptet werden soll, daß jenes geschlechtsspezifische Rollenverhalten inzwischen überwunden und aus den Romanen, die schon immer ein Spiegel der Gesellschaft waren, verschwunden sind. Es nimmt jedoch nicht mehr diese Auswüchse an, wie an folgendem, nach heutiger Lesart unfreiwillig komisch wirkenden Zitat festzustellen ist:

Melbar Kasom erkannte neidlos, daß Mory Abro ein besserer Schütze war als er. Am meisten aber bewunderte er ihre Kaltblütigkeit. Angst schien diese Frau nicht zu kennen. Mit ihrem Thermostrahler hantierte sie wie andere Frauen mit ihren Make-up-Utensilien. (Band 2. S. 125)

Während Mory Abro schon mal ihre Contenance verlieren darf, wobei ihr dann - wie apart! - die Zornesröte ins Gesicht steigt, erfüllt Perry Rhodan die Rolle des väterlichen Freunds, der ihren Widerstand gegen seine Bevormundung mit einem gewinnenden Lächeln quittiert. Abgesehen von dem antiquiert wie James Bond wirkenden Umgang mit der Geschlechterfrage - neudeutsch würde man von der "Gender-Frage" sprechen -, erinnert auch manch technologische Beschreibung daran, daß die Romane vor mittlerweile über vierzig Jahren geschrieben wurden. Beispielsweise werden an einer Stelle noch Diaprojektoren eingesetzt, in deren Lichtstrahl eine Person versehentlich tapsen konnte (Bd. 1, S. 238 f).

In den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts kannte man auch noch keine Nanotechnologie, wie sie inzwischen längst breiten Einzug in Wissenschaft und selbstverständlich auch die Science Fiction gehalten hat. Deshalb wurden damals die kleinsten Mikro- Spionsonden als fingerhutgroß beschrieben, und Taschenpistolen fanden, welch Wunder der Technik, "sogar in Schuhen Platz" (Bd. 1, S. 336). Die Raumschiffe der Neutralisten wurden zwar als veraltet bezeichnet, aber daß die Positroniken "Stanzstreifen" ausdruckten, muß im heutigen Zeitalter der Vollcomputerisierung und Internet- Kommunikation ein wenig erstaunen (Bd. 2, S. 27).

Abschließend bleibt noch anzumerken, daß der Plophos-Zyklus ein Leckerbissen für Science-Fiction-Nostalgiker sein dürfte und problemlos auch von Personen gelesen werden kann, die mit dem damals noch jungen und relativ überschaubaren "Perryversum" nicht vertraut sind.

10. Oktober 2006


PERRY RHODAN, Plophos-Zyklus
Band 1: "Feinde der Menschheit",
Pabel-Moewig Verlag, Rastatt 2006.
384 Seiten, 9,90 Euro.
ISBN 10: 3-8118-5549-2,
ISBN 13: 978-3-8118-5549-6.

PERRY RHODAN, Plophos-Zyklus
Band 2: "Soldaten für Kahalo",
Pabel-Moewig Verlag, Rastatt 2006.
384 Seiten, 9,90 Euro.
ISBN 10: 3-8118-5550-6,
ISBN 13: 978-3-8118-5550-2.



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SCHATTENBLICK - Buch / ROMANE \ REZENSION


REZENSION/094: Seamus Deane - Im Dunkeln lesen



Seamus Deane


Im Dunkeln lesen



Im Jahr 1996, als der bis dahin völlig unbekannte Irischamerikaner Frank McCourt mit "Angela's Ashes" ("Die Asche meiner Mutter") über das Erwachsenwerden in tiefster Armut in der westirischen Stadt Limerick in den vierziger und fünfziger Jahren beiderseits des Atlantiks einen Bestsellererfolg feierte, veröffentlichte Seamus Deane, Dichter, Professor für englische Literatur an der Universität Harvard und einer der wichtigsten englischsprachigen Literaturkritiker überhaupt, mit "Reading in the Dark" ("Im Dunkeln lesen") seinen ersten - und bisher einzigen - Roman. Zwar wurde Deans Romandebut 1997 für den britischen Booker Prize nominiert und mit dem Irish Times International Fiction Prize sowie dem Irish Literature Prize ausgezeichnet, dennoch hat dieses kleine Meisterwerk wegen des ganzen Medienrummels um McCourts traurige, bitterböse und witzige Memoiren möglicherweise nicht die Beachtung erhalten, die es verdient hätte.

Ähnlich wie McCourt arbeitet Deane seine Kindheit und Jugend in der Nachkriegsära auf, jedoch statt Limerick ist der Schauplatz bei ihm Derry. Die viertgrößte und nördlichste Stadt Irlands ist in mehrfacher Hinsicht von besonderer Bedeutung. 1689 wurde eine 105tägige Belagerung der Stadt, in der sich protestantische Siedler aus England und Schottland mit ihren Familien vor dem Ansturm einer katholischen Armee verbarrikadiert hatten, durchbrochen. Deshalb rangiert für die Befürworter der Union Nordirlands mit Großbritannien - daher der Name Unionisten - der alljährliche Marsch der Apprentice Boys durch Derry am 12. August in seiner Bedeutung fast gleichauf mit den Oranerierumzügen am "Glorious Twelfth", dem 12. Juli, dem Jahrestag des entscheidenden Sieges des protestantischen Wilhelm von Oranien über den katholischen König Jacob II. in der Schlacht am irischen Fluß Boyne im Kampf um den britischen Thron im Jahre 1690.

Als Irland nach dem Unabhängigkeitskrieg der Irisch-Republikanischen Armee (IRA) gegen die britische Staatsmacht 1922 geteilt wurde, hat man Derry - und die gleichnamige Grafschaft - gegen den Willen der katholisch-nationalistischen Mehrheit der Bewohner dem Ministaat Nordirland zugeschlagen. Damit wurde Derry von ihrem eigentlichen Hinterland, der Grafschaft Donegal, die ähnlich dem katholischen Teil der Stadt auf der Westseite des Flusses Foyle liegt, abgeschnitten. Dafür diente Derry Großbritannien als strategisch wichtiger Transporthafen und Marinestützpunkt während des Zweiten Weltkrieges gegen Nazideutschland. Bis heute ist der Name der Stadt ein Zankapfel. Seit den Tagen des Krieges zwischen William of Orange und King James nennen sie die britischen Behörden und die nordirischen Protestanten Londonderry, während die Regierung in Dublin, die Menschen in der Republik Irland und die katholisch-nationalistische Bevölkerung Nordirlands eisern am ursprünglichen Derry festhalten, das sich vom Gälischen Doire ableitet.

Deane, der 1940 in Derry als Kind einer irischrepublikanischen Familie zur Welt kam, verarbeitet all dies und vieles mehr - die strenge Erziehung an einem katholischen Gymnasium, die irische Märchenwelt, die Kindsheitserlebnisse im "Viertel der abschüssigen Straßen", die Anfänge der "Troubles", des sogenannten nordirischen Bürgerkrieges im Jahre 1968 - zu einer Erzählung, die sowohl poetisch schön, als auch in ihrer Dramatik ungemein spannend ist. Im Mittelpunkt des Romans steht ein dunkles Geheimnis, das zentnerschwer auf der Familie des Erzählers lastet, die Eltern fast entzweit und die Mutter beinahe in den Wahnsinn treibt beziehungsweise die Toten sehen läßt. Im Laufe der Jahren erfährt der Junge immer mehr Einzelheiten dieses Familiengeheimnisses, von dem er niemandem erzählen darf - vor allem nicht seinem eigenen, über alles geliebten Vater.

Ohne zuviel zu verraten, denn wie Deane das schreckliche Geheimnis peu- à-peu auspackt, ist wahrlich meisterhaft, geht es hier um blutige Ereignisse, die sich im Teilungsjahr 1922 und vier Jahre später in Derry abspielten, an denen die IRA und die nordirische Polizei beteiligt waren und die mehreren Menschen das Leben kosteten. Es handelt sich zudem um einen Fall von Denunziantentum innerhalb der IRA in Derry, zu deren Mitgliedern damals der Großvater des Jungen mütterlicherseits und sein Onkel väterlicherseits zählten. Und je mehr der Junge im Laufe der Jahre aus verschiedenen Quellen von diesem Geheimnis herausfindet, desto mehr wird er zwangsläufig zum Mitwisser einer Tragödie, die in ihrer schaurigen Tiefgründigkeit an die der griechischen Klassik erinnert. Überhaupt bietet diese gelungene Mischung von Elementen des Detektivromans, der irischen Sagen und des Bildungsromans dem Leser Genuß pur, packt ihn emotional und stimmt ihn nachdenklich zugleich.

Grianan war ein großer steinerner Ring, innen mit Aufgängen aus abgenutzten Stufen, die zu einem Wehrgang führten, von dem aus man in einer Richtung die Felder und Wiesen und in der anderen die sandigen Ufer des Lough überblickte. Am Fuß einer Innenmauer öffnete sich ein Geheimgang: eng und schwarz, wenn man hineinkroch, dann, am Ende, wo ein aus Steinplatten gefügter Wunschthron stand, für ein kurzes Stück geräumiger. Man setzte sich hin und schloß die Augen und konzentrierte sich auf das, was man sich am meisten wünschte, und lauschte dabei auf den Atem der schlafenden Krieger der sagenhaften Fianna, die darunter lagen. Sie warteten dort auf den Menschen mit dem einen Wunsch, der sie aus ihrem tausendjährigen Schlaf erwecken würde, damit sie die endgültige Schlacht gegen die Engländer schlugen und sie für immer von unserer Küste vertrieben. Das würde ein besonderer Mensch sein, überlegte ich mir, vielleicht mit Feenaugen, einem grünen und einem braunen, oder vielleicht jemand mit einer geheimen Absicht im Herzen, so hart und verborgen wie eine Pistole in der Tasche, jemand, der sich erst rührte, wenn er alles andere dazu bringen konnte, sich mit ihm zu rühren. Ich hatte eine schreckliche Angst, ich konnte aus Versehen diesen bestimmten Wunsch äußern und spüren, wie sich der Boden unter mir wölbte, und die toten Gesichter emporsteigen sehen, undeutlich hinter ihren scharf umrissenen Äxten und Speeren. (S. 62)

Zwar hat Seamus Deane bei aller "geheimen Absicht" mit "Im Dunkeln lesen", dessen Übersetzung von Giovani Bandini und Ditte König lobende Erwähung verdient, die großen irischen Helden von einst um Fionn, Oisín, Oscar und Diarmuid natürlich nicht wirklich wiederauferstehen lassen, doch mit seinem Rühren an der eigenen Herkunft hat er eine großartige Erzählung zustandegebracht, welche in das Herz des Lesers dringt und hinter seinem Rücken die Geister tanzen läßt.

21. Juli 2006


Seamus Deane, "Im Dunkeln lesen". Aus dem Englischen ("Reading in the Dark") von Giovani Bandini und Ditte König, 1997 bei Carl Hanser Verlag, München, erschienen. 256 Seiten, ISBN 3-446-19101-1.



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REZENSION/097: Mary Shelley - Frankenstein (Englische Literatur)



Mary Shelley


Frankenstein oder der Moderne Prometheus

Die Urfassung



Bei den meisten Menschen findet die erste und häufig einzige Berührung mit "Frankenstein" nicht über den Roman, sondern die filmische Aufbereitung statt. Gebannt auf die Fernsehröhre starrend kann man sehen, wie ein mit Hilfe von Blitzen geschaffener, vierschrötiger Unhold durch die Landschaft stapft, gehetzt von einer Meute blindwütiger Bauern, bis ihn in einer lichterloh brennenden Windmühle ein tragisches Ende ereilt. Zu der Aufklärung, daß nicht das Monster, sondern dessen Schöpfer Frankenstein genannt wird, kommt es in der Regel nicht; ebensowenig wie, daß das Monster über eine gewandte Sprache verfügt, tiefe Empfindungen besitzt und von seiner Mitwelt allein aufgrund seines Äußeren zurückgewiesen wird. Oder daß des Wesens Kern so lange gut ist, bis fortgesetzte Ablehnung und tiefe Ungerechtigkeit seitens der Menschen bei ihm die Schleusen der Rache weit aufstoßen.

Erst durch den Griff zum Buch, dessen vollständiger Titel "Frankenstein oder Der Moderne Prometheus" bereits die Ahnung aufkommen läßt, daß seiner Autorin Mary Shelley die griechische Mythologie nicht fremd war, erfährt der Leser die Vielschichtigkeit und erzählerische Dichte des Romans. Jetzt hat Alexander Pechmann zeitgleich mit einer Biographie zu Mary Shelley eine Neuübersetzung der Urfassung dieses faszinierenden Werks vorgelegt. Bereits der Einband des in der "Blauen Reihe" bei Artemis & Winkler herausgegebenen Buchs weckt Appetit auf seinen Inhalt. Abgebildet ist das Gemälde "The Ghost of a Flea" des englischen Dichters und Malers William Blake, das dieser um 1819- 20 gefertigt hat, also kurz nach der Erstveröffentlichung des ursprünglich 1818 anonym und in drei Bänden herausgegebenen "Frankenstein, or the Modern Prometheus" und ausgesprochen passend zu dessen mystisch-düsteren Stimmung.

Diese und nicht jene 1831 von Mary Shelley überarbeitete Version diente Alexander Pechmann als Vorlage seiner Neuübersetzung. Für die Entscheidung, eine vollständige Version des "Frankenstein" herauszugeben, können sich die Leser nur bedanken, denn Shelley hatte unter anderem Textpassagen gestrichen, umgeschrieben oder ob ihres für die damalige Zeit allzu anstößigen Inhalts entschärft, für die sie von einigen Kritikern ziemlich heftig angegriffen worden war. Dies ist durch eine Auswahl an Rezensionen im Anhang der Pechmann-Ausgabe nachzulesen.

Mit seinem dem Roman und seiner Autorin sehr zugewandten Nachwort, den zahlreichen Anmerkungen sowie den Angaben zur Neuübersetzung liefert der Übersetzer und Herausgeber anregende Hinweise auf das zeitgenössische Umfeld des "Frankenstein"-Romans, seiner auf eine frühe Bühnenfassung beruhenden Verbreitung und späteren Adaption durch die Popkultur. Was der Leserschaft in der gekürzten Version von 1831 entgangen, soll beispielhaft an einem Zitat verdeutlicht werden, das in der an ihr orientierten Übersetzung (Frankenstein, Heyne Verlag, 6. Aufl. München 1963) nicht auftaucht. In Pechmanns Übersetzung der Urfassung hingegen lesen wir über die Gedanken, die Frankenstein ereilen, als er einen Alpengipfel hinaufwandert:

Ach! Warum brüstet sich der Mensch damit, dem Tier gefühlsmäßig überlegen zu sein? Das macht uns nur zu bedürftigeren Wesen. Wenn unsere Triebe auf Hunger, Durst und Begierde beschränkt wären, dann könnten wir beinahe frei sein. So aber werden wir von jedem Windstoß umhergetrieben, von jedem zufälligen Wort oder jedem Bild, das uns dieses Wort vermittelt. (S. 101)

Unmittelbar hieran schließt Mary Shelley Verse aus dem Gedicht "On Mutability" (Über Unbeständigkeit) von ihrem Gatten Percy Bysshe Shelley an:

Wir ruhn; ein böser Traum kann uns erscheinen. Stehn auf; ein wandernder Gedanke und der Tag verdorben. Wir fühlen, sinnen, streiten; lachen oder weinen. Umarmen unsre Trauer, dann verwerfen wir die Sorgen; Alles ist eins, denn Glück und Kummer werden weichen, Der Weg für ihren Fortgang ist befreit. Des Menschen Gestern wird nicht seinem Morgen gleichen: Nichts bleibt, nur Unbeständigkeit! (S. 101/102)

Beide Zitate aus der Version von 1818 unterstreichen den sprachlich und inhaltlich üppigen Charakter des Romans und verdeutlichen noch klarer Mary Shelleys ursprüngliches Anliegen, aus ihrem gehobenen Bildungsstand keinen Hehl machend, nicht bloß eine Schauergeschichte schreiben zu wollen, sondern ein literarisches Kunstwerk zu erschaffen oder, mit den Worten der Autorin, um "die Schwächen gegenwärtiger Romanliteratur zu vermeiden" (S. 8). In "Frankenstein" werden grundlegende Menschheitsfragen angerissen: Was unterscheidet Mensch vom Tier? Worauf gründet er seine vermeintliche Überlegenheit? Was braucht ein Mensch, um zu leben? Oder es werden Thesen aufgestellt wie: Der Mensch ist mehr als eine von Hunger, Durst und Begierden, also gewöhnlich seinem Innern zugewiesenen Überlebensnöten getriebene Existenz, aber er ist zugleich durch äußere Kräfte beherrscht, die die Chance, frei zu sein, verhindern.

An dem obigen Zitat soll nicht aufgezeigt werden, zu welchen inhaltlichen Aussagen die Autorin gelangt ist - in ihrem Vorwort macht sie ausdrücklich darauf aufmerksam, daß man "die Meinungen, die sich auf natürliche Weise aus dem Charakter oder der Situation des Helden ergeben (...) keinesfalls mit meinen eigenen Überzeugungen gleichstellen" (S. 8) dürfe -, sondern es soll ein Eindruck von der außergewöhnlichen Art und Weise verschaffen, in der das Buch verfaßt wurde. Hier werden nicht einfach nur allein auf kurzfristige Effekte abzielende Ereignisse aneinandergereiht, auf die sich viel zu häufig moderne Bücher aus den Genres Grusel-, Fantasy- und Science-fiction, zu deren Vorläufer Shelleys Roman gezählt werden kann, beschränken. Vielmehr ist "Frankenstein" gespickt mit Ideen aus zeitgenössischen und antiken Büchern, welche die des Französischen und Lateins mächtige Mary Shelley bereits mit 19 Jahren gelesen oder von denen sie wenigstens Kenntnis erhalten hatte. An prominenter Stelle sollen hier die sozialphilosophischen Schriften ihres Vaters William Godwin und die Dichtungen ihres Ehemanns Percy Bysshe Shelley, der ein Anhänger der anarchistischen Ansichten Godwins war, genannt werden - nicht zu vergessen John Miltons 1667 veröffentlichtes Versepos "Paradise Lost" und Johann Wolfgang von Goethes "Die Leiden des jungen Werthers" (1774).

Sowohl Mary Shelleys zahlreiche literarische Anspielungen innerhalb der eigentlichen Romanhandlung als auch die eingefügten Verse ihres Mannes geben Zeugnis ab von einer Zeit, in der in avantgardistischen Kreisen der Literatur, Kunst, Philosophie und Wissenschaft mit weitreichenden moralischen und philosophischen Fragen gerungen wurde. Die Haltlosigkeit der menschlichen Existenz oder, wie Percy B. Shelley schreibt, die "Unbeständigkeit" als "das einzig Bleibende" wurden damals durchaus nicht als fatalistische Botschaft aufgefaßt, sondern als eine von vielen menschlichen Zwängen befreiende Erkenntnis. Aussagen wie, daß das Gestern nicht dem Morgen gleicht, lassen sich schwerlich mit einem durch vielerlei Versicherungsverträge und zeitlich streng geregelte Tagesabläufe abgestütztem Leben in Einklang bringen. Wenngleich Percy B. Shelley, dessen Lebensweg sich als Inbegriff der von ihm beschriebenen "Unbeständigkeit" darstellt, als der unbändigere Geist galt, so sollte die Auflehnungsbereitschaft Mary Godwins, die im Alter von siebzehn Jahren gegen den ausdrücklichen Wunsch ihres Vaters mit dem bereits verheirateten Dichter durchbrennt, nicht geringgeschätzt werden.

Pechmanns Neuübersetzung des einst als gotteslästerlich empfundenen Romans aus der Feder der jungen Shelley macht allein deshalb Sinn, weil dadurch ursprüngliche Textpassagen, die nicht der Zensur der erwachsenen Autorin zum Opfer fielen, wieder den lesenden Blick erfreuen dürfen. Natürlich sollte die Frage, wie der Roman ins Deutsche übertragen wurde, nicht ausgespart bleiben. Dazu ein Zitat aus einer anderen Übersetzung des gleichen Handlungsabschnitts. Beschrieben wird hier der Beginn des Berichts, den der Unhold seinem Schöpfer über seine ersten Erfahrungen als soeben in die Welt geworfenes Wesen abgibt, um ihn davon zu überzeugen, daß er ihm eine Partnerin erschaffen müsse, da er von den Menschen keine Nähe zu erwarten habe:

Der Mond war vom Nachthimmel verschwunden und hatte sich in schwächerer Gestalt wieder gezeigt, als ich noch immer im Walde weilte. Mein Empfindungsvermögen war bereits zuverlässig geworden, mein Geist eignete sich täglich neue Vorstellungen an. Meine Augen gewöhnten sich ans Licht und erkannten nun Gegenstände in ihrer richtigen Gestalt. Ich unterschied das Insekt von der Pflanze, dann eine Pflanze von der anderen. Auch stellte ich fest, daß der Sperling nur kreischte, während Amsel und Drossel süß und verlockend flöteten. (Heyne, München 1963, S. 88/89; übersetzt von Christian Barth)

Der Mond war vom nächtlichen Firmament verschwunden und zeigte sich erneut in seiner schmaleren Gestalt, während ich weiterhin im Wald lebte. Meine Wahrnehmung hatte inzwischen an Klarheit gewonnen und mein Verstand empfing täglich neue Eingebungen. Meine Augen gewöhnten sich an das Licht und konnten inzwischen Dinge in ihrer wahren Form erkennen. Ich konnte das Insekt von der Pflanze unterscheiden und allmählich eine Pflanze von der anderen. Ich bemerkte, daß der Spatz nur schrille Töne von sich gab, während jene von Amsel und Drossel lieblich und bezaubernd waren. (Artemis & Winkler, Düsseldorf 2006, S. 108)

Pechmanns Übersetzung wirkt zeitgemäßer, und das nicht nur, weil er statt des "Sperlings" einen "Spatz" schrille Töne von sich geben läßt. Anstelle von "Empfindungsvermögen" wählte Pechmann das Wort "Wahrnehmung", das eher in die heutige Zeit mit dem stärkeren Einfluß der Neurowissenschaften und Psychologie zu passen scheint. Das trägt mit dazu bei, daß sich der Text den Lesegewohnheiten des 21. Jahrhunderts entsprechend ein wenig flüssiger liest. Dafür geht umgekehrt eine gewisse Holprigkeit, wie sie durchaus zu der Sprechweise eines Wesens paßt, das seine ersten Lebenserfahrungen schildert, verloren. Zudem wird mit "Wahrnehmung" eine stärkere Abstraktion ausgedrückt, während "Empfindungsvermögen" näher an der persönlichen und noch nicht voll ausgebildeten Fähigkeit des Berichterstatters, die Welt um sich herum einzuordnen, liegt.

Die ältere Übersetzung Barths, "mein Geist eignete sich täglich neue Vorstellungen an", wirkt ebenfalls weniger abstrakt als Pechmanns "mein Verstand empfing täglich neue Eingebungen". In der ersten Version erweckt das Geschöpf einen aktiveren Eindruck, sein "Geist" begegnet der Welt mit Wißbegierde, während hinter Pechmanns Übersetzung auch ein Apparat (Verstand) stecken könnte, der mit Daten (Eingebungen) gefüttert wird. Ähnlich wie bei dem Begriff "Wahrnehmung" wird auch hier von dem Subjekt abstrahiert. Dagegen wirkt Pechmanns "nächtliches Firmament" stimmungsvoller als Barths "Nachthimmel", ohne daß die Neuübersetzung in Schwülstigkeit abglitte.

Diese Vergleiche zeigen, daß beide Übersetzungen ihre Eigenarten haben, die zur jeweiligen Entstehungszeit passen und deshalb nicht austauschbar sind. Pechmanns Übersetzung ist modern, aber nicht verflacht; komplexere Satzkonstruktionen des Originals wurden behutsam behandelt, also nicht durch übermäßigen Einsatz von Punkten in vermeintlich verdaulichere Portionen zerhackt.

Wie in der Version Barths vermittelt auch die Neuübersetzung einen tiefen Eindruck von Mary Shelleys für die Kulturepoche der Romantik bezeichnenden Aufgeschlossenheit, ja, geradezu Erwartungsfreude gegenüber einer neuen, wissenschaftlichen Zeit (Chemie statt Alchimie; Einsatz der 1789 von Luigi Galvani entdeckten "tierischen Elektrizität"), ohne daß die Autorin deswegen die Achtung vor dem Alten (Fürsprache des Universalgelehrtentum, starker Bezug zu Mythen) preisgegeben hätte. Als verwerflich galt damals, daß Shelley den Schöpfungsakt sehr materialistisch schilderte. Das Wesen wurde aus Leichenteilen zusammengesetzt, nach chemischen Verfahren bearbeitet und anschließend nicht etwa durch göttlichen Impuls, sondern durch den zündenden Funken des Forscherwissens ins Leben gerufen.

Anders als in der bekannten Filmversion, in der der Schöpfungsakt dramatisiert wird, erschafft Victor Frankenstein in der Romanvorlage das Wesen überraschend unspektakulär. Die Schöpfung ist bei Shelley kein Mysterium, auf das die "Kamera" des Erzählers im besonderen Maß gerichtet werden müßte, sondern wirkt wie die logische Folge einer von Wissensdurst unnachgiebig vorangetriebenen Entschlossenheit des "modernen Prometheus", einen Menschen zu erschaffen. Die mythische Gestalt des Prometheus, die bereits bei Hesiod (um 6. Jh. v. Chr.) erwähnt wird, hatte die Menschen aus Lehm erschaffen und den Zorn des Göttervaters Zeus heraufbeschworen, weil er ihnen das Feuer brachte. Zur Strafe wurde Prometheus an einen Fels geschmiedet, und ein Adler hat Tag für Tag ein Stück seiner Leber gefressen, die immer wieder nachwuchs. Doch letztlich wurde der Frevler von Herakles erlöst, wohingegen Shelleys "moderner Prometheus" Frankenstein aufgrund seiner Hybris zugrundeging.

Mit ihrem bildreichen Werk hat Mary Shelley einen literarischen Meilenstein gesetzt, was die Aufnahme in die Reihe "Winkler Weltliteratur" uneingeschränkt rechtfertigt. Hatte die Lektüre des später überarbeiteten Romans "Frankenstein" schon Freude bereitet, so bietet Alexander Pechmanns Übersetzung und Herausgabe der Urfassung einen besonderen Lesegenuß, auf den niemand verzichten sollte, der sich für die Romantik oder die Wurzeln der Gothic- Szene, für englische Literatur oder Sprache allgemein interessiert.

3. Oktober 2006


Mary Shelley
Frankenstein - Die Urfassung.
Aus dem Englischen neu
übersetzt und herausgegeben
von Alexander Pechmann.
Artemis & Winkler, Düsseldorf 2006.
302 Seiten, 24,90 Euro.
ISBN: 3-538-06317-6



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REZENSION/099: Pelewin - Der Schreckenshelm ("Die Mythen")



Viktor Pelewin


Der Schreckenshelm

Der Mythos von Theseus und dem Minotaurus



Hin und wieder kommt es vor, daß sich Autoren bei dem Bemühen, etwas Einfallsreiches schreiben zu wollen, gehörig verlaufen. Wenn das ausgerechnet auf jemanden zutrifft, der sich mit dem Thema Labyrinth befaßt, erhält das allerdings eine recht skurrile Note. Viktor Pelewin zählt mit seinem "Schreckenshelm" eindeutig zu dieser Kategorie. Sein Versuch, sich mit vermeintlich inhaltsschwerem Chatroom-Geplapper der Herausforderung zu stellen, etwas Lesenswertes zum Mythos von Theseus und dem Minotaurus im Labyrinth von Kreta zu sagen, ist gescheitert. Pelewin hat von Anfang an den Faden verloren und seine Verwirrung auch noch als besondere Erkenntnis verkauft.

Dem klassischen Mythos zufolge, der hier in moderner Form verarbeitet werden sollte, ist der Held Theseus in das Labyrinth von Kreta eingedrungen, hat den bislang unbesiegten Stiermenschen Minotaurus bezwungen und, Ariadne sei Dank, anschließend mit Hilfe eines abgerollten Fadens wieder hinausgefunden. Diesen Stoff hat der junge russische Schriftsteller Viktor Pelewin im Rahmen einer internationalen Buchreihe, an der über 30 Verlage Geschichten zum Thema "Die Mythen" neu erzählen lassen, nahezu komplett als Chatroom-Gespräch zwischen gut einem halben Dutzend Personen verfaßt.

Nun ist bekannt, daß in Chatrooms ungeheuer viel kommuniziert wird, was häufig noch das pseudogewichtige Geplauder in Szene- Kneipen, auf Künstlertreffs und vermeintlichen Avantgarde-Parties an Aufgeblasenheit überbietet. Insofern könnte man sagen, daß Pelewin inhaltlich der von ihm gewählten dialogischen Form des Chatrooms treu geblieben ist. Dabei hat er nicht mit Anspielungen gegeizt. So nennt er eine Person "Romeo-y-Cohiba". Wem der Name nichts sagt, hat wirklich nichts verpaßt im Leben. Wer hingegen weiß, daß dies eine Anspielung auf kubanische Zigarren der Sorte Romeo y Juliette sein soll, kann sich vielleicht etwas auf sein Wissen einbilden. Aber was trägt solche Produktnamenkenntnis zu dem Mythos bei, den der Autor vorgeblich angetreten war zu erhellen?

Pelewins weitere Chatroom-Teilnehmer tragen Namen wie Nutscracker, Organizm(-:, Monstradamus, Ariadne, IsoldA oder UGLI 666. Lange Zeit sind sie verwirrt, suchen nach Orientierung, wissen nicht genau, wie sie überhaupt in diese Situation gekommen sind und vermögen nicht einmal zu sagen, was sie herausfinden wollen. Und sie entdecken nach einem für den Leser ermüdend langen Wortabtausch schlußendlich, daß sich ihre Wirklichkeit im Schreckenshelm befindet und dieser aber auch Teil der Wirklichkeit ist. Wer hätte das gedacht?!

Um kein Mißverständnis aufkommen zu lassen: Es spricht nichts dagegen, wenn sich moderne Literatur um die Erschließung mythologischer Topoi bemüht. Nur zu! Daß sich internationale Verlage zu einem gemeinsamen Projekt über Mythen zusammenschließen, böte die Chance, sich dieser uralten Archivform auf eine so frische und entschlossene Weise zu widmen, daß selbst die uns heute überlieferten Versatzstücke hinsichtlich ihres ursprünglicheren, durch keine Schrift gefesselten Umgangs mit ungelösten Menschheitsfragen nähergebracht werden könnten.

Wer sich jedoch wie Pelewin rigoros über die ohnehin spärlichen Spuren des Theseus-Minotaurus-Mythos hinwegsetzt, hätte zumindest den Beweis antreten müssen, daß er sich diese abgehobene Einstellung leisten kann. Statt dessen aber erweckt er den Eindruck, sich an der Aufgabe kräftig verhoben zu haben. Wie auch die überdimensional dicke Zigarre, mit der sich der Autor auf einem Foto über dem hinteren Klappentext hat ablichten lassen, ein intellektuelles Fassungsvermögen vortäuscht, das an keiner Stelle des Buchs auch nur ansatzweise gezeigt wurde. Herausgekommen ist dagegen viel Rauch um nichts, und man ist geneigt zu vermuten, als sei Pelewin der Nikotinschub so sehr zu Kopf gestiegen, daß sich dieser zu einem gewaltigen Schreckenshelm mit zwei Hörnern ausgewachsen hat ...

In seiner vierseitigen Einleitung zum eigentlichen Chatroom- Gespräch vergleicht Pelewin die Mythen mit einer uralten Programmiersprache, die die Menschen heute nicht mehr verstünden. Dieses erfrischende Eingeständnis der Unwissenheit wird jedoch schon im nächsten Satz wieder verworfen und ins Gegenteil verkehrt:

Unser Verständnis ist so ausdifferenziert, so widersprüchlich und komplex, daß die Frage "Was bedeutet es?" jeden Sinn verliert. (S. 8)

Damit gibt Pelewin bereits die Schlußantwort vorweg. Seine tiefe Sinnverbundenheit besteht in der Aussage, daß die Frage nach dem Sinn ihre Bedeutung verliert. Im Grunde genommen hätte man das Buch an dieser Stelle bereits beiseite legen können, denn was folgt, verläßt die Grundlage der vorangestellten Behauptung der Sinnlosigkeit nicht. Deshalb wundert es auch nicht, daß Pelewin im weiteren Verlauf seiner einführenden Erklärung Wahrheiten postuliert und Widersprüchliches aneinanderreiht:

Warum hat der Minotaurus einen Stierkopf? Was geht darin vor? Ist sein Geist eine Funktion seines Körpers, oder ist sein Körper nur ein Bild in seinem Geist? Befindet sich Theseus im Labyrinth? Oder das Labyrinth in Theseus? Oder beides? Oder keines von beidem? Jede Antwort bedeutet, sich in einem anderen Gang des Labyrinths zu verlieren. Schon viele behaupteten steif und fest, die Wahrheit zu kennen. Doch bislang hat keiner aus dem Labyrinth herausgefunden. (S. 8)

Pelewin liefert hier seine Wahrheit gleich im Doppelpack. Erstens als Behauptung, daß jede Antwort bedeute, sich in einem anderen Gang des Labyrinths zu verlieren, und zweitens, daß bislang keiner aus dem Labyrinth herausgefunden habe. Woher will er das wissen? Das ließe sich nur von außerhalb des Labyrinths feststellen, was aber seiner Aussage widerspräche. Wäre die ganze Welt ein Labyrinth, könnte das niemand erkennen. Ein Labyrinth existiert nur, wenn es ein Nicht-Labyrinth, ein Außerhalb gibt, das als Vergleich herangezogen werden kann. Im Unterschied zu Pelewins "Schreckenshelm" wird im klassischen Minotaurus-Mythos nicht mit absoluten Postulaten gehandelt wie, daß niemand aus dem Labyrinth herausgefunden habe.

Wenn die Einleitung bereits so verquast ist, wundert es natürlich nicht, wie weit Pelewin im weiteren Verlauf seiner Erzählung daneben greift. Beispielhaft kann dies an einer Textpassage aufgezeigt werden, in der Ariadne den anderen Chatroom- Teilnehmern berichtet, wie sie einen Zwerg getroffen und mit ihm gesprochen habe. Der sei dann aber davongerannt, und während sie auf ihn wartete, habe sie in einigen alten Ordnern an der Wand gestöbert, worin Fragen gestellt worden seien. Jetzt habe sie einige Blätter mit Antworten vorliegen. Aber man erfahre wenig Neues daraus. Die "ewigen Fragen" seien früher auch nicht schlauer gewesen, "sonst wären sie ja nicht ewig", schreibt die Figur Ariadne in ihrem Chatroom (S. 171).

Dieser Behauptung müßte entgegengehalten werden, daß genau umgekehrt ein Schuh daraus wird: Eine "ewige Frage" wäre als sehr schlau zu bezeichnen, eben weil sie ewig Bestand hat und durch keine Antwort eliminiert werden konnte. Dieser Umkehrschluß ist insofern nicht unerheblich, als daß hieran Pelewins Unverständnis deutlich wird. Wenn Mythen nur austauschbare, jederzeit reproduzierbare, sinnentleerte Erzählungen ähnlich dem "Schreckenshelm" wären, bräuchte man sie wirklich nicht zu bewahren. Dann ginge einer Kultur auch nichts verloren, wenn sie keinen mythologischen Hintergrund mehr besäße. Doch jeder, der sich näher mit Mythen befaßt, dürfte zumindest ahnen, daß in ihnen mehr steckt, als sich ihm auf den ersten Blick erschließt.

Auf eine moderne literarische Verarbeitung von Mythen hingegen, die sich darin gefällt, sich von der ersten bis zur letzten Seite in unzusammenhängenden Banalitäten zu ergehen, kann sehr wohl verzichtet werden; womöglich hat Pelewin inhaltliche Beliebigkeit mit Avantgarde verwechselt. Davon abgesehen ist dem Übersetzer Andreas Tretner ein Lob auszusprechen. Er hat sich redlich Mühe gegeben, dem Produkt durch eine variantenreiche Sprache mehr Gehalt zu verleihen. Dennoch bleibt zu resümieren, daß mit dem "Schreckenshelm" kein Mythenschatz gehoben wurde - er wurde auch nicht tiefer versenkt, denn das unterstellte, daß es überhaupt zu irgendeiner nennenswerten Berührung mit dem Ursprungsstoff gekommen wäre.

13. November 2006


Viktor Pelewin
Der Schreckenshelm
Der Mythos von Theseus und dem Minotaurus
Berlin Verlag
Berlin 2005
188 Seiten
ISBN 3827004470



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Schattenblick - BUCH / Sachbuch \ Rezension


REZENSION/333: Anna Geis (Hrsg.) - Den Krieg überdenken (Politik)



Anna Geis (Hrsg.)


Den Krieg überdenken

Kriegsbegriffe und Kriegstheorien in der Kontroverse



Den heiligen Schwur der Väter, daß von deutschem Boden nie wieder ein Krieg ausgehen dürfe, interpretieren die Nachgeborenen auf die eigentümliche Weise, den Verteidigungsauftrag in fernen Ländern zu exekutieren. Diese von langer Hand geplante Eskalation ist eingebettet in die strategische Phase globaler Herrschaftssicherung im Gefolge der Führungsmacht USA, die in einem unumstößlichen Ordnungsgefüge ihre Vollendung finden soll, das das Überleben der Eliten zu Lasten millionenfacher Opfer sichert. Weltweit sterben derzeit jedes Jahr etwa 10 Millionen Säuglinge und Kleinkinder unter fünf Jahren an Mangelernährung, schlechter Hygiene und vor allem fehlendem sauberen Wasser. Insgesamt erliegen jährlich 24 Millionen Menschen chronischen Krankheiten, 17 Millionen sterben an Infektionskrankheiten. Wer könnte da noch von einem Frieden sprechen, der sich grundsätzlich von den Schrecken des Krieges unterscheide! Wollte man tatsächlich etwas gegen das Todesrisiko auf dieser Welt unternehmen, stünde der Kampf gegen schlechtes Trinkwasser und mangelnde Hygiene in der Dritten Welt unangefochten an erster Stelle.

Dessen ungeachtet hat der "Kampf gegen den Terror" alle anderen Erwägungen in einem Maße verzerrt und verdrängt, daß man weit über Propaganda hinaus von einer Denkkontrolle sprechen kann. Mit dem Konstrukt des "Terroristen" entmenschlicht man das personifizierte Potential des Widerstands gegen die weltherrschaftliche Durchdringung aller Gesellschaften und rottet präemptiv aus, was immer sich dem Streben nach vollendeter Verfügungsgewalt entgegenstemmen könnte. Schätzungen zufolge sind seit Beginn des Angriffskriegs der Alliierten weit über 100.000 Iraker getötet worden, ohne daß ein Sturm der Entrüstung den vorgeblichen "Anti- Terror-Kampf", der dieses Blutbad angerichtet hat, samt seinen Protagonisten hinweggefegt hätte.

Es bedarf folglich ohne Zweifel neben überlegener Waffengewalt eines nicht minder hochgerüsteten Arsenals an Legitimationen bellizistischen Machtausbaus, die als Verschlußbegriffe kaum noch hinterfragte Begründungszusammenhänge konstruieren. Da müssen angebliche "Terroristen" oder nicht vorhandene Massenvernichtungswaffen herhalten, erklärt man Humanität, Menschenrechte oder Stabilität für bedroht, stehen Handel und Versorgungssicherheit auf dem Spiel, schreitet man gar säbelrasselnd zur Friedenssicherung. Und obgleich diese Vorwände jeden kritischen Geist beleidigen, scheint der Verfall von Denk- und Lernfähigkeit so weit fortgeschritten zu sein, daß selbst die Aufdeckung solcher Lügen nur dazu führt, sich ihrem Urheber in Anbetung seiner Stärke um so unterwürfiger anzudienen.

Der von Anna Geis herausgegebene Sammelband "Den Krieg überdenken" ist als sechster Beitrag der Schriftenreihe der Sektion Politische Theorien und Ideengeschichte in der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft erschienen. Er geht aus einer Tagung hervor, die von der DVPW vom 25.-27. März 2004 in Kooperation mit der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung in Frankfurt am Main veranstaltet wurde. Diese Konferenz unter dem Titel "Neuere Kriegstheorien - eine Zwischenbilanz" führte Vertreterinnen und Vertreter aus den internationalen Beziehungen, der Politischen Theorie und Ideengeschichte, der Politischen Philosophie und der Soziologie zusammen, um eine gemeinsame Reflexion über das Thema "Krieg" anzustoßen.

Dabei gilt es zur Eröffnung der Diskussion darzulegen, wieso der Begriff des Krieges im akademischen wie politischen Diskurs außerordentlich umstritten ist und worin die Schwierigkeiten einer konzeptuellen Bestimmung liegen. Wissenschaftliche Arbeit und politische Praxis sind dabei nicht nur eng verzahnt, sondern fortgesetzt innovativen Phänomenen ausgesetzt, die zu heftigen Kontroversen über Selbstmandatierung, sogenannte humanitäre Interventionen oder mit "Terrorgefahr" gerechtfertigten Angriffskriegen geführt haben, die ein großes Echo in der Publizistik, aber auch beträchtliches Unbehagen unter Wissenschaftlern auslösen. Bedrohung wird neu definiert und wahrgenommen, Ordnungsbedarf weitreichend reklamiert, Intervention und Prävention gefordert und praktiziert. Der Idealtypus des klassischen zwischenstaatlichen Krieges ist auf die jüngere Entwicklung allenfalls bedingt anzuwenden, zumal privatisierte, unterschwellige und eng abgegrenzte Gewaltstrategien von den herkömmlichen Konzepten nicht erfaßt werden.

Zur Komplizierung trägt maßgeblich bei, daß einerseits Anschläge zu Kriegshandlungen erklärt und andererseits Kampfeinsätze begrifflich verschleiert und im Sinne einer Weltinnenpolitik als Polizeiaktionen, die man als Vollzug einer kosmopolitischen Rechtsdurchsetzung handhabt, ausgewiesen werden. Konzepte wie "Sicherheit" oder "Verteidigung" sind längst nicht mehr auf das eigene Territorium bezogen, sondern global und präemptiv definiert. Vom alten bundesrepublikanischen "Pazifismus" ist nicht nur keine Rede mehr, vielmehr wird heute militärisch gestützte "Global Gouvernance" als friedensstiftend und entwicklungsfördernd verkauft.

Die Frage, ob in einer Konfliktzone schon bzw. noch Krieg herrsche, ist schwerer denn je überzeugend zu klären, da die Antwort je nach Interessenlage und konzeptionellem Ansatz unterschiedlich ausfällt. Damit geht eine manchmal inflationäre, dann wieder leugnende Verwendung des Kriegsbegriffs einher. Wohl ist man sich weitgehend einig in der Abkehr von zeitlos gültigen Modellen, doch bietet die als Alternative aufgefaßte Zuflucht zu einer Klassifizierung in Begriffspaaren wie Staaten- und Bürgerkrieg, Angriff und Verteidigung, gerecht und ungerecht, symmetrisch und asymmetrisch oder kleiner und großer Krieg allenfalls eine vorläufige Strukturierungshilfe, um deren Handhabung es im konkreten Einzelfall zwangsläufig einander widersprechende Auffassungen gibt.

Auch im völkerrechtlichen Sinn ist der Konsens über Konventionen und Regeln einem rasanten Wandel unterworfen, was indessen beiläufig dazu führt, auch idealisierende Annahmen über die Vergangenheit zu revidieren. Dabei kann es nicht ausbleiben, zu kontroversen Ansichten zu gelangen, ob sich eher der Charakter des Krieges oder womöglich vor allem dessen Wahrnehmung verändert hat. Vielleicht reicht der gegenwärtige Wissensstand nicht aus, doch mehr und systematischere Forschungsarbeit machte eine Erhebung valider Daten und deren kulturelle Dechiffrierung zu einem durchaus riskanten Unterfangen.

Es lassen sich indessen Kontroversen zusammenfassen, die sich um die Begriffe und Theorien der behandelten "neuen", "kleinen", "gerechten" und "demokratischen" Kriege entspinnen. So gilt es beispielsweise zu klären, wie hoch der Anteil von Kriegen "neuen" Typs am gesamten Kriegsgeschehen sein mag, um die in der einschlägigen Literatur oftmals unbefriedigend belegten, aber dennoch behaupteten Tendenzen zu verifizieren oder zu verwerfen. Da jeder Erhebung von Datensätzen Zuordnungskriterien vorangehen müssen, die ihrerseits strittig sein können, herrscht an Diskussionsstoff zweifellos kein Mangel. Man denke nur an den traditionellen Begriff des "Bürgerkriegs", der sich auf politisch- ideologisch motivierte Konfliktparteien eines existierenden Staats bezieht. Diese Voraussetzungen sind jedoch bei innerstaatlichen Konfikten seit den neunziger Jahren angesichts mitunter kaum noch regierter Territorien, vorwiegend ökonomisch orientierter Akteure und nicht zuletzt massiver ausländischer Interessen weniger denn je gegeben. Was dabei als Entwicklung interpretiert wird, definiert sich häufig an der Unterscheidung zu robuster Staatlichkeit und wird in Begriffe wie Entstaatlichung, Entpolitisierung, Entterritorialisierung, Entgrenzung, etc. gefaßt.

Hinsichtlich der Gewaltakteure zeichnet sich eine Diversifizierung mit wachsendem Anteil nichtstaatlicher Kräfte wie Kriegsherrn, private Sicherheitsfirmen, Söldnergruppen, Banden oder Kindersoldaten ab. Gewaltmotiv kann dabei durchaus die Perpetuierung des Kriegsgeschehens in wechselnder Intensität sein. Die Unterscheidung von Kombattanten und Zivilisten ist vielfach kaum noch möglich, während ungezügelte Grausamkeit herrscht, die sich in barbarischen Greueln austobt. Zu den unmittelbaren Kriegsfolgen zählen auch Vertreibung, Hunger und Elend so großen Ausmaßes, daß Schätzungen zufolge inzwischen bis zu 90 Prozent aller Kriegsopfer Zivilisten sind.

Da die Konfliktstruktur zunehmend asymmetrische Züge annimmt und ungleich vergesellschaftete Akteure aufeinandertreffen, gewinnen sogenannte kleine Kriege an Bedeutung, worunter verschiedene Erscheinungsformen wie begrenzte Militärschläge, Kämpfe unter einem Besatzungsregime, aber auch Anschläge subsumiert werden können. Offen normativ gestaltet sich die Klassifizierung, wo vom "gerechten" Krieg die Rede ist, dessen Lehre wohl auf eine mehr als 1500 Jahre alte Tradition zurückblicken kann, die in jüngerer Zeit eine Renaissance, wenn nicht gar ihre Vollendung erfährt. Somalia, Jugoslawien, Afghanistan und Irak stehen für Fälle, in denen das Nichtinterventionsgebot unter dem Vorwand massiv verletzter Menschenrechte offen ausgehebelt wurde. Natürlich sind die Kriterien eines "gerechten" Krieges seit langem ausformuliert und zugleich so beliebig, daß ihre Auslegung als Teil des ausgetragenen Konflikts aufgefaßt werden muß. Ob ein bestimmter Krieg aus gerechtem Grund, in rechter Absicht, von legitimer Autorität angeordnet sowie als letztes und verhältnismäßiges Mittel geführt wird, beurteilen die Konfliktparteien naturgemäß kontrovers.

Das gilt nicht weniger für "demokratische" Kriege, wobei die These, daß Demokratien selten oder nie Kriege gegeneinander führen, unterschiedlich bewertet werden kann. Denn während eine relative Friedensneigung aus institutionellen, ökonomischen und kulturellen Gründen konstatiert werden könnte, ist zugleich die Beteiligung an Kriegen unterschiedlicher Intensität gegen Nichtdemokratien unübersehbar, von den Elendsfolgen ökonomischer Abhängigkeiten des zur Peripherie degradierten Teils der Welt ganz zu schweigen. Unter Führung der USA wird heute der gewaltsame Regierungswechsel in anderen Ländern nicht nur offen exekutiert, sondern zu einem Kreuzzug gegen das Böse in der Welt verklärt.

Angesichts einer weltweit um sich greifenden Kriegführung staatlicher wie nichtstaatlicher Akteure und einer dramatisch zunehmenden Militarisierung der Gesellschaft samt eines ideologischen Netzwerks vielfältiger Begründungen liegt der Bedarf an einem ebenso fundierten wie kontrovers geführtem Diskurs über Kriegsbegriffe und Kriegstheorien auf der Hand. Mit dem von Anna Geis herausgegebenen Sammelband "Den Krieg überdenken" stellt der Nomos Verlag eine von namhaften Experten getragene Zusammenschau der relevanten Phänomene, Theorien und Kontroversen vor und beflügelt mit diesem qualifizierten Beitrag eine an Stärke gewinnende Debatte. Wissenschaftlich eingebettet in die klassische Theoriebildung ist die geführte Diskussion doch keinesfalls nur akademischer Natur, da sie ihre Werkzeuge fortgesetzt an einer bellizistisch forcierten Weltentwicklung schärft und aus der existentiell zu nennenden Tragweite der Schlußfolgerungen keinen Hehl macht.

Nomos Verlag, Baden-Baden, erschienen 2006, 271 Seiten. ISBN 3-8329-323-8



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REZENSION/334: Mahmood Mamdani - Guter Moslem, böser Moslem (Politik)



Mahmood Mamdani


Guter Moslem, böser Moslem

Amerika und die Wurzeln des Terrors



Nach Leseart der Regierung von US-Präsident George W. Bush und seiner politischen und medialen Verbündeten hat sich am 11. September 2001 die Welt völlig "verändert". Demnach hätten die verheerenden Flugzeuganschläge auf das New Yorker World Trade Center und das US- Verteidigungsministerium in Arlington demonstriert, wie verwundbar die moderne Industriegesellschaft wäre, weshalb fortan deren oberstes Organisationsprinzip der "globale Antiterrorkrieg" - im Pentagonsprech Global War on Terror oder akronymisiert einfach GWoT - zu gelten hätte. Seinetwegen hat die NATO erstmals in ihrer Geschichte den Bündnisfall ausgerufen und bis heute noch nicht revidiert, während in den letzten fünf Jahren die Genfer Konventionen, die Europäische Menschenrechtscharta, die US-Verfassung und die Gesetze der meisten westlichen Staaten ausgehebelt, abgeändert oder ignoriert worden sind, um sogenannte "Terroristen" oder "feindliche Kombattanten" verschleppen, foltern und verschwinden lassen und zwei völkerrechtlich illegale Angriffskriege in Afghanistan und im Irak anzetteln zu können.

Bis heute hat Bushs Kreuzzug gegen den "internationalen Terrorismus" rund 3000 NATO-Soldaten und schätzungsweise mehr als 100.000 Afghanen und Iraker das Leben gekostet. Während die Verschärfungen der polizeistaatlichen Kontrolle im Westen - Telefon- und Internetüberwachung, biometrische Pässe, flächendeckende Kameraobservation in den Städten, drastische Einschränkung der Bürgerrechte u. v. m. - kein Ende findet, ziehen am Horizont weitere Kriege, nämlich gegen den Iran und Nordkorea, auf. In beiden Fällen droht Washington mit Atomangriffen - "Alle Optionen liegen auf dem Tisch" (O-Ton Bush) -, um zu verhindern, daß Teheran oder Pjöngjang sich ein nukleares Abschreckungspotential zulegen beziehungsweise es behalten.

Mit dem totalitären, volksverdummenden Mythos vom erderschütternden Paradigmenwechsel 9/11 räumt Mahmood Mamdani in seinem Buch "Guter Moslem, böser Moslem - Amerika und die Wurzeln des Terrors" weitgehend auf. Dezidiert legt er tatsächlich die Wurzeln des "Antiterrorkrieges" von heute frei. Er zeigt, daß vieles, was aktuell unter "islamischem Terrorismus" firmiert, seine Ursprünge in der Stellvertreterkriegsstrategie hat, welche die US-Militärs angesichts der Niederlage in Vietnam entwickelt haben und bis heute verfolgen. Nach anfänglichen Versuchen in Indochina, Afrika und Mittelamerika fand diese Strategie ihre bis dahin größte Entfaltung in Afghanistan, wo in den achtziger Jahren die CIA - mit tatkräftiger Unterstützung der Sicherheitsapparate Saudi-Arabiens und Pakistans - den Mudschaheddin zum Sieg über die regulären Streitkräfte der Sowjetunion verhalf. Als es darum ging, der Roten Armee ihr eigenes Vietnam zu bereiten, sowjetische Soldaten umzubringen und den Kreml in die Knie zu zwingen, war sich US-Präsident Ronald Reagan nicht zu schade, die Halsabschneider vom Hindukusch als "den Gründervätern Amerikas moralisch ebenbürtig" hochleben zu lassen. (S. 131) Als es sich jedoch die arabischen Freiwilligen um Osama Bin Laden und Aiman Al Zawahiri nach dem Abzug der Sowjets aus Afghanistan in den Kopf setzten, die korrupten Despoten in ihren eigenen Ländern zu bekämpfen und dem bestimmenden Einfluß der Supermacht USA zwischen Mittelmeer und Indischem Ozean ein Ende zu machen, wurden über Nacht aus den gefeierten "Freiheitskämpfern" die blutrünstigen "Topterroristen" von heute.

Mamdani, der als Nachkomme indischer Einwanderer in Uganda aufwuchs und heute als Politikwissenschaftler und Anthropologe an der renommierten New Yorker Columbia University arbeitet, ist selbst Moslem und wehrt sich im vorliegenden Buch erfolgreich gegen die Verteufelung des Islams als ideologisch-kulturelle Brutstätte von Anti- Moderne und Unvernunft. Recht anschaulich zeichnet er die verschiedenen Entwicklungen und Strömungen auf, die es in den letzten Jahrzehnten in der islamischen Welt z. B. in Pakistan zur Zeit der Loslösung vom britischen Empire und der Trennung von Indien sowie später unter dem Militärdiktator General Zia Ul-Haq, im wahhabitischen Saudi-Arabien seit 1945, in Ägypten unter Gamal Abdel Nasser und Anwar Sadat, im Iran nach dem Sturz des Schahs Reza Pahlevi 1979 und in Algerien vor und nach der Streichung der demokratischen Wahlen im Jahre 1992 durch das Militär, als die Front Islamique du Salut (FIS) kurz vor Erringung der Mehrheit stand, gegeben hat. Unter anderem unter Verweis auf die Schriften von ausgesprochenen Kennern wie Tariq Ali, John Cooley, Alfred P. McCoy und Ahmed Rashid demonstriert Mamdani, wie die USA seit Jahrzehnten jeden politischen Fortschritt in diesen Ländern blockieren und sich bei diesem Unternehmen konsequent mit den reaktionärsten Elementen der Geistlichkeit, des Offiziercorps und der Staatsführung verbünden.

Laut Mamdani ist es Washington immer darum gegangen, durch Ausspielen der religiösen Karte nationalistisch-fortschrittliche Kräfte zu schwächen (Die gleiche Strategie verfolgte Israel, als es in den besetzten Gebieten Palästinas in den achtziger Jahre die Hamas- Bewegung von Scheich Achmed Jassin als Gegenpol zur PLO Jassir Arafats aufbaute). Dies erklärt, warum die USA seit einem Vierteljahrhundert dem "Mullah-Regime" in Teheran - "böse Moslems" - feindlich gegenüberstehen, während sie gleichzeitig am mittelalterlichen Hofstaat der saudischen Freunde in Riad - "gute Moslems" - nicht das geringste auszusetzen haben und mit ihm Milliardengeschäfte im Öl- und Rüstungsbereich machen. Die tiefe Animosität Washingtons gegenüber der Islamischen Republik hat mit Religion nichts zu tun, sondern leitet sich aus der einfachen Tatsache ab, daß sich die Iraner der ihnen 1953 von der CIA aufgezwungenen Marionette entledigt und sich zum Herrn im eigenen Hause erklärt haben. Mamdani führt viele plausible Argumente ins Feld, warum der Islam gute Chancen hätte, eine "moderne", den Erfordernissen der Industriegesellschaft angepaßte, in der Auslegung weniger strenge Religion zu werden, würde man den sozial-progressiven Kräften in der muslimischen Welt Entfaltungsmöglichkeiten gewähren.

So gesehen ist für Mamdani der Kampf des Westens gegen den "islamistischen Terrorismus" mitnichten ein unvermeidliches Ringen auf Leben und Tod zwischen der jüdisch-christlichen "Zivilisation" und einem Millionenheer rückwärtsgewandter Kalifatsanhänger, eine Art Dritter Weltkrieg, wie es seit Jahren neokonservative Ideenlieferanten wie Bernard Lewis, Samuel Huntington oder Richard Perle der Welt einzubleuen versuchen. Im Gegenteil handelt es sich hier um die altbekannte, neomachiavellistische Ausrichtung der westlichen Gesellschaften auf einen äußeren Feind. Der früheren "roten Gefahr", Ronald Reagans "Reich des Bösen", folgte die "grüne", sprich islamische Bedrohung. Bin Laden und seine Kampfgefährten sind für das Weiße Haus heute "die Bösen" oder "die Übeltäter", während Bush jun. Anfang 2002 bekanntlich den Irak Saddam Husseins, den Iran und Nordkorea (Heimat der letzten "gottlosen" Kommunisten) zu einer "Achse des Bösen" erklärte.

Die Richtigkeit der These Mamdanis, wonach es sich hierbei um ein manichäisches Konstrukt der Gedankenkontrolle handelt, das nichts erklärt, sondern alles vernebelt, beweist der Fall des in Florida lebenden Exilkubaners und ehemaligen CIA-Agenten Luis Posada Carriles, den die venezolanischen Behörden wegen der Sprengung einer kubanischen Passagiermaschine 1976 über der Karibik einschließlich der Ermordung von 73 Zivilisten vor Gericht stellen wollen und den auszuliefern, sich die Bush-Regierung hartnäckig weigert. Offenbar gibt es für die USA, denen die Beherbergung washingtonfeindlicher "Terroristen" offiziell als Kriegsgrund gilt, nicht nur "gute" Moslems und "böse" Moslems, sondern auch "gute Terroristen" und "böse Terroristen". Letztere sind vermutlich nur die, welche Amerikas "way of life", jenes schwammige, alles legitimierende Gut bedrohen oder ihm im Wege stehen.

Das Beispiel Posada Carriles, obwohl im Buch nicht erwähnt, zeigt jedoch, wie sehr Mamdani mit seiner Verortung des Ausgangspunktes des heutigen "Antiterrorkrieges" in den Iran-Contra- und BCCI-Skandalen der achtziger Jahre, als sich die sogenannten Reaganauten anschickten, ihnen mißliebige Regime und Volkbewegungen "zurückzudrängen", koste es, was es wolle, richtig liegt. Die Iran-Contra-Veteranen von einst, die den Kokainschmuggel aus Kolumbien beaufsichtigten, krumme Waffendeals mit Bagdad, Riad, Teheran und Tel Aviv einfädelten, Todeschwadronen auf die eingeborenen Bevölkerungen Mittelamerikas hetzten und den Iran-Irak-Krieg anfeuerten, bekleiden - bestes Beispiel ist der Nationale Geheimdienstkoordinator John Negroponte - heute wichtige Posten in der Administration von George W. Bush, von wo aus sie die blutige Aufstandsbekämpfung in Afghanistan und im Iran dirigieren und an den Plänen für den kommenden großen Showdown mit dem Iran feilen.

Überzeugend stellt Mamdani dar, wie das, was man heute landläufig unter "internationalem" oder "islamistischem" "Terrorismus" versteht, eine Folge jahrzehntelangen "Staatsterrorismus" vornehmlich der USA und Israels im Nahen Osten ist. Auch wenn sein Ansatz, durch eine fortschrittlichere Politik ließen sich die meisten Anläße zur Gewalt "von unten" aus der Welt schaffen, richtig ist, so läßt er bisweilen den Blick dafür vermissen, wie sehr seit Jahren die Aufstandsbekämpfungsexperten und Psyops-Krieger des Westens mit ihren "Pseudogangs" à la Frank Kitson den sogenannten "Terrorismus" schüren und steuern, um sich Interventionsanlässe zu verschaffen und die stets gigantischen Rüstungsausgaben zu sichern. Die Rolle des FBI beim ersten WTC-Anschlag vom 26. Februar 1993, als die US-Bundespolizei den Verschwörern den Sprengstoff für die Lastwagenbombe lieferte, findet keine Erwähnung. Dasselbe gilt für Ali Mohammed, jenes ägyptische Mitglied der US-Spezialstreitkräfte, das nachweislich die Brooklyner- Islamistengruppe um den blinden Geistlichen Scheich Abdel Omar Rahman militärisch ausbildete und sich später jahrelang als Leibwächter Bin Ladens betätigte.

Des weiteren sucht man vergeblich nach Erhellendem zur einträglichen Zusammenarbeit der Militärs und Geheimdienste des Irans, der Türkei, Saudi-Arabiens und der USA, als es in den neunziger Jahren darum ging, mit Hilfe der bosnischen Moslems und der albanischen Drogenmafia des Kosovos die Bundesrepublik Jugoslawien zu zerschlagen. Zehntausende muslimische Freiwillige haben in den neunziger Jahren den Interessen der NATO gedient. Einige dieser Balkankrieger sollen sogar die Flugzeuganschläge vom 11. September ausgeheckt und durchgeführt haben. Ein weiteres Objekt der Dämonisierungspolitik des Westens, das leider von Mamdani vernachlässigt wird, ist Muammar Gaddhafi. Doch in den achtziger Jahren galt gerade er als das Paradebeispiel für einen durchgeknallten, wutschäumenden Muselmanen - ungeachtet der Tatsachen natürlich, daß erst mit Hilfe der beiden CIA-Männer Frank Terpil und Ed Wilson ehemalige Green Berets in Libyen Kurse im Bombenbau abhielten und Tripolis der stolze Besitzer von 20 Tonnen C4- Plastiksprengstoff - vergleichbar einer ganzen Jahresproduktion der USA - wurde.

Zum besseren Verständnis des leider nicht zu bestreitenden Krieges zwischen Teilen der islamischen und der westlichen Welt empfiehlt sich Mamdanis Buch ungemein, weil man einerseits die wesentlichen Akteure und Antriebsmomente in Washington besser kennenlernt und andererseits vieles über die Konflikte und die daran beteiligten politischen Gruppierungen im muslimischen Kulturraum erfährt. Es stellt sich jedoch die Frage, ob Mamdani durch die Übernahme und Anwendung der eindeutig besetzten Begriffe "Terror" und "Terrorismus" nicht freiwillig auf eine Möglichkeit zur größeren analytischen Schärfe verzichtet hat.

28.Juni.2006


Mahmood Mamdani, "Guter Moslem, böser Moslem - Amerika und die Wurzeln des Terrors". Originaltitel "Good Muslim, bad Muslim - America, the Cold War and the Roots of Terror". Aus dem Englischen von Sophia Deeg, Nautilus Verlag, Hamburg, 2006, 319 Seiten, ISBN: 3-89401-475-X.



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REZENSION/335: A. G. Grauwacke - Autonome in Bewegung



A. G. Grauwacke


Autonome in Bewegung

Aus den ersten 23 Jahren



Wenn ein Buch aus politischen Gründen auf den Index gesetzt wird, dann stellt das nicht nur einen Angriff auf die demokratische Streitkultur dar, sondern läßt auch Rückschlüsse auf den Staat, der dies veranlaßt, zu. Das Bundesfamilienministerium will den Band "Autonome in Bewegung" laut der Tageszeitung Neues Deutschland (26.05.2006) indizieren lassen, weil er geeignet sei, "die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen oder ihre Erziehung zu einer eigenverantwortlichen Persönlichkeit zu gefährden".

Es kann zwar nicht verwundern, daß eine Ministerin, die wie Ursula von der Leyen den christlich-fundamentalistischen Rollback vorantreibt, indem sie ihr Bündnis für Erziehung auf die Amtskirchen stützt und das Grundgesetz als säkulares Äquivalent der zehn Gebote versteht, mit allen Mitteln versucht, auch die letzten Funken eines revolutionären Geistes auszutreten, der selbst in seiner zeitgeschichtlichen Aufarbeitung noch von virulenter Widerständigkeit ist. Es erscheint aber dennoch absurd, wenn die angeblich zu schaffende Souveränität des Menschen gerade daran scheitern soll, daß er sich mit der Geschichte einer linksradikalen Bewegung vertraut macht, die schon vom Namen her die Verwirklichung bedingungsloser Autonomie nicht nur für die eigene Person, sondern für alle Menschen auf ihre Fahnen geheftet hat. Bei der beanspruchten "eigenverantwortlichen Persönlichkeit" handelt es sich mithin um ein Lehen des Staates, dem so viele Lasten zur gesellschaftlichen Reproduktion aufgebürdet werden, daß alle die Verwertung des Kapitals behindernde Eigenständigkeit darunter zerbricht.

Daß Konfrontationen mit der Staatsgewalt angesichts des Anliegens der Autonomen, dieses Gewaltverhältnis aufzuheben, nicht ausbleiben konnten, ist dem repressiven Charakter eines Systems geschuldet, das die Interessen einer Minderheit von Kapitaleignern und Funktionseliten gegen die Mehrheit der Bevölkerung durchsetzt. Daß diese Mehrheit dies mit sich machen läßt, ja, darin sogar einen Vorteil für die eigene Lebenssituation erkennen mag, kann für diejenigen, die von den Auswirkungen dieser Unterdrückung betroffen sind und es nicht akzeptieren können, daß der Kapitalismus einen Großteil der Menschheit in Elend und Not beläßt, kein Grund sein, nicht gegen dieses System aufzubegehren.

Das Leyen-Ministerium beruft sich bei ihrem Indizierungsantrag mithin auf die Militanz der Autonomen, die laut ND in dem Buch "positiv konnotiert und als für die Erreichung einer anderen Gesellschaftsordnung legitimes Mittel" propagiert werde. Diese Begründung, mit Hilfe derer das Verbot der Bewerbung des Buches, seine öffentliche Präsentation und sein Verkauf an Personen unter 18 Jahren erwirkt werden soll, bedroht den Vertrieb nicht nur dieses für linksradikale Verhältnisse bereits gut verkauften Werkes, sondern jeder Schrift, die gesellschaftliche Mißstände und diese begünstigende Formen politischer und ökonomischer Herrschaft zur Disposition ihrer Beseitigung stellt. Daß grundlegende Veränderungen selten ohne gewalttätiges Einwirken auf bestehende Verhältnisse erreicht werden, zeigt nicht zuletzt die kriegerische Demokratisierung des Nahen und Mittleren Ostens, bei der höchst offiziell mit massiver Gewalt eine andere Gesellschaft und ein anderer Staat durchgesetzt werden sollen.

Natürlich bleiben die Schriften eines Richard Perle oder Robert Kagan, um nur zwei der zahlreichen Hohepriester des unter Einsatz aller Mittel der Demagogie und Zerstörung zu führenden Kreuzzugs für freedom & democracy zu nennen, von jeglicher Indizierung verschont. Niemand käme auf den Gedanken, daß von ihnen Gefahr auf die Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen ausgehen könnte, schließlich legitimieren ihre Schriften den Krieg der Herrschenden, für den es immer gute Gründe gibt. Wer dagegen antritt und darauf hofft, breite Resonanz in der Bevölkerung zu erzeugen, hat schon deshalb schlechte Karten, weil es für seine Position kaum mediale Präsenz oder anderweitige Formen öffentlicher Verbreitung gibt.

Dem Buch "Autonome in Bewegung" kann man entnehmen, wie man auch ohne Verfügungsgewalt über die Schaltzentralen der Macht gesellschaftliche Wirkung erzeugen kann, und das ist wohl der eigentliche Grund dafür, es so weit wie möglich aus dem Verkehr zu ziehen. Die fünf Verfasser beschreiben die Mobilisierungsmaßnahmen und Aktionsformen der Autonomen aus der Sicht langjähriger Praktiker und tun dies mit der erfrischenden Subjektivität, die einer auf das aktive Eingreifen in das Räderwerk der herrschenden Ordnung abonnierten Bewegung eigen ist. Es handelt sich mithin nicht nur um ein außergewöhnliches Dokument außerparlamentarischer Bewegungen, das anhand des Rückblicks auf die Entwicklung der Autonomen von 1980 bis 2003 einen Blick auf die Kämpfe linksradikaler Aktivisten ermöglicht, der ihrer Streitbarkeit gemäß von der etablierten politischen Publizistik weitgehend ausgeblendet wird, sondern auch um das Vermächtnis einer Linken, die nur deshalb, weil ihr zahlreiche Mitglieder durch den Wechsel in die Sicherheit bürgerlicher Existenz abhanden gekommen sind, keinesfalls Geschichte sein muß.

So haben die in dem Buch behandelten Aktionsfelder ebensowenig an Aktualität eingebüßt wie die Auseinandersetzung innerhalb der Bewegung etwa um die Geschlechterfrage oder die jeweilige politische Ausrichtung. Heute gehen die ersten Politiker wieder mit der Forderung an die Öffentlichkeit, neue Kernkraftwerke zu bauen, die Bundeswehr marschiert längst wieder auf den Spuren der Wehrmacht in fremde Länder ein, die ärmsten und schwächsten Mitglieder der Gesellschaft werden ohne Rücksicht auf ihre Verwurzelung im jeweiligen sozialen Umfeld zur Aufgabe ihrer Wohnungen gezwungen und einem Kontroll- und Arbeitsregime von exemplarischer Rechtlosigkeit unterworfen, die europäische Abwehr von Flüchtlingen und Migranten feiert täglich grausame Triumphe und die Verelendung der Länder des Südens nimmt immer krassere Formen an. Frauenbefreiung erschöpft sich häufig in der Forderung nach rechtlicher Gleichstellung von "Sexarbeiterinnen", als widerspreche nicht jegliche Form der Ausbeutung durch Arbeit dem Streben nach Emanzipation. Die Drift nach rechts beschränkt sich längst nicht mehr auf rechtsradikale Parteien oder Nazi- Kameradschaften, sondern hat die Mitte der Gesellschaft in Beschlag genommen, wie die Verharmlosung des Nationalismus zeigt, der anläßlich der Fußball-WM zur per Flagge ausweislichen Bürgerpflicht gerät.

Der Niedergang der radikalen Linken, der in dem Buch an vielen Stellen im Detail nachzuvollziehen ist und mit persönlichen Schilderungen illustriert wird, vollzieht sich praktisch gegenläufig zur Dringlichkeit entschlossenen Widerstands. Der besondere Stellenwert des Untergangs der DDR und ihres Anschlusses an die BRD für diese Entwicklung wird ausführlich analysiert, doch auch der Überlebensdruck des staatlichen Armutsregimes, das disziplinatorische Durchgreifen einer sozialdarwinistischen Erziehungsdoktrin wie biologistischen Sozialkultur und die Aufrüstung der staatlichen Repressionsorgane sind von nicht minderer Bedeutung für die Beantwortung der Frage, wieso die Hürden für radikales Engagement immer höher zu werden scheinen. Auf jeden Fall verweist der rapide verfallende Schutz des Bürgers vor staatlichen Gewaltmaßnahmen bis hin zur Verschleppung und Folterung darauf, daß die Zeiten für ein schickes, die Rebellion als starke Pose simulierendes Aktivistentum heute eher schlecht sind.

Die von den Autoren geschilderten inhaltlichen Widersprüche zwischen den verschiedenen Fraktionen der radikalen Linken erscheinen denn auch eher als Symptome der allgemeinen Absetzbewegung denn als deren treibende Momente. Wie man angesichts der Eindeutigkeit imperialistischer Gewaltanwendung und Interessendurchsetzung, der Parteinahme ehemaliger Linker von den Grünen bis zu den Antideutschen für die Aggressoren in diesem Krieg und des Elends einer Kultur, die immer hemmungsloser Gewinner feiert und immer verächtlicher auf Verlierern herumtrampelt, in Verwirrung ob des Frontverlaufs geraten kann, bliebe ansonsten unverständlich.

Ob man in Zukunft noch die Lektüre des Buches "Autonome in Bewegung" empfehlen darf, scheint also durchaus in Frage zu stehen. "Wir dachten schon, das wär der Sieg", sangen die in dem Werk mehrfach zitierten Fehlfarben etwa zu der Zeit, als die Autoren den Faden ihrer Schilderung aufnehmen, und nahmen schon damals das heutige Resümee vorweg: "Das war vor Jahren." Gerade weil es lange her ist, daß sich Menschen in großer Zahl entschieden auf die Seite der Armen und Schwachen gestellt haben, gilt es, den Faden wieder aufzunehmen und die verlorene Erinnerung an bessere Zeiten dem Vergessen zu entreißen.

2. Juli 2006


A. G. Grauwacke
Autonome in Bewegung
2004 in der 2. Auflage
Verlag Assoziation A, Berlin Hamburg Göttingen
406 Seiten, 20 Euro
ISBN 3935936133



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REZENSION/336: Ivan Nagel - Das Falschwörterbuch (Politik)



Ivan Nagel


Das Falschwörterbuch

Krieg und Lüge am Jahrhundertbeginn



"Das Falschwörterbuch" nennt Ivan Nagel seine Streitschrift, in der er gegen Krieg und Lüge nach dem 11. September 2001 zu Felde zieht. Er legt in einer Reihe von Einsprüchen und Analysen dar, daß jedem Krieg die Lügen vorausgehen, und deckt insbesondere die Deformation von Sprache und Denken auf, mit der die Waffengänge seither zugleich verharmlost und angeheizt wurden. So wirft er die Frage auf, ob die weltweite Hegemonie der USA weiter ausgebaut, der Widerstreit ihrer erbitterten Gegner weiter zunehmen und die Reihe von Kriegen gegen "die Achse des Bösen" unvermeidlich fortgesetzt wird. Er verweist auf die globale Ungleichheit als Quelle permanenter Kriegsgefahr, untersucht die Jahrtausende lange Geschichte der Selbstmordattentate, deckt "Falschwörter" auch bei den viel diskutierten Sozialreformen auf, kontrastiert die Darstellung und Verstellung des Kriegs und Bürgerkriegs in der Kunst.

Ivan Nagel erhebt seine Stimme, denn wie er einleitend Martin Luther King zitiert, komme die Zeit, in der Schweigen Verrat ist. Man sei gefordert, für die Schwachen zu sprechen, die keine Stimme haben, für die Opfer der eigenen Nation, die sie Feinde nennt. Seine Erwägungen, so meint der Autor, hätte jeder machen und aussprechen können. Das aber sei nicht geschehen, ja man habe seine Texte zu mutigen Stellungnahmen erklärt, als seien Wahrnehmung und Veröffentlichung des Offensichtlichen eine aussterbende Tugend.

Dieser schiefe Erfolg verlangte nach Erklärung. Dem Teppichbombardement eines fremdem Volkes mit Raketen geht jedesmal das Teppichbombardement des eigenen Volkes mit Lügen voraus. Es zerstört Beobachtung, Urteil, Mitteilung in einem furchterregenden Maße. Vorkriegszeiten sind Zeiten der Ausschaltung artspezifischer, lebenserhaltender Fähigkeiten des homo sapiens. Darum gilt dann, was normal ist, schon als 'mutig'. (S. 11)

Die Reden, Aufsätze und Briefe dieses Buches wurden ab April 2002 niedergeschrieben, doch haben sie nichts von ihrer Aktualität verloren, da die Ereignisse, auf denen sie gründen, nicht etwa das Ende, sondern erst der Anfang sind, sofern keine Gegenkraft diesem Treiben Einhalt gebietet. Alle zehn enthaltenen Schriften werden von der Frage bestimnt, auf welche Weise Krieg und Lüge eine unheilige Verbindung eingehen. Will man dem eigenen Volk einen Krieg verkaufen, empfiehlt es sich in machiavellistischer Tradition, wirksame Lügen zu erfinden. So wurden die angeblichen Massenvernichtungswaffen des Iraks zum Kriegsgrund erklärt, wie der stellvertretende US-Verteidigungsminister Wolfowitz berichtete:

'Im Kabinett entschieden wir uns für die einzige Sache, auf die sich alle einigen konnten, die Massenvernichtungswaffen.' Das besagt nicht, daß jeder willentlich log. Das besagt nur, dass jeder diesen Kriegsgrund, ob wahr oder erfunden, für brauchbar hielt. Gegen diese Prozedur spricht nicht nur die Qualitätskluft zwischen Wolfowitz und Machiavelli, Bush und Borgia. (S. 13)

Nicht Heuchelei heiße die Gefahr, mit der die US-Regierung ihr eigenes Land und den Rest der Welt überziehe, sondern Lüge, die sich für die Wahrheit hält, schreibt Nagel. George W. Bush sei eine Figur, die sich nicht mehr in wissende Person und gemimte Täuschung trenne, er scheine dumm genug, um sich selbst fast alles zu glauben. Im Namen einer neuen Weltordnung spalteten diese Regierung und ihre Verbündeten den Globus in Vasallen und "Terroristen", sie drangsalierten ihr eigenes Volk mit Repression und entfachten einen weltweiten Bürgerkrieg.

Die Biographie weist Ivan Nagel, der vor wenigen Tagen seinen 75. Geburtstag gefeiert hat, als einen Menschen aus, der die Leiden der Verfolgung und Emigration ebenso erlebt hat wie akademischen Rang und künstlerischen Namen auf bedeutenden Bühnen. Beides gilt ihm als Verantwortung, auch und gerade als prominente Person des kulturellen Lebens das Schweigen zu brechen, das Geschwätz der Anpassung zu entlarven und Partei zu ergreifen gegen das Lügengespinst im Kontext des Krieges. Der Autor wurde 1931 in Budapest geboren. Nach der Verfolgung während der Nazizeit emigrierte er siebzehnjährig aus Ungarn. Er studierte Philosophie, Soziologie und Germanistik in Paris, Heidelberg, Durham, Zürich und ab 1953 Philosophie bei Adorno in Frankfurt am Main. Nagel war von 1961 bis 1969 Chefdramaturg der Münchner Kammerspiele, 1971 bis 1979 Intendant des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg, Begründer und Leiter der internationalen Festspiele "Theater der Welt" und Chef des Stuttgarter Schauspiels. Davor und dazwischen Theater- und Musikkritiker. Er lebte von 1981 bis 1983 in New York und war von 1989 bis 1996 Professor der Hochschule der Künste in Berlin für "Geschichte und Ästhetik der Darstellenden Künste". Zu seinen zahlreichen Veröffentlichungen gehören "Autonomie und Gnade - Über Mozarts Opern" (1985), "Gedankengänge als Lebensläufe. Versuche über das 18. Jahrhundert" (1987), "Kortner Zadek Stein" (1989), "Der Künstler als Kuppler - Goyas nackte und bekleidete Maja" (1997) und "Streitschriften" (2001).

Allenfalls der Vorwurf des Antisemitismus blieb Ivan Nagel dank seiner Herkunft erspart, als er Anfang April 2002 die Einladung des israelischen Botschafters in Deutschland aus Gründen des politischen Urteils und persönlichen Gewissens ausschlug. In seinem Brief an Shimon Stein bekundete er tiefe Sympathie mit der Existenz des Staates Israel und dem Leben seiner Bewohner, doch machte er auch keinen Hehl aus seiner Überzeugung, daß das Land seit wenigen Tagen einen Krieg führe, der ungerecht und schädlich auch für die eigenen Lebensinteressen sei. Zuvor hatte die Regierung Scharon einen palästinensischen Selbstmordanschlag zum Anlaß genommen, Ramallah mit Sturmtruppen und Panzern zu besetzen, den Sitz der Autonomiebehörde zu zerstören und Präsident Jassir Arafat unter Arrest zu stellen. Verteidigungsminister Ben Eliezer kündigte einen regelrechten Krieg an, der weder geographische noch sonstige Grenzen beachten werde. Angesichts der Verfolgung der europäischen Juden, schrieb Nagel, der er in früher Kindheit ausgesetzt gewesen sei, fühle er sich außerstande, mit dem Botschafter und damit dem Vertreter eines Staates, der mit allen militärischen Mitteln eine ungerechten Krieg führe, bei Kaffee und Kuchen zusammenzusitzen.

Auf die Frage "Was lesen Sie?" antwortete Ivan Nagel ebenfalls im April 2002 mit einem Bericht über seinen Versuch zu ergründen, ob es überhaupt noch ein Völkerrecht gebe. Während allen Beobachtern klar sein mußte, daß der Angriff auf Afghanistan nur der erste in einer Kette längst geplanter Kriege war, forderte Gerhard Schröder damals im deutschen Bundestag mit groben Mitteln die sogenannte "Kanzlermehrheit" ein. Damit ließ er die vom Grundgesetz vorgesehene Entscheidung der Abgeordneten nach eigener Überzeugung und Gewissen in einer so wichtigen Frage nicht zu, sondern etablierte per Fraktionszwang die Routine der Zustimmung zum Krieg. Der Kanzler beschwor die uneingeschränkte Solidarität, deren wahrer Name Krieg ist, und Angela Merkel wünschte sich ein "Bundestruppenentsendungsgesetz", das die Beschlüsse des Bundestags zur Teilnahme an künftigen Angriffskriegen in fernen Ländern vereinfachen sollte.

Anfang 2003 zeichnete sich immer deutlicher ab, daß die US- Regierung den Irakkrieg längst beschlossen hatte. Jan Philipp Reemtsma plädierte für diesen Krieg und hielt den Vergleich Saddam Husseins mit Hitler für zulässig. Ihm erwiderte Ivan Nagel, daß das Mordverbot auch unter den Nationen gelten müsse und es zur strikten moralischen Pflicht jedes einzelnen und jedes Staates gehöre, sich einem zweifelhaften Krieg zu verweigern. Amerika zeige eine größere Verachtung der UNO und des Völkerrechts als der von ihm angeklagte Irak. Die Mehrheit der Deutschen habe die Pflicht erkannt, diesen Krieg nicht mitzumachen. Den Gegner erst unter Drohungen zu entwaffnen und dann unter dem Vorwurf zu überfallen, er habe den aufgezwungenen Rüstungsbegrenzungsvertrag nicht eingehalten, zähle zu den ältesten Mitteln des Imperialismus.

Jeder Krieg fängt, bevor er anfängt, mit Lügen an. Zwei Arten der Lüge sind zu unterscheiden: Lüge durch Verfälschung der Fakten und Lüge durch Verfälschung der Worte. Mit beiden werden wir seit anderthalb Jahren überfüttert bis zur Übelkeit. (S. 39)

Mit diesen Worten leitete Ivan Nagel im Februar 2003 einen Beitrag in der Süddeutschen Zeitung ein. Er lieferte erste Ansätze für ein Wörterbuch der Kriegslügen, indem er aufzeigte, wie "Krieg" zu "Weltfrieden", "Angriff" zu "Entwaffnung", "Kriegsgefangene" zu "feindlichen Konbattanten", "Besetzung" zu "Befreiung" oder "Regierungshandeln gegen Volksmehrheit" zum "Bündnis gegen den Terrorismus" verfälscht wird. Er erinnerte daran, daß die USA als einziges Land der Welt ABC-Waffen aller Kategorien, von der Atombombe über Agent Orange bis zu Napalm, bereits eingesetzt haben. Während dem Irak vorgeworfen wurde, die Entschließungen des Sicherheitsrats mißachtet zu haben, machten die USA und Großbritannien von vornherein klar, daß sie den Krieg auch ohne Zustimmung des Sicherheitsrats führen würden, den George W. Bush verächtlich als "lahmen, irrelevanten Debattierklub" bezeichnete.

Anfang März 2003 und damit wenige Tage vor dem Angriff auf den Irak veröffentlichte Ivan Nagel eine Polemik gegen den ungarischen Romancier und politischen Essayisten György Konrad, der zu der Zeit Präsident der Akademie der Künste in Berlin war. Konrad hatte sich kurz zuvor zum Irakkrieg bekannt und dies als etwas Gesundes und Vernünftiges bezeichnet, das sich andere nicht trauten. Wie Nagel erwiderte, handle es sich keineswegs um die unterstellte "Vorliebe für die irakische Willkürherrschaft" oder "Amerikafeindlichkeit" der Deutschen und Franzosen, wenn die Bevölkerung beider Länder diesen Angriffskrieg nicht mittragen wolle. Der Vorwand eines Kriegs der USA für einen demokratischen Irak sei nicht glaubhaft, zumal Bush erst spät auf die Idee dieser Rechtfertigung verfallen sei, nachdem die Massenvernichtungswaffen und Terrorverbindungen als Erfindungen der Kriegspropaganda entlarvt worden waren. Auch könne er Konrads neue Sympathie für die Polizei nicht begreifen. Diese sei in einem Rechtsstaat dem Parlament, der Regierung und der Justiz verantwortlich. Hingegen befolge der selbsternannte Weltpolizist seit Jahren kaum einen Beschluß der UNO-Vollversammlung, handle auch gegen den Sicherheitsrat und erkenne den Internationalen Gerichtshof nicht an.

In der Süddeutschen Zeitung merkte Ivan Nagel im Mai 2003 an, daß sich das "Falschwörterbuch der Sozialreformen" nicht von dem des Krieges trennen lasse. Auch an den Lügen um die eigene Gesellschaft erprobe sich, ob Blindheit zur Gewohnheit werde oder man den Gebrauch von Augen und Verstand mühsam weiterübe. In ihrer ersten Regierungsperiode habe die Koalition aus SPD und Grünen einschneidende Maßnahmen im Sozialsystem durchgesetzt, die eine Mehrheit der Wählerschaft von einer CDU/FDP-Regierung nicht angenommen hätte. So werde eine der schroffsten Veränderungen eingeleitet, die der Bundesrepublik in fünfzig Jahren zugemutet worden seien. An dieser neoliberalen Gleichschaltung wirkten die Medien fast ausnahmslos mit, die verschleiernde Dogmen wie "Eigenverantwortung", "Anreiz für Wachstum", "Senkung der Lohnnebenkosten" oder "Flexibilisierung des Arbeitsmarkts" nahezu kritiklos propagierten. In Bushs Amerika sei in vollem Gange, was auch für die Zukunft in Deutschland befürwortet und umbenannt werde: Steuersenkungen für Unternehmen, Niedriglöhne, leichte Kündbarkeit und Senkung des Existenzminimums.

Drei Monate nach dem offiziell verkündeten Ende des Irakkriegs, dem der Kampf gegen das Besatzungsregime folgen sollte, prangerte Nagel Anfang August 2003 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die exorbitante Ungleichheit in der Welt an. Die USA hätten es so weit gebracht, daß hunderte Millionen Menschen gewaltsamen Widerstand durch Anschläge als letztes verbliebenes Mittel gegen diese Übermacht guthießen. Im Jahr 1776 im Namen der "Selbständigkeit und Gleichheit der Völker" gegründet, wendeten die USA heute maßlose Mittel auf, um sich über die Gleichheit und Selbständigkeit aller anderen zu erheben. Präventivkrieg, uneingeschränkte Rüstung und Immunität gegen das Internationale Strafgericht schafften einen Weltpolizeistaat, in dem die US- Regierung universale Ordnungsgewalt ausübe und einen Ausnahmezustand ohne Ende verhänge.

Als Susan Sontag mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels geehrt wurde, hielt Ivan Nagel im Oktober 2003 die Laudatio in der Frankfurter Paulskirche. Aus Sorge um Israel und Amerika habe sich ihr die Parallele zwischen zwei katastrophalen Wahnideen und Wahnstrategien aufgedrängt. Beide favorisierten Militärmacht, Beherrschung und Besetzung, statt sich an den Versuch zu wagen, schärfste Ungleichheit von Macht, Reichtümern und Hoffnung zu mildern. In einer Preisrede auf israelische Soldaten, die sich weigerten, jenseits der Grenze von 1967 zu töten, sagte Sontag:

Die Wahrscheinlichkeit, daß eure Akte des Widerstands die Ungerechtigkeit nicht beenden können, erspart euch nicht so zu handeln, wie ihr es für das wahre Interesse eures Volkes haltet. Es ist nicht Israels wahres Interesse, Unterdrücker zu sein. Es ist nicht Amerikas wahres Interesse, Hypermacht zu sein, die ihren Willen jedem Land der Erde aufzwingen kann, wie es ihr beliebt. (S. 93)

Und Ivan Nagel fügte hinzu, nur eine Wahnidee könne zwei Regierungen einflüstern, daß die Demonstration maßloser Übermacht jene selbstmörderischen Taten aufhalten werde, die eben diese Übermacht erst zum verzweifelten Impuls gemacht habe.

Das Buch ist 2004 im Berliner Tachenbuch Verlag erschienen, hat 139 Seiten und kostet 7,50 Euro. ISBN 3-8333-0105-8



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REZENSION/337: Joachim Hirsch - Materialistische Staatstheorie



Joachim Hirsch


Materialistische Staatstheorie

Tramsformationsprozesse des kapitalistischen Staatensystems



Laut dem neoliberalen Zeitgeist ist der Staat ein lästiger Appendix der nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten organisierten Gesellschaft, dessen Einfluß auf das Verwertungssystem es zurückzudrängen gilt. Administrative Prozesse werden so weit wie möglich privatisiert und ökonomischen Effizienzmaßstäben unterworfen, wozu man äquivalent zu den Handlungsprinzipien des Industrie- und Finanzmanagements neudeutsch artikulierte Administrationskonzepte wie Good Governance und Bewertungskriterien wie Best Practice heranzieht. Früher heiß diskutierte Probleme um Macht und Herrschaft scheinen sich im Wohlgefallen der PR-Fassaden sinnstiftender Kampagnen wie "Du bist Deutschland" aufgelöst zu haben, und wer dennoch daran erinnert, daß die Lebensverhältnisse der Menschen und die Institutionen ihres Zusammenlebens vornehmlich von Gewalt bestimmt sind, wird als ewig gestriger Schwarzmaler mitleidig belächelt.

Um den in Reaktion auf die Verödungen kapitalistischer Raubzüge entstandenen neuen Etatismus ist es nicht viel besser bestellt. Nicht wenige Linke suchen Zuflucht bei der Forderung nach der Stärkung staatlicher Kompetenzen, weil sie das die Welt bis in den letzten Winkel penetrierende Kapitalverhältnis monokausal verabsolutieren und für alles verantwortlich machen, was längst nicht an Produktionsweisen und Verwertungsinteressen gebunden ist. Die neuentdeckte Liebe zum Regulativ starker Staatlichkeit bedient sich einer nicht minder reduktionistischen Ideologie wie die Doktrin der freien Marktwirtschaft. In beiden Fällen gilt, daß das eine nicht ohne das andere funktionieren kann und daß die Mehrung der eigenen Bedeutung zu Lasten des konzeptionellen Gegenpols gezielt vom Problem der Herrschaft des Menschen über den Menschen ablenken soll.

Da diese sich in gesellschaftlichen Hierarchien und sozialen Kämpfen manifestierende Konstante menschlicher Entwicklung in rechtsstaatlichen Strukturen organisiert und mit staatlichen Gewaltorganen durchgesetzt wird, kommt man um eine Theorie des Staates nicht herum, wenn man das Problem auf den Begriff bringen will. Der Politikwissenschaftler Joachim Hirsch ist einer der bekanntesten deutschen Vertreter der an die Regulationstheorie anknüpfenden materialistischen Staatstheorie und erläutert in seinem Buch gleichen Namens umfassend die Theorie dieser auf marxistischen Grundüberzeugungen basierenden Schule politischen Denkens.

Dabei stellt Hirsch zu Anfang des ersten Kapitels "Grundzüge der materialistischen Staatstheorie" klar, daß diese "zuallererst Staatskritik und damit verbunden eine Kritik der in der Politikwissenschaft verwendeten Begriffe" (S. 15) sei. Unter der Prämisse, "staatliche Institutionen und Prozesse als Ausdruck dahinterstehender Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse und daraus resultierender Konflikte und Kämpfe zu begreifen" (S. 16), zeichnet der Autor die komplexe Genese des modernen Staates als eines Produkts ausgesprochen heterogener Interessen nach:

Die für die kapitalistischen Produktionsverhältnisse charakteristischen sozialen Strukturen - vom Privateigentum an Produktionsmitteln und der freien Arbeitskraft bis hin zu ihrer spezifischen politischen Form - sind durch soziales Handeln entstanden, bei dem Gewalt eine zentrale Rolle gespielt hat. Dies gilt für die so genannte ursprüngliche Akkumulation ebenso wie für die Entstehung eines verselbständigten und zentralisierten staatlichen Apparats. Die diesen Prozess vorantreibenden gesellschaftlichen Akteure wurden dabei von sehr unterschiedlichen und recht gegensätzlichen Interessen getrieben. Die Durchsetzung des Kapitalismus, wie wir ihn heute kennen, war nicht unbedingt ihr Ziel. Die historische Entwicklung hatte kein steuerndes und planendes Subjekt, sondern beruht auf einer Reihe von eher zufällig aufeinander treffenden, aber sich wechselseitig verstärkenden Bedingungsfaktoren. (S. 51)

Damit beschreibt Hirsch einen Kontrollverlust, der den Anspruch politischen Handelns auf Steuerungs- und Lenkungskompetenz wie ein dunkler Schatten begleitet. Auch wenn die materialistische Staatstheorie die bestimmende Rolle kapitalistischer Verwertungslogik in den Mittelpunkt ihrer Analyse stellt, reduziert sie diese nicht auf die Totalität eines geschichtsphilosophischen Determinismus, der die Entwicklung der Menschheit bereits vorweggenommen hat. Statt dessen ist Hirsch bemüht, die auf Staat und Gesellschaft wirkenden Kräfte an ihren Bruchlinien und Konfliktfeldern kenntlich zu machen, wobei das aufklärerische Anliegen in der Aufdeckung der Verdinglichung besteht, die die das soziale und gesellschaftliche Leben bestimmenden Kräfte in Form von Objektbeziehungen und Projektionen verbirgt.

Seine von Nicos Poulantzas inspirierten Ausführungen zum Einfluß der kapitalistischen Produktionsweise auf das Raum- und Zeitverständnis des Menschen und die daraus resultierenden Vergesellschaftungsformen des Volkes und der Nation sowie die Bedeutung des Geschlechterverhältnisses für den kapitalistischen Verwertungs- und Akkumulationsprozeß kommentieren die nationalistische Restauration und den maskulinen Leistungswahn dieser Tage, als seien sie eigens dafür verfaßt worden.

Der Autor verwahrt sich gegen simplifizierende Kausalstrukturen wie das Basis-Überbau-Theorem und betont statt dessen das dialektische Verhältnis, in dem Staat und Gesellschaft, Politik und Ökonomie stehen. Wichtig sind ihm die Kämpfe und Auseinandersetzungen, die politische Kultur des Westens geprägt haben und aus deren vorrangiger Bedeutung für die Gestaltung menschlichen Zusammenlebens er ein "grundlegendes Primat der Politik bei der Analyse gesellschaftlicher Prozesse" (S. 57) ableitet. Wo administratives Handelns der Krisendynamik des kapitalistischen Systems gemäß ständig mit Kontrollverlusten zu kämpfen hat, verfügt das politische Subjekt über weit mehr Möglichkeiten der Einflußnahme, als der rigide Charakter einer Herrschaftsicherung vermuten läßt, deren Sachwalter äquivalent zum Anwachsen gesellschaftlicher Widersprüche und zum Schwinden ihrer Glaubwürdigkeit sozialen Bewegungen weit im Vorfeld ihrer Entfaltung mit erheblichem Repressionspotential entgegentreten. Gerade weil, wie Hirsch betont, der Kapitalismus und der moderne Staat "handlungsabhängig, durch politische Kämpfe und Strategien bestimmt und daher prinzipiell offen" (S. 57) seien, arbeiten die PR-Agenturen und Legitimationsschmieden, die Sozialtechnokraten und Gewaltorgane unter Volldampf daran, eine in ihren Grundzügen von unten nicht mehr zu beeinflussende Wirklichkeit zu schaffen.

Wie der Untertitel des Buches ankündigt, steht die Untersuchung der "Transformationsprozesse von Gesellschaft und Staat" im Mittelpunkt des Versuchs, der Komplexität und Widersprüchlichkeit kapitalistischer Vergesellschaftung Herr zu werden. In dem so überschriebenen zweiten Kapitel des Buches fragt Hirsch nach den Regulationsprinzipien, mit Hilfe derer die grundsätzlich krisenhafte Entwicklung des Kapitalismus bewältigt werden kann, und entwickelt diese vor dem Hintergrund der prinzipiellen "Einheit von ökonomischen, sozialen und politisch-hegemonialen Entwicklungen" (S. 111).

Dabei bezieht er insbesondere gegen den in den Sozialwissenschaften und neuen sozialen Bewegungen unterstellten Antagonismus von Staat und Zivilgesellschaft Position. Die in Abgrenzung zu etatistischer Steuerung als "zivilgesellschaftlich" deklarierten Interessen und Prozesse unterliegen zweifellos der regelbestimmenden und -durchsetzenden Kraft staatlicher Gewalt, auch wenn diese ihrerseits von zivilen Akteuren beeinflußt wird. Für Hirsch ist entscheidend, daß "Herrschaft stabilisiert und der Akkumulationsprozess des Kapitals garantiert werden kann" (S. 93), was sich nur im Rahmen eines "integralen Staates" leisten lasse, den Antonio Gramsci als "den gesamten Komplex praktischer und theoretischer Aktivitäten, mit denen die herrschende Klasse ihre Dominanz nicht nur rechtfertigt und aufrechterhält, sondern den aktiven Konsens der Beherrschten gewinnt" (S. 93), charakterisiert.

Die materialistische Staatstheorie nach Joachim Hirsch beschränkt sich nicht auf die historische Darstellung und dynamische Analyse des Verhältnisses der verschiedenen gesellschaftlichen Sphären und Akteure zueinander, ihrer der Durchsetzung partikulärer Interessen gewidmeten Abgrenzung voneinander bei gleichzeitiger Kollaboration im Kampf gegen Dritte. Sie leistet auch eine Darstellung des globalen Staatensystems vor dem Hintergrund der internationalen Arbeitsteilung zwischen den hochproduktivem kapitalistischen Metropolengesellschaften und der diesen in jeder Hinsicht weit unterlegenen Peripherie.

Das massive Gefälle in den sogenannten Wertschöpfungsketten, die den Planeten umspannen und Milliarden Menschen fest in ihrem Griff halten, ist nicht etwa einem zeitlich befristeten Entwicklungsrückstand der Länder des Südens geschuldet, sondern Ungleichheit ist ein "Strukturmerkmal des globalen Kapitalismus" (S. 104). Auf den humanen Ertrag dieses ökonomischen Gewaltverhältnisses zugespitzt könnte man auch sagen, daß Mangel und Not Voraussetzungen kapitalistischer Verwertung sind, es also für die davon profitierende Triade aus Nordamerika, Westeuropa und Japan keinen Grund gibt, daran etwas zu ändern.

So lange menschliche Arbeit der Quell des Mehrwerts und das Kapitalverhältnis die Ratio allen Wirtschaftens ist, hat die internationale Angleichung der Arbeitsbedingungen und Sozialstandards nach unten ihre Grenzen. Es kann gar nicht im Interesse des kapitalistischen Zentrums liegen, eine weltweite Einebnung der Produktionsverhältnisse zu erreichen und sich so der Reproduktion der Grundlagen seiner Produktivität zu berauben. Hier nimmt die Bedeutung des Staates als Agentur des Ausgleichs divergierender Interessen unter den Eliten und der Befriedung sozialer Widersprüche eher zu als ab:

Maßgebend für die internationale Dominanz sind somit keineswegs allein militärische Stärke, die Größe der Bevölkerung oder der Reichtum an natürlichen Ressourcen. Eine gewisse Größe des Binnenmarkts ist zwar eine ebenso wichtige Voraussetzung für eine international beherrschende Stellung wie ein ausreichendes militärisches Potenzial. Letztlich entscheidend sind aber die inneren politischen Verhältnisse, die sozialen Kräftekonstellationen und die Art ihrer Institutionalisierung, die die Grundlagen eines stabilen Akkumulations- und Regulationszusammenhangs bilden. (S. 104 f.)

Es besteht mithin kein Grund, auf die neoliberale Propaganda nie zureichender Deregulierung und Privatisierung hereinzufallen. Die geforderte Freisetzung sogenannter Marktkräfte zu Lasten der angeblich die Profitrate schmälernden Intervention des Staates erweist sich als Drängen auf eine andere Regulationsweise, die wie immer Produkt der von Brüchen und ihrer Überwindung bestimmten Qualifizierung kapitalistischer Verwertungslogik ist. Hier bewährt sich, daß Hirsch den platten Antagonismus von Staat und Markt nicht gelten läßt, wäre doch ohne das regulierende Eingreifen staatlicher Ordnungsgewalt jeder Markt Schauplatz archaischer Aneignungspraktiken.

Daß es im Kapitalismus ziviler zugehen soll als zu einer Zeit, als der größere Knüppel darüber bestimmte, wer dem andern die Früchte seiner Mühen abjagte, heißt allerdings nicht, daß der legendäre Big Stick nicht die letzte Instanz wäre, die angerufen wird, wenn es ans Eingemachte geht. Auch das spricht sehr viel mehr für die These, daß die Rolle der Staaten in den Verteilungskämpfen der Zukunft gar nicht hoch genug angesiedelt werden kann. Wo die Mangelproduktion kapitalistischer Wertsteigerung und der objektive, durch Klimawandel, landwirtschaftlichen Raubbau, industrielle Umweltzerstörung und biotechnologische Manipulation bewirkte Rückgang verfügbarer Überlebensressourcen sich gegenseitig verstärken, können militärische und administrative Formen der Notregulation nicht ausbleiben. So wirft die Ausgabe von Sachleistungen anstelle frei verfügbarer Zahlungsmittel für entrechtete Alg-II-Empfänger und Asylbewerber den Schatten einer unmittelbar am individuellen Überlebensinteresse ansetzenden Verfügungsgewalt voraus, die ihre zwingende Gewalt mit Hilfe einer an sozialdarwinistische Kriterien geknüpften Gewährleistung essentieller Lebensvoraussetzungen qualifizieren könnte. Währung als staatlich legitimiertes Mittel des Tausches muß nicht die Form eines geldförmigen Zahlungsmittels behalten, sondern könnte ebensogut als Anspruch des "nackten Lebens" auf Existenzsicherung quantifiziert und verkehrsfähig gemacht werden.

Die angesichts möglicher kriegerischer Entwicklungen kaum auslotbare Tiefe des administrativen Zugriffs auf den einzelnen ist auch für den im dritten Kapitel "Staat, Weltsystem und Imperialismus" unternommenen Versuch Hirschs bedeutsam, die heutige Weltordnung im Kontext der Transformationsprozesse, die sich aus dem Niedergang des Fordismus und der Etablierung einer menschliche Arbeit immer verzichtbarer machenden Produktionsweise ergeben, zu erfassen. Bei aller Entgrenzung nationalstaatlicher Strukturen und Auswanderung gouvernementaler Kompetenzen auf die suprastaatliche Ebene regionaler Staatenbündnisse wie die EU oder globaler Institutionen wie IWF, WTO und NATO bleibt der Staat jedoch "der entscheidende Knotenpunkt der Herrschaftsverhältnisse und zentraler Ort des gesellschaftlichen Regulationsprozesses" (S. 162). Hier entspannt sich vor dem Hintergrund transnational organisierter Konzernmacht ein diffiziles Wechselspiel zwischen Kapitalinteressen, die sich gegen staatliche Einhegung verwahren, gleichzeitig aber nicht ohne staatliche Sicherung ihrer Geschäftsgrundlage auskommen, und politischen Akteuren, die diese - natürlich nicht zum Preise eigener Bedeutungslosigkeit - gewährleisten. Dabei entstehen informelle Netzwerke aus Think Tanks, Stiftungen, Universitäten und wirtschaftlichen wie politischen Funktionseliten, die jeden Anspruch auf demokratische Partizipation null und nichtig machen.

Hirsch muß voreiligen Hoffnungen auf einen Niedergang der globalen Macht Washingtons mit dem Verweis auf die starke Interdependenz zwischen den westlichen Metropolengesellschaften und der von ihnen in Anspruch genommenen Funktion der USA als Garant weltordnungspolitischen Vollzugs enttäuschen. Zu der These, diese Dominanz der USA stände aufgrund ihrer immensen Verschuldung kurz vor dem Zusammenbruch, gibt der Autor zu bedenken, "dass die steigende äußere Verschuldung der USA als ein Zeichen ökonomischer und militärischer Potenz verstanden werden kann" (S. 191). Diese das devote Verhalten westlicher Verbündeter plausibel machende Sicht könnte man auch dahingehend deuten, daß die Produktion von Verlusten, von Mangel und Not die wesentlichen Triebkräfte kapitalistischer Verwertung sind. Schulden sind in diesem Sinne Aktiva ökonomischen Handelns, denn sie konstituieren, wie am Beispiel der USA unschwer zu erkennen, Abhängigkeitsverhältnisse, aus denen sich zu lösen weit schwerer fällt als eine davon unbelastete Geschäftsbeziehung einzustellen.

So, wie die relative Stabilität dieses Weltsystems auf der Teilhaberschaft aller politischen und wirtschaftlichen Akteure am hohen Verschuldungsgrad der USA basiert, so erhöhte sich seine Instabilität mit der wachsenden Autonomie der Weltregionen und einzelnen Länder. Solange die Klammer des globalen Verwertungszusammenhangs viele Millionen Menschen in akute Überlebensnot stürzt, sind Stabilität und Ordnung Chiffren eines Herrschaftsinteresses, dem jedes Nachdenken über andere Möglichkeiten der gesellschaftlichen Organisation ein zu unterdrückendes Übel sind. Die wachsende Bereitschaft zu aggressiver Expansion und antidemokratischer Entrechtung ist am Vorgehen der US-Regierung exemplarisch zu studieren und kündet davon, daß die vertrauten Formen plakativer und symbolischer Legitimation zusehends verzichtbar werden.

Das sich so heiter gebende Regiment des die Welt umspannenden Kapitalismus blendet seine Schattenseiten systematisch aus und führt, wie Hirsch im vierten und letzten Kapitel "Theoretische Schlußfolgerungen und politische Perspektiven" schildert, auf allen Ebenen staatlicher und gesellschaftlicher Organisation zu einer Verstärkung disparater und divergierender Entwicklungen, die die Reproduktion des Gesamtsystems zwar nicht grundsätzlich in Frage stellen, es jedoch in ein zusehends von gewaltförmiger Interessendurchsetzung bestimmtes Fahrwasser manövrieren. Die neoliberal orientierte Globalisierung unterwirft die maßgeblichen Institutionen demokratischer Öffentlichkeit wie Parteien und Medien einem Strukturwandel von in jeder Hinsicht reaktionärer, bürgerliche Streitkultur unterdrückender und gesellschaftliche Widersprüche demagogisch nivellierender Art.

Individualisierung und Biologisierung bestimmen den gesellschaftlichen Diskurs, um das Dogma der Eigenverantwortung als Achse persönlicher Schuldzuweisung permanent verfügbar zu haben. Der mit der Auflösung solidarischen Verhaltens und demokratischer Gesellschaftsgestaltung anwachsende Verlust an Sozialkontrolle wird durch die Adressierung der dabei aufkommenden Ängste an zweckdienliche Feindbilder kompensiert, so daß antikapitalistischer Opposition von vorneherein das Brandmal des Staatsfeindes anhaftet.

Die von Hirsch unter dem Begriff des "radikalen Reformismus" (S. 231) entworfenen emanzipatorischen Handlungsmöglichkeiten sind der Dominanz herrschender Kräfte gemäß eher vage ausformuliert, doch in der Stoßrichtung durchaus eindeutig. In Absage an die Machbarkeit einer die Zentralen der Exekutive übernehmenden Revolution erklärt er:

Dabei bezieht sich der Ausdruck Reformismus auf die Tatsache, dass gesellschaftliche Veränderungen nicht durch staatliche Macht durchgesetzt werden können, sondern einen langwierigen und schrittweisen Prozess der Bewußtseins- und Verhaltensänderung darstellen, durch den gesellschaftliche Machtverhältnisse allmählich transformiert und damit auch die politische Apparatur umgestaltet wird. 'Radikal' wäre eine solche Entwicklung, weil sie tatsächlich an den grundlegenden gesellschaftlichen Beziehungen, d.h. die Wurzeln der bestehenden Herrschaftsverhältnisse rührt. In staatstheoretischen Begriffen lässt sich nun allgemeiner formulieren, was emanzipatorisches gesellschaftsveränderndes, oder wenn man so will revolutionäres Handeln ausmacht. Es ist weder durch besondere materielle Ziele, noch einfach durch die Radikalität der Forderungen, sondern dadurch gekennzeichnet, dass es sich den kapitalistischen sozialen Formen bewusst entgegenstellt und sie durchbricht. (S. 231 f.)

11. Juli 2006


Das Buch ist 2005 beim VSA Verlag, Hamburg, erschienen, hat 256 Seiten und kostet 17,80 Euro. ISBN 3-89965-144-8



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REZENSION/338: Anne O'Connor - The Blessed and the Damned (Folklore)



Anne O'Connor


The Blessed and the Damned

Sinful Women an Unbaptised Children in Irish Folklore



Kaum ein Land hat mehr dafür getan, seine Mythen und Volkslegenden zu bewahren und zu pflegen, als Irland. Hierfür gibt es zwei wichtige Gründe: die lange Zeit fehlende Industrialisierung - die Leinenfabriken und Werften Ulsters natürlich ausgenommen - und die "Keltische Renaissance" am Ende des 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts. Diese Bewegung, die selbst eine Reaktion auf die verheerende Kartoffelpest Mitte des 19. Jahrhunderts und die Dezimierung der gälischsprechenden Bevölkerung im Westen und Süden der Insel war, lieferte einen Teil der ideologischen Grundlage für den Osteraufstand 1916 in Dublin und den 1922 entstandenen Irischen Freistaat, der 1948 offiziell Republik wurde.

Waren es früher die Mönche und die Barden gewesen, welche die wichtigsten Überlieferungen auf der Insel wie die heldenhaften Epen über die Taten von Cúchulainn oder den Fianna entweder durch Niederschriften oder wiederholte Erzählungen am Leben gehalten hatten, so traten Mitte des 19. Jahrhunderts an deren Stelle moderne Literaten wie Sperenza - Oscar Wildes Mutter - und Lady Gregory, die, indem sie die einfachen Menschen aufsuchten, die wichtigsten Mythen und Sagen des irischen Volkes zusammentrugen und diese über Zeitschriftenaufsätze und Bücher einem Millionenpublikum zugänglich machten. Es kommt nicht von ungefähr, daß der überragende Gälischgelehrte Douglas Hyde, Mitbegründer sowohl der Gaelic League als auch des weltberühmten Abbey Theatre, erstes Staatsoberhaupt des unabhängigen Irlands wurde.

In die Fußstapfen Hydes, zu dessen wichtigsten Werken "Love Songs of Connaught", "The Story of Early Irish Literature", "Literary History of Ireland" und "Legends of Saints and Sinners" gehören, tritt nun Anne O'Connor mit ihrem Buch "The Blessed and the Damned: Sinful Women and Unbaptised Children in Irish Folklore". Die promovierte Volkskundlerin, die heute beim staatlichen Rundfunk Raidio Telefís Eireann (RTÉ) arbeitet, befaßt sich seit mehr als zwanzig Jahren eingehend mit den Themen böse Frauen, Kindermord, ungetaufte Kinder und Abtreibung in der irischen Folklore. Das vorliegende Buch ist folglich sozusagen das Destillat der Erkenntnisse, die O'Connor in dieser Zeit gewonnen hat. Obwohl eher an ein akademisches Fachpublikum gerichtet, ist "The Blessed and the Damned" nicht nur seines Themas wegen ungemein spannend. O'Connor versteht es, Verknüpfungen zur modernen Populärunterhaltung herzustellen, wie beispielsweise der Querverweis auf die ebenso beliebte wie von den Kritikern gefeierte Fernsehserie "Buffy, die Vampirjägerin" zeigt. Hinzu kommt, daß das Thema Sexualmoral auch in den letzten Jahren in Irland seine große gesellschaftliche und politische Relevanz behalten hat. Dazu schreibt O'Connor:

Through the telling of certain stories, and through the remembering of certain events and happenings, people, consciously or unconsciously, create or construct meaning in their lives, and folklore, in its exploration of oral communications between people, seeks to understand und intepret that meaning.

Echoes of this legacy survive into the present day, where in the 1980s the Ann Lovett case and the Kerry Babies case raised the spectres of abortion and child murder for Irish society, as indeed the six thousand women seeking abortion every year in Britain has highlighted that other anomaly of Catholic Ireland, that sexual sin is still being hidden and that shame perpetuates in this regard. Ann Lovett, aged fifteen, died, along with her newborn son, on 30th January, 1984, after she gave birth at the Our Lady of Lourdes Grotto in the grounds of St Mary's Church in Granard, Co. Longford. The Kerry Babies case concerned Joanne Hayes, a woman who was brought to trial for allegedly killing her baby or babies; the folk belief evidently still prevailed that multiple births reflect multiple fathers. Much has been written about the case which constituted a latter-day witchhunt. (S. 14f.)

[Durch die Erzählung bestimmter Geschichten und durch das Erinnern an bestimmte Ereignisse und Vorfälle geben und verleihen die Menschen, ob bewußt oder unbewußt, ihrem Leben Bedeutung, und die Volkskunde versucht durch die Erforschung mündlicher, zwischenmenschlicher Kommunikation diese Bedeutung zu verstehen und zu interpretieren.

Anklänge an dieses Erbe bestehen bis in den heutigen Tag, als in den achtziger Jahren der Fall Anne Lovett und der Fall der Kerry Babies der irischen Gesellschaft das Gespenst der Abtreibung und des Kindsmordes vorführten, wie auch die Tatsache, daß jährlich sechstausend Frauen zwecks Abtreibung nach Großbritannien fahren, auf eine andere Anomalie des katholischen Irlands, daß nämlich sexuelle Sünde weiterhin verborgen gehalten wird und daß in diesem Zusammenhang die Schande weiterhin fortlebt, ein Schlaglicht wirft. Die fünfzehnjährige Ann Lovett starb zusammen mit ihrem neugeborenen Sohn am 30. Januar 1984, nachdem sie in der Our Lady of Lourdes Grotto auf dem Gelände der St.-Maria-Kirche in Granard in der Grafschaft Longford entbunden hatte. Im Mittelpunkt des Falles der Kerry Babies stand Joanna Hayes, eine Frau, der man wegen der Ermordung ihres Säuglings beziehungsweise ihrer Säuglinge den Prozeß gemacht hat; offenbar hielt sich der Volksglaube, daß mehrfache Geburten auf mehrere Väter zurückzuführen seien. Über diesen Fall, der eine moderne Hexenjagd darstellte, ist viel geschrieben worden." - Übersetzung des MA-Verlages]

O'Connor geht der Frage nach, welches die Ursprünge der verschiedenen Überlieferungen in Irland über Kindsmörderinnen oder zügellose Frauen, die später als Quälgeister ihr Unwesen treiben, sind. Entgegen landläufiger Meinung, daß diese Geschichten aus vorchristlicher Zeit stammen, zeigt die Autorin unter anderem durch Vergleiche mit ähnlichen Legendenkomplexen in Skandinavien, Großbritannien und Frankreich, daß die irischen Geschichten von Petty-Coat Loose, Moll Shaughnessy, Spríd na Bearnán, und wie sie alle heißen, eng mit der katholischen Tradition verbunden sind und deutliche gegenreformistische Merkmale aufweisen. Nicht umsonst spielt in den meisten dieser Geschichten der Priester, der die Seele der Frau, je nachdem, ob sie ihre Sünde bereut oder nicht, in den Himmel oder in die Hölle schickt, die Schlüsselrolle.

Von großer Bedeutung war den Katholiken lange Zeit die Frage, wo die Seelen ungetaufter Kinder - ob nun Frühgeburten oder ermordete Säuglinge, sei dahingestellt - hinkamen. Zur Lösung dieses schwierigen theologischen Rätsels hat die Kirche in Rom den Limbus, jenes Zwischenreich, das man auf gälisch auch "dorchadas gan phian", "Dunkelheit ohne Schmerz", nennt, erfunden. Die irischen Vorstellungen von den umherwandernden Seelen ungetaufter Kinder finden ihre Entsprechung im katholischen Rheinland mit den sogenannten Irrlichtern. O'Connor weist ebenfalls nach, wie die strenge Sittenmoral, die nach dem Massensterben im Zuge der Kartoffelpest in Irland Einzug hielt und bis vor wenigen Jahren überlebt hat, ihren Eingang in die Folklore nicht nur der Insel, sondern auch der irischen Einwanderer in der Neuen Welt wie zum Beispiel in Neufundland fand.

Nichtsdestotrotz finden sich im Buch immer wieder Hinweise auf vorchristliche Vorstellungen, die man eher mit den irischen Geschichten von den Feenhügeln, Banshees, Leprechauns u.s.w. verbindet. Ein gutes Beispiel ist der Begriff "An Saol Eile", die gälische Bezeichnung für das Jenseits. Dieser Begriff wird mit "Otherworld" ins Englische übersetzt, was aber die Sache nicht ganz zu treffen scheint, denn "An Saol Eile" heißt wörtlich "das andere Leben". So gesehen erwartete die Menschen auf der grünen Insel vor langer Zeit - fadó, fadó - nicht unbedingt der "Tod", wie wir ihn uns vorstellen mögen, sondern eine andere Form von Leben. Das erklärt den Hang der Iren zur Idee, daß die Verstorbenen immer noch unter uns weilen und nicht sehr fern sind. Folglich wundert es nicht, daß wir einem Iren, Bram Stoker, den berühmtesten Untoten von allen, die Figur des Grafen Dracula, zu verdanken haben.

12. Juli 2006


Anne O'Connor, "The Blessed and the Damned: Sinful Women an Unbaptised Children in Irish Folklore", Peter Lang Verlag, Bern, 2006, 260 Seiten, ISBN: 3-03910-541-8



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REZENSION/341: Strizek - Geschenkte Kolonien (Ruanda und Burundi)



Helmut Strizek


Geschenkte Kolonien

Ruanda und Burundi unter deutscher Herrschaft



Deutschland und eine eigene Kolonialgeschichte? Die war doch wohl unbedeutend. Haben nicht europäische Mächte wie England oder Frankreich viel weitreichender andere Länder erobert und an sich gebunden? Auf diese verkürzte Sichtweise des deutschen Kolonialismus trifft man selbst im politischen Diskurs allzu häufig. Die Aufarbeitung des Expansionsstrebens des deutschen Kaiserreichs zwischen 1888 und 1914 fristet seit Jahr und Tag ein Nischendasein.

Es gibt mehrere Gründe, warum Deutschland häufig nur bedingt zu den traditionellen Kolonialmächten gezählt wird: Erstens gab es den Staat Deutschland zu einer Zeit noch nicht, als sich andere europäische Länder bereits Jahrhunderte zuvor Kolonien angeeignet hatten. Zweitens war Deutschland keine typische Seemacht, sondern eher kontinental orientiert. Wozu überseeische Territorien anstreben, wenn gen Osten eine riesige Landmasse vermeintlich nur auf ein Bündnis oder gegebenenfalls die Eroberung wartete?

Drittens ist die deutsche Kolonialzeit weitgehend aus dem öffentlichen Bewußtsein verschwunden, weil sie durch besondere Umstände abgebrochen wurde. Die deutschen Kolonialherren hatten sich der gleichen Formen der Unterwerfung, das heißt der Nutzbarmachung menschlicher Arbeitskraft, bedient wie beispielsweise das British Empire oder die Grande Nation. Der Erste Weltkrieg endete mit der Niederlage des Deutschen Reichs und dem Verlust seiner Kolonien. Was allerdings nicht bedeutete, daß anschließend eine innere Abkehr vom kolonialistischen Denken Einzug gehalten hätte.

Der Ch.Links Verlag, der die Wahrnehmungslücke der deutschen Öffentlichkeit in der eigenen Vergangenheit erkannt hat, bemüht sich seit mehreren Jahren darum, sie mit seiner Reihe "Schlaglichter der Kolonialgeschichte" zu schließen. Für den inzwischen vierten Band, "Geschenkte Kolonien. Ruanda und Burundi unter deutscher Herrschaft", wurde der Afrika-Experte Helmut Strizek als Autor gewonnen. Dieser hatte seine Doktorarbeit über Ruanda und Burundi geschrieben und war zwei Jahre lang im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit Ressortleiter für diese beiden Länder. Außerdem war er Mitglied einer Delegation der Europäischen Gemeinschaft in Ruanda. Dieser fachliche Hintergrund schlägt sich in Inhalt und systematischem Aufbau des vorliegenden Buchs deutlich nieder. Ein rund 50 Seiten umfassender Anhang, der neben zahlreichen Anmerkungen und einem Literaturverzeichnis auch biographische Notizen zu ausgewählten Personen, eine Zeittafel und diverse Register enthält, erleichtert dem Leser sowohl das Zurechtfinden im Text als auch die übergreifende Einordnung des in dem Buch belichteten Zeitfensters.

Ruanda und Burundi (früher: Urundi) wurden dem Deutschen Reich "geschenkt", weil sie bei der Aufteilung Afrikas durch die europäischen Mächte auf der Kongo-Konferenz 1884/85 in Berlin übriggeblieben waren - also wurden sie dem Gastgeber überlassen, dem es ein inniges Anliegen zu sein schien, mehr Einfluß in Afrika zu gewinnen. Während das Interesse des Kaiserreichs an Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) stark ausgeprägt war, was die dort lebenden Nama und Herero leidvoll erfahren mußten, fand der nordwestliche Teil Deutsch-Ostafrikas zunächst wenig Beachtung. Strizek schildert, wie erst zehn Jahre nach der "Übereignung" eine 600 Mann starke Expedition unter Leitung Gustaf Adolf Graf von Götzens von der afrikanischen Ostküste aus ins Landesinnere aufbrach und die Lage im Gebiet der Großen Seen auskundschaftete, ohne daß die Bewohner über die auf sie zukommenden Herrschaftsansprüche eines Kaisers Wilhelm, der in unvorstellbarer Ferne residierte, aufgeklärt werden sollten.

Am 30. Mai 1894 traf Götzen am nördlichen Ende des Kivu-Sees mit dem ruandischen König Kigeri IV. zusammen, wobei er sich offenbar grob und gewaltsam Zutritt zu dessen herrschaftlicher Hütte verschafft hatte. Ungeachtet dessen war Götzen von dem hochgewachsenen König, vor allem aber von dessen strenger Führung, beeindruckt. Strizek faßt Götzens Überlegungen zum weiteren Vorgehen wie folgt zusammen:

Hier könne man einen starken Partner finden, wenn dieser bereit sei, mit den Deutschen zu kooperieren. Dem König zu suggerieren, dass eine künftige Zusammenarbeit im beiderseitigen Interesse sei, war schließlich die Absicht der Besucher. Um die Macht der Deutschen und ihrer Feuerwaffen zu zeigen, ließ Götzen gleichzeitig einen Schuss aus allen vorhandenen Gewehren abfeuern - eine Demonstration, die die gewünschte Wirkung auch nicht verfehlte. (S. 69)

Die Begünstigung eines Königs gegenüber anderen in der Region lebenden Häuptlingen sollte zum bestimmenden Moment der "indirekten Herrschaft" werden, wie sie auch von anderen Kolonialmächten in Afrika praktiziert wurde und heute noch in modifizierter Form vielerorts wiederzufinden ist. Götzen, der 1901 zum Gouverneur der beiden deutschen Kolonien ernannt wurde, führte kurz vor seinem Abschied 1906 ein Residentursystem ein. Teile und herrsche - dieses menschheitsgeschichtlich uralte Prinzip konnte deshalb greifen, weil sich die afrikanischen Stämme untereinander befehdeten und somit gegeneinander ausspielen ließen.

Abgesehen von der militärischen Präsenz deutscher Soldaten und ihrer Hilfstruppen bemühten sich auch die katholische und die evangelische Kirche um Einflußgewinn in Ruanda und Burundi, wobei sich die Weißen Väter des Afrikamissionsordens weitgehend gegenüber ihrer protestantischen Konkurrenz durchsetzten. Der Missionierung räumt Strizek ein eigenes Kapitel ein, wohl auch deshalb, weil sie über die zwei, drei Jahrzehnte währende deutsche Kolonialzeit hinaus weitergeführt wurde und einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Von Anfang an war die Missionierung ein wichtiger Teil des kolonialen Projekts, die Priester stellten gewissermaßen die Vorhut der Deutschen dar und lieferten der Gouverneursverwaltung wichtige Informationen. Darüber hinaus verfolgten die Kirchenvertreter auch eigene Ziele.

In seinem abschließenden Essay "Ruanda und Urundi nach 'deutscher Zeit'" zeichnet Strizek die Entwicklung dieser Länder bis in die Gegenwart nach, wobei angenehm auffällt, daß der Autor bei dem brisanten Thema Ruanda-Genozid, der sich zwischen April und Juli 1994 zutrug und schätzungsweise 800.000 Ruander das Leben kostete, nicht ins gleiche Horn wie jene stößt, die ausschließlich in den Hutu die Bösen und den Tutsi die Guten zu erkennen glauben. In solche Schwarz-weiß-Malerei zu verfallen hat Strizek offensichtlich nicht nötig, er weiß sehr wohl einzuschätzen, daß der Genozid kein singuläres Ereignis in der Geschichte dieser Region an den Großen Seen Afrikas war und weder eine einseitige Schuldzuweisung noch eine Relativierung der Greueltaten zum Verständnis der heutigen Situation beitragen kann. Strizek bewertet die Lage wie folgt:

Seit dem 16. Juli 1994 ist die Ruandische Patriotische Front und ihre Armee eine alles beherrschende Staatspartei in Ruanda. An ihrer Spitze regiert Paul Kagamé gleichsam 'königlich'. Er ist ein ranghoher Vertreter der Hochadelsfamilie der Ega, die 1912 zusammen mit König Musinga von den Deutschen gegen Autonomiebestrebungen im Norden Ruandas militärisch gerettet worden ist. So schließt sich ein historischer Kreis. Auch 1994 hätte der Ega-Führer Paul Kagamé ohne westliche - auch deutsche - Unterstützung die Macht nicht zurückerobern können, die die Dynastie bei demokratischen Wahlen 1961 verloren hatte. Eine friedliche Zukunft auf Basis eines nationalen Konsenses lässt sich unter einer derartigen Herrschaft allerdings nur schwer denken. (S. 171)

Solche Aussagen wären, in Ruanda abgegeben, politischer Sprengstoff und würden mit hoher Wahrscheinlichkeit als Schüren "ethnischen Hasses" schwer geahndet. Und selbst hierzulande gilt Kagamé (häufige Schreibweise: Kagame) zumeist als der Retter der Tutsi. Der Sieg Kagamés und seiner RPF über die Völkermörder der Hutu-Milizen ist zwar unstrittig, aber das ist nicht die ganze Geschichte. Der damalige Rebellenführer wird verdächtigt, den Befehl zum Abschuß des Flugzeugs mit den Präsidenten Ruandas und Burundis befohlen zu haben. Nur wenige Stunden nach dem Attentat setzte das Meucheln ein. Darüber hinaus haben Kagamé und seine Protegés in Washington, New York, London und Berlin verhindert, daß das im November 1994 vom UN-Sicherheitsrat initiierte und noch heute tätige Ad-hoc-Tribunal für Ruanda auch nur Vorermittlungen hinsichtlich mutmaßlicher Massaker seitens der RPF an der ruandischen Bevölkerung durchführt.

Die Geschichte der Kolonialherrschaft des Deutschen Reichs wird sicherlich niemals ein massenwirksames Thema werden. Es gewinnt allerdings vor dem aktuellen Hintergrund der Entsendung von Bundeswehrsoldaten in die Demokratische Republik Kongo an Bedeutung, schließlich stellte sich einst wie heute die Frage, welche Interessen die deutsche Regierung mit solchen transkontinentalen Übergriffen verfolgt. Und wenn auch die genaue Kenntnis darüber, ab welchem Zeitpunkt welche Missionare in Burundi oder Ruanda wo Fuß gefaßt oder wann deutsche Expeditionen welchen Häuptling unter welchen Umständen zum Tode verurteilt haben, vordergründig nicht auf die heutige Zeit übertragbar scheint, so fanden diese historischen Ereignisse doch in einem gesellschaftlichen Kontext statt, wie er so sehr verschieden von heute auch nicht war. Drückt sich doch beispielsweise in dem Anspruch, Wahlen in einem afrikanischen Staat beobachten und den Ablauf sicherstellen zu wollen, die gleiche Überzeugung von der eigenen Überlegenheit und dem daraus abgeleiteten Interventionsrecht aus, wie sie während der Kolonialzeit vorherrschte.

Zudem sind insbesondere Ruanda und Burundi gute Beispiele dafür, daß Afrika vor der Kolonialzeit keineswegs ein geschichtsloser Raum war. Ohne die präkoloniale Zeit im mindesten verklären zu wollen, bleibt doch festzustellen, daß es sicherlich nicht gegen die Menschen auf dem afrikanischen Kontinent spricht, daß sie ihre waffentechnischen Künste noch nicht so weit entwickelt hatten, daß sie den europäischen Eindringlingen auf militärischer Ebene Paroli bieten konnten.

Motive und Methoden, mit der Menschen andere Menschen unterjochen, waren stets die gleichen, lediglich die Mittel wurden technologisch erheblich erweitert: Der blutrote Faden spannt sich von der christlichen Seefahrt, die Eroberungen jenseits der Meere erst ermöglichte, bis zur globalen Datenautobahn, die westliche Werte bis in den entlegensten Winkel Zentralafrikas trägt und kulturenüberprägend wirkt; die einstige Strafexpedition zur Sicherung der kolonialen Ordnung findet ihre moderne Konsequenz in der internationalen Friedenstruppe, die eine noch übergreifendere Ordnung durchsetzen soll.

Aber selbst die Fremdbestimmung der kolonialen Herrschaft wirkt freizügig verglichen mit der heutigen globalisierten Weltgemeinschaft, in der nicht nur die beiden afrikanischen Staaten Ruanda und Burundi vergeblich um inneren sozialen Frieden ringen, sind sie doch tief und fest in ein System zwanghaft miteinander konkurrierender Volkswirtschaften eingebunden, das als qualifizierter Form des Kolonialismus zu bezeichnen ist.

19. Juli 2006


Helmut Strizek Geschenkte Kolonien, Ruanda und Burundi unter deutscher Herrschaft, Ch.Links Verlag, Berlin 2006, ISBN-10: 3-86153-390-1 ISBN-13: 978-3-86153-390-0



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REZENSION/342: K. Hagena - Was die wilden Wellen sagen (Joyce/Ulysses)



Katharina Hagena


Was die wilden Wellen sagen

Der Seeweg durch den Ulysses



Die meisten Menschen haben von dem 1922 erschienenen Roman "Ulysses" des irischen Romanciers, Dichters und Dramatikers James Joyce gehört, die wenigsten aber haben ihn gelesen. Dies liegt zunächst daran, daß der Roman lange Zeit in Großbritannien und den USA verboten war, und zwar aufgrund der "Behandlung sexueller Dinge in der Alltagssprache der unteren Klassen", wie es in einem Urteil von 1933 höchstrichterlich heißt. Diejenigen, die den dicken Wälzer nach der Verbotsaufhebung in den sechziger Jahren einmal in die Hand genommen haben, bilden zwei Gruppen: die einen, die irgendwann aufgegeben haben, weil ihnen die Lektüre zu schwierig oder nicht spannend genug gewesen ist; die anderen, die das Buch zu Ende gelesen haben und es für ein absolutes Meisterwerk halten. Zu letzterer Fraktion gehört eindeutig Katharina Hagena, deren "Was die wilden Wellen sagen - Der Seeweg durch den Ulysses" eine für das breite Publikum überarbeitete Version ihrer Doktorarbeit "Das Meer als sprachbildendes Element des Ulysses" von 1996 darstellt.

Kapitel für Kapitel an die klassische Heldensage Homers angelehnt, ist Joyces Roman die Geschichte von zwei Männern, dem älteren Zeitungsannoncenverkäufer Leopold Bloom (Ulysses wie zugleich Jedermann) und dem jungen Dichter Stephen Dedalus (der Ulysses' Sohn Telemach wie zugleich den Autor selbst repräsentiert), die am 16. Juni 1904 durch Dublin, Hauptstadt des damals zum Vereinigten Königreich mit Großbritannien gehörenden und noch nicht geteilten Irlands, irren, bis sich am Abend ihre Wege kreuzen. Das Datum ist kein Zufall. An jenem Tag in der wirklichen Welt lernte Joyce seine Frau Nora Barnacle kennen. Im selbem Jahr verließ er als Zweiundzwanzigjähriger Irland für immer und lebte fortan im selbstgewählten Exil zunächst in Triest, eine zeitlang in Paris und schließlich in Zürich, wo er 1941 infolge langer Entbehrungen als mittelloser Schrifsteller starb.

Tatsächlich reißt die Handlung bei Joyces "Ulysses" den Leser nicht vom Hocker. Die Ereignisse sind eher von gewöhnlicher Art: eine Beerdigung, diverse Kneipenbesuche, der Ehebruch von Blooms Frau Molly mit ihrem Gesangspartner Blazes Boylan, ein abendlicher Abstecher ins Bordell, die üblichen, ausgiebigen irischen Diskussionen über Gott und die Welt, über Religion, Kunst und das Mysterium des Daseins. Doch die ungeheure Detailfülle, mit der Joyce einen Tag in seiner geliebten Heimatstadt rekonstruiert, die Art, wie er jedes der 18 Kapitel in einem anderen Sprachstil schreibt - dem der shakespeareschen Dramaturgie, des Gerichtswesens, der katholischen Liturgie, der griechischen Heldensagen u. a. -, und seine damals bahnbrechende Erneuerung, die ungefilterte Wiedergabe des chaotischen Gedankenflusses der Hauptakteure - allen voran der großartige, den Roman abschließende, jede Interpunktion vermissenlassende Monolog von Molly Bloom -, bieten dem aufmerksamen Leser Genuß pur.

Weil das "der einzige Weg, sich seine Unterblichkeit zu sichern", wäre, hat Joyce nach eigene Angaben in "Ulysses" "so viele Rätsel und Geheimnisse hineingepackt, dass die Professoren Jahrhunderte lang damit beschäftigt sein werden, sich darüber zu streiten", was er "wohl gemeint" hätte. Nicht umsonst ist die Interpretation von "Ulysses", wie übrigens auch des Nachfolgewerks "Finnegan's Wake", in dem Joyce weitestgehend auf herkömmliche Wörter zugunsten einer selbsterfundenen Sprache verzichtet, zu einer regelrechten Spezialnische im akademisch- literarischen Betrieb geworden, in welche sich nur die Allermutigsten begeben. Dies hat nun Katharina Hagena gewagt, und zwar, wie sie selbst sagt, über den "Seeweg".

Der Ansatz, sich "Ulysses" aus dem Blickwinkel der Seefahrt, der Ozeanologie und des Studiums der Sprache als fließendes, stets sich bewegendes Medium anzunähern, erweist sich als recht ergiebig. Man merkt von Anfang an, daß die 1967 geborene Hagena, die zwischendurch am Trinity College im Herzen Dublins als Lektorin gearbeitet hat und heute als Dozentin an der Universität Hamburg tätig ist, sich mit dem Sujet sehr eingehend befaßt hat. Im Klappentext ist die Rede von über zehn Jahren! Das Resultat läßt sich sehen. Hagena führt den Leser durch den ganzen Roman, hebt die Besonderheiten der verschiedenen Episoden hervor, erklärt die Anspielungen und Andeutungen - sowohl geschichtlich wie auch literarisch -, zitiert aus dem Werk selbst wie auch aus den Erklärungen des Autors, seiner Kritiker und Bewunderer, legt die Quellen seiner Gedankenwelt frei und liefert darüber hinaus wichtiges Hintergrundmaterial, aus dem er im Roman zitiert hat. Im letzteren Fall handelt es sich um die Gedichte "The Secret of the Sea" von Henry Wandsworth Longfellow und "Who goes down with Fergus" von William Butler Yeats sowie um eine Passage aus Shakespeares berühmter Tragödie Hamlet zum Ertrinken Ophelias, "eine Sirene, zu der sie allerdings erst im Tod mutiert". (S. 73)

Neben Joyce (und Homer natürlich) ist hier von der altirischen Zeichensprache Ogham, neben griechischen auch von irischen Göttern wie Mananaan Mac Lir (Vorbild für Shakespeares König Lear), von Dante, Derrida, T. S. Eliot, Foucault, Goethe, Kafka, Nietzsche, Poe, Rimbaud und vielen anderen die Rede. Selbst das "Flow", das bekanntlich ein wichtiges Thema in den hipsten HipHopper-Kreisen unserer Tage ist, kommt bei Hagena nicht zu kurz und zeigt, wie weit Joyces Gedanken über das Verhältnis von Sprache und Musik gingen. Dies erklärt auch die Empfehlung Hagenas, sich "Ulysses" laut - im Kopf oder tatsächlich - vorzulesen, denn erst damit lassen sich viele von Joyces Wortspielereien erschließen.

Der Titel von Hagenas Buch kommt von einer Figur in "Ulysses" her, die nach dem Lauschen an einer Muschel fragt: "Was sagen uns die wilden Wellen?" Was einem Joyces "Ulysses" sagt, hängt vom Leser natürlich selbst ab. Man könnte Joyce vielleicht dafür kritisieren, sich bei "Ulysses" (und erst recht bei "Finnegan's Wake") zu sehr auf die Ausschöpfung der Möglichkeiten der sprachlichen Form beziehungsweise das Spiel mit den Unzulänglichkeiten der zwischenmenschlichen Kommunikation soweit getrieben zu haben, daß er dabei die Aussage, die Leidenschaft und den Bezug zum konkreten Leben, wie man es in der Kurzgeschichtensammlung "Dubliners" erleben konnte, etwas vernachlässigt hat. Wie dem auch sei, das ändert nichts an der Tatsache, daß "Ulysses" eine sprachliche Meisterleistung ist, die ihresgleichen sucht und zu der Katharina Hagenas "Was die wilden Wellen sagen" jedem, der dieses großartige Buch noch nicht gelesen hat, den idealen Einstieg bietet. Denen, die "Ulysses" bereits gelesen haben, gibt Hagena viele Anregungen, es nochmal zu tun.

Lobende Erwähnung verdienen auch Marei Schweitzer für die aberwitzige Umschlagabbildung und Nadja Zobel/Barbara Stauss für die Umschlaggestaltung. Das aufklappbare Panoramabild bietet ein Sammelsurium diverser Episoden und Charaktere, die in "Ulysses" vorkommen, und sogar einige ebenfalls von Joyce erwähnte Sehenswürdigkeiten, wie Nelson's Säule, die es im Dublin von heute nicht einmal mehr gibt. Auf der Innenseite des Schutzumschlags werden die Zeichnungen auch im einzelnen erklärt. Bravo!

11. August 2006


Katharina Hagena, "Was die wilden Wellen sagen - Der Seeweg durch den Ulysses", Mare Verlag, Hamburg, 2006, 179 Seiten, ISBN: 3-936384-92-4



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REZENSION/343: Irene und Gerhard Feldbauer - Sieg in Saigon (Politik)



Irene und Gerhard Feldbauer


Sieg in Saigon

Erinnerungen an Vietnam



Der Buchtitel "Sieg in Saigon", den Irene und Gerhard Feldbauer für ihre Erinnerungen an Vietnam gewählt haben, kündet von ihrer Parteinahme für das von einer Weltmacht überfallene Volk, das der Unterwerfung anheimgegeben schien und doch über sich hinauswuchs, um das Joch des Imperialismus abzuschütteln. Mehr als 30 Jahre sind seit der Befreiung Südvietnams vergangen, und was damals ein weltweiter Impuls von epochaler Bedeutung zu sein schien, droht im Gedächtnis einer jüngeren Generation zu einer historischen Randnotiz zu verblassen, von der man allenfalls fragmentarische Kenntnis hat. Um so wertvoller ist dieser in persönlichem Erleben gewonnene und auf entschiedener Positionierung gründende Bericht in Wort und Bild, der einen fundierten Beitrag dazu leisten kann, die neuen Kriege der Gegenwart in Entstehung, Verlauf und Zielsetzung zu entschlüsseln.

Nicht in der heimischen Studierstube oder Zeitungsredaktion entstand diese eindrückliche Dokumentation der beiden Zeitzeugen, deren unbestreitbare Kompetenz und überzeugende Argumentationskraft vielmehr im Hagel amerikanischer Bomben und inmitten unsäglichen Leids der Opfer eines Vernichtungskriegs gegen die Zivilbevölkerung Kontur gewann. Als Auslandskorrespondenten berichteten die beiden Journalisten von 1967 bis 1970 für den Allgemeinen Deutschen Nachrichtendienst (ADN) und die Zeitung Neues Deutschland über den Befreiungskampf des vietnamesischen Volkes, das sich unbeugsam gegen die Aggression verteidigte. Dabei besuchten sie nicht nur Nordvietnam, sondern begleiteten auch vietnamesische Kämpfer auf dem Ho-Chi-Minh- Pfad und berichteten aus Laos und Kambodscha. Häufig wurden ihre qualitativ hochwertigen Korrespondentenberichte auch von westlichen Nachrichtenagenturen übernommen und trugen so zu einer realistischen Beurteilung der tatsächlichen Vorgänge in Vietnam bei.

Acht Jahre vorher waren wir im Juli 1967 als Journalistenteam in Hanoi, der Hauptstadt Nordvietnams, das damals Demokratische Republik Vietnam hieß, eingetroffen und berichteten seitdem in Wort und Bild über den Kampf des vietnamesischen Volkes. Wir erlebten Nordvietnam unter dem Hagel amerikanischer Bomben, sahen unsägliches Leid, aber auch den unbeugsamen Willen von Menschen, die ihre unter unsagbaren Opfern errungene Freiheit und Unabhängigkeit verteidigten, wir erlebten das Scheitern der barbarischen US-Luftaggression und während des Tet-Festes im Frühjahr 1968 die strategische Wende im Befreiungskampf in Südvietnam. Im Spätherbst 1970 nahmen wir in der Gewißheit Abschied, dass Vietnam siegen würde.

Das vietnamesische Volk siegte über die Militärmacht der USA, die stärkste der westlichen Welt. Als Nachfolger der französischen Kolonialisten hatten die Vereinigten Staaten seit 1955 Vietnam mit einem barbarischen Vernichtungskrieg überzogen. Die große Hilfe des damals existierenden sozialistischen Lagers, darunter modernste konventionelle Waffen aus der UdSSR und Lieferungen aus der VR China, die weltweite Solidarität der Völker und ihrer Friedenskräfte, eingeschlossen die in den USA selbst, waren entscheidende Grundlagen dieses Sieges. Aber die letztlich ausschlaggebende Bedingung, dass diese Faktoren zur Geltung kommen konnten, waren der nicht zu brechende Widerstandswille des Volkes, der in den Traditionen nationalen und antikolonialen Widerstandes wurzelte, die zu mobilisieren eine kommunistische Partei verstand, die der legendäre Führer Ho Chi Minh gegründet hatte. (S. 7)

Der Vietnamkrieg war die längste militärische Auseinandersetzung des 20. Jahrhunderts. Im Laufe dieses Konflikts fanden mehrere Millionen Menschen den Tod, darunter weit über zwei Millionen Vietnamesen, hunderttausende Kambodschaner, Laoten und Angehörige anderer in Indochina lebender Ethnien, 58.000 Amerikaner, rund 15.000 Franzosen, etwa 20.000 Nordafrikaner, Schwarzafrikaner und Angehörige der Fremdenlegion. Hinzu kommen Australier, Neuseeländer, Koreaner, Chinesen, Filipinos und Thailänder. Mehr als zwei Millionen Tonnen amerikanische Bomben fielen auf Laos, etwa 7,5 Millionen Tonnen auf Vietnam und Kambodscha - insgesamt ein Mehrfaches dessen, was an Sprengstoff im Zweiten Weltkrieg verbraucht wurde. Allein die nationale und ethnische Vielfalt der Täter und Opfer dieses Krieges verweist darauf, daß der Indochinakonflikt nur im Kontext weltweiter Auseinandersetzungen unter direkter und indirekter Beteiligung der führenden Mächte angemessen zu analysieren ist.

Die Kriegsberichte von der Lage in Hanoi, der Luftschlacht über Nordvietnam und der Kämpfe um die unbesiegte Provinz Quang Binh wie auch von der Front in Laos und Kombodscha werden höchst aufschlußreich ergänzt um Gespräche mit zahlreichen Vietnamesen, die ihren tagtäglichen Kampf ums Überleben schildern. So begegnet man einfachen Leuten in den Städten und Dörfern, Soldaten und Offizieren, aber auch hochrangigen Persönlichkeiten bis hin zu Ho Chi Minh. Man hört vom Einsatz der Wissenschaftler und Techniker aus befreundeten Ländern und erfährt insbesondere, welch außerordentliche Kompetenzen erarbeitet und Leistungen unter schwierigsten Bedingungen erzielt wurden.

Die beiden Korrespondenten bekamen auch Gelegenheit, mit gefangenen Besatzungsmitgliedern abgeschossener Jagdbomber zu sprechen, die nicht selten bereitwillig und mit einer gewissen Einsicht schilderten, wie sehr sich ihre Sicht des Krieges geändert habe. Interessant ist in diesem Zusammenhang nicht zuletzt, daß die Autoren dank dieser Gespräche die damaligen Angaben amerikanischer Bomberpiloten deren späteren Äußerungen nach dem Aufstieg in prominente Positionen der US- Politik gegenüberstellen und so in mehreren Fällen die Rückkehr zur haarsträubendsten Propaganda dokumentieren konnten.

Unter ihnen befand sich der Marineflieger Major John Sydney McCain vom Flugzeugträger 'Oriskany', der am 26. Oktober mit seiner F4-'Phantom' über Hanoi vom Himmel geholt worden war. Er war ein prominenter Offizier. Sein Großvater befehligte im Zweiten Weltkrieg die US-Flugzeugträger im Pazifik und der Vater war Befehlshaber der US-Flotte in Europa. (...)

Der Marineflieger landete mit seinem Fallschirm im Wasser des Truc Bach-Sees von Hanoi, brach sich Arme und Beine und wäre ertrunken, wenn ein Hanoier ihn nicht aus dem Wasser gezogen hätte. Sein Lebensretter war Mai Van On, der als Leutnant der Volksarmee am Befreiungskrieg gegen die Franzosen teilgenommen hatte. Am Ufer half er McCain ein zweites Mal, denn nach einem eben erlebten schweren Bombenangriff auf die Hauptstadt war zu befürchten, dass wütende Hanoier gegenüber dem Amerikaner handgreiflich würden. Van On hielt sie zurück, eine Krankenschwester half ihm und leistete erste Hilfe. Kurze Zeit später kamen Soldaten und nahmen McCain in Gewahrsam. (...)

1973 wurde McCain entlassen. 1985 und auch später besuchte er Hanoi ohne einmal nach seinem Lebensretter zu fragen. Erst 1996, er war inzwischen Senator von Arizona, traf er sich mit Van On und überreichte ihm eine 'Erinnerungsmedaille' des USA-Kongresses. Im Jahr 2000 bewarb sich McCain für die Republikaner um die Präsidentschaft. Die humane Rettungstat eines vietnamesischen Offiziers passte nicht ins Konzept seiner rechts ausgerichteten Wahlkampfreden und so behauptete er, die Nordvietnamesen hätten ihn misshandelt. (S. 24/25)

Viel erfährt man auch über die Kontakte der Korrespondenten aus aller Welt, zwischen denen die Gräben der verfeindeten Lager oftmals weit weniger ausgeprägt waren als zwischen ihren Regierungen. Denkt man an die zu Modulen der Kriegsmaschinerie mutierten eingebetteten Journalisten und Lautsprecher denkkontrollierender Propagandafabriken unserer Tage, muten diese Erinnerungen an einen Berufsethos, der dem kritischen Geist und Drang nach authentischer Berichterstattung mitunter noch nicht den Laufpaß gegeben hatte, beinahe an wie Erzählungen aus einer untergegangenen Epoche der Menschheitsgeschichte. Wenn man heute live im Fernsehen verfolgt, wie Flugzeuge, Panzer, Geschütze und Raketenwerfer ihre tödlichen Geschoße auf namenlose Ziele abfeuern, ahnt man kaum noch, daß man ausgeschlossener von dem Wissen um diese Vorgänge kaum sein könnte. Was man demgegenüber für primitive technische Mittel in chaotischen Verhältnissen halten mag, entpuppt sich in den Berichten des Autorenteams als ein außerordentlich lebendiger und parteiergreifender Zugang, dessen Qualität nicht nur aus der geteilten Lebensgefahr, sondern vor allem aus dem solidarischen Schulterschluß mit den Verteidigern erwächst.

Als deutsche Journalisten befassen sich die Autoren intensiv und aufschlußreich mit der Beteiligung von DDR und Bundesrepublik am Vietnamkrieg. Während der Osten Deutschlands auf vielerlei Weise solidarische Hilfe im Befreiungskampf leistete, zählte das verdeckte westdeutsche Engagement zugunsten der USA zu den schmutzigsten, kaum bekannten Kapiteln in der Geschichte der Bonner Republik. Obgleich sich etliche westliche Regierungen von der US-Aggression distanzierten und Frankreich sie sogar verurteilte, stellte sich die Führung der Bundesrepublik voll hinter Washington. Bundespräsident Heinrich Lübke beglückwünschte Präsident Johnson zu den ersten Luftangriffen auf Hanoi am 29. Juni 1966, und Kanzler Erhard hieß "alle Maßnahmen der Amerikaner" gut. Bonns Botschafter in Saigon, Dr. Wilhelm Kopf, lobte die Greueltaten, bei denen bis dahin mehr als tausend südvietnamesische Dörfer mit Napalm ausgelöscht und hunderttausende Menschen getötet oder verstümmelt worden waren, als "konsequentes Eingreifen". Verteidigungsminister Gerhard Schröder sprach sich "für eine Entsendung deutscher Soldaten auf den fernöstlichen Kriegsschauplatz" aus. Bonn stellte Rüstungsgüter, Kredite und Zuschüsse in Höhe von 1,165 Milliarden DM bereit. Unter den Regierungen Adenauer und Erhard leistete die Bundesrepublik auf der Grundlage eines "Devisenausgleichsabkommens" in Form von Waffenkäufen zwischen 1961 bis 1965 Devisenhilfe in Höhe von über 10,8 Milliarden DM.

Die Bundesrepublik beteiligte sich in verdeckter Form auch personell am Vietnamkrieg, indem rund 2.500 "technische Spezialisten" sowie Angehörige der Bundeswehr in amerikanischen Uniformen zum Einsatz kamen. Darunter befanden sich 1965 auch 121 Soldaten der Bundesluftwaffe, die unter anderem Bombenangriffe gegen Nordvietnam flogen. Auch lieferte man 40 Kampfhubschrauber der Bundesluftwaffe samt Flugpersonal. Hinzu kamen deutsche Legionäre, die sich an Kriegsverbrechen beteiligten.

Nachgewiesen ist zudem die deutsche Beteiligung am Einsatz chemischer Gifte und Kampfstoffe in Südvietnam. Zu den Partnern des Napalmproduzenten Dow Chemical gehörten die BASF, die Farbwerke Hoechst und die Bayer AG. Auch in der Bundesrepublik wurde an chemischen Waffen für den Einsatz in Vietnam gearbeitet. So stellte Hoechst Experten bereit, die den USA Unterlagen und Angaben für die Herstellung tödlicher Gase vom Typ Zyklon B überließen. Westdeutsche Chemiker und Bakteriologen arbeiteten in Südvietnam in einer Sondereinheit der US-Armee.

Gewürdigt wird von den Autoren auch die Protestbewegung in zahlreichen Ländern, darunter der Bundesrepublik und den USA, wie auch unter den Soldaten, der maßgebliche Bedeutung bei der Auseinandersetzung mit diesem Konflikt in den Metropolen zukam. Die Bewegung gegen den Vietnamkrieg trug nicht nur zur militärischen Niederlage der US- Amerikaner und ihrer Verbündeten bei, sondern war zugleich Initialzündung der politischen Bewußtwerdung einer ganzen Generation in den westlichen Ländern. Tribunale, wie sie von dem britischen Philosophen und Nobelpreisträger Bertrand Russel und den französischen Schriftstellern Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir einberufen wurden, erwuchsen zu Kristallisationskernen des Gewissens an den Heimstätten der Aggressoren und der von diesen profitierenden satten Gesellschaften.

Neben der unmittelbaren Anwendung massivster Waffengewalt machte ein Regime ebenso brutaler wie ausgeklügelter Repression das Leben der südvietnamesischen Bevölkerung zur Hölle.

Kehren wir zu Vietnam zurück, wo die USA zwei Jahrzehnte den bis heute ungeheuerlichsten Terrorfeldzug führten und Völkermord begingen. Was jetzt in Irak einen Anfang nimmt, wurde dort massenweise systematisch und geplant praktiziert. Beispiele für Tausende eingeäscherte Dörfer, Hunderttausende erschossener, erstochener, vergifteter oder zu Tode gefolterter Vietnamesen wurden bereits gebracht.

Wiederholt trafen wir in der Vertretung der FNL, später der RSV in Hanoi mit Menschen zusammen, die jahrelang gefoltert, gequält, verstümmelt worden waren. Es waren erschütternde Begegnungen und oft sträubte sich die Hand, die Bestialitäten zu Papier zu bringen. (...)

Das bereits geschilderte Con Son, auch Teufelsinsel genannt, war kein Einzelbeispiel, sondern Glied in der Kette von KZs und Zuchthäusern im Saigoner Machtbereich. Auf Con Son waren Zehntausend Gefangene eingekerkert. In dieser Größenordnung existierten über ein Dutzend KZs und Zuchthäuser, zu denen Hunderte von Lagern und Gefängnissen der örtlichen US- Kommandanturen und der Marionettenverwaltungen hinzukamen. 'Amnesty International' schrieb im Dezember 1972, dass die Zahl der politischen Gefangenen in Südvietnam zwischen 200.000 und 300.000 liege. (S. 202/203)

Den fundiert recherierten Kriegsberichten, die nicht zuletzt Perspektiven, Zusammenhänge und Details liefern, wie man sie westlicherseits vielfach kaum kennen dürfte, gesellt sich ein ausführlicher Streifzug durch die Geschichte Vietnams hinzu, dessen roter Faden der Kampf gegen Invasoren ist. Der erste Teil dieses historischen Überblicks erstreckt sich von der Feudalzeit über die frühbürgerliche Revolution und den Widerstand gegen die koloniale Eroberung bis hin zur Augustrevolution 1945 und endet mit einer Schilderung der Niederlage Frankreichs in Dien Bien Phu. Der zweite Teil befaßt sich mit den neuen Kolonialherrn, berichtet vom Aufbau der Befreiungsfront FNL, der Tongkin-Provokation und dem massiv anwachsenden Kriegseinsatz der USA bis zu dessen Ende beim Fall Saigons. Auch fehlt nicht ein kurzer Blick auf das heutige Vietnam, der den Exkurs durch die Geschichte abrundet.

Der erste Indochinakonflikt (1945-1954) war, je nach südostasiatischer oder europäischer Perspektive, ein nationaler Befreiungskrieg oder ein Dekolonisierungskonflikt. Zugleich handelte es sich im Verständnis aller Beteiligten um einen Revolutionskrieg, um eine klassen-, schichten- und regionalspezifische Auseinandersetzung zwischen Kommunisten, linken Intellektuellen, Nationalisten und Bauern einerseits sowie urbanen, antikommunistischen Nationalisten, der traditionellen Führungselite und den von ihnen rekrutierten Bauern andererseits. Daran schloß sich ein Bürgerkrieg im 1954 geteilten Vietnam an. Zum einen handelte es sich dabei um einen Bürgerkrieg innerhalb Südvietnams, dessen Dynamik in erheblichem Maße aus einem Konflikt zwischen Stadt und Land herrührte und der durch konkurrierende Ideologien aufgeheizt wurde. Zum anderen war es ein Bürgerkrieg zwischen den beiden Landesteilen Nord- und Südvietnam. Während der Norden eine unmittelbare Beteiligung bis 1964 öffentlich leugnete (aber seit 1959 aktiv beteiligt war) und den Konflikt dezidiert als Bürgerkrieg bezeichnete, verstand das Regime in Südvietnam den Konflikt als zwischenstaatlichen Krieg, bei dem der nördliche Landesteil als Aggressor auftrete. Dieser Bürgerkrieg ging im Mai 1975 mit dem vollständigen Sieg des Nordens und der Wiedervereinigung Vietnams zu Ende.

Vor allem das Engagement der Vereinigten Staaten und Chinas sowie später auch der Sowjetunion machte den Konflikt zu einem Schlachtfeld des Kalten Krieges, zu einem Stellvertreterkrieg im Rahmen der Systemauseinandersetzung zwischen kapitalistischen und kommunistischen Gesellschaften. Unmittelbar griffen die Vereinigten Staaten seit 1954 in den Konflikt ein, indem sie den südlichen Teil Vietnams militärisch und wirtschaftlich unterstützten. Bis 1965 kam es zu einer schrittweisen, mit einem personellen Aufbau verbundenen Intensivierung des amerikanischen Engagements. Der Rückzug nach sieben Jahren des amerikanischen Luft- und Bodenkrieges (1965-1973) war eine Kombination von militärischem Patt und innenpolitischen Faktoren. Er reflektierte auch die späte Anerkennung der Tatsache, daß das internationale System im Kalten Krieg nicht bipolar, sondern multipolar konfiguriert war. Mit der Aufnahme amerikanischer Beziehungen zu China, der amerikanisch- sowjetischen Entspannung und der Fortdauer der chinesisch-sowjetischen Konkurrenz verlor Vietnam seine Bedeutung als Schlachtfeld des Kalten Krieges.

In ihrem Epilog stellen die Autoren unter der Überschrift "Damals Vietnam - heute Irak" jenen geradezu zwangsläufigen Bezug her, der Licht auf die Frage wirft, ob man tatsächlich aus der Geschichte lernen kann. Daß das für die Strategen der neuen Weltordnung gilt, steht außer Frage, sind sie es doch, die Geschichte maßgeblich machen und dabei den Verlauf des Projekts Herrschaft fortgesetzt evaluieren und zu perfektionieren trachten. Natürlich findet man im sogenannten Tonkin-Zwischenfall dasselbe Muster eines systematisch produzierten Vorwands zur Rechtfertigung eines Angriffskriegs wie in den Anschlägen vom 11. September 2001 oder den angeblichen Massenvernichtungswaffen des Irak, um nur eine von vielen Parallelen zu nennen. Zukunftsentscheidend dürfte indessen sein, ob es auch den potentiellen Opfern dieser beabsichtigten Durchsetzung eines bestimmten Geschichtsverlaufs gelingt, aus der Vergangenheit zu lernen. Soweit eine in Buchform gefaßte Erinnerung einen Beitrag dazu leisten kann, zählt "Sieg in Saigon" sicher zu den empfehlenswertesten Werken seiner Art.

Das Buch ist 2005
im Pahl-Rugenstein Verlag, Bonn, erschienen,
hat 237 Seiten und kostet 19,90 Euro.
ISBN 3-89144-366-8



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REZENSION/344: Newth - Die Krähe, die nicht bis 5 zählen konnte



Eirik Newth


Die Krähe, die nicht bis 5 zählen konnte

Geschichten aus der tollen Welt der Zahlen



Die Menschheit läßt sich grundsätzlich in zwei Arten unterteilen: Für die Mehrheit ist Mathematik ein Buch mit sieben Siegeln, für die Minderheit hingegen vollkommen logisch. Die Grauzone dazwischen ist gewiß nicht unbevölkert, aber ordnen wir sie der mathematischen Einfachheit halber der einen oder anderen Seite zu. Nun interessiert es manche Vertreter aus der zweiten Gruppe herzlich wenig, daß sie von den der ersteren nicht verstanden werden, Hauptsache, sie können Mathematik betreiben. Das sind die Wissenschaftler, die dürfen das. Die werden fürs Zählen bezahlt.

Andere aus der zweiten Gruppe bemühen sich dagegen sehr, den vielen Unwissenden Mathematik beizubringen. Das sind mitunter Eltern, Freunde oder ältere Geschwister (selten), Lehrer (recht häufig) oder eben Buchautoren (hin und wieder). Und wo wir so schön beim Aufzählen, Einteilen und Vergleichen sind: Alle Personen, die anderen mathematisches Denken beizupuhlen versuchen, lassen sich unterscheiden in wenige, denen das gelingt, und leider sehr viele, die an dieser Aufgabe scheitern.

Zu letzteren zählt der Autor des Buchs "Die Krähe, die nicht bis 5 zählen konnte". Im Untertitel verspricht Eirik Newth "Geschichten aus der tollen Welt der Zahlen", was durchaus zutrifft, denn es wird die ein oder andere Anekdote zum besten gegeben, nur - an wen richtet sich das Buch eigentlich?

Es beginnt mit dem einfachen Abzählen, was für völlige Mathe- Anfänger nützlich sein könnte, führt aber gleich über zur Bruchrechnung (Mittelstufe) und endet mit der Beschreibung des binären Codes auf einer als Absender dienenden Plakette für Außerirdische an der Außenwand der Raumkapsel Pioneer, die das Sonnensystem verlassen hat (Lehrerfortbildungsseminar?). Dazwischen liegen Kapitel oder Abschnitte zu Primzahlen, Geheim- Codes, Dimensionen, Rationalen Zahlen, Computerviren, zur Pi- Formel, Potenzrechnung und Quadratwurzel sowie zum Dezimal- und anderen Zahlensystemen.

Wohlwollend formuliert: Ganz schön starker Tobak für Grundschüler! Anders gesagt: Das ist für sie eine völlige Überforderung, die nur in Frust münden kann. Und für ältere Semester stellt das Buch eine völlige Unterforderung dar, ein als albern aufgefaßter Versuch, pädagogisch auf sie einwirken zu wollen. So etwas löst bei Schülern gewöhnlich den unbedingten Abwehrreflex aus.

Alle Kapitel sind reichlich illustriert, und zwar auf eine Weise, die deutlich macht, daß sich das Buch augenscheinlich an Kinder richtet, genauer gesagt an kleine Kinder, die vermutlich noch in die Vorschule, allenfalls in die erste oder zweite Klasse gehen. In allen höheren Klassen wären die Kinder schon wieder so vernünftig und um Abgrenzung zu jenem Alter bemüht, das sie soeben erst erfolgreich hinter sich gelassen haben, daß sie auf die kindgerechten Illustrationen kaum ansprechbar sein dürften.

Erst wenn aus den Kindern Erwachsene geworden sind, die wiederum Kinder in die Welt gesetzt haben und sich nun daran erinnern, daß sie Mathematik ab einer bestimmten Klasse partout nicht mehr begriffen haben, und sich jetzt wünschen, ihren eigenen Nestlingen jenen schulischen Leidensweg zu ersparen, indem sie ihnen ein vermeintlich sinnfälliges Mathebuch als Aufmunterung schenken, betritt die eigentliche Zielgruppe die Bühne (und den Buchladen): Die mathematisch unbewanderten, gerade mal bis sieben Siegel zählenden Eltern, die einst gehofft hatten, dem für sie nervigen Schulfach endgültig entkommen zu sein und sich nun, ratlos wie eh und je, im Leid ihres Nachwuchses erneut mit Mathe konfrontiert sehen.

Diesen Eltern sei geraten: Tun Sie sich (und Ihrem Kind) dieses Buch nicht an! Fallen Sie nicht auf das Versprechen herein, daß Mathematik ganz einfach sei! Fragen Sie eine Person ihres Vertrauens, zu welcher kindgerechten mathematischen Begleitlektüre sie Ihnen rate. Oder trauen Sie sich ein eigenes Urteil zu. In diesem Fall empfiehlt es sich, zum Beispiel (rein zufällig) Seite 41 aufzuschlagen und zu prüfen, ob Sie ernsthaft glauben, daß Ihr Sprößling das Kapitel "Die Ewigkeit in Pi" begreifen wird.

Nun sollte von einem Mathebuch, das keinen curricularen Erfordernissen genügen muß, nicht erwartet werden, daß es den üblichen Lehrstoff nur eben in leicht abgewandelter Form präsentiert. Im Gegenteil, es soll ergänzen oder Einstiegshilfen liefern, wo Schulbücher Schwächen zeigen. Es gibt durchaus nützliche und zugleich unterhaltsame Bücher zur Welt der Mathematik, die altersgerecht präsentiert werden und lehrreich sind. Aber deren Autoren, bzw. Autorinnen werben nicht damit, daß ja alles ganz einfach sei und man nur ihr Buch zu lesen brauche, um ein ganz besonderes Verständnis von Mathematik zu gewinnen. In der Ankündigung des Hanser-Verlags lesen wir dagegen: "Angst vor Mathe? Eirik Newth fegt sie einfach weg!" Dem wäre an dieser Stelle klärend hinzuzufügen: Und da liegt nun der ganze zusammengefegte Haufen Angst in irgendwelchen unzugänglichen Ecken oder unter dem Teppich, wo er ein Leben lang gemieden werden muß.

Gute Sachbuchautoren zum Thema Mathematik kommen in der Regel aus der pädagogischen Praxis, seltener - wie Newth, der Astrophysik studiert hat - aus dem Wissenschaftsbetrieb. Jemand, der selber Mathematik anwenden kann, muß noch lange kein guter Vermittler dieser abstrakten Materie sein. Und wenn jemand behauptet, daß Mathematik "ein Teil der Natur um uns herum" ist und daß auch Tiere zählen können, "weil die Mathematik überall vorkommt: in Wind und Wasser, auf Sternen und Planeten, im Gehirn von Insekten und Vögeln und sogar von Schülern, die sich in der Mathestunde langweilen" (S. 6), dann mag er damit ein Schmunzeln auslösen, aber er übersieht, daß es sich bei Mathematik um ein angelerntes und nicht natürlicherseits vorgegebenes Beschreibungssystem handelt. Deshalb ist es für die Vermittlung von Mathematik unabdingbar, daß sich jemand in den Lernenden hineinversetzen kann und weiß, welche Probleme und Fragen dieser hat. Ein Autor oder Lehrer wäre somit besser beraten, wenn er seine eigene Sichtweise von der Mathematik als Universalschlüssel zur Erklärung der Welt und einfach allem der Sichtweise des um Verstehen ringenden Schüler nachordnete.

Wahrscheinlich haben viele, die diese Zeilen lesen, selber die unangenehme Schulerfahrung machen müssen, daß sie ab einer bestimmten Stufe in der Mathematik den Anschluß verloren und ihn auch zeit ihrer schulischen Karriere nicht mehr zurückgewonnen haben. Die Betroffenen finden sich meist damit ab und halten sich eben für zu dumm, um Mathematik zu begreifen. Welcher Schüler oder Erwachsene besitzt schon so viel Selbstbewußtsein, zu behaupten, daß ein nicht unerheblicher Teil des eigenen Versagens mit der begrenzten Fähigkeit des Lehrers, den Stoff zu vermitteln, zu tun hat?

Nehmen wir zum Beispiel Newths Versuch, die Theorie der Raumdimensionen mit den Begriffen "Flachland" (zwei Dimensionen), "Raumland" (drei Dimensionen) und "Hyperland" (vier Dimensionen) zu erklären. Dazu schrebit der Autor:

Wir haben drei Dimensionen. Oder wie die Mathematiker sagen würden: Wir leben in einer dreidimensionalen Welt. Stell dir jetzt vor, es gäbe noch eine weitere Dimension. Neben Länge, Breite und Höhe eine Art "Super-Höhe". Diese vierte Dimension können wir mit dem Verstand unmöglich fassen, da wir auf einem Planeten geboren und aufgewachsen sind, auf dem nichts und niemand mehr als drei Dimensionen hat. Doch die Mathematik sagt uns, dass es die vierte Dimension dennoch gibt. (S. 24)

Mit anderen Worten, der Leser soll sich etwas vorstellen, von dem im selben Absatz behauptet wird, daß es unvorstellbar sei. Ist es nun dumm seitens des Schülers, wenn er das nicht begreift? Oder ist es ein Zeugnis des Unvermögens seitens des Autors, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen?

Ein Mathematiker rechnet selbstverständlich mit drei, vier oder unendlich vielen Dimensionen, das ist für ihn kein Problem, solange er innerhalb des Regelwerks bleibt, auf das sich die Mathematiker geeinigt haben. Verläßt er jedoch das abgesteckte Terrain und versucht, den Eindruck zu erwecken, Mathematik sei etwas anderes als die strikte Befolgung von Rechenvorschriften, befördert er damit ein weltanschauliches Anliegen. Das dürfte bei vielen Lernenden zur Verwirrung führen, da sie damit nicht gerechnet haben.

Im übrigen ist es fraglich, ob es Sinn macht, in einem Buch, das als "Hinführung zur Mathematik" angekündigt wird, den Schülern zu empfehlen, eine einfache Multiplikation mit Hilfe des Taschenrechners nachzuprüfen (S. 31). Kurzum, Krähen, die nicht bis fünf zählen können, werden dies auch nach der Lektüre von Eirik Newths Buch nicht schaffen ...


15. August 2006

Eirik Newth: "Die Krähe, die nicht bis 5 zählen konnte. Geschichten aus der tollen Welt der Zahlen", Carl Hanser Verlag, München, Wien 2006. 12,90 Euro. ISBN-10: 3-446-20446-6 ISBN-13: 978-3-446-20446-1



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REZENSION/345: Otto Karl Werckmeister - Der Medusa-Effekt



Otto Karl Werckmeister


Der Medusa-Effekt

Politische Bildstrategien seit dem 11. September 2001



"Wir wissen bis heute so gut wie nichts über die geschichtlichen Zusammenhänge des Anschlags vom 11. September 2001." Was der Kunsthistoriker Otto Karl Werckmeister kategorisch über das wohl bildmächtigste Ereignis der jüngeren Zeitgeschichte feststellt, gerät unter der anhaltenden Präsenz der Eindrücke dieses Tages leicht in Vergessenheit. Daß die Anschläge auf New York und Washington praktisch unaufgeklärt geblieben sind, ist das Ergebnis einer politischen Strategie, die die große Wirkung der Attentate auf die Weltöffentlichkeit unverzögert in exekutive Handlungsvollmachten umgemünzt hat. Der mit dem 11. September 2001 ausgerufene Terrorkrieg hält auch fünf Jahre danach noch an und wird, wie zumindest den Aussagen seiner führenden Betreiber zu entnehmen ist, die Welt noch für lange Zeit heimsuchen.

Um so prekärer ist die Diskrepanz zwischen dem Wissensstand der Regierungen und Sicherheitsapparate, die trotz oder gerade wegen der Behinderung und Vermeidung einer gründlichen Aufklärung der Ereignisse des 11. September 2001 "über umfassende und ständig wachsende Dossiers verfügen, um die Geschichtsbewegung aufzuklären, die zu den Anschlägen führte und die aus ihnen bis heute folgt", und einer "bis zum heutigen Tag im Dunkeln" (S. 51) gelassenen Öffentlichkeit.

Werckmeister begibt sich mit der grundlegenden Zweiteilung der Welt elektronischer Bildtechnologien in eine operative und eine informative Bildersphäre auf die Spur dieser Herrschaftstechnik. Während die operative Sphäre mit ihrer "Datenbasis von Abbildungen, Bildkonstruktion, Formeln und Texten" (S. 7) den administrativen Informationsfluß speist und damit wesentlich zur politischen Willensbildung beiträgt, betrifft die informative Sphäre die mediale Oberfläche, die, am Beispiel der Berichterstattung über den 11. September 2001 exemplarisch dargestellt, mit emotional aufgeladener Ästhetik der Ratio herrschender Interessen genehme Wirklichkeiten eindrücklich inszeniert.

Werckmeister stellt gleich zu Beginn seines Buches klar, daß es nicht ausreiche, die Relevanz digitaler Bilderwelten an ihrer Tauglichkeit, Realität authentisch abzubilden, erkenntnistheoretisch in Frage zu stellen. Für den an der Northwestern University in Evanston, Illinois, lehrenden Kunsthistoriker bietet allein die politische Kritik an der nichtvorhandenen Verfügbarkeit herrschaftstechnisch wichtigen Bildmaterials, also das Drängen der demokratischen Öffentlichkeit auf Transparenz und Beteiligung, die Chance auf eine emanzipatorische Handhabung der technischen Reproduktion optischer Wahrnehmung.

So problematisiert er die massenhafte Produktion von Bildern durch die um sich greifende Infrastruktur der Videoüberwachung bei gleichzeitiger Einbehaltung des aufgezeichneten Materials durch die Behörden und Unternehmen, die es auswerten. Die Anonymität der Exekutivorgane, die sich mittels eines gigantischen Stroms operativen Bildmaterials Kenntnis über den einzelnen Menschen verschaffen, steht in krassem Gegensatz zur Exposition individueller Belange, die die Observatoren des Staates wie der privaten Sicherheitsindustrie eigentlich nichts angehen. Der technische Charakter dieses Bildmaterials tut seinem Nutzen für administrative Prozesse keinen Abbruch, ganz im Gegenteil, er ojektiviert Entscheidungsprozesse bis hin zur automatisierten Auswertung etwa beim Abgleich im öffentlichen Raum registrierter biometrischer Gesichtsmerkmale oder von Autobahnkameras aufgenommener Nummernschilder mit den Datenbanken der Ermittlungsbehörden.

Der Versachlichung des operativen Bildmaterials gegenüber wird die informative Bildersphäre laut Werckmeister zusehends von einer "instinktiven Relativierung jedweder Bildinformationen" (S. 13) gerade deshalb in Mitleidenschaft gezogen, weil ihr subjektiver Charakter vor dem Hintergrund des technischen Formalismus der Kontroll- und Überwachungskameras besonders hervorsticht. Wie die restriktive Bildpolitik öffentlicher Akteure wie privater Institutionen in all jenen Fällen beweist, in denen sich demokratischer Widerspruch an besonders eindrücklichen Bilddokumenten entzünden könnte, geht es längst nicht mehr darum, die Menschen mittels Bildmedien im klassisch emanzipativen Sinne aufzuklären. Die anwachsende Flut bildtechnisch gespiegelter Wirklichkeit steht viel mehr im umgekehrten Verhältnis zur Tauglichkeit der daraus zu ziehenden Handlungsanweisungen und Schlußfolgerungen für die Bemittelung des Individuums, seiner fremdbestimmten Vergesellschaftung Herr zu werden.

Da die vollständige Integration des Subjekts in den kapitalistischen Verwertungszusammenhang Grundvoraussetzung seiner Verfügbarkeit ist, läßt sich der Anspruch, stets informiert zu sein, auch als Praxis umfassender Konditionierung übersetzen. Das kann angesichts von Medienkonzernen, die integraler Bestandteil des Kapitalverhältnisses sind, nicht weiter erstaunen, dennoch hält sich die Vorstellung, man habe über die farbig illuminierten Zeilen des Fernsehbildschirms oder die Pixel des Computermonitors Zugriff auf die materiellen Kriterien dessen, was unter dem Begriff der Wirklichkeit erst einmal aussagt, daß man fremden Kräften und Wirkungen ausgesetzt sind, hartnäckig.

Der von Werckmeister ausgeführte Antagonismus zwischen operativer und informativer Bildsphäre konvergiert denn auch in dem einen Interesse, die umfassende Verfügbarkeit des Menschen für ihm möglicherweise konträre Zwecke und Ziele sicherzustellen. Der Autor kritisiert zwar den "reflexiven Automatismus der Bildrelativierung" als den Objekten der Betrachtung in seiner Flüchtigkeit nicht gerecht werdend, spricht dem "Bewusstsein einer videoelektronischen Manipulation der Gesellschaft" (S. 17) jedoch durchaus Gültigkeit zu.

Das Problem bestände allerdings darin, daß der dadurch geschaffene "charakteristische Modus intermedialer Reflexion" zu einem verzerrten Eindruck von der Wirkmächtigkeit der Kontroll- und Überwachungssphäre führte:

In den Installationen der institutionell approbierten Hochkunst, wie sie in Museen und Ausstellungen inszeniert wird, thematisieren Videokameras und Bildschirme die Sehbedingungen der Exponate. Die fantastischen Szenarien der Massenkunst von Film und Comic Strip dämonisieren die videoelektronische Kontrolle der Lebenswirklichkeit als utopisches Extrem universaler Verfügung. Um authentisch zu wirken, sieht sich die Massenkunst zur Anpassung ihrer Darstellungsformen an die Sehkonventionen der elektronischen Bildproduktion und Bildübermittlung gezwungen. Dabei werden die videoelektronischen Sehformen einerseits ästhetisch rückgebildet, andererseits funktional übertrieben, so dass es aussieht, als sei ihre Wirkmacht schrankenlos. (S. 17)

Auf diese mediale Entuferung einer profanen Realität, deren administrative Determination bei aller spektakulären Inszenierung ihrer Kriege und Katastrophen weitgehend unverknüpft bleibt, so daß kein wirkliches Verständnis für die Machtverhältnisse in der modernen Kontrollgesellschaft entsteht, reagiert die Massenkultur laut Werckmeister mit der Rückversicherung "an traditionellen Formen realistischer Bildkultur". Die Analyse dieser "fiktionalisierten Form, die das Unheil der gegenwärtigen Zivilisation ebenso suggestiv wie hypothetisch beschwört und die zeitgeschichtliche Desorientierung durch altvertraute Handlungsmuster beschwichtigt" (S. 17), steht im Mittelpunkt des mit Illustrationen fotografischer wie zeichnerischer Art reich versehenen Buches.

So stellt Werckmeister wichtige Kriegsfotografen anhand ihrer ausführlich kommentierten Bilder vor und bringt die Art und Weise ihrer Berichterstattung in Zusammenhang mit den Intentionen der kriegführenden Staaten. Beim Betrachten der Bilder der Anschläge des 11. September 2001 fordert der Autor zu "noch radikalerer Skepsis" auf, "als die historische Fotografie ohnehin erfordert" (S. 51), und weist anhand eines etwa zeitgleich veröffentlichten Comics aus dem Magazin Heavy Metal nach, daß die visuelle Medienkultur die Ikonographie dieses weltbewegenden Ereignisses bereits vorweggenommen hatte. Der Kontrast zwischen der bis heute andauernden Rotation des bekannten Bildmaterials zur Zerstörung des New Yorker World Trade Centers, die das kollektive Bewußtsein der westlichen Welt mit der Selbstevidenz des Terrorkriegs imprägniert, und der weitgehenden Ausblendung allen relevanten Bildmaterials aus den Kriegen in Afghanistan und im Irak belegt die These Werckmeisters von einer "bildpolitischen Kriegführung, in der Unterdrückung und ideologische Überdeterminierung von Bildern einander steigern" (S. 61).

Der zweite Teil des Buches besteht aus einem Essay über den japanischen Manga-Trickfilm-Regisseur Mamoru Oshii, an dessen futuristischen Zeichentrick- und Animationsfilmen Werckmeister unter anderem die Penetration des menschlichen Körpers mittels invasiver Formen der Bildübertragung darstellt, so daß dem titelgebenden Blick in die Augen der Medusa nicht mehr ausgewichen werden kann. Solange die Trennung von operativer und informativer Bildsphäre dafür sorgt, daß die Schrecken des Medusenhauptes außerhalb der exekutiven Zentralen, die sie mit ihrer in Echtzeit Kontinente übergreifenden Kriegführung in die Welt setzen, durch ihre Spiegelung "in den symbolischen Fiktionen oder Reflexionen des Zweifels" (S. 23) gebannt werden, führt die Regulation des herrschenden Gewaltverhältnisses zum erwünschten Ergebnis relativer Befriedung virulenter Widersprüche.

Der Medusa-Effekt illustriert den Verblendungscharakter medialer Berichterstattung anhand des Manövers des antiken Helden Perseus, sich durch den Blick in seinen Schild davor zu schützen, der tödlichen Wirkung des Gorgonenantlitzes ausgesetzt zu sein. Daß Perseus das gespiegelte Abbild der Medusa dafür nutzte, ihr den Kopf abzuschlagen und so mittels einer Technik der Bildwiedergabe über den Schrecken ihrer Direktheit zu obsiegen, ließe sich allerdings auch im Sinne einer Tabufunktion interpretieren, die es dem Menschen ermöglicht, mit Kräften Umgang zu haben, denen er ansonsten hoffnungslos ausgeliefert wäre. Der Verzicht auf die Praxis gesellschaftlicher Exposition, die alles ins grelle Licht einer erbarmungslos skandalisierenden und verurteilenden Öffentlichkeit zerrt, deren Subjektanspruch an der Namenlosigkeit ihrer voyeuristischen Passivität und bürokratischen Instanzenwege bricht, könnte auch als Anlaß zur Emanzipation durch selbstbestimmte Einmischung verstanden werden.

Noch wird die operative Bildersphäre, "deren subjektlose Sehvorgänge die Wirklichkeit bestimmen", von Menschen kontrolliert, die damit sehr menschliche, sprich räuberische Ziele verfolgen. Auch wenn sich die informative Bildersphäre aller Mittel der Verführung und Einschüchterung bedient, um die Gesellschaft umfassender Kontrolle zu unterwerfen, so liegt es am Betrachter, ob er sich ihr ausliefert und darauf verzichtet, "den symbolischen Fiktionen oder Reflexionen des Zweifels" (S. 23) zu seinen Gunsten auf den Grund zu gehen. Die Wirkmächtigkeit des elektronisch reproduzierten und vervielfältigten Bildes steht und fällt mit den Menschen, die sich entweder der Trägheit eines Konsums überlassen, an dem sie wie jene immer gleichen Wellen, die die Steine erzeugen, die die Produzenten dieser Bilderwelt in den Teich der kollektiven Wahrnehmung werfen, verebben, oder die der allgegenwärtigen Observanz wertender und strafender Gewalten ihren unverbrüchlichen Eigensinn entgegenstellen. Medusa heißt "Herrscherin", und wenn Fremdbestimmung und Vergesellschaftung als Basis ihrer Herrschaft fungieren, dann liegt die todbringende Wirkung ihres Antlitzes in der Bindekraft, die der Beherrschte mit der Aggression und der Faszination, mit der Angst und der Gier seines Blickes zur Disposition stellt.

20. August 2006


Das Buch ist 2005 beim Verlag Form und Zweck, Berlin, erschienen, hat 120 Seiten 36,- Euro. ISBN 3-935053-04-5



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REZENSION/346: Jürgen Cain Külbel - Mordakte Hariri (Nahost-Politik)



Jürgen Cain Külbel


Mordakte Hariri

Unterdrückte Spuren im Libanon



Als am 14. Februar 2005 der Baumilliardär und ehemalige Premierminister des Libanons, Rafik Hariri, zusammen mit sieben Leibwächtern und zwölf unbeteiligten Personen bei einem massiven Bombenanschlag auf seinen Autokonvoi im Stadtzentrum von Beirut ums Leben kam, zögerte die Regierung von US-Präsident George W. Bush keine Millisekunde lang mit der Behauptung, hinter dem gräßlichen Mord stecke Syrien, dessen Truppen zu diesem Zeitpunkt seit über 20 Jahren als Schutzmacht im Nachbarland stationiert gewesen waren. Ungeachtet des berechtigten, leider viel zu wenig publizierten Einwands aus Damaskus, mit demselben Argument könnte man den amerikanischen Sicherheitsapparat hinter den Flugzeuganschlägen vom 11. September 2001 vermuten, wurde Syrien unter massiven, internationalen Druck gesetzt, innerhalb weniger Wochen seine Soldaten aus dem Libanon abzuziehen. Darüber hinaus richteten die Vereinten Nationen eine Untersuchungskommission ein, die sich bis heute offenbar ausschließlich mit denjenigen Spuren befaßt hat, die, wie dürftig auch immer, in Richtung Damaskus und der Regierung von Präsident Baschar El Assad weisen.

Als im Juni dieses Jahres der Militärgeheimdienst und die Polizei in Beirut einen erfolgreichen Schlag gegen den "internationalen Terrorismus" einschließlich der Festnahme mehrerer Teilnehmer und Organisatoren einer Reihe von tödlichen Bombenanschlägen der letzten Jahre im Libanon meldeten, wurde dies von der westlichen Presse praktisch totgeschwiegen. Selbst die Bemühungen Beiruts, die gewonnenen Erkenntnisse über die Anschlagsserie dem UN-Sicherheitsrat in New York vorzulegen, wurden vor allem auf Betreiben des dortigen US- Botschafters John Bolton vereitelt.

Der Grund für die völlig unterschiedlichen Reaktionen der selbsternannten "internationalen Gemeinschaft" einerseits auf den Hariri-Mord und andererseits auf die Aushebung eines ganzen "Terror- Netzwerkes" durch die libanesischen Sicherheitsbehörden ist leicht erklärlich. Ersterer Fall eignete sich aus der Perspektive bestimmter Kreise als perfektes Mittel, um den "Schurkenstaat" Syrien dermaßen in die Isolation zu treiben, daß sich eventuell ein "Regimewechsel" in Damaskus herbeiführen ließe, während im letzteren Fall die Täter offenbar alle im Solde Israels, genauer gesagt dessen Auslandsgeheimdienstes Mossad standen, was natürlich nicht in das manichäische Schwarz-Weiß-Bild vom "globalen Antiterrorkrieg" als Existenzkampf des Westens gegen durchgedrehte Kalifatsanhänger und bärtige Islamisten paßt und bei allzu großer Verbreitung nur zu Irritationen beim europäischen oder nordamerikanischen Fernsehnachrichtenkonsumenten hätte führen können (Nicht ohne Grund brachte Robert Parry, der in den achtziger Jahren als Newsweek- Journalist wesentlich zur Aufdeckung der Iran-Contra-Affäre beigetragen hat, in dem am 8. August bei der elektronischen US- Politzeitschrift Consortium News erschienenen Artikel "A 'Pretext' War in Lebanon" die These auf, die jüngsten dieser offensichtlich auf Betreiben Tel Avivs durchgeführten Anschläge dienten dem Zweck, in Form von Vergeltungsaktionen entweder palästinensischer Widerstandsgruppen oder der schiitischen Hisb-Allah-Miliz einen Vorwand für jenen ohnehin länger geplanten Libanonfeldzug zu erzeugen, den man folgerichtig nach der Gefangennahme zweier israelischer Soldaten am 12. Juli vom Zaun brach).

Von welchen Kreisen hier die Rede ist, erläutert en Detail wie auch mit spürbarem Genuß an der Häresie Jürgen Cain Külbel in seinem Buch "Mordakte Hariri - Unterdrückte Spuren im Libanon". Nach Ansicht von Külbel geht die "Terrorserie" der letzten Jahre im Libanon, darunter die sich stark ähnelnden Autobombenanschläge auf Hariri wie auf Elie Hobeika Anfang 2002, wenige Tage, bevor der ehemalige libanesisch- christliche Milizenführer in Verbindung mit den Ermittlungen belgischer Behörden nach Brüssel fliegen sollte, um gegen den damaligen israelischen Premierminister Ariel Scharon wegen dessen Schlüsselrolle beim Massaker an Hunderten, möglicherweise Tausenden Palästinensern in den Flüchtlingslagern Sabra und Schatila im Herbst 1982 auszusagen, auf die in den USA seit dem Einzug George Bushs und Dick Cheneys ins Weiße Haus und Donald Rumsfelds ins Pentagon Anfang 2001 tonangebende, neokonservative Kamarilla, ihre ideologischen Streitgefährten in rechtsgerichteten Militär- und Politkreisen in Israel sowie deren beider Handlanger bei den ehemaligen christlichen Milizionären des Libanons - sei es vor Ort oder im Exil - zurück.

Zunächst nimmt sich Külbel, der Kriminalistik an der Berliner Humboldt- Universität studierte und anschließend von 1974 bis 1988 auf diesem Gebiet in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) arbeitete, die Beweislage im Mordfall Hariri vor. Dabei stößt er auf jede Menge Widersprüche in der offiziellen Version, wie sie bisher von den UN- Ermittlern Peter Fitzgerald, dem Stellvertretenden Präsidenten der irischen Garda Síochána, und Detlev Mehlis von der Berliner Staatsanwaltschaft präsentiert worden ist. Das kurz nach dem nicht nur in seiner politischen Wirkung verheerenden Hariri-Attentat dem arabischen Nachrichtensender Al Jazeera zugespielte und von diesem ausgestrahlte Bekennervideo stammte von einer Gruppe, von deren Existenz niemand bis dahin wie auch danach etwas gehört hat. Der vermeintliche Selbstmordattentäter, der das Bombenauto gefahren haben soll, hatte nach Angaben seiner Eltern nicht gelernt, einen Wagen zu steuern.

Der von der Explosionswucht erzeugte, gigantische Krater deutet darauf hin, daß die eigentliche Bombe - beziehungsweise eine zweite Bombe - unter einem Gullideckel in der Straße versteckt worden war. Der beim Anschlag offenbar verwendete Wagen war in Japan gestohlen worden, und bis heute kann sich niemand erklären, wie das Fahrzeug um die halbe Welt in die Levante gelangt ist. Jedenfalls spricht dieser Aspekt nicht gerade für eine Verwicklung staatlicher, syrischer Stellen (Interessanterweise meldete am 2. Oktober 2005 die Tageszeitung Boston Globe, nach Angaben des FBI würden bei den Anschlägen im Irak nicht wenige gestohlene Autos aus den USA verwendet - ohne jedoch auf den naheliegende Gedanken zu kommen, daß nicht Osama Bin Ladens Al Kaida, sondern Don Rumsfelds hochgeheime "Dirty-tricks"-Abteilung P2OG dahinterstecken könnte). Darüber hinaus scheint festzustehen, daß der Störsender, mit dem Hariris gepanzerte Limousine ausgerüstet war, kurz vor der Explosion ausgeschaltet wurde, was eine per Funk ausgelöste Zündung der Bombe in unmittelbarer Nähe des Autokonvois ermöglicht hätte. Des weiteren sollen Aussagen der beiden Hauptbelastungszeugen, die zunächst für eine Verwicklung syrischer Regierungsbeamter in den Hariri-Anschlag bürgten, aufgrund entweder von Bestechung oder Erpressung oder einer Mischung aus beidem zustande gekommen sein.

Nachdem Külbel auf die Argumente eingeht, die für eine Verantwortung entweder Syriens oder irgendwelcher Geschäftsrivalen für die Ermordung Hariris sprechen, um diese ob ihrer Dürftigkeit für unzureichend zu erklären, richtet er sein Augenmerk auf diejenigen Personen, die seines Erachtens bei näherer Betrachtung der Faktenlage als eigentliche Hauptverdächtige in Frage kommen müßten, nämlich pro- westliche, libanesische Exilgruppen sowie ihre Förderer in Israel und den USA. Bei ihnen läßt sich Motiv, Mittel und Gelegenheit im Übermaß feststellen. Zwecks näherer Erläuterung führt Külbel den Leser durch die Wirrungen des libanesischen Bürgerkrieges, des israelischen Einmarsches 1982 und dessen Folgen, darunter die jahrelange Besetzung Südlibanons durch die Israeli Defense Forces (IDF) bis zu ihrem plötzlichen Rückzug 2000 zusammen mit mehreren Tausenden von ihnen abhängiger, weil jahrelang kollabierender Mitglieder der christlichen South Lebanese Army (SLA).

Külbel gelingt es, durch das im ersten Moment scheinbar unentwirrbare Personen- und Gruppengeflecht bei den libanesischen Exilantenorganisationen in den USA durchzusteigen, und legt ihre unheilstiftenden Verbindungen zu rechtsgerichteten Likudkreisen in Israel sowie zu den einflußreichen Neokonservativen Amerikas frei. Mit stichhaltigen Argumenten siedelt er den Hariri-Anschlag einschließlich der darauf vom Westen gefeierten "Zedern-Revolution" und des Abzugs der Syrer aus dem Libanon bei jenen umfassenden Plänen Tel Avivs und Washingtons für einen "Neuen Nahen Osten" an, für die der gewaltsame Sturz Saddam Husseins und die Besetzung des Iraks nur der erste Schritt war.

Als Urmanifest solcher neo-machiavellistischen Überlegungen gilt das berüchtigte Strategiepapier "A Clean Break", das eine Gruppe namhafter Zionisten in den USA unter der Leitung des neokonservativen Obergurus Richard Perle 1996 für den damals frischgewählten, israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu erstellt hat und das eine Abkehr vom Prinzip "Land für Frieden" und statt dessen eine mit militärischen Mitteln herbeigeführte Umformung der politischen Landschaft zwischen Mittelmeer und Persischem Golf vorsah. Seit George W. Bush Präsident der USA ist, bekleiden Perles ideologische Streitgefährten und politische Zöglinge im Stab vom Vizepräsidenten Cheney (David Wurmser), im Verteidigungsministerium (Douglas Feith, William Luti), im Außenministerium (John Bolton) und im Nationalen Sicherheitsrat (Elliot Abrams) wichtige Posten, während der ehemalige Stellvertretende Verteidigungsminister Ronald Reagans und Vertreter des American Enterprise Institute (AEI) selbst dank seiner Position als führendes Mitglied des Beratergremiums Defense Policy Board (DPB) des Pentagons großen Einfluß auf die Außen- und Sicherheitspolitik Washingtons ausübt.

Die Neocons und ihre Likud-Freunde bedienen sich libanesischer wie übrigens auch syrischer und iranischer Exilgruppen genauso dreist, wie sie es im Vorfeld des angloamerikanischen Einmarsches in das Zweistromland mit dem Iraqi National Congress (INC) von Achmed Chalabi getan haben, um den Nahen Osten in ihrem Sinne zu destabilisieren und dort für neue Verhältnisse zu sorgen. In diesem Zusammenhang verweist Külbel unter anderem auf die sogenannte AIPAC-Affäre, in Zuge derer im Januar dieses Jahres ein Bundesgericht in Virginia Larry Franklin, einst Iran-Referent der Nahostabteilung des Pentagons, wegen Spionage für Israel zu zwölf Jahren und sieben Monaten Freiheitsstrafe sowie einer Geldstrafe von 10.000 Dollar verurteilt hat. Bereits im Oktober letzten Jahres hatte sich Franklin schuldig bekannt, 2002 und 2003 Steven Rosen und Keith Weissman, damals hochrangige Mitarbeiter der mächtigen Lobbyorganisation American Israel Public Affairs Committee (AIPAC), streng geheime US-Regierungsdokumente zukommen gelassen und sich mehrmals heimlich mit Naor Gilon, bis zu seiner Abberufung im Sommer 2005 Politattaché der israelischen Botschaft in Washington, getroffen zu haben. Demnächst steht der mit Spannung erwartete Prozeß gegen Rosen und Weissman an, auf dem Franklin als Hauptbelastungszeuge auftreten soll.

Die AIPAC-Affäre ist unter anderem deshalb von großer Bedeutung, weil Franklin 2002, 2003 in jener berüchtigten Abteilung im Pentagon mit Namen Office of Special Plans (OSP) arbeitete, die damals als Schaltstelle zwischen dem Amt des israelischen Premierministers Ariel Scharon und den neokonservativen Befürwortern eines Krieges gegen das "Regime" Saddam Husseins fungierte und aus der die allermeisten der angeblichen "Fehleinschätzungen" der US-Geheimdienste hinsichtlich der Massenvernichtungswaffen des Iraks und der Kontakte Bagdads zum Al- Kaida-"Netzwerk" Bin Ladens stammten. Als führende Vertreter dieser illegalen Verschwörung galten der damalige Stellvertretende US- Verteidigungsminister und heutige Weltbankchef Paul Wolfowitz sowie der ebenfalls 2005 zurückgetretene Staatssekretär Douglas Feith, der als Nummer 3 im Hause Rumsfeld die großangelegte Desinformationsoperation des OSP leitete. Zur Beleuchtung der denkwürdigen, möglicherweise staatsverräterischen Aktivitäten dieses Nebengeheimdienstes, den der damalige US-Außenminister General a. D. Colin Powell nach Angaben des Autors und Watergate-Helden Bob Woodward abfällig als "Gestapo-Abteilung" bezeichnete, haben in den letzten Jahren unter anderem der Pulitzerpreisträger Seymour Hersh, die Geheimdienstkoryphäe James Bamford sowie die ehemalige Mitarbeiterin in der Pentagon-Nahostabteilung und Oberstleutnant der US-Luftwaffe a. D., Karen Kwiatkowski, beigetragen.

Der AIPAC-Skandal birgt zusätzliche Sprengkraft, weil Franklin Ende 2001 in Begleitung von Harold Rhodes und Michael Ledeen, zwei weiteren notorischen Neokonservativen, sowie dem zwielichtigen, iranischen Waffenhändler Manucher Ghorbanifar an einem mysteriösen Treffen in Rom mit dem damaligen italienischen Verteidigungsminister Antonio Martino sowie Nicolo Pollari, dem Chef des italienischen Militärgeheimdienstes Servizio Informazioni Sicurezza Militare (SISMI), teilgenommen hat. Ledeen und Ghorbanifar spielten in den achtziger Jahren bei der Iran- Contra-Affäre prominente Rollen. US-Presseberichten zufolge ging es bei der dubiosen Zusammenkunft in Rom unter anderem darum, das Angebot Teherans, mehrere führende, nach dem Sturz der afghanischen Taliban im Iran gefangengenommene Al-Kaida-Mitglieder an Washington auszuliefern, zu torpedieren. Auf diese Weise sollte eine Annäherung zwischen der Islamischen Republik und den Vereinigten Staaten vereitelt werden und somit der Plan der Perle-Fraktion für einen Sturz des ihr verhaßten "Mullah-Regimes" in Teheran am Leben gehalten bleiben.

Interessant an dieser sonderbaren Episode ist die Möglichkeit einer Verbindung zu einem weiteren Skandal, der die Bush-Regierung seit drei Jahren plagt und der für sie noch brenzlig werden kann. Demnächst muß sich I. Lewis Libby, bis zum letzten Herbst Stabschef Dick Cheneys, vor Gericht dafür verantworten, im Sommer 2003 die CIA-Agentin Valerie Plame geoutet zu haben, nachdem ihr Mann, der US-Diplomat Joseph Wilson, in einem Gastkommentar für die New York Times die eigene Regierungsspitze bezichtigt hatte, wider besseren Wissens die These von einem Versuch Bagdads, sich zum Bau von Atomwaffen Uran aus dem Niger zu besorgen, in die Rede des Präsidenten zur Lage der Nation vom Januar 2003 aufgenommen zu haben. Die gefälschten Dokumente, welche die windige These vom versuchten Urankauf Bagdads belegen sollten, führen zunächst zum SISMI. Geheimdienstexperten unter anderem in den USA spekulieren jedoch darüber, daß der SISMI selbst die fraglichen Papiere von Personen in den USA oder Israel erhielt, die - wie Franklin und Ledeen - Feiths OSP zuarbeiteten (Darüber hinaus war es die Pulitzerpreisträgerin und Neocon-Multiplikatorin Judith Miller, die ebenfalls wie Richard Perle von der PR-Firma Benador Associates vertreten wird, die Ende 2002, Anfang 2003 die wichtigsten OSP- Gruselgeschichten auf die Titelseiten der New York Times brachte. Ende 2005 mußte Miller die Times in Schande verlassen, nachdem die Details ihrer eigenen Verwicklung in die Plame-Affäre in Form eines geheimen Rendezvous zwischen ihr und Lewis Libby im Washingtoner Nobelhotel St. Regis Mitte Juli 2003 bekannt wurden und zur hochpeinlichen Anklageerhebung gegen die rechte Hand des US-Vizepräsidenten führten).

Darüber hinaus stellt der maßgeblich von den Regierungen Israels und der USA forcierte Streit um das iranische Atomprogramm den eigentlichen Hintergrund des illegalen Informationsaustausches zwischen dem Pentagon-Iran-Referenten Franklin, den beiden AIPAC- Vertretern Rosen und Weissman und dem Politattaché an der israelischen Botschaft in Washington, Gilon, dar. Damals wie heute drängten Tel Aviv und dessen Freunde in Washington darauf, daß sich die USA endlich mit dem Iran - nach dem Sturz Saddam Husseins die angeblich größte Bedrohung Israels - befassen und entweder in Teheran für einen Putsch sorgen oder per Luft- und Raketenangriff die iranischen Atomanlagen zerstören. In letzter Zeit hat es nicht wenige Hinweise wie in Robin Wrights Artikel vom 16. Juli in der Washington Post - "Strikes are called part of broad strategy - U.S., Israel aim to weaken Hezbollah, region's militants" - und in Matthew Kalmans Artikel vom 21. Juli im San Francisco Chronicle unter der Überschrift "Israel set war plan more than a year ago - Strategy was put in Motion as Hezbollah began increasing its military strength" gegeben, wonach der jüngste Libanon- Feldzug Israels lediglich der Auftakt zur Umsetzung der nächsten Schritte der von Perle und Konsorten anvisierten "Transformation" der Verhältnisse im Nahen Osten zugunsten einer noch strafferen amerikanisch-israelischen Hegemonie darstellt.

Bereits am 19. Mai hatte Laura Rozen in dem bei der Los Angeles Times erschienenen Artikel "U.S. Moves to Weaken Iran - A campaign to promote democracy and fund dissidents prompts speculation that the administration's goal is to change the regime" mit entlarvenden Einzelheiten der Bemühungen der Bush-Regierung um eine "Demokratisierung" des Irans aufgewartet. Laut Rozen haben vor kurzem sowohl Außen- als auch Verteidigungsministerium der USA zwecks "Unterminierung der Regierung in Teheran" Sonderabteilungen zur Koordinierung der Zusammenarbeit mit iranischen Oppositionsgruppen gegründet. Als Leiter des neuen Iranbüros im Außenministerium wurde der "langjährige Demokratiespezialist des International Republican Institute", David Denehy, genannt, der unter der Unterstaatssekretärin für Nahost-Angelegenheiten, Elizabeth Cheney, Tochter des Vizepräsidenten, arbeiten wird.

Laut Rozen soll das neue Irandirektorat (ID) des Pentagons die gleiche Funktion wie einst das OSP im Vorfeld des Irakkrieges ausüben. Darauf, daß der Weltöffentlichkeit eine erneute Überstrapazierung ihrer Glaubensfähigkeit bevorsteht, deutet die Besetzung des Postens des ID- Leiters mit Abram Shulsky, einem Mitglied des neokonservativen Project for the New American Century (PNAC), hin, der bereits als führender Mitarbeiter des OSP wichtige Erfahrungen bei der Manipulation von Geheimdienstmaterial und der Erzeugung von irreführenden Bedrohungsszenarien sammeln konnte. Eine erste Bestätigung für die Richtigkeit dieses Verdachts lieferte die zum Medienimperium Rupert Murdochs gehörende Sunday Times am 6. August mit der abstrusen Meldung, nach Angaben der Vereinigten Nationen versuche Teheran größere Mengen Uran aus der Demokratischen Republik Kongo über Tansania herauszuschmuggeln. Diese Meldung ist deshalb unsinnig, weil der Iran selbst Uranvorkommen hat und sich niemals für eine solche Aktion hergeben müßte.

Vor dem Hintergrund der anhaltenden Spannungen an der israelisch- libanesischen Grenze und des eskalierenden Streits um das iranische Atomprogramm zeugen Jürgen Cain Külbels "Mordakte Hariri" und die darin enthaltene Informationen über die Hintergründe der in erster Linie auf Militärgewalt setzenden Nahoststrategie der Regierung Bush jun. von allergrößter Aktualität. Das höchst empfehlenswerte Buch erklärt zudem, warum Külbels Artikel der letzten Wochen für die Zeitungen Neues Deutschland und junge Welt zum Thema Libanonkrieg zu den besten gehören, die es im deutschsprachigen Raum gegeben hat.

23. August 2006


Jürgen Cain Külbel, "Mordakte Hariri - Unterdrückte Spuren im Libanon", Kai Homilius Verlag, Berlin, 2006, 311 Seiten, ISBN: 3-89706-860-5



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REZENSION/347: Imre von der Heydt - Rauchen Sie?



Imre von der Heydt


RAUCHEN SIE?

Verteidigung einer Leidenschaft



Daß in den USA rauchenden Müttern das Sorgerecht für ihre Kinder entzogen wird, Raucher ihren Arbeitsplatz verlieren und dem Tabakgenuß zugeschriebene Todesfälle mit dem Völkermord der Nazis verglichen werden, mag hierzulande selbst eingefleischten Rauchgegnern zu weit gehen - und bezeichnet doch nur die Spitze einer Entwicklung, die über den Hebel der Diffamierung und Kriminalisierung des Tabakgenusses Wege zu mehr staatlicher Kontrolle des Einzelnen und zum Abbau von Freiheitsrechten ebnet.

Nachdem das Rauchen - obgleich dessen Ausmaß tatsächlicher Schädlichkeit wissenschaftlich nur schwer auslotbar ist und das im Reigen jener Gifte, denen wir unwidersprochen tagtäglich ausgesetzt sind, eher eine untergeordnete Rolle spielt - von der WHO zum Risikofaktor Nr. 1 hochstilisiert wurde und die Kampagne immer groteskere Züge annimmt, fragt man sich nach den Ursachen dieser "geradezu fanatischen Feindseligkeit" (S. 11) und deren gesellschaftspolitischer Stoßrichtung.

Diesen Fragen ist der Autor Imre von der Heydt in seinem höchst lesenswerten Werk "Rauchen Sie? - Verteidigung einer Leidenschaft" auf 250 Seiten nachgegangen.

Herausgekommen ist ein Buch, das trotz des Ernstes des Themas und der Lage spannend ist wie ein Roman, dazu kenntnisreich und informativ wie ein Sachbuch, parteilich und provokant wie eine Politschrift, quellenreich wie ein wissenschaftliches Werk, aufklärerisch im besten Sinn - und wichtig, weil es eben um mehr geht als die Freiheit zu rauchen. Neben den Fragen nach der Gesundheitsschädlichkeit, die nicht bestritten, wohl aber ins Verhältnis gesetzt wird zu anderen Gefahren für die Gesundheit und zur Gefährlichkeit des Lebens überhaupt, befaßt sich der Autor mit den vielschichtigen Gründen, aus denen geraucht wird, beleuchtet die Rolle, die Politik, Religion und Medizin im Kampf sowohl für als auch gegen das Rauchen spielen, und macht hierzu, wie auch zu den Kampagnen gegen das Rauchen, höchst aufschlußreiche Abstecher in die Vergangenheit.

Das Rauchen ist so alt wie die Menschheit selbst. Seit ihren Anfängen und in allen Teilen der Welt gibt es "Zeugnisse von Rauchsitten und Rauchritualen" (S. 22). Von Anbeginn steht der Tabakgenuß im Zusammenhang mit religiösen und rituellen Gebräuchen, wird dem Rauch eine visionäre, heilsame und auch friedensstiftende Kraft zugetraut.

Ursprünglich war das Rauchen vor allem Teil kultischer Handlungen, als Rauchopfer, aber auch in Form von Regen- und Kriegszauber. Der Tabak war für die Indianer ein Geschenk der Götter, das sie mit den vier Elementen Erde, Wasser, Feuer und Luft in Verbindung setzte. Bei Initiationsriten trank man Tabaksaft, bei Friedensschlüssen rauchte man die Pfeife (Kalumet). Eng mit den zeremoniellen Riten verbunden war der medizinische Gebrauch. (S. 22 f)

Die moderne Rauchgeschichte des Westens ist verbunden mit den Entdeckungsfahrten des frühen 16. Jahrhunderts, die die Tabakpflanze und ihre Nutzung nach Europa brachten. Bald wird der Tabak auch hierzulande von der Medizin entdeckt und gilt - entgegen seinem heutigen Ruf - eine Zeitlang als eine Art Allheilmittel.

Bis weit ins 18. Jahrhundert hinein kommt es (...) auf nahezu allen medizinischen Gebieten zur Anwendung des Tabaks in Form von Tabakwasser, Tabaköl, Tabakextrakt, aber auch als Tabak- Pflaster, Pille oder Gurgelwasser. Herausragend ist seine Anwendung als Schmerzmittel, seien es Zahn-, Hals-, Bauch- oder Gliederschmerzen. Es wird eingesetzt gegen Geschwüre, Geschwülste, Würmer und Fäulnis, aber auch gegen Rheuma, Gicht und jede Form von Hauterkrankung. Später kommt seine erfolgreiche Anwendung bei Asthma, Keuchhusten, Tetanus und Cholera hinzu. In Form von Tabaksalbe dient es zur Behandlung von Kampf- und Kriegswunden. Bei Unterleibsbeschwerden, Darmverschlüssen und Koliken kommt es zum Einsatz von Tabakklystieren; mit Hilfe speziell entwickelter "Tabakbüchsen" wird den Patienten - im wahrsten Sinne des Wortes - der Rauch "in den Hintern" geblasen. (S. 27)

Von Anbeginn haftete dem Rauchen aber auch "der Duft der Freiheit" an. Überall dort, so der Autor, "wo geistiger Aufbruch herrschte, wurde der Tabakkonsum geschätzt und gepflegt: in den Herren-Clubs der europäischen Geisteseliten, in der Künstlerbohème der Jahrhundertwende, bei den Arbeiteraufständen des Frühkapitalismus; selbst die Emanzipation der Frau fand ihren symbolischen Ausdruck in einer drastisch ansteigenden Zahl von Raucherinnen." (S. 19)

Rauchen war und ist deshalb n i e nur reine Privatsache, sondern immer auch öffentliches Ereignis, kulturelles Sinnbild, soziales Statussymbol und politisches Ausdrucksmittel. (S. 30)

So hat auch der Kampf gegen das Rauchen eine lange Tradition. Zunächst waren es vor allem politisch-moralische und religiöse Grunde, die "zu einer oftmals fanatischen Bekämpfung des Rauchens geführt haben" (S. 13).

Die Strafen waren drakonisch, von der Kerkerhaft (S. 13) über Prügelstrafen, Abschneiden der Nase, Kastration bis hin zur Todesstrafe in der Türkei und im China des 17. Jahrhunderts (S. 32).

Die Stadt Zürich droht Rauchern 1667 mit Landesausweisung, Auspeitschung oder Brandwunden. Der Berner Stadtrat erweitert 1661 die zehn Gebote um die Forderung: "Du sollst nicht rauchen. (S. 38)

In Norddeutschland sind etwa um dieselbe Zeit öffentliche Auspeitschungen und Gefängnis übliche Strafen für Raucher (S. 38). Die Reihe ließe sich unendlich fortsetzen.

Allein die Chance der Herrschenden, über die Erhebung drastischer Steuern Einnahmequellen zu rekurrieren wie auch die besänftigende Wirkung des Rauchens in Zeiten von Krieg und Hungersnot verhindert, daß das Rauchen von Staats wegen gänzlich verboten wird. So erfährt die Zigarette im Verlauf der beiden Weltkriege eine weltweite Verbreitung (S. 29).

Nach einer wechselvollen Geschichte nimmt nach einer weitgehenden Liberalisierung des Umgangs mit dem Rauchen in den 60er Jahren mit dem sog. "Terry-Report" die moderne Antiraucherkampagne ihren Anfang (S. 43). Zwar wird, wer raucht, heute in der Regel nicht mehr mit Gefängnis bestraft oder seiner körperlichen Unversehrtheit beraubt, aber es steht, wenn auch auf andere Weise, auch heute noch bzw. wieder auf Rauchen die Todesstrafe. Dabei bedient sich die moderne Verbots- und Verfolgungswelle zunehmend medizinischer, dabei aber nicht weniger irrationaler Argumente.

So wird zum Welt-Nichtrauchertag am 31.05.2006 der Tod von fünf Millionen Rauchern jährlich weltweit, 140.000 davon in der BRD, unter allen möglichen Ursachen auf eine Tatsache reduziert - sie haben geraucht. Laut WHO gilt das Rauchen als vierthäufigste Todesursache. Dazu kommen seit neuestem die unzähligen Passivraucher, deren Tote laut offiziellen Angaben allein in Deutschland auf 3.000 im Jahr beziffert werden.

Zu Recht und auf anschauliche Weise belegt, kritisiert der Autor solche Angaben, ist doch die Monokausalität von Rauchen als Todesursache höchst fragwürdig: "Vor allem ist die Frage, woran genau jemand gestorben ist, im Zweifel gar nicht eindeutig zu beantworten. Von der Statistik schon gar nicht." (S. 75)

Leider hält der Autor diese nur allzu berechtigte Kritik an statistischen Methoden und ihren Ergebnissen nicht durch, wenn er an die Stelle des widerlegten und widerlegbaren Raucherrisikos etwa Übergewicht unhinterfragt als Gesundheitsgefährdung akzeptiert (S. 90).

Hier liegt eine Schwachstelle des Buches, die vermeidbar gewesen wäre, denn auch wenn eine wissenschaftliche Grundsatz- und Methodendebatte nicht Thema ist, müßte man sich, um gegen die Ergebnisse interessenorientierter Forschung zu argumentieren, nicht in ein Konkurrenzgerangel um solche Ergebnisse begeben.

Unterdessen produziert die moderne medizinische Forschung bei der rastlosen Suche nach möglichen Erkrankungsrisiken [und ihren marktmäßigen Verwertungschancen, Anm. d. Red.] täglich neue Schreckensmeldungen. Es vergeht kein Tag, an dem nicht eine neue gefährliche Substanz oder ein neues Gesundheitsrisiko entdeckt wird. Vom medizinischen Standpunkt aus ist die Welt voll heimtückischer Gefahren, Gifte, Substanzen, Risiken - und last, but not least: Gewohnheiten. Würde man das alles ernst nehmen, könnte man keine ruhige Minute mehr verbringen: nicht zu Hause zwischen den gestrichenen Tapeten, geleimten Schränken, dünstenden Teppichböden; zwischen Putzmitteln, Mikrowelle und Computer; nicht auf der Straße zwischen Autoabgasen und Starkstrommasten, geschweige denn beim Essen oder Trinken.

Es wird ein Punkt erreicht, an dem eine Mahlzeit nur noch am Rande als eine Mahlzeit anzusehen ist; in Wahrheit muß sie als ein medizinisches Wirkstoffpräparat mit entweder wichtigen Versorgungssubstanzen oder bedenklichen Nebenwirkungen betrachtet werden." (S. 58 f)

Nie zuvor "hat die Gesundheit im Bewußtsein der Menschen und im öffentlichen Leben eine so dominante Rolle gespielt wie in der heutigen Zeit" (S. 53), die, so der Autor, "geradezu b e s e s- s e n ist von Gesundheit" (S. 12). "Die Gesundheit ist im Leben der modernen Menschen zum kategorischen Imperativ der Lebensgestaltung geworden" (S. 54). Wer dagegen verstößt, indem er etwa weiter raucht, wird abgelehnt und ausgegrenzt.

Der Autor beschreibt diese Auseinandersetzung als einen "Kulturkrieg" (S. 55), einen Kampf darum, wer über unsere Lebens- und Konsumgewohnheiten bestimmt, wer die Regeln unseres Lebens setzt, wer gut und schlecht, gesund und krank definiert. Deshalb ist "Gesundheit (...) kein harmloser Begriff. Hinter der freundlichen Fassade 'gesundheitlicher Fürsorge' verbirgt sich nur allzu häufig das ordnungspolitische Kalkül moralischer Bevormundung" (S. 17).

Dabei ist die Medizin längst dazu übergegangen, dem Einzelnen die Schuld für seine Erkrankung zuzuschieben. Zunehmend außer acht bleibt, daß gerade streßverursachte Erscheinungen wie Krebs oder Herz- Kreislauf-Störungen in erster Linie gesellschaftlich bedingt sind. Die sogenannten Fortschritte der Medizin haben nicht etwa zu weniger Krankheit, sondern zu immer mehr Kranken und Krankheiten geführt und sind zu einem gigantischen Industriezweig ausgewachsen.

Wir leben, so von der Heydt bewußt provokant, in einer "Gesundheitsdiktatur", deren Merkmale

ideologische Glorifizierung und Verklärung von Gesundheit in Form eines omnipräsenten Gesundheitskultes, moralische Denunzierung von Abweichlern, eine ständige 'Feindbeschwörung' und damit einhergehend die Herbeiführung von einer Art 'Dauerkriegszustand'... sind (S. 203 f).

Nicht unwichtig für den weltweiten Kampf gegen das Rauchen und die Durchsetzungskraft der Kampagnen war es auch, das Rauchen, das bis in die 70er Jahre ausdrücklich keine Sucht war, zur abhängig machenden Droge zu stilisieren (S. 144 ff).

Denn last not least ist Rauchen auch Genuß. Auf ansteckende und sinnliche Weise führt der Autor, selbst Raucher, gute Gründe für einen genußvollen Umgang mit der Zigarette an: Rauchen kann trösten, entspannen, beflügeln, versöhnen und heilen. Immer dann, wenn der Mensch in Grenzerfahrungen mit der Sinnlosigkeit und Unüberschaubarkeit seines Daseins konfrontiert ist, spendet die Zigarette Halt und Trost und steht darüber hinaus für den Wunsch und die Fähigkeit zu träumen, über sich und die gegenwärtige Situation hinauszugehen, sich aufs angenehmste zu verflüchtigen. Es schafft, so der Autor, "Momente der Besinnung, der Einkehr, der ästhetischen Kontemplation, des Zeitstillstandes - Momente des Heraustretens aus den strengen Abläufen und Zwängen des Alltags" (S. 19).

Trotzdem ist Imre von der Heydts Werk kein plattes Verführbuch zum Rauchen, wohl aber eines, das uns an den Anspruch auf Genuß und Lebenslust gemahnen kann und das darauf besteht, die Verantwortlichkeit für das eigene Leben nicht anderen zu überlassen.

Die Gefahren des Lebens verbieten hieße letztlich das Leben verbieten. Der Kampf gegen das Recht zu Rauchen ist daher in letzter Konsequenz ein Kampf gegen das Leben. (S. 70)

Vehement und leidenschaftlich tritt der Autor dafür ein, daß der Mensch die Ambivalenz seines Daseins erleben darf, lachen, leiden, genießen, flüchten und verdrängen, träumen, begehren, Sinn- und Nutzlosigkeit empfinden, vor allem aber sich selbst bestimmen.

Der Kampf gegen das Rauchen wird zum Kampf gegen gesellschaftliche Vielfalt, antagonistische Lebensentwürfe, von der Norm abweichende Verhaltens- und Denkströmungen. Es ist zugleich ein zutiefst humorloser Kampf gegen jede Form von Lebensfreude. (S. 208)

Für sein Werk hat der Autor aus unterschiedlichsten Quellen (deren Angaben sich mancher Leser gesammelt am Ende statt jeweils zwischen den Kapiteln gewünscht hätte) geschöpft, von eher sachbezogenen Büchern über geschichtliche und kulturgeschichtliche Werke bis hin zu Klassikern wie Thomas Manns "Zauberberg" oder Sartres "Das Sein und das Nichts", ergänzt durch zahlreiche Informationen aus dem Internet.

Auch vom äußeren Erscheinungsbild her ist das Buch ein handwerklich gelungenes Produkt, das Lesevergnügen bereitet, im etwas ungewöhnlichen Format von ca. 14 x 18,5 cm, in angenehm lesbarer Corporate in 10 Punkt gesetzt, mit tabakfarbenem Lesebändchen und farblich zum Thema passendem Einband. Das ist für einen Verlag, der sich auf Kunst und Handwerk im besten Sinne versteht wie DuMont, sicherlich nichts Ungewöhnliches, im Reigen moderner Druckerzeugnisse und Papiermachwerke aber auffällig sinnenfreudig - wie es das Rauchen eben ist oder zumindest sein sollte.

In diesem Sinne sei dem Buch eine große Verbreitung gewünscht!

Imre von der Heydt,
Rauchen Sie? Verteidigung einer Leidenschaft,
DuMont Literatur und Kunst Verlag, Köln 2005,
geb. 253 S. EURO 17,90,
ISBN 10: 3-8321-7931-3
ISBN 13: 978-3-8321-7931-1



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REZENSION/348: John Rose - Mythen des Zionismus (Politik)



John Rose


Mythen des Zionismus

Stolpersteine auf dem Weg zum Frieden



Der Kampf um einen jüdischen Staat in Palästina wird gern in Anlehnung an die Fabel von David und Goliath im Alten Testament beschrieben. Ein geknechtetes und alleingelassenes Volk kämpft allen Widrigkeiten zum Trotz mutig für eine eigene nationale Heimstatt. Der Erfolg wird allein von der Moral, Initiative und dem physischen Einsatz der Juden abhängen. Ein Sieg wäre nichts weniger als ein modernes Wunder. Unabhängigkeit und Freiheit der Juden wären dann endlich verwirklicht.

Dieser starke und mitreißende Mythos, der weit über Israel hinaus zahllose Menschen beeindruckt und zu dauerhaften Parteigängern des jüdischen Staats gemacht hat, ist grundfalsch. Wie der britische Soziologe John Rose in seinem Buch "Mythen des Zionismus - Stolpersteine auf dem Weg zum Frieden" mittels argumentativer Stärke und höchst aufschlußreicher Quellenstudien darlegt, sind Gründung, Konsolidierung und Expansion Israels nur im Kontext imperialistischer Bestrebungen angemessen zu entschlüsseln und zu bewerten.

Theodor Herzl hatte stets betont, daß die Schaffung einer zionistischen Kolonie in Palästina die Rückendeckung einer Großmacht erfordere. Als sich die britischen Kolonialisten offiziell hinter den jüdischen Anspruch stellten, hielten sie ein Werkzeug zur Unterdrückung der Araber und Ausbootung Frankreichs in Händen. Der Zionismus gründet in seinem Wesenskern darauf, sich der stärksten imperialistischen Macht anzudienen, zu deren unverzichtbarer Sturmtruppe zu avancieren und schließlich als regionale Führungsmacht selbst imperialistische Züge zu entwickeln. Es ist dies eine Logik des Überlebens, die in der Beteiligung an der Herrschaft ihr Heil sucht und dabei deren Zwangsmittel kultiviert und nicht selten innovativ weiterentwickelt. Im Prinzip unterscheidet sich Israel von anderen Staatsgründungen allenfalls darin, daß sich hier die Entstehung und Durchsetzung aufgrund spezifischer Umstände wie im Zeitraffer vollzog.

So war bereits der erste große palästinensische Nationalaufstand, die erste Intifada von 1936 bis 1939, eine klassisch antiimperialistische und antikoloniale Bewegung, die sich gegen die Unterdrückung seitens der Briten und Zionisten richtete. Wie alle Kolonialherrn hielten auch die Briten die unterworfenen Völker für minderwertig, was um so mehr für den damaligen Kolonialminister Winston Churchill und seinen Nachfolger in Palästina, Feldmarschall Bernard Law Montgomery, galt, der 1938 den Aufstand niederschlagen sollte. Der britische Statthalter gab den Befehl, die Aufrührer umzubringen, bei denen es sich um "Banden professioneller Verbrecher" handle. Man sperrte Verdächtige in Käfige oder legte ihnen Fußketten an. Das Besatzungsregime folterte Verdächtige, hielt Gefangene ohne Gerichtsverhandlung unter erbärmlichen Bedingungen in Lagern, vollstreckte mindestens ein Todesurteil pro Woche und des öfteren wurden ganze Dörfer in Kollektivstrafe genommen.

Die Briten stockten ihre Kolonialpolizei mit tausenden jüdischen Siedlern auf, die sich in der Überzeugung anheuern ließen, daß die Existenz einer künftigen jüdischen Armee vom Erfolg der Polizeieinheiten abhänge. Ein hochrangiger britischer Offizier namens Orde Wingate gründete eine Privatarmee aus Juden, die nicht nur Eisenbahnen und Ölleitungen schützte, sondern nachts arabische Ortschaften überfiel, die Bewohner drangsalierte und nicht selten umbrachte sowie als Araber verkleidet Massaker verübte. Vieles davon erinnert an das heutige Vorgehen der israelischen Armee im Gazastreifen und Westjordanland. Bezeichnenderweise erklärte ein israelischer Verteidigungsminister Wingate noch lange nach dessen Tod zum Vorbild, das großen Einfluß auf die Kampfdoktrin der israelischen Armee gehabt habe. Als langerfahrene Imperialisten waren die Briten exzellente Lehrmeister eines grausamen Besatzungsregimes, und sie fanden in den jüdischen Siedlern gelehrige Schüler.

Vor dem Hintergrund der aktuellen Kämpfe und fortgesetzten Repression im Nahen Osten liefert John Rose eine überaus aufschlußreiche Analyse der zionistischen Ideologie und ihrer Funktion bei der Entwicklung des Palästinakonflikts. Dabei erhebt der Autor nicht den Anspruch, eine umfassende Geschichtsbetrachtung zur Entstehung des Staates Israel vorzulegen, ist sein Werk doch vor allem eine politische Streitschrift, die einen Beitrag zur Befreiung Palästinas leisten soll. Für ihn sei vordringlich gewesen, schreibt Rose, die Mythengebäude des Zionismus einzureißen und der historischen Wahrheit zum Durchbruch zu verhelfen.

Als Wissenschaftler jüdischer Herkunft und Sprecher der Socialist Workers Party in Fragen des Palästinakonflikts, der als Kritiker des Zionismus bekannt ist und seit Jahren zum Thema Israel- Palästina publiziert, stellt John Rose kraft seiner Sachkompetenz buchstäblich alles auf den Prüfstand, was der politischen Elite Israels heilig ist und ihrem Streben Fundament, Struktur und Zielvorgabe liefert. Streitbar demontiert er die mythischen Konstrukte des Staates Israel und kommt dabei zu dem Schluß, daß der Zionismus selbst das Problem und seine Beseitigung Voraussetzung für eine jüdisch-arabische Versöhnung und damit den Frieden im Nahen Osten sei.

Die Idee zu diesem Buch, schreibt John Rose, sei ihm im Sommer 2002 "nach schamlos rassistischen Äußerungen" von Israels früherem Premierminister Ehud Barak gekommen, der Lügen als Eigenheit der arabischen Kultur bezeichnete. "Projizierte er nicht auf seinen Feind etwas, das seinen eigenen Überzeugungen zugrunde liegt?", fragte sich Rose daraufhin. An Beispielen mangelt es dem Autor nicht, wobei an erster Stelle David Ben Gurion, Israels erster Ministerpräsident, zu nennen wäre, den Rose als "größten Mythenbildner des Zionismus" und unerreichten "Faktenverdreher" bezeichnet. Nicht wichtig sei, so zitiert er Ben Gurion, ob eine Geschichte auf einem wahren Bericht beruhe: "Wichtig ist, daß die Juden seit der Errichtung des ersten Tempels an sie glaubten."

Rose analysiert die Geschichte der Juden und deren Anspruch auf Palästina, den er historisch für nicht überzeugend begründet hält. Dabei trennt er sorgsam die Fakten von der Fiktion und den Mythen, welche die zionistischen Repräsentanten vor der Staatsgründung und die israelischen Politiker danach geschaffen und gepflegt haben. Werde der Zionismus seines Mantels aus Legenden beraubt, komme vulgärer Nationalismus zum Vorschein.

Die religiösen und politischen Mythen des Zionismus sind weithin bekannt und als vermeintliche historische Tatsachen verankert. Wenn es heißt, die Bibel habe den Juden, die knapp 2000 Jahre im Exil leben mußten, den Auftrag zur Besiedlung Palästinas gegeben, das um 1900 ein "Land ohne Volk" gewesen sei, in dem sich nun das kleine Israel gegen übermächtige feindliche Nachbarn behaupten müsse, sind dies nur die geläufigsten Resultate erfolgreich umgesetzter Propaganda. Weit spannt der Autor den Bogen seiner Argumentationskette von den Zentren einer jüdisch- arabischen Kultur vor 1300 Jahren zum Palästina der Osmanen und dem der Briten, vom Schtetl in Osteuropa bis ins gelobte Land Amerika, von der Französischen Revolution mit ihrem Versprechen auf Emanzipation bis zur Russischen Revolution und dem Massenexodus sowjetischer Juden ab 1980, von Theodor Herzl bis David Ben Gurion.

Werden die aus dem Alten Testament stammenden Berichte vom "alten Königreich Israel" mit den Befunden der modernen Archäologie konfrontiert, müssen die überlieferten Legenden korrigiert werden. Demnach ist die monotheistische jüdische Religion erst Jahrhunderte nach dem mythischen alten Reich nachweisbar. Auch dürfte die Vertreibung durch den römischen Kaiser Titus nur einen Teil der jüdischen Bevölkerung betroffen haben, da die Mehrzahl schon lange vor dem Aufstand von 66 bis 70. n. Chr. außerhalb der Provinz Judäa lebte.

Grundsätzlich kritisiert Rose das traditionelle Zweistufenmodell der jüdischen Geschichtsauffassung von Altertum und Exil. Mit dem Exil sollen für die Juden zwei Jahrtausende der Heimatlosigkeit begonnnen haben, was der Autor als bloßen Mythos aufdeckt. Diese Legende habe sich zur säkularen ideologischen Waffe, zu einem Schlachtruf des jüdischen Nationalismus im 20. Jahrhundert entwickelt, mit dem dieser seinen Anspruch auf Palästina historisch begründete. In der zionistischen Zeiteinteilung werden die Juden aus ihrem Land vertrieben und unter feindselige Völker verstreut, um 2000 Jahre später ihre wahre nationale Identität wiederzuentdecken. Diese Behauptung sei "ein großes intellektuelles Ärgernis".

Nach Darstellung von Zionisten wie Theodor Herzl waren die jüdischen Gemeinden in aller Welt unterdrückt und ständiger Verfolgung ausgesetzt. Daher konnte nur eine Übersiedlung in die alte Heimat Palästina das Leiden von 18 qualvollen Jahrhunderten beenden. Dem hält Rose entgegen, daß bei aller unbestreitbarer Drangsalierung der Juden das Exil doch im Grunde eine Erfolgsgeschichte sei. Die jüdische Diaspora war durch die gemeinsame Religion verknüpft und lange durch ein Netzwerk von Handelsunternehmen getragen, das für die Wirtschaft des feudal zerrissenen mittelalterlichen Europas unersetzlich war. Es gab Diskriminierung und Verfolgungswellen, doch genossen jüdische Händler andererseits den Schutz europäischer Herrscher, bis die kapitalistische Moderne ihr Handelsnetz überflüssig machte.

Diese Juden haben sich als erfolgreichste ethnische Minderheit in Bezug auf Gleichstellung und sozialen Aufstieg erwiesen. Eine Mehrheit der Juden kann sich heute mit Recht als Angehörige der Mittelschicht bezeichnen und stolz auf ihren überragenden Beitrag zu Kunst, Wissenschaft, Bildung, Medizin, Journalismus, Politik und nicht zuletzt Handel sein. [...] Ja, es gab Leid, aber das erzählt uns nur einen Teil der Geschichte über die außerordentliche wirtschaftliche und intellektuelle Begabung, die sich über die Jahrhunderte entwickelte. (S. 98)

So gesehen wurden die Juden nicht heimatlos, sondern waren nicht zuletzt in einer Vielzahl arabischer Länder heimisch, wobei die Bilanz des Zusammenlebens positiv zu nennen ist. Anders als im christlichen Europa herrschte im arabischsprachigen Raum weitreichende Glaubenstoleranz, die eine jahrhundertelange gegenseitige Befruchtung von islamischer und jüdischer Kultur möglich machte, bis die zionistische Landnahme im 19. und 20. Jahrhundert dieses Miteinander jäh unterbrach.

Bis vor 500 Jahren lebte die Mehrheit der Juden in arabischen Ländern. Im heutigen Israel stammen über eine Million der jüdischen Bürger aus den muslimischen Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas. Als ein auffälliger Maßstab nicht nur für den Erfolg der Juden, sondern auch für ihren besonderen Beitrag zur islamisch- arabischen Zivilisation jener Zeit können die beeindruckenden Leistungen jüdischer Ärzte gelten. Der Zionismus hat jedoch Araber und Juden konträr zur langen islamisch-arabischen Zivilisationsgeschichte auseinandergetrieben.

Rose geht auch auf die zunehmende Verarmung der jüdischen Bevölkerung Osteuropas im 19. Jahrhundert ein und schildert die antijüdischen Pogrome im niedergehenden Zarenreich. Aus dieser Situation habe es für die Bewohner der Schtetl nur drei Auswege gegeben, nämlich entweder auszuwandern, wobei die USA das bevorzugte Ziel waren, sich der sozialistischen Bewegung anzuschließen und an revolutionären Erhebungen zu beteiligen oder in Gestalt des Zionismus einen eigenen jüdischen Nationalismus zu unterstützen.

Der Mythos der Heimatlosigkeit wurde um die Mär von der Verfügbarkeit der alten Heimat Palästina ergänzt, die wie durch ein Wunder durch keine andere Gruppe wirklich in Besitz genommen worden sei. Das Schlagwort vom "Volk ohne Land", das ein "Land ohne Volk" zurückgefordert und kultiviert habe, widerlegt der Autor überzeugend mit dokumentierten Berichten aus der arabischen Geschichte Palästinas. Palästina war kein verödetes, brachliegendes Land, das von seinen Bewohnern vernachlässigt wurde, wie Shimon Peres noch 1986 behauptete. Hören wir den palästinensischen Historiker Beshara Doumani:

Im dritten Viertel des 19. Jahrhunderts erwirtschaftete Palästina einen riesigen landwirtschaftlichen Überschuss. Auf dem Weltmarkt wurden Weizen, Gerste, Sesam, Olivenöl, Seife und Baumwolle verkauft. Zu diesem Zeitpunkt überstiegen die Exporte die Importe europäischer Fabrikgüter. (S. 132)

Die damalige osmanische Provinz war im ausgehenden 19. Jahrhundert also keineswegs eine Ödnis mit ein paar Beduinenzelten, sondern eine wirtschaftlich florierende Region, die von etwa siebenhunderttausend Bauern und Händlern verschiedener Nationalität und religiöser Zugehörigkeit bewohnt war. Die Zionisten machten zu keinem Zeitpunkt einen ernsthaften Versuch, wenn möglich friedlich und gleichberechtigt mit der einheimischen Bevölkerung zusammenzuleben. Sie erwarben von osmanischen Großgrundbesitzern Ländereien, um dann die seit Jahrhunderten auf diesem Land wirtschaftenden Bauern zu vertreiben. So war die Siedlungspolitik von Anfang an auf Konfrontation angelegt. Als die palästinensischen Bauern in ihrer Not Widerstand leisteten, kam es seit 1886 zu bewaffneten Zusammenstößen, denen bis heute zahllose weitere folgen sollten.

Als der neugegründete Staat Israel den Krieg von 1948 gewonnen hatte, war das Schicksal der Palästinenser besiegelt. Israelische Milizen machten 537 palästinensische Ortschaften dem Erdboden gleich und vertrieben dabei 750.000 Bewohner ohne Entschädigung und Möglichkeit zurückzukehren. Anfang 1947 besaßen Juden sieben Prozent des palästinensischen Landes; drei Jahre später hatten sie 92 Prozent des Landes innerhalb des neuen Staats, einschließlich arabischer Häuser und jeglicher Art von Gebäuden erobert. Es handelte sich somit um eine hinsichtlich Ausmaß und Geschwindigkeit in der gesamten Kolonialgeschichte beispiellose Besitznahme.

Die Zionisten haben es dennoch meisterhaft verstanden, das Existenzrecht des Staates Israel in den Rang eines historischen Sonderfalls zu erheben, dem angesichts der Verfolgung der Juden und insbesondere der beispiellosen Leiden des Holocausts alle anderen Interessen nachgeordnet sind. Wie weitreichend dabei die erlittene Drangsalierung in den Dienst eigener imperialistischer Ambitionen gestellt wurde, mag folgende Stellungnahme Ben Gurions belegen. Dieser stellte im Jahr 1938 die Interessen des noch nicht einmal geborenen Staates Israel eindeutig über die Rettung vor den Nationalsozialisten:

Wenn ich wüsste, dass es durch Transporte nach England möglich wäre, alle [jüdischen] Kinder aus Deutschland zu retten, durch Transporte nach Palästina aber nur die Hälfte, würde ich mich für Letzteres entscheiden. Denn wir müssen nicht nur das Leben dieser Kinder abwägen, sondern auch die Geschichte des Volkes Israels. (S. 220/221)

Wenngleich die Beschwörung einer Bedrohung von außen bis hin zur Inszenierung des Verteidigungsfalls seit jeher einen festen Platz im Arsenal imperialistischer Strategien hat, sieht man sich beim zionistischen Entwurf mit einer beinahe perfekt anmutenden Rechtfertigung des eigenen Gewaltpotentials konfrontiert, die jeden Einwurf als verleumderisch und neuerlichen Beweis ewiger Diskriminierung empört zurückweist. John Rose trägt zur Bloßlegung dieses ideologischen Kunstgriffs bei, indem er den palästinensischen Generaldelegierten in Großbritannien, Afif Safieh, mit folgenden Worten zitiert:

Kein Volk hat einen Alleinanspruch auf menschliches Leiden, und jede ethnische Tragödie steht für sich selbst. Wäre ich ein Jude oder ein Zigeuner, dann wäre die nationalsozialistische Barbarei für mich das abscheulichste Ereignis der Geschichte. Wäre ich Schwarzafrikaner, dann wären es Sklaverei und Apartheid. Wäre ich amerikanischer Ureinwohner, dann wäre es die Entdeckung der Neuen Welt durch europäische Forschungsreisende und Siedler, was zur fast völligen Auslöschung führte. Wäre ich Armenier, wären es die osmanischen Massaker. Ich bin zufällig Palästinenser, und für mich ist es die Nakba. Die Menschheit sollte all die genannten Verbrechen verabscheuen. Ich halte es für unangebracht, eine Hierarchie des Leidens aufzustellen. Ich weiß nicht, wie Schmerz oder Leid gemessen werden können. Ich weiß jedoch, dass wir nicht Kinder eines geringeren Gottes sind. (S. 229)

Aus Perspektive politischer und militärischer Macht hätte die zionistische Variante imperialistischen Strebens erfolgreicher kaum sein können. Der Staat Israel ist heute die Speerspitze der Weltmacht USA und deren Verbündeten in der Region, was ihm neben unerschöpflicher Alimentierung einen beispiellosen politischen Rückhalt beschert. Um so wichtiger sind Einwände kritischer Autoren wie John Rose, der mit seinen Anstößen für die Debatte um die Zukunft des Nahen Ostens wie auch seinen ausführlichen Verweisen auf andere wichtige Experten maßgeblich dazu beiträgt, neue Standards dieses Diskurses zu setzen.

Das Buch ist 2006 im Rotpunktverlag, Zürich, erschienen, hat 340 Seiten und kostet 24 Euro. ISBN 10:3-85869-312-x ISBN 13:978-3-85869-312-9



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REZENSION/349: Fragner, Kappeler (Hg.) - Zentralasien (Geschichte)



Bert Fragner, Andreas Kappeler (Hg.)


Zentralasien

13. bis 20. Jahrhundert. Geschichte und Gesellschaft



Seit den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts kommt der Großregion Zentralasien im politischen Diskurs eine herausragende Bedeutung zu. Die Sowjetunion war zerfallen, und es tauchten plötzlich eigenständige Staaten auf der Weltbühne auf, die noch keine klare Ausrichtung besaßen. Kasachstan, Turkmenistan, Tadschikistan, Kirgistan, Usbekistan - wohin würden sich diese neuen Staaten entwickeln? Nach der Loslösung von Moskau schlossen sie sich zunächst wieder der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) an, was den Wunsch nach Kontinuität erkennen ließ. Auf der anderen Seite bemühten sich die USA und europäische Staaten, teils in Konkurrenz zueinander, um Zugewinn eigenen Einflusses. Selbst China trat plötzlich als "global player" auf und baute seine Handelsbeziehungen zu den zentralasiatischen Staaten aus. Allen "Mitspielern" war klar, daß in dieser Phase des Umbruchs die Weichen für die Zukunft gestellt wurden.

Mit dem von den USA angeführten globalen Antiterrorkrieg nach den Anschlägen vom 9.11.2001 schienen sich die Amerikaner eine Zeitlang eine herausragende Vorteilsposition gesichert zu haben, und es gelang ihnen, in den zentralasiatischen Staaten eigene Militärstützpunkte aufzubauen. Die dienten zwar scheinbar "nur" dem Zweck, Krieg gegen Afghanistan und Irak zu führen, aber sie konnten sehr wohl als Brückenkopf betrachtet werden, der langfristig gegen Moskau und Peking gerichtet war.

Der Vorstoß der USA in den unmittelbaren Einflußbereich des Atomwaffenstaats Rußland und in die Peripherie der aufstrebenden Wirtschaftsmacht China wurde erst in jüngerer Zeit etwas zurückgedrängt: Aus Usbekistan mußte die US-Luftwaffe wieder abziehen; die kirgisische Regierung verlangte für die Nutzung der Manas-Basis höhere Pachtgebühren; und die Ausweisung zweier Amerikaner aus Kirgistan vertiefte die diplomatische Verstimmung zwischen den beiden Staaten. Die Regierung des ressourcenreichen Staats Kasachstan kooperiert zwar eng mit den USA, hat aber ebenso deutlich Kontergewichte zum anfangs massiv wachsenden Einfluß Washingtons aufgebaut.

Mit der Schanghai Corporation Organisation (SCO) wurde ein Handels- und Militärbündnis zwischen Rußland, China, den zentralasiatischen Staaten und weiteren Akteuren gebildet, welches erklärtermaßen die Aufgabe besitzt, die amerikanischen und EU-europäischen Einflußversuche in der gesamten Region auszubremsen. Auch wenn gegenwärtig der Konflikt im Nahen und Mittleren Osten die Schlagzeilen der Weltpresse beherrscht und Zentralasien in den Hintergrund der Aufmerksamkeit gerückt ist, wäre es ein Trugschluß anzunehmen, daß diese Großregion nicht weiterhin umkämpft wird. So haben Rußland, Kasachstan, Kirgistan und Tadschikistan als Mitglieder der Collective Security Treaty Organisation (CSTO) vom 24. bis 29. August 2006 nahe der kasachischen Hafenstadt Aktau das gemeinsame Militärmanöver Rubezh-2006 durchgeführt; CSTO-Neumitglied Usbekistan nahm als Beobachter teil. Der kanadische Wirtschaftsprofessor Michael Chossudovsky schrieb in einem Beitrag auf der Website GlobalResearch (24.8.2006), daß dieses Manöver als direkte Antwort auf US- amerikanische militärische Bedrohungen in der Region, einschließlich der geplanten Angriffe gegen Iran, gedacht war. Zeitgleich mit Rubezh- 2006 hätten China und Kasachstan unter Schirmherrschaft der SCO ebenfalls Militärmanöver in dem zentralasiatischen Land abgehalten.

Die Europäer präsentieren sich zwar in vielerlei Hinsicht als Verbündete der USA, aber es gibt auch sehr starke Interessen, die eine deutlich eigenständigere Hegemonialpolitik anstreben und betreiben. So hat die Europäische Union mit ihrer Lissabon-Strategie aus dem Jahre 2000 ihren Weltmachtanspruch als Gegenpart zu den USA formuliert, und im Strategiedokument der EU zu Zentralasien vom Oktober 2002 werden die Lissaboner Vorgaben auf diese Weltregion zugespitzt. Am "Großen Spiel", wie es bereits im 19. Jahrhundert zwischen Rußland und Großbritannien um Einfluß im zentralasiatischen Raum ausgetragen wurde, sind heute weitere Mitstreiter beteiligt.

Vor diesem Hintergrund ist es für jeden politisch Interessierten unverzichtbar, über die tagesaktuelle Berichterstattung hinaus mehr über den geopolitischen Brennpunkt Zentralasien zu erfahren. Der ProMedia Verlag aus Wien hat dazu einen geeigneten Einstieg geliefert. Es geht in der Aufsatzsammlung "Zentralasien. 13. bis 20. Jahrhundert" um die Darstellung der geschichtlichen und gesellschaftlichen Entwicklung, wohingegen neuere Aspekte nur im letzten Kapitel "Zentralasien nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion" von Uwe Halbach angesprochen werden.

In zehn Kapiteln, einem Vorwort und mit einer Zeittafel widmen sich acht anerkannte Expertinnen und Experten aus dem Wissenschaftsbetrieb Österreichs und Deutschlands den höchst unterschiedlichen Einflüssen auf Zentralasien, das im Laufe seiner Geschichte von iranisch-islamischen, türkisch-islamischen, mongolischen, chinesischen und russischen Kulturen überprägt wurde. Entsprechend dieser Vielfalt läßt sich Zentralasien heute keinem Kulturraum allein zuordnen, zudem bestehen deutliche kulturelle Unterschiede sowohl zwischen den zentralasiatischen Staaten als auch innerhalb derselben. Es ist nicht übertrieben, von einem jahrhundertealten Schmelztiegel der Völker, Sprachen und Religionen zu sprechen.

Da wundert es nicht, daß der bis heute nicht abgeschlossene Übergang vom Staatskapitalismus sowjetischer Couleur zu marktwirtschaftlichen Systemen teils mit gewaltsamen Konflikten ausgetragen wurde. Ein halbes Jahr nach der Auflösung der Sowjetunion, zwischen Mai und September 1992, brach in Tadschikistan ein Bürgerkrieg aus. Dessen letzte Phase endete 1996. Zudem wurde der kirgisische Präsident Askar Akajew im März 2005, nach vierzehn Jahren im Amt, gestürzt. Zwei Monate darauf schlugen Sicherheitskräfte in Usbekistan einen Aufstandsversuch blutig nieder.

Kasachstan hingegen war politisch stabil geblieben, obgleich in den neunziger Jahren eine massive Abwanderbewegung, nicht zuletzt unter der deutschstämmigen Bevölkerung, einsetzte. Präsident Nursultan Nasarbajew rief seine im Ausland lebenden Landsleute dazu auf, zurückzukehren und am nationalen Aufbau teilzuhaben. Die Verlegung der Hauptstadt nach Astana, in dem dem wirtschaftlichen Aufschwung durch Umgestaltung der Innenstadt und zahlreiche Neubauten äußerer Ausdruck verliehen wurde, betonte den Wunsch nach Modernität. Kasachstan ist das wirtschaftliche Zugpferd unter den zentralasiatischen Staaten und sieht sich als regionale Führungsmacht.

Bei der Lektüre des ein oder anderen fachspezifisch trockenen Kapitels des vorliegenden Buchs mag schon die Frage aufkommen, weshalb man sich dafür interessieren sollte. Dazu beispielhaft ein Zitat aus dem Kapitel "Die Sprachen Zentralasiens in Vergangenheit und Gegenwart" von Pavel B. Lurje:

Das phonetische System in Brahui ist ähnlich dem seiner indoarischen und iranischen Nachbarn (allerdings ohne alle alveoralen und manche retroflexe Phoneme, die typisch für die dravidischen Sprachen sind), wohingegen seine Morphologie agglutinierend ist: das Anhängen von Postfixen ist weitaus gebräuchlicher als die Verwendung von Präfixen oder Infixen. (S. 35)

Sicherlich, das muß niemand wissen, der lediglich einen Einstieg in geschichtliche und gesellschaftliche Fragen zu Zentralasien erlangen will. Dennoch: Auf die Sprachentwicklung und andere, ähnlich spezifische kulturwissenschaftliche Erörterungen zu verzichten, bedeutete, eine Chance zur Erweiterung des eigenen Horizonts aus der Hand zu geben. Selbstverständlich wird niemand nach der Lektüre dieses Kapitels zum Sprachexperten für Zentralasien, es bleibt jedoch der tiefe Eindruck von der Geschichtsträchtigkeit dieser Region zurück. Somit erfüllt das Buch genau den Zweck, den es verspricht: "Breite Informationen über den historischen Raum Zentralasien zu vermitteln" (S. 7).

Der Vorteil einer Aufsatzsammlung, wie sie der ProMedia Verlag mit seinem Buch "Zentralasien" vorgelegt hat, besteht in der Mannigfaltigkeit, wie hier an solch ein komplexes Thema herangegangen wird. Gleichzeitig birgt diese im Verlagsgeschäft nicht unübliche Form der Präsentation die Gefahr der Beliebigkeit. Ein Leser, der sich womöglich überhaupt noch nicht mit Zentralasien befaßt hat, wünscht sich einen roten Faden, der die Aufsätze miteinander verbindet und sie für ihn einordnet. Gut vorstellbar wäre beispielsweise, wenn die Herausgeber vor jedem Kapitel eine bewertende Einleitung geschrieben und den jeweiligen Stand der Forschung kommentiert hätten. Denkbar wäre auch ein jeweils vorweggeschickter Absatz, in dem eine Brücke von der historischen Abhandlung bis in die heutige Zeit geschlagen würde.

Im vorliegenden Fall entsteht hin und wieder der Eindruck, es bliebe beim Referieren um des Referierens willen. Innerhalb des wissenschaftlichen Diskurses wäre das überhaupt kein Problem, weil dort die Experten unter ihresgleichen sind, doch einer breiteren Leserschaft - und dazu muß selbst die Zielgruppe der Studierenden der Politik- oder Geschichtswissenschaft gerechnet werden - käme es entgegen, ein wenig an die Hand genommen und sicherer durch die fachspezifischen Untiefen gelotst zu werden. Und auch wenn es womöglich dem verlegerischen Konzept widerspricht: ein Personenregister wäre eine dankenswerte Ergänzung gewesen.

Daß auf diese Form verzichtet wurde, tut dem Buch inhaltlich keinen Abbruch. "Zentralasien" ist schon deshalb zu empfehlen, weil es bisher kaum Lektüre über diese konfliktgeladene, von Großmachtinteressen belagerte Region gibt. Der ProMedia Verlag betritt mit seinem Band 13 der Edition Weltregionen gewissermaßen Neuland und setzt Maßstäbe, an dem sich andere werden messen lassen müssen. Mit dem neuen "selbstbewußten" Auftreten der Bundesrepublik Deutschland auf zahlreichen Kriegsschauplätzen der Welt und in vermeintlich schicksalhafter transatlantischer Treue wird es sicherlich nicht das letzte Buch im deutschprachigen Raum sein, das sich mit Zentralasien auseinandersetzt.

4. September 2006


Bert Fragner, Andreas Kappeler (Hg.)
Zentralasien
13. bis 20. Jahrhundert.
Geschichte und Gesellschaft
Edition Weltregionen, Bd. 13
ProMedia Verlag, Wien 2006
ISBN-10: 3-85371-255-X
ISBN-13: 978-3-85371-255-9



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REZENSION/350: Pflüger, Wagner (Hg.) - Welt-Macht EUropa (Militär)



Tobias Pflüger, Jürgen Wagner (Hg.)


Welt-Macht EUropa

Auf dem Weg in weltweite Kriege



Bei zahlreichen politisch Interessierten in Europa ist die Einschätzung anzutreffen, daß die US-amerikanische Gesellschaft militaristischer und ihre Regierung eher bereit sei, eigene Interessen mit militärischen Mitteln durchzusetzen als die Europäische Union. Nicht wenige leiten daraus den Vorschlag ab, EU- Europa könne einen friedfertigeren Gegenpol zur Weltmacht USA bilden und Vorbild für eine gerechtere Globalgesellschaft sein. Mit solchen Vorstellungen wird ein trügerisches Bild bedient, an dem auch die EU- Administration arbeitet, indem sie beispielsweise auf dem internationalen Parkett moderatere Töne anschlägt als Washington und sich aufgeschlossener gegenüber den Nöten und Sorgen der übrigen Welt zeigt.

Doch auch wenn die Vereinigten Staaten das größere, technologisch fortschrittlichere und schlagkräftigere Militär haben als die Europäische Union, sollte nicht vergessen werden, daß die USA im vergangenen und diesem Jahrhundert kaum einen Krieg angefangen haben, an dem sich die europäischen NATO-Mitglieder nicht zumindest als Juniorpartner beteiligten - Jugoslawien, Afghanistan und Irak sind die jüngsten Stationen. Sollte es zu einer militärischen Auseinandersetzung mit Syrien oder Iran kommen, ständen europäische Staaten mit hoher Wahrscheinlichkeit ebenfalls Gewehr bei Fuß.

Von einer prinzipiell friedlicheren Ausrichtung der EU kann aus diesem und einem weiteren gewichtigen Grund nicht die Rede sein. Die Öffentlichkeit hat die höhnische Differenzierung des US- Verteidigungsministers Donald Rumsfeld in ein altes und ein neues Europa im Vorfeld des Irakkriegs als Absage an Frankreich und Deutschland und umgekehrt als Gunstbeweis für Kriegswillige wie Polen und Rumänien gewertet und ist damit dem Abkömmling deutscher Auswanderer im Pentagon gehörig auf den Leim gegangen. Denn die zum alten Europa gerechneten Staaten haben seit Beginn des Irakkriegs 2003 weiterhin enge Kontakte zu den USA gepflegt, während Polen trotz seines Engagements bei der Aufteilung der Kriegsbeute nicht den erhofften Schnitt machte. Nicht Dissens, sondern Kontinuität zeichnet die transatlantischen Beziehungen aus.

Sollte allerdings Rumsfeld selbst ernsthaft daran geglaubt haben, daß das "alte Europa" weniger bereit sei, sich an Kriegen zu beteiligen, dann offenbarte er sich damit als militärhistorischer Laie. Mag die Geschichte der USA mit der Vernichtung der ursprünglichen Bevölkerung, dem Unabhängigkeitskrieg, dem Krieg gegen Mexiko und dem Bürgerkrieg auch mit Blut geschrieben sein - die europäische Tradition der Kriegführung reicht um viele Jahrhunderte weiter zurück und war stets angetrieben von rüstungstechnischen Innovationen. Die europäische Geschichte hat bereits Imperien aufsteigen und fallen sehen, da hatte noch kein weißer Fuß amerikanischen Boden betreten. Die Geschichte der Eroberung und Unterwerfung hat sich tief in die europäischen Gesellschaften eingeprägt und wurde bis heute durch keine andere Form der Konfliktbewältigung ersetzt.

Wenn nun ein Donald Rumsfeld vom "alten Europa" mit seinen vermeintlich zögerlichen, wenig kriegsbegeisterten Staaten spricht, dann verkennt er, wie fest verankert die militärische Tradition in den einzelnen europäischen Staaten ist. Im übrigen liegt der Zweite Weltkrieg, der Europa zu einem einzigen Schlachtfeld gemacht hat, gar nicht so lange zurück, und die Zeit von 1945 bis heute war ebenfalls nicht frei von Kriegen: Frankreich und Großbritannien haben seitdem versucht, koloniale Befreiungsbewegungen mit Waffengewalt zu unterdrücken (Algerien, Korea, Malaysia, Kenia), England hat gegen Argentinien um Falkland Krieg geführt, und viele Staaten Europas haben auf anderen Kontinenten Stellvertreter für ihre Interessen kämpfen lassen.

Auch wenn sich die EU-Staaten bislang den USA untergeordnet haben und sich daran voraussichtlich in den nächsten Jahren wenig ändern wird, so wäre es fatal, die erwähnte kriegerische Tradition in Europa sowie die enorme militärische Aufrüstung und ideologische Wegbereitung der letzten Jahre zu unterschätzen. Daraus ist eine eigene Dynamik erwachsen, die ihr Ventil suchen wird. Bislang waren die europäischen Staaten nie so "handlungsfähig" wie die USA, wenn es darum ging, Krieg vom Zaun zu brechen, aber daraus sollte nicht auf die Zukunft geschlossen werden. Es ist ein Verdienst der beiden Mitglieder der Informationsstelle Militarisierung (IMI) Tobias Pflüger und Jürgen Wagner, daß sie mit ihrem im VSA-Verlag erschienenen Buch "Welt-Macht EUropa. Auf dem Weg in weltweite Kriege" nicht nur den neuesten Stand der militärischen Strukturen innerhalb der EU-Administration aufgezeigt, sondern bereits in ihrem Titel eine unmißverständliche Prognose abgegeben haben, worauf diese Entwicklung hinausläuft, sofern ihr nicht entschieden Einhalt geboten wird: auf eine den ganzen Globus umgreifende Kriegführung.

Um der komplexen Thematik Herr zu werden, haben die Herausgeber das Buch sinnfällig in drei Schwerpunkte gegliedert, die jeder für sich wiederum ein ganzes Bündel an Unterkapiteln umfassen. Der erste Teil, "Strukturen und Grundlagen der Weltmacht EU", ist inhaltlich so verdichtet, daß aus ihm gut und gern ein eigenes Buch hätte gemacht werden können. Hier wird in leicht verständlichen Worten, aber durchaus in die Tiefe gehend herausgearbeitet, wie weitreichend die Militarisierung der Europäischen Union bereits gegriffen hat. So erfahren die Leserinnen und Leser im Rahmen eines historischen Abrisses der europäischen Integration, daß die Eröffnung und Verfügbarmachung neuer Expansionsräume bereits Anfang der fünfziger Jahre, als die Trümmer des Zweiten Weltkriegs noch nicht beseitigt waren, erneut das Begehren nach einer europäischen Armee aufkommen ließen. 1949 wurde die NATO ins Leben gerufen, 1952 erfolgte die Gründung der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG). Diese scheiterte zwar zwei Jahre darauf, aber im Ergebnis führte sie dazu, daß Streitkräfte Deutschlands, des Aggressors des Zweiten Weltkriegs, in die transnationale Militärstruktur der NATO integriert werden konnten.

Neben dem berühmten Marshall-Plan, der noch heute gern von Politikern zitiert wird, um ewige "Dankbarkeit" zu den USA zum Ausdruck zu bringen (und womöglich die Beteiligung am nächsten Angriffskrieg oder dessen Akzeptanz zu begründen), existierte zusätzlich das weniger bekannte Military Assistance Program (MAP), "das direkt auf die Wiederherstellung militärischer Kapazitäten zielte und hier insbesondere auch auf den Aufbau paramilitärischer Gruppen für geheime und/oder militärische Einsätze (wie z.B. in Griechenland)", wie Stephan Heidbrink (Fußnote 6, Seite 45) berichtete. Mit anderen Worten: Westeuropa wurde gegen die Sowjetunion in Stellung gebracht, und die beteiligten Staaten profitierten davon. Diese Entwicklung stieß anfangs noch auf Widerstand, doch der Drang zur Sicherung des kapitalistischen Verwertungssystems setzte sich gegen die unter dem Eindruck der Katastrophe des Weltkriegs und der nuklearen Aufrüstung opponierenden Bevölkerungen durch.

Zu den wichtigsten in diesem Buch erwähnten Eckpfeilern der Militarisierung der Gesellschaft zählt die im Dezember 2003 veröffentlichte Europäische Sicherheitsstrategie (ESS), die "die erstmals formulierte strategische Grundlage der EU, sich als Großmacht zu begreifen und den Anspruch zu verfolgen, sich so als (Mit)Führungsmacht in der Welt zu positionieren" (S. 138/139), bildete. Trotz des Scheiterns der EU-Verfassung aufgrund der Volksabstimmungen in Frankreich und den Niederlanden wurden die militärischen Segmente des Verfassungsentwurfs, weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit, in der Europäischen Verteidigungsstrategie (EVS) fortgeführt. Dabei handelt es sich um "ein 'Sicherheitskonzept', das sich auf die Rahmenbedingungen der ESS bezieht, davon Militärmissionen ableitet und vorgibt, was sich in den nationalen Armeen und Rüstungsprogrammen ändern müsse, damit die EU eine globale Kriegsführungsfähigkeit erlangt" (S. 139). Deutschland, Frankreich und Großbritannien komme dabei die Fähigkeit zu fortgeschrittener Interventionskriegführung zu, erfahren wir.

Die Europäische Verteidigungsstrategie bliebe jedoch Wunschdenken einer nach globaler Vorherrschaft strebenden Elite, wenn sie nicht mit entsprechender Schlagkraft unterfüttert würde. Darum wird "in der EVS ein 170.000 SoldatInnen starker Truppenpool gefordert, der unter Beachtung der Rotationsverfahren ein EU-Angriffskorps zur Kriegsführung" vorsieht. Dieses Korps besteht "aus der Europäischen Eingreiftruppe von 60.000 SoldatInnen und den Kampfgruppen" (S. 141). Dreizehn Kampfgruppen zu je 1500 Soldatinnen und Soldaten sind bislang geplant. Sie bilden in den kommenden Jahren die Speerspitze für blitzschnelle Interventionen auf der ganzen Welt. Hieran wird deutlich, daß sich nach der Lesart der EU-Strategen "Verteidigung" nicht auf das eigene Territorium bezieht, sondern auf den eigenen Anspruch, exterritoriale Produktions- und Nutzungsräume funktional angliedern zu dürfen.

In dem Unterkapitel "Neoliberale Geopolitik: Transatlantische Konzepte einer militärischen Absicherung der Globalisierung" hat der Herausgeber Jürgen Wagner auf 25 Seiten dargelegt, daß das neoliberale Wirtschaftsmodell zwangsläufig zu Kriegen führen muß. Neoliberalismus ist demnach keine Gegenutopie zu Massenverarmung, sogenanntem "Terrorismus", gescheiterten Staaten, westlichen Militärinterventionen und Proliferation, sondern der Treibriemen eines bellizistischen Weltordnungsgetriebes, wie in einem Schaubild (S. 79) bündig illustriert wird. Wagner zieht daraus den Schluß, daß man sich vom "neoliberalen Projekt und kapitalistischer Interessenpolitik" abwenden müsse; in einem "bedingungslosen Schuldenerlaß" (S. 80) sieht er einen ersten Schritt.

Ähnlich wie in diesem Beispiel verbleiben viele der von den Autorinnen und Autoren geschriebenen Aufsätze nicht beim Konstatieren der bestehenden oder prognostizierten Verhältnisse, sondern enden mit kurzen Hinweisen, was gegen die zuvor beschriebene Militarisierung unternommen werden sollte. Die Ablehnung der EU-Verfassung durch die Franzosen und Niederländer wird an mehreren Stellen als vorbildhaft für eine zivilgesellschaftliche Gegenposition gelobt.

Jürgen Wagner befaßt sich auch mit den Vorstellungen des "derzeit mit Abstand wichtigsten Vordenkers neoliberaler Geopolitik" (S. 62), Thomas P. Barnett, der keinen Hehl daraus macht, daß die USA seiner Meinung nach das auf ihre Macht gestützte Recht haben, Staaten, die sich von der globalen Ökonomie abkoppeln und deren Spielregeln nicht befolgen ("nicht-integrierende Lücke" genannt), militärisch zur Gefolgschaft zu zwingen. Und "'wenn andere Mächte ein größeres Mitspracherecht darüber haben wollten, wie wir unsere Macht ausüben, müssen wir schlicht mehr für die Rüstung ausgeben'" (S. 62), wird aus Barnetts Buch "The Pentagon's New Map" (New York 2004, S. 176) zitiert. Das sei eine Denkweise, die sich auch unter europäischen Eliten breitgemacht habe, schreibt Wagner. Treffende Beispiele hierfür sind "Mr. GASP" Javier Solana und dessen Büroleiter Robert Cooper.

Im zweiten Teil des Buchs, "Zwischen Nachbarschaftspolitik und globalem Einfluss" überschrieben, wird das Verhältnis der Europäischen Union zu den Balkanländern, USA, der Türkei und Rußland sowie zu den Ländern des Nahen und Mittleren Ostens, Lateinamerikas und Afrikas behandelt. In welcher Region der Welt sich die EU auch immer engagiert, sie definiert sie in einem eindeutigen Nutzungsverhältnis, wobei die andere Seite mal als Protektorat definiert wird (Bosnien-Herzegowina - dort verfügt der Hohe Repräsentant der EU über Vollmachten eines Kolonialherrschers), mal als strategischer Partner (USA, Rußland), mal als Ressourcenlieferant (Afrika) und mal als verlängerte Werkbank europäischer Konzerne, bzw. als deren potentieller Absatzmarkt (Osteuropa, Asien).

Unter der Überschrift "Die Militarisierung von Gesellschaft, Politik und Ökonomie stoppen" werden in Teil 3 des Buchs Rüstungspolitik, der Aufbau global agierender Rüstungskonzerne, Sozialabbau im Innern und Ausbau der Festung Europa gegen Menschen aus Regionen des Mangels und der Not miteinander verknüpft. Das Buch endet mit dem Unterkapitel "Perspektiven für eine andere Welt eröffnen" - eine Formulierung, die nicht zufällig an die Programmatik der Attac-Bewegung erinnert, sitzt doch Mitherausgeber Tobias Pflüger im wissenschaftlichen Beirat dieser Bewegung.

In dem Schlußkapitel fordert der Autor Uwe Reinicke dazu auf, sich von den Regierungen nicht vorschreiben zu lassen, daß es zu ihrer Politik keine Alternative gebe. Denn: "Friedensbewegungen und soziale Bewegungen [...] erkennen die vorgebliche Alternativlosigkeit nicht an und gehen von einer diametral anderen Grundidee aus. Nicht die Macht des Stärkeren, sondern die Gleichheit aller bildet deren Grundlage." (S. 327)

Es trifft zu, daß nicht nur die USA, sondern auch die EU an die Macht des Stärkeren glaubt und danach handelt. Die im Jahr 2000 beschlossene Lissabon-Strategie will die Union zur führenden Wirtschaftsmacht der Welt erheben und das Projekt mit entsprechenden Kriegführungsfähigkeiten abstützen. Allerdings müssen an der von den sozialen Bewegungen vorgebrachten Idee, daß alle Menschen gleich anzusehen seien und daß dies zwangsläufig in eine andere Richtung als die gesellschaftlich vorgegebene führt, ernsthafte Zweifel angemeldet werden. Denn nach europäischem Recht sollen alle Menschen gleich sein, und dennoch findet zur Zeit auf eben dieser Basis eine tiefe militaristische Durchdringung aller gesellschaftlichen Ebenen statt.

Aus dem sich hier abzeichnenden Widerspruch, daß der Begriff der Gleichheit sowohl von den Kritikern als auch den Apologeten der vorherrschenden Gewaltordnung reklamiert wird, könnte der Schluß gezogen werden, daß als Gegenentwurf zum Leviathan die Position der Schwäche (die nichts mit Nachgiebigkeit zu tun haben kann) eingenommen und konsequent beibehalten werden müßte. Und anstatt mittels des Begriffs der Gleichheit die Differenzen zwischen Menschen, Völkern und Staaten zu leugnen, wären umgekehrt die Unterschiede herauszuarbeiten, um auf diesem Wege in einem permanenten Prozeß Mißverständnisse zwischen den verschiedenen Seiten auszuräumen und somit Konflikte erst gar nicht eskalieren zu lassen. Da in diesem Konzept von nichts anderem als von Unterschieden ausgegangen würde, lieferte man sich nicht dem Zwang aus, der sich daraus ergibt, wenn sie ignoriert werden und unter der Oberfläche ihre Wirkung entfalten.

Abgesehen von der Idee der Gleichheit schlägt der Autor vor, daß den Beherrschten klar werden müsse, "dass die Herrschenden völlig ohne Legitimität handeln und dass sie selber ein legitimes Recht auf ein ziviles, also freies Leben haben" (S. 327). Diese Forderung wirkt bis zu einem gewissen Punkt attraktiv, aber es ist in der überlieferten Menschheitsgeschichte kein Beispiel bekannt, bei dem Herrschaft durch etwas anderes als Herrschaft abgelöst wurde. Das ist eine bittere Erkenntis für jeden sich revolutionär wähnenden Geist, und es sollen hier keineswegs alle politischen Systeme über einen Kamm geschoren werden, doch stellt sich die Frage, ob nicht durch die Forderung nach einem "Recht" auf ein freies Leben der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben wird, hat sich doch Recht stets als Waffe in der Hand des Stärkeren erwiesen. Davon zeugen die aktuellen Bemühungen vor allem seitens Großbritannien und den USA, die Genfer Konventionen aufzuweichen, um Folter und Angriffskriege zu legitimieren. Die Antimilitarisierungsbewegung würde sich mit dem Wunsch nach Recht einem wesentlichen Mittel von Herrschaft unterwerfen, lange bevor die Auseinandersetzung begonnen wurde. Wäre es statt dessen nicht ein machbarer Ansatz für jeden, der Herrschaft zutiefst ablehnt, die Beherrschbarkeit zu beenden, wo er sie trifft, und sei es die eigene?

Das Buch "Welt-Macht EUropa" beleuchtet so viele wichtige Aspekte der Militarisierung der Europäischen Union, daß sie zum Bedauern des Rezensenten an dieser Stelle kaum angerissen werden konnten. Mit einer Investition von 19,80 Euro können allerdings die Leserinnen und Leser dieses Problem für sich beheben.

21. September 2006


Tobias Pflüger/Jürgen Wagner (Hrsg.)
Welt-Macht EUropa
Auf dem Weg in weltweite Kriege
VSA Verlag, Hamburg 2006
ISBN 3-89965-183-9



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REZENSION/352: Chen & Wu - Zur Lage der chinesischen Bauern (Politik)



Chen Guidi & Wu Chuntao


Zur Lage der chinesischen Bauern

Eine Reportage



Zwei Entwicklungen sind es, welche die Geopolitik des angebrochenen 21. Jahrhunderts maßgeblich prägen: Zum einen der von den USA nach den Flugzeuganschlägen vom 11. September 2001 ausgerufene "globale Antiterrorkrieg", einschließlich des Einmarschs des Westens in Afghanistan und den Irak sowie der sich scheinbar stets vertiefenden Feindschaft zwischen der islamischen und jüdisch-christlichen Welt, und zum anderen der beeindruckende Wiederaufstieg Chinas, das nach zwei Jahrhunderten voller Erniedrigungen und Wirrungen im neuen Glanz erstrahlt. Wie weit die Volksrepublik die Rolle der Werkbank der Welt übernommen hat, läßt sich anhand der ständig steigenden Rohstoffpreise messen. Inzwischen hat die Wirtschaft Chinas von der Höhe des Bruttosozialprodukts her die Kanadas, Italiens, Großbritanniens und Frankreichs überholt und rangiert bereits gleich hinter den Ökonomien der USA, Japans und Deutschlands an vierter Stelle. Im September dieses Jahres hat die Volksrepublik, was die Menge an ausgeführten Gütern betrifft, die USA erstmals hinter sich gelassen und hat nur noch den Exportweltmeister Deutschland vor sich.

Hält der Wirtschaftsboom in China mit jährlichen Wachstumsraten von rund zehn Prozent noch länger an, so rechnen Experten, wird das Land mit der ältesten Zivilisation der Welt, das schon zu Zeiten von Marco Polo und Christoph Kolumbus technologische Spitze war, die USA in rund zwanzig Jahren als ökonomisch wichtigste Nation der Welt abgelöst haben. Skeptiker dagegen glauben nicht, daß die USA ihre Führungsposition ohne Streit abgeben werden, und gehen - unter Verweis beispielsweise auf die strategische Annäherung zwischen Amerika und Indien - von einer über kurz oder lang unvermeidlichen militärischen Auseinandersetzung zwischen Peking und Washington aus, die mindestens so verheerende Auswirkungen haben dürfte wie der Konflikt zwischen dem schwächelnden British Empire und dem emporsteigenden Deutschen Reich, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts der Menschheit bekanntlich zwei Weltkriege mit all ihrem Leid und ihrer Zerstörung bescherte. Den Anlaß zu einem solchen Inferno könnte der Dauerdisput um den Status der Insel Taiwan liefern, die zwar völkerrechtlich zu China gehört, jedoch von den USA seit 1949 als eigenes Protektorat behandelt wird. Betrachtet man das aktuelle Ringen amerikanischer und chinesischer Konzerne um Zugang zu den fossilen Energieressourcen von Ländern wie dem Irak, dem Iran, Kasachstan, Nigeria, Rußland, dem Sudan und Venezuela, so kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, unter der Oberfläche sei der Krieg zwischen der alten und der neuen Supermacht längst ausgebrochen.

Wie es mit China weitergeht, dessen Schicksal inzwischen die ganze Welt tangiert, hängt nicht zuletzt von der gesellschaftlichen Entwicklung innerhalb der Volksrepublik selbst ab. Vor welchen herkulischen Herausforderungen und Schwierigkeiten das bevölkerungsreichste Land der Erde steht, geht aus dem Buch "Zur Lage der chinesischen Bauern - Eine Reportage" von Chen Guidi und Wu Chuntao sehr anschaulich hervor. In China haben rund 400 Millionen Menschen, überwiegend Stadtbewohner, das geschafft, was man vielleicht den Sprung in die Moderne bezeichnen könnte, während rund 900 Millionen Bauern weiterhin quasi in feudalistischer Armut leben. Diese gemeinen Bauern, seit Jahrtausenden ohnehin das Rückgrat der chinesischen Gesellschaft, sind es, deren Steuern in Billiardenhöhe den rasanten wirtschaftlichen Aufstieg der Volksrepublik mit all den glitzernden Prachtbauten in Städten wie Shanghai und Shenzen bis heute finanzieren und letztlich subventionieren, ohne daß die Menschen auf dem Land selbst allzuviel Nutzen davon hätten.

Diese erdrückende steuerliche Überbelastung der Landbevölkerung im modernen China steht im Mittelpunkt der vorliegenden Lektüre. Animiert von einer Reihe von spektakulären Vorfällen, bei denen es zu heftigen Bauernprotesten gegen Korruption und Machtmißbrauch seitens örtlicher Kader der Kommunistischen Partei gekommen war, bereisten Chen und Wu ab 2001 drei Jahre lang die Provinz Anhui, wo sie mit Tausenden einfacher Bauern und Lokalpolitikern sprachen, und fuhren zudem in die Hauptstadt Peking, um hohe Repräsentanten des Partei- und Staatsapparats zu interviewen. Anhui, in dessen Hauptstadt Hefei Chen und Wu selbst leben, ist nicht nur traditionell eine der wichtigsten Nahrungsmittelproduzentinnen Chinas, sondern auch die Provinz, in der man in den neunziger Jahren mit ersten zaghaften Pilotprojekten zur Verringerung der unerträglich gewordenen Steuerlast der ländlichen Bevölkerung begonnen hatte. Nicht zuletzt wegen der schwierigen Umstellung war es in Anhui zu Konfrontationen zwischen Bauern und den staatlichen Steuereintreibern gekommen.

Chen und Wu schildern diese zum Teil erschütternden Vorfälle mit großer Eindringlichkeit. Dem Autorenpaar ging es jedoch nicht darum, örtliche Kader der Kommunistischen Partei anzuprangern, denn wie sie selbst anmerken, üben die allermeisten von diesen ihre Funktionen gewissenhaft und nach besten Kräften aus, sondern sie wollten strukturbedingten Probleme der chinesischen Gesellschaft aufzeigen und analysieren. Als Vorbild folgten Chen und Wu nach eigenen Angaben dem großen Revolutionsführer Mao Zedong, der sich in den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts in die Provinzen Hunan und Jiangxi begeben und anschließend über die Lage der Bauern dort eine Reihe von Untersuchungsberichten veröffentlicht hatte, die seinen späteren Ruhm begründen sollten. Wie der Zufall es will, entwickelte sich Chens und Wus Reportage nach einem ersten Vorabdruck in der Zeitschrift Dangdai (Gegenwart) Ende 2003 und der Veröffentlichung als eigenständige Publikation durch den staatlichen Volksverlag in Peking Anfang 2004 zum meistverkauften Buch der chinesischen Geschichte nach der Maobibel.

Im Oktober 2004 wurde dem Ehepaar Chen und Wu in Berlin für "Zur Lage der chinesischen Bauern" der mit 50.000 Euro dotierte Lettre Ulysses Weltpreis für literarische Reportage verliehen. In der Zwischenzeit jedoch war daheim in China der Vertrieb ihres Buchs - von dem es in der Volksrepublik schätzungszweise mehr als acht Millionen Raubkopien geben soll - eingestellt worden. Inwieweit dieser Schritt auf die Staatsführung in Peking zurückgeht, ist unklar. Fest steht jedoch, daß das Buch Gegenstand eines heftigen Rechtsstreits wurde und aufgrund einer richterlichen Anordnung nicht mehr veröffentlicht werden durfte. Zhang Zide, dessen brutaler und ruchloser Willkürherrschaft als Sekretär des Kreiskomitees Linquan ein eigenes Kapitel des Buchs gewidmet ist, sah sich von Chen und Wu verleumdet, klagte und bekam im März 2005 von einem Gericht der Bezirkshauptstadt Fuyang, wo er heute als führende Regierungsberater arbeitet, Recht. Chen und Wu wurden schuldig gesprochen und zu einer hohen Geldstrafe verurteilt. Dafür wurden sie beim ersten Besuch Angela Merkels als Bundeskanzlerin im Mai 2006 in China zu einem Stelldichein in die deutsche Botschaft in Peking eingeladen.

Es wundert einen nicht, daß die Reportage "Zur Lage der chinesischen Bauern" zu einem Politikum wurde, denn ihr Inhalt berührt ganz wesentliche Teile des volksrepublikanischen Gesellschaftssystems, die in eine Krise geraten sind, deren Lösung der Quadratur des Kreises gleichkäme. Im Zuge der marktwirtschaftlichen Reformen in China machte man sich in den neunziger Jahren Gedanken, wie die Steuern für die Bauern gesenkt werden konnten, damit es auf dem Land nicht zur Explosion kam. Doch bei den ersten Pilotprojekten in Anhui stellte man fest, daß Vereinfachung und Vereinheitlichung des Steuersystems die Bauern zwar entlasteten, dafür aber große Lücken in den Haushalten der Gemeinde- und Bezirksverwaltungen rissen. Weniger aus reiner Raffgier, sondern vielmehr aus der berechtigten Angst um die eigene Existenz heraus wehrten und wehren sich bis heute Teile des ländlichen Partei- und Staatsapparats gegen die Steuerreform.

In den letzten Jahren ist viel über die Lage der über einhundert Millionen Wanderarbeiter, die in den chinesischen Großstädten unter erbärmlichsten Bedingungen leben und arbeiten müssen, berichtet worden. Nach Erkenntnissen von Chen und Wu gibt es jedoch eine versteckte Arbeitslosigkeit auf dem Land in China, wobei die Zahl der Betroffenen die der Wanderarbeiter bei weitem übersteigt. Das stellt sich die Frage, wie man dieses Millionenheer in die Gesellschaft sinnvoll integrieren kann. Eine Erhöhung der Produktivität der chinesischen Agrarwirtschaft könnte die ohnehin gigantische Landflucht, welche die Staatsführung in Peking irgendwie bewältigen muß, verstärken. Im Bewußtsein des Ausmaßes der Problematik plädieren Wen und Chu gegen die weitere Verstädterung und für eine Aufhebung der Land-Stadt-Dichotomie sowie eine stärkere Entwicklung der bisher vernachlässigten ländlichen Gebiete, um die Bevölkerung dort sinnvoll zu binden. Angesichts der ohnehin großen Umweltprobleme in China - siehe die rasante Versteppung nordöstlich von Peking -, die sich infolge des Treibhauseffektes verschärfen werden, kommt die Regierung in Peking nicht umhin, andere Entwicklungswege als die des westlichen Modells gehen zu müssen (Ein Blick auf die Situation in Indien, dessen Landwirtschaft etwas länger den Marktregeln der Welthandelsorganisation ausgesetzt gewesen ist und wo gerade in den letzten Jahren mehr als 100.000 überschuldete Kleinbauern sich aus Verzweiflung das Leben genommen haben, beweist dies). Seit 2004 werden deshalb beispielsweise staatlicherseits Umweltfaktoren bei der Berechnung des chinesischen Bruttosozialprodukts berücksichtigt.

An der chinesischen Führungsspitze wird erbittert um die Zukunft des Landes gekämpft, wie der jüngste, spektakuläre Korruptionsskandal in Shanghai zeigt. In ihrem Buch schildern Chen und Wu die Bemühungen der Pekinger Führung, den 1,3 Milliarden Volkschinesen Sicherheit und Wohlstand zu gewährleisten. Der Leser bekommt einen guten Einblick darin, wie der chinesische Staat funktioniert und auf welchen Wegen die wichtigsten Persönlichkeiten der Gegenwart wie Premierminister Hu Jintao und Staatspräsident Wen Jiabao Karriere gemacht haben. Anders als man vielleicht im Westen meint, sind das keine Parteibonzen, die sich niemals aus ihren Amststuben herausbegeben, sondern moderne Politiker, die sich unters Volk trauen und ständig versuchen, sich ein Bild von der tatsächlichen Lage zu machen. Darüber hinaus ist der gesamte Text des Buchs voller Anspielungen und Verweise auf Episoden aus und Parallelen in der chinesischen Geschichte und Mythologie, die allesamt in den Fußnoten ausgiebig erklärt werden und dadurch dem Leser einen interessanten Einstieg in die chinesische Kultur bieten. Befördert wird dieser Aspekt von der erstklassigen Übersetzung Hans Peter Hoffmanns, der viele Redewendungen wörtlich wiedergibt und den Leser den Reichtum der chinesischen Sprachwelt erahnen läßt.

5. Oktober 2006


Chen Guidi & Wu Chuntao
"Zur Lage der chinesischen Bauern - Eine Reportage"
Zweitausendeinsverlag, Frankfurt am Main
2006, 600 Seiten
ISBN-10: 3-86150-765-X,
ISBN-13: 978-3-86150-765-9.



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REZENSION/355: WIDERSPRUCH 50 - Beiträge zur sozialistischen Politik



WIDERSPRUCH 50


Beiträge zur sozialistischen Politik

Alternativen!



Von der "neoliberalen Konterrevolution", wie sie Milton Friedman 1962 postulierte, über das Dogma Margret Thatchers zu Beginn der 1980er Jahre, wonach es keine Alternative zum neoliberalen Politik- und Gesellschaftsentwurf gebe, bis hin zu den neokonservativen Plänen einer neuen Weltordnung zu Ende des letzten Jahrhunderts zieht sich ein roter Faden. Es geht dabei um nichts weniger als das Fundament und Generalgerüst des nächsten Herrschafts- und Entwicklungsschritts, den man mit dem vom beliebigen Gebrauch so abgenutzten Begriff "Globalisierung" eher verschleiert als treffsicher charaktersiert und aufklärt. Der vielbeschworene Triumph des Kapitalismus bestätigt keineswegs den Glaubenssatz seiner Überlegenheit, wohl aber das Ausmaß seines beispiellosen Aggressionspotentials. Was sich als grundsätzliche Krisenhaftigkeit der dominanten Wirtschaftsordnung, ökologisches Desaster oder Kampf der Kulturen zu einem endzeitlich anmutenden Inferno zu verdichten scheint, ist die forcierte Organisation des Überlebens zu Lasten der eigenen Art, also Raub und Vernichtung als einzig gültige Maxime der Herrschaftssicherung.

Wenngleich die Entfaltung dieses Entwurfs die gesamte Geschichte menschlicher Entwicklung prägt, bricht sich derzeit doch eine neue Stufe innovativer Verfügungsgewalt Bahn, die sich in ihrer unerhörten Wucht und Konsequenz der Reichweite bislang ins Feld geführter kritischer Denkansätze zu entziehen droht. Herrschaft in der strategischen Phase ihrer globalen Durchsetzung hat sich die Eliminierung nicht nur des konkret existierenden, sondern darüber hinaus jeglichen potentiellen Widerstands auf ihre Fahnen geschrieben. Sie strebt damit präventiv den Griff auf eine Zukunft an, in der ihre Struktur und Verlaufsform zu einem nicht länger bestreitbaren und somit letztgültigen Gefüge geronnen ist.

Getragen von waffenstarrender Gewalt und zugespitzten ökonomischen Zwangsverhältnissen etablieren die Ideologieschmieden des finalen Entwurfs ein gesellschaftliches Bewußtsein, das nicht länger vom Widerstreit konkurrierender Modelle geprägt ist. Wo es zuvor der Propaganda bedurfte, die bei aller Überzeugungskraft doch ihre Herkunft aus dem Konflikt alternativer Positionen nie verleugnen konnte und daher nach einer gewissen Frist erschöpft und als solche identifizierbar war, soll künftig eine Form umfassender Denkkontrolle das Spektrum des Vorstellbaren und Wünschenswerten fugenlos durchdringen. Von langer Hand geplante Konzepte geschienter Reduktion auf herrschaftskonforme Raster verbannen die Denkmöglichkeiten der Gegenbewegung in den Orkus des Undenkbaren.

Die frappierende Renaissance überwunden geglaubter Attribute von Gut und Böse im weltpolitischen Handlungskontext kommt nicht von ungefähr und sollte nicht als Rückfall in eine sinistre Vergangenheit mißdeutet werden. Sie repräsentiert vielmehr die Bemusterung künftiger Überlebenssicherung der Eliten im globalen Maßstab, die jedes Aufbegehren der ins Verderben getriebenen Mehrheit der Menschheit als Ausgeburt fanatischer Gesinnung bar jeder Vernunft, ja geradezu entmenschlichter Niedertracht diffamiert und auszurotten trachtet.

Angesichts dieser hermetischen Abschottung der bürgerlichen Subjekte kommt dem kritischen Diskurs eine außerordentliche Bedeutung zu, die nicht am Ausmaß seiner Verbreitung bemessen werden kann. Ihn zu pflegen, heißt den Keim des Unbehagens zu nähren, das sich unterhalb der Schwelle mediengenerierter Öffentlichkeit formiert. Drohen die aufoktroyierten Formeln und Konzepte auch jegliche abweichende Option zu ersticken, so rufen sie doch zugleich eine Gegenreaktion hervor. Wenngleich sich also Verlauf und Richtung des hereinbrechenden nächsten Entwicklungsschritts der Herrschaft prognostizieren lassen, ist damit keine Unausweichlichkeit formuliert. Mag die verbliebene Chance auch verschwindend gering anmuten, so ist die letzte Schlacht noch nicht geschlagen.

Im Kontext dieser Zuspitzung könnte die programmatische Namensgebung der Reihe "Widerspruch" erfrischender kaum sein, wie auch das Leitthema des Jubiläumsbands 50 mit "Alternativen!" sowie dem integrierten Teil "Neuformierung der Linken" der Gewalt des für unvermeidlich erklärten monolithischen Gesellschaftsentwurfs die Stirn bietet. Seit 25 Jahren hält das Zeitschriftenprojekt dem kritischen Geist die Treue und gibt jährlich zwei Themenhefte mit Beiträgen aus dem Wissenschafts- und Kulturbereich, aus Linksparteien und Gewerkschaften, aus der Ökologie, Friedens- und Frauenbewegung heraus. Der in der ersten Ausgabe vom März 1981 formulierte Anspruch, ein theoretisch-politisches Diskussionsforum zu schaffen und ein breites linkes Spektrum zu repräsentieren, konnte dank eines großen Kreises sachkundiger und parteiergreifender Autorinnen und Autoren, die ohne jedes Honorar für dieses Medium schreiben, eingelöst, konsolidiert und ausgebaut werden.

Die Beiträge geben durchaus unterschiedlichen Ansätzen und Ausrichtungen Raum, die indessen vielfach aufeinander Bezug nehmen und einen ebenso anregenden wie streitbaren Diskussionszusammenhang stiften. Das vorliegende Heft formuliert differenzierte Thesen zu den grundlegenden wirtschaftlichen, politischen und sozialen Umstrukturierungen, womit es thematisch an Heft 40 "Zukunfts-Perspektiven" aus dem Jahr 2001 anknüpft. Eingehend diskutiert werden insbesondere neo- und linkskeynesianische Konzepte alternativer Wirtschaftspolitik, sozial-, arbeits- und beschäftigungspolitische Innovationen, aber auch feministische und sozialemanzipatorische Positionen. Bezug genommen wird zudem auf die Neuformierung der Linken, wobei der Stellenwert alternativer Vorstellungen in den Organisations-, Programm- und Strategiedebatten zur Überprüfung ansteht.

Der emeritierte Professor für Politische Wissenschaften Elmar Altvater legt dar, auf welche Weise staatliches Handeln jene Rahmenbedingungen gezielt herbeiführt, die dann als begrenzter Spielraum wirtschaftspolitischer Gestaltung wie unvermeidlich auf einen ständigen Finanztransfer vom öffentlichen zum privaten Sektor hinauslaufen. Im Zuge dieses Prozesses nimmt betriebswirtschaftliches Effizienzkalkül Besitz von den gesamtgesellschaftlichen Aufgaben, deren Privatisierung die vormaligen Bürger eines Gemeinwesens mit einem Kanon von Rechten in bloße Konsumenten mit individualisierter Kaufkraft verwandelt.

Die Privatisierungen verändern das Bewusstsein der Menschen. Der 'lock-in-Effekt' ist erst vollkommen, wenn den Menschen Alternativen zum privaten Eigentum, dem individualistischen und instrumentell-rationalen Umgang damit und zur Abstimmung der individuellen Wahlakte mittels des Marktmechanismus schon gar nicht mehr einfallen oder wie überflüssige Flausen ausgetrieben werden. Utopisches Denken, das für die Entwicklung von Alternativen unverzichtbar ist, wird abgewürgt, wenn die Rahmenbedingungen des Handelns wie die ehemalige Berliner Mauer und heute vielleicht die israelische Mauer unüberwindbar scheinen. (S. 8)

Altvater erhebt die Forderung nach einer solidarischen Ökonomie, die ein Gegenmodell zu den angeblichen Sachzwängen der kapitalistischen Produktionsverhältnisse entwirft und zu realisieren trachtet. Eine derartige Alternative entfalte sich erst im Streit mit den angeblich alleingültigen ökonomischen Konzepten und deren politischer Protektion, wobei lokale Projekte, nationalstaatliche Wirtschaftspolitik und globale Vernetzung interagieren müßten, will man prekäre Arbeitsverhältnisse und elende Existenzweisen überwinden. Ihm schwebt dabei die Wiedereinbettung des Marktes in die Gesellschaft und die Überwindung der einfältigen Handlungslogik nach dem Äquivalenzprinzip vor, wobei dies kein Weg zurück sein dürfe, sondern einer der sozialen Emanzipation sein müsse.

Das Prinzip der Solidarität und Fairness ist den Prinzipien von Äquivalenz und Reziprozität entgegengerichtet, denn es geht vom gesellschaftlichen Kollektiv und nicht von Individuen und ihren marktvermittelten Beziehungen aus, und es kann nur in organisierter Form zur Geltung kommen. Auch wird keine hierarchische Regulation von Ökonomie und Gesellschaft von oben verlangt, im Gegenteil. Solidarität entsteht nur mit breiter Beteiligung von unten. Gemeinsame Anstrengungen zur Lösung eines gemeinsamen Problems sind gefragt. Jede(r) leistet einen solidarischen Beitrag nach seinen bzw. ihren Möglichkeiten, das heißt unter Bedingungen der Fairness. Solidarität setzt daher ein Bewusstsein von Gemeinsamkeit und innerer Verbundenheit in einer Gesellschaft voraus, die in einer gemeinsamen Lebenserfahrung begründet sein kann, um ein großes Problem, beispielsweise Arbeitslosigkeit, Armut oder Rechtlosigkeit, zum Beispiel gegenüber transnationalen Unternehmen, oder zur Überwindung einer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Krise, gemeinsam zu bewältigen. (Seite 12)

Was unter Ökonomie zu verstehen sei, hat sich historisch gesehen des öfteren gewandelt und stellt sich heute für verschiedene Sphären der Gesellschaft durchaus unterschiedlich dar. Dies zu analysieren führt Luise Gubitzer ein Sektorenmodell der Gesamtwirtschaft ein, welches deutlich macht, daß in den einzelnen Lebensbereichen nach einer jeweils anderen Rationalität gearbeitet und gewirtschaftet wird. Während die gewinnmaximierenden Unternehmen das private Eigentum mehren, hat der Staat eine Reihe öffentlicher Aufgaben zu erfüllen. Davon zu trennen sind nicht profitorientierte Organisationen der Sozialarbeit, des Bildungswesens, der Beratung oder der Selbstverwaltung. In der Hauswirtschaft werden zahlreiche Tätigkeiten zumeist von Frauen unentgeltlich verrichtet, und schließlich umfaßt der illegale Sektor ein weites Spektrum paralleler, prekärer oder explizit kriminalisierter Erwerbsformen. Neoliberalismus zeichnet sich in diesem Zusammenhang dadurch aus, daß Gewinnmaximierung und individuelle Vorteilsrationalität des Profitsektors allen anderen Bereichen aufgezwungen werden. Dies führt zu einer forcierten Ausbeutung und Verelendung, wobei innergesellschaftlich wie auch global Bevölkerungen und Regionen in zunehmendem Ausmaß von der Sicherung des Überlebens ausgegrenzt werden.

Mit der verschärften Umlastung produktiver und reproduktiver Arbeitsleistung vom Gemeinwesen auf eine individualisierte Existenz untrennbar verbunden ist der Geschlechterwiderspruch, dessen Verhältnis zum Klassenwiderspruch zu den traditionellen Kernthemen der Frauenbewegung zählt. Diane Elson und Jasmine Gideon erläutern internationale Abkommen über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte der letzten Jahrzehnte im Überblick, wobei sie nicht zuletzt Strategien diskutieren, die über den legalistischen Ansatz hinausgehen. Wird die Geschlechterfrage als rein frauenspezifisches Problem behandelt, droht die damit verbundene Hierarchie als Deformation der gesamten Gesellschaft aus dem Blickfeld zu geraten. Die emeritierte Professorin für Soziologie Frigga Haug warnt vor dem Fehler der Linken, die Befreiung der Frauen dem Kampf gegen den Kapitalismus nachzuordnen. Noch grundlegender geht Claudia von Werlhof bei ihrer Kritik des Patriarchats zu Werke, das sie als dominante Linie dessen ausweist, was als Höherentwicklung und technischer Fortschritt in den Rang alleiniger Gültigkeit erhoben wird. Die Autorin zitiert neue Forschungsansätze, denen zufolge matriarchale Gesellschaften ohne Herrschaft, Staat und Klassen existiert hätten. Sie definiert Kapitalismus als verwirklichte Utopie des Patriarchats und kommt zu dem Schluß, daß die Linke für eine Alternative zum Patriarchat nicht zu interessieren sei.

Wenn die Linke wirklich solche Schwierigkeiten mit Alternativen zum Kapitalismus hat, dann ist dies aufgrund der Patriarchatsanalyse viel besser zu verstehen. Denn Kapitalismus ist kapitalistisches Patriarchat, und mit dem Kapitalismus würde auch das Patriarchat verschwinden, es sei denn, man verzichtet nur auf die Utopie des Patriarchats, und würde sich mit dem Patriarchat ohne 'utopischen Materialismus' begnügen. Dass die Linke aber ausgerechnet auf den 'technischen Fortschritt' verzichten wollte, ist wohl nicht anzunehmen, so, wie es noch unmöglicher ist, den Kapitalismus vom Patriarchat zu befreien, denn dann gäbe es ihn gar nicht. Der Kapitalismus ist erst aufgrund der Utopie des Patriarchats und dem [sic!] Versuch seiner Realisierung entstanden und daher existiert auch gar keine vom Patriarchat unabhängige 'Produktionsweise'! (Seite 108)

Tritt an dieser Stelle die Diskrepanz der gezogenen Konsequenzen wohl am deutlichsten zutage, so darf andererseits als gemeinsame Plattform aller referierten Denkanstöße gelten, daß die anhaltende sozialökonomische Krise von tiefgreifenden Strukturveränderungen zeugt. Wenn Keynesianer und Neoliberale behaupten, es handle sich lediglich um eine Störung des Marktgleichgewichts, so trägt dies nur eine als objektive Gesetzmäßigkeit getarnte Ideologie vor. Aufschlußreich ist an dieser Stelle der Beitrag Arnold Künzlis über das "Geheimnis der Unsichtbaren Hand" zur Theoriebildung des Moralphilosophen Adam Smith, der als Gründervater der klassischen und neoklassischen politischen Ökonomie gilt. Dieser ließ sich von der Überzeugung leiten, eine solche "unsichtbare Hand" sorge dafür, daß bei freiem Spielraum der Wettbewerb der Marktkräfte das materielle und soziale Wohl der gesamten Gesellschaft hervorzaubere. Wie sich in ihren Anfängen besonders prägnant aufzeigen läßt, handelt es sich beim Theoriegebäude der kapitalistischen Marktwirtschaft um ein metaphysisches Konstrukt, das seine Verwandtschaft zu religiösen Glaubenssystemen nicht verleugnen kann.

WIDERSPRUCH Heft 50:
Alternativen!
bei der Redaktion Widerspruch,
hat 228 Seiten, 16 Euro.
Pf. CH-8031 Zürich 2006
www.widerspruch.ch
ISBN 1420-0945



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REZENSION/356: Jon Cassar - "24 - Twenty Four: Behind the Scenes" (TV)



Jon Cassar


24 - Twenty Four: Behind the Scenes

Der erste offizielle Bildband zur Serie



Wer kennt sie nicht, die US-Erfolgsserie "24", in der Special Agent Jack Bauer, gespielt von Kiefer Sutherland, innerhalb von vierundzwanzig Stunden eine größere "terroristische" Gefahr für die nationale Sicherheit Amerikas abwenden muß? Die Handlung einer jeden Staffel spielt an einem einzigen Tag, also bilden die 24 Folgen jeweils eine Stunde im Kampf Bauers und seiner Kollegen von der fiktiven Counter Terrorism Unit (CTU) in Los Angeles gegen das Böse. Die Geschichten - jedesmal ein Wettlauf gegen die Uhr mit überraschenden, nervenzerreißenden Wendungen - werden spannend erzählt und vom Optischen und Schauspielerischen her absolut meisterhaft in Szene gesetzt. Die fünfte Staffel, deren Ausstrahlung in Deutschland im Januar 2007 beginnen soll, war in diesem Jahr für zwölf Emmys nominiert und erhielt vor einigen Wochen die für die beste Serie, den besten Hauptdarsteller und für die beste Regie für die Folge "7 a.m. to 8 a.m". Mit diesem grandiosen Erfolg habe "24" "ihren Ruf als eine der provokantesten und einflußreichsten Fernsehserien zementiert", hieß es am 27. August im Artikel der New York Times über die 58. Emmy- Verleihung.

Mit dem Buch "24 - Twenty Four. Behind the Scenes" liefert der Co- Produzent und Regisseur Jon Cassar einen exklusiven Blick hinter die Kulissen. Dem Fan bietet der vom Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf herausgegebene Hochglanzbildband viele schöne, bisher unveröffentlichte Fotos sowie interessante Anekdoten und technische Einzelheiten von den Dreharbeiten. Nicht ohne Grund rühmt sich Cassar in seiner Einleitung damit, daß das, was von ihm und seinem Co- Produzenten Joel Surnow 2001 ursprünglich als einmalige Miniserie gedacht war, "dank Millionen treuer Zuschauer und Fans weltweit zu einem popkulturellen Phänomen herangewachsen ist".

Eigentlich gibt sich Cassar mit dieser Einschätzung viel zu bescheiden. Vor dem Hintergrund der Flugzeuganschläge vom 11. September 2001 hat sich "24" schlechthin als wirkungsvollstes Propagandamittel derjenigen hauptsächlich in den USA und in Israel etabliert, die einen jahrzehntelangen, "globalen Antiterrorkrieg" gegen den sogenannten "Islamofachismus" befürworten. Was für Nazideutschland Leni Riefenstahls Nürnbergepos "Triumph des Willens" war, ist zweifelsohne "24" für George W. Bushs Amerika. Nicht umsonst wird die Serie von Rupert Murdochs Fernsehsender Fox produziert, dessen Schwesterunternehmen Fox News bekanntlich seit fünfeinhalb Jahren als Desinformationkanal Nummer eins der Bush-Regierung fungiert. Dies belegen Umfragen, wonach die Mehrheit derjenigen US- Bürger, die Fox News als ihre wichtigste Informationsquelle angeben, heute immer noch glaubt, Saddam Hussein sei in die Anschläge auf das New Yorker World Trade Center und das Arlingtoner Pentagon verwickelt gewesen beziehungsweise habe noch im Frühjahr 2003 über Massenvernichtungswaffen verfügt.

Dem aufmerksamen Leser und Kenner der Serie gewährt "24 - Behind the Scenes" einen hervorragenden Einblick in die selbstgefällige Sichtweise und das beschränkte Weltbild von Cassar und Surnow. Nehmen wir nur das von Cassar ständig wiederholte Gedöns, die Schauspieler und die Produktionscrew der Serie bildeten eine "Familie" beziehungsweise stellten seine "besten Freunde" dar. Solche Floskeln mögen dem einen oder anderen blauäugigen Fan suggerieren, er gehöre im weitesten Sinne auch zu dieser erlauchten Gemeinde, sie widersprechen jedoch allem, was vom knallharten Geschäft der Filmmetropole Hollywood bekannt ist. Daß Cassar nicht einmal seinem eigenen menschenfreundlichen Anspruch gerecht wird, zeigt die im Buch an den Tag gelegte, unterschiedliche Behandlung der Schauspieler beziehungsweise ihrer Figuren.

Die wichtigsten wie Kiefer Sutherland (Jack Bauer), Carlos Bernard (Tony Almeida), Dennis Haysbert (Präsident David Palmer), Sarah Clarke (Nina Myers), Elisha Cuthbert (Kim Bauer), Reiko Aylesworth (Michelle Dressler) und Mary Lynn Rajskub (Chloe O'Brien) kommen häufig in Bild und Text vor. Auch einigen Nebendarstellern wie Vanessa Ferlito, die in der dritten Staffel die Freundin des Drogenbosses Hector Salazar spielte und laut Cassar "eine wahre Schönheit" ist, die "der Serie definitiv einen Schuß Erotik" verliehen hat, wird eine ganze Seite gewidmet. Dagegen wird Penny Johnson Jerald, die in den ersten drei Staffeln die Rolle der ständig intrigierenden Senatorengattin und späteren First Lady "Sherry Palmer" bravourös gespielt hat, mehr oder weniger unter ferner liefen abgehandelt und wird ganz nebenbei in Verbindung mit einem Drehtag, zu dem man ausnahmsweise den Strand von Malibu aufgesucht hatte, in der Nahaufnahme gezeigt. Statt wie in den anderen Fällen die mehrjährige Zusammenarbeit zu würdigen oder Jerald ein verdientes Wort des Lobes nach dem Ausscheiden aus der Serie mit auf dem Weg zu geben, schreibt Cassar lediglich, beim Außendreh in Malibu sei die Hauptfigur die "Ehefrau von Präsident Palmer" gewesen. "Wir filmten ihren nicht allzu vorzeitigen Tod", (S. 78) so sein kryptischer wie lapidarer Kommentar.

Darauf, daß die Produzenten von "24" bereitwillig Propaganda im Sinne des Weißen Hauses und des Pentagons machen, deutet nicht nur das Foto, das Kiefer Sutherland zeigt, wie er auf einer Startbahn voller Kampfjets einen Fernsehspot für das US-Militär macht, sondern auch die dazugehörige Bemerkung Cassars hin: "Wir erhalten viel Unterstützung von jeder militärischen Abteilung, und das Militär hat uns oft geholfen, so dass wir gemeinsam beschlossen, den Gefallen zu erwidern." (S. 57) Vom US-Verteidigungsministerium ist bekannt, daß es bei allen Film- und Fernsehproduktionen, bei denen man auf die technische Hilfe der PR-Abteilung des Pentagons zurückgreift, auf ein Mitsprache- und eventuell auch ein Vetorecht in Bezug auf das Drehbuch beharrt. Wie dies im konkreten Fall aussehen kann, erwähnt Cassar auf Seite 131 in der Erklärung zu einem Foto von den Dreharbeiten am US-U- Boot Stützpunkt Loma Point im kalifornischen San Diego für die Folge "6.00 - 7.00" der fünften Staffel:

Jack und Henderson gehen an Bord des U-Boots. Es war eine großartige Erfahrung, in einem Atom-U-Boot drehen zu können. Dieses ist ein U-Boot der Los Angeles-Klasse, das Tomahawk- Marschflugkörper und Torpedos abfeuern kann. Im Torpedoraum lernten wir, daß Tomahawks aus den Torpedorohren abgefeuert werden können. Wir benutzen einen Kamerakran, denn so konnten wir am Dock bleiben und dann über das U-Boot schwenken. Der Kran hatte eine Reichweite von 15 Metern und die C-Kamera war an einem Schwenkarm befestigt. In letzter Minute wurde festgelegt, dass wir auf amerikanischem Boden kein amerikanisches U-Boot erfolgreich angreifen dürfen, also wurde daraus ein russisches U-Boot, die Natalia.

Doch es sind nicht nur die Mitarbeiter aus dem Hause Donald Rumsfelds, die beim Drehbuch für "24" mitreden, sondern auch die des erzkonservativen, australo-amerikanischen Medienmoguls Murdoch. In der vierten Staffel planten Cassar und Co. einen Anschlag auf den Jumbo- Jet des US-Präsidenten und mußten auf Geheiß des Auftraggebers Fox weitreichende Änderungen an der ursprünglichen Szene vornehmen:

Das Drehbuch verlangte nach der Explosion der Air Force One und wir wollten die Sprengung mittels einer Computeranimation simulieren. Wir waren in den Vorbereitungen schon ziemlich weit fortgeschritten, als der Sender beschloss, dass das Drehbuch geändert werden sollte. Die Entscheidung wurde sehr spät getroffen, so dass wir uns in letzter Minute etwas einfallen lassen mussten, wie wir die Geschichte verändern und dabei noch die Elemente benutzen könnten, die wir bereits hergestellt hatten. Sie gaben uns die Erlaubnis, den Flieger zerschellen zu lassen, aber wir durften ihn nicht in die Luft jagen. Aus produktionstechnischer Sicht wurde das zu einer komplizierten Angelegenheit. Wir mussten Trümmer zeigen und dennoch klarstellen, dass der Präsident noch lebte, wenngleich er verletzt war. (S. 157)

Den Produzenten von "24" geht es offenbar nicht nur um die pure Unterhaltung, sondern auch um die politische Indoktrination, wie ihre Äußerungen in Verbindung mit dem berüchtigten Handlungsstrang "Terrorfamilie" klar zeigen. Diese taucht in der vierten Staffel auf. Es handelt sich um einen Vater, eine Mutter und ihren jugendlichen Sohn, die, aus dem islamischen Raum kommend, seit mehreren Jahren das Leben einer amerikanischen Wohlstandsfamilie führen, obwohl sie an den Vorbereitungen für einen gleichzeitigen Anschlag auf sämtliche US- Kernkraftwerke beteiligt sind. Als der Sohn am Tag des geplanten Angriffs kalte Füße bekommt, tötet die Mutter seine weiße Freundin, nimmt ihn aber anschließend in Schutz vor dem Vater, der seinen Sprößling wegen Feigheit vor dem Feind erschießen will. Anfang 2005 kam es in der amerikanischen Öffentlichkeit zu einer regen Diskussion über die "Terrorfamilie" von "24", nachdem islamische Organisationen in den USA dem Sender Fox und den Serieproduzenten vorgeworfen hatten, gezielt antimuslimische Ressentiments zu schüren. Damals rechtfertigte Joel Surnow gegenüber der Industriezeitschrift Entertainment Weekly das Drehbuch mit der an Deutlichkeit nicht zu überbietenden Aussage: "Derzeit sind die Muslime die Terroristen."

In "24 - Behind the Scenes" erzählt Jon Cassar in einer Erklärung zu der Szene "Ventura" ziemlich unverblümt, welche Absichten er und Surnow damals verfolgten:

Das hier ist der Schauspieler Nestor Serrano in der Rolle des Navi Araz, des Vaters der Terroristenfamilie. Da er einer Geheimzelle angehörte, wollten wir die Szene mit Nestor an einem öffentlichen, zugänglichen, traditionell amerikanischen Ort drehen und entschieden uns für ein Restaurant in Ventura, Kalifornien. Wir wählten dieses Lokal, weil es eine altehrwürdige Atmosphäre hat, und fügten eine amerikanische Flagge hinzu. Wir wollten alle Zuschauer daran erinnern, dass die Terroristen unter uns sind, vor unserer Nase, an scheinbar sicheren, alltäglichen Orten. In dieser Folge sieht man die Flagge nur für ein, zwei Sekunden, aber das reicht auch völlig um unsere Intention sichtbar werden zu lassen. (S. 103)

Mit solchem Nonsens lagen Cassar und Surnow natürlich voll auf der Linie Washingtons. Gerade Anfang 2005 schürten der FBI-Chef Robert Mueller und Heimatschutzminister Michael Chertoff Ängste mit der wilden Behauptung, unter den rund eine Million Menschen, die jährlich über die 6000 Meilen lange Grenze zu Mexiko illegal in die Vereinigten Staaten einreisten, könnte sich auch eine unbekannte Anzahl von Handlangern Osama Bin Ladens befinden. Demgegenüber steht die Erkenntnis von Karen Greenberg, der leitenden Direktorin des Center on Law and Security der Juristischen Fakultät der New York University (NYU) und Mitautorin des in Fachkreisen vielbeachteten Buchs "The Torture Papers: The Road to Abu Ghraib", die in dem am 14. März 2005 auf der von der Zeitschrift Nation betriebenen Website Tomdispatch.com veröffentlichten, aufschlußreichen Artikel "The Courts and the War on Terror" konstatierte, die Bush-Regierung hätte allen anderslautenden Erfolgsmeldungen zum Trotz seit dem Herbst 2001 keinen einzigen "Terroristen" aburteilen lassen, geschweige denn, irgendwelche ernstzunehmenden Anschlagspläne gegen Ziele in den USA vereitelt - und das trotz der Verhaftung von mehr als 1200 Verdächtigen, die meisten von ihnen Moslems.

Zu den vermeintlichen juristischen Etappensiegen Washingtons im Kampf gegen den "Terrorismus" merkte Greenberg an:

Es existieren tatsächlich Terroristen, die gerne den Vereinigten Staaten großen Schaden zufügen würden, doch Urteile wie in den vom Präsidenten angeführten Fällen tragen in allgemeinen nicht zum besseren Schutz bei. Wenn überhaupt, wiegen sie Amerikaner in trügerische Sicherheit und lassen sie annehmen, wichtige Terroristen würden in der Tat wegen schwerwiegender Pläne oder Taten abgeurteilt und hinter Gitter gebracht werden. Währenddessen stellen die meisten dieser Fälle im besten Fall schlampige, im schlimmsten betrügerische Anklageerhebungen dar. In allen Fällen hat man den starken Eindruck, daß Verzweiflung offensichtlich vorherrschend ist, daß Staatsanwälte herumfuchteln, als gebe es nichts wichtigeres, als einfach zu erklären: 'Ja, wir haben Schläferzellen gefunden; ja, es lauern unter uns Gefahren; ja, wir gewinnen den Krieg an der Heimatfront.' Tatsache ist, daß die politische Zweckdienlichkeit des Antiterrorkrieges eine effektive Verfolgung von Terroristen unterminiert hat. Der Drang nach Anklageerhebungen, der Druck, Verurteilungen zu erzielen, selbst das Festhalten von Gefangenen, ohne sie anzuklagen, zeugt mehr von Politik als von Justiz, mehr von Schein als von Substanz.

Für die Richtigkeit der Kritik Greenbergs spricht ein geheimer, am 16. Februar 2005 vorgelegter FBI-Bericht, in dessen Besitz wenige Wochen später die Nachrichtenabteilung des US-Fernsehsenders ABC gekommen ist. Wie ABCNews.com am 9. März 2005 unter der Überschrift "Secret FBI Report Questions Al Qaeda Capabilities - No 'True' Al Qaeda Sleeper Agents Have Been Found in U.S." berichtete, hatten die Geheimdienste und Strafverfolgungsbehörden in den USA seit den Flugzeuganschlägen vom 11. September 2001 nicht eine einzige Al-Kaida-"Schläferzelle" ausgehoben. Das ernüchternde Fazit der 32seitigen FBI-Analyse lautete: "Bis dato haben wir keine echten 'Schläfer'-Agenten in den USA identifiziert." Diese Feststellung läßt die Behauptung von FBI-Chef Mueller vom Februar 2003 vor dem Geheimdienstausschuß des Senats - "Unsere größte Bedrohung geht von Al-Kaida-Zellen in den Vereinigten Staaten aus, die wir noch nicht identifizieren konnten. Das Aufspüren und die Festnahme von Al-Kaida-Mitgliedern, nachdem sie in die Vereinigten Staaten eingereist sind und die Zeit gehabt haben, sich zu etablieren, stellt die schwerste Herausforderung für unseren Geheimdienst und unsere Strafverfolgungsbehörden dar" - wie auch die Bedrohungszenarien, welche die Produzenten von "24" der amerikanischen Bevölkerung erklärtermaßen einimpfen wollen, mehr als nur ein bißchen überzogen erscheinen.

Wie sehr "24" das atavistische Schwarz-Weiß-Weltbild der Bush- Regierung transportiert, zeigt eine weitere Bemerkung Cassars aus dem vorliegenden Buch in Verbindung mit der "Terroristenfamilie":

Wir hatten das große Glück, die für den Oscar nominierte Schauspielerin Shohreh Aghdashloo für unsere Show zu gewinnen. Sie spielte die Rolle der Dina Araz - Ehefrau, Mutter und wichtiges Mitglied einer verdeckten Terroristenzelle in Los Angeles. ... Ich kann gar nicht beschreiben, was für eine wunderbare Schauspielerin Shohreh ist; sie hat es tatsächlich geschafft, in eine 'böse' Rolle Mitgefühl einfließen zu lassen. Sie war eine Mörderin, aber als ihr Sohn sich in Gefahr befand, war sie bereit, alles zu tun, um ihn zu beschützen. Sie brachte diese psychologische Zweiteilung sehr glaubhaft rüber. Wenn wir versuchen, Terroristen zu zeigen, steht uns ja nicht viel Information zur Verfügung, wie sie wirklich sind. Wenn man einen Arzt porträtieren will, kann man sich auf die Rolle vorbereiten, indem man Ärzte bei der Arbeit beobachtet. Terroristen lassen sich nicht gern über die Schulter gucken. Wir wollten diese Rolle dennoch echt und auch menschlich gestalten. Meiner Meinung nach hat Shohreh diese Gratwanderung wunderbar hinbekommen. (S. 100)

Die Behauptung, über die "Terroristen" stünde "nicht viel Information zur Verfügung", kann nur jemand bringen, der mit Absicht die Hintergründe und Ursprünge dessen, was das US-Verteidigungsministerium offiziell den Global War on Terrorism (GWoT) nennt, ignorieren und statt dessen die militanten Gegner Amerikas als rachedurstige, der Vernunft unzugängliche Fortschrittsverweigerer darstellen will. 2005 sorgte der Politikwissenschaftler Prof. Robert Pape von der Universität von Chicago mit dem Buch "Dying to Win: The Strategic Logic of Suicide Terrorism", in dem er alle Erkenntnisse über sämtliche 325 terroristische Selbstmordattentate, die zwischen 1980 und 2003 stattfanden, und die Biographien der 462 daran beteiligten Individuen, analysierte, für Aufsehen. Das nüchterne Ergebnis der umfassendsten Studie zu diesem Thema faßte Pape, der auch drei Jahre an der School of Advanced Air and Space Studies der US-Luftwaffe in Alabama lehrte, in einem Gastkommentar, der am 9. Juli 2005 bei der New York Times erschienen ist, wie folgt zusammen: "Die Zahlen zeigen, daß Al Kaida weniger das Produkt islamischen Fundamentalismus als vielmehr des einfachen strategischen Zieles ist, die USA und ihre westlichen Alliierten dazu zu zwingen, ihre Streitkräfte von der arabischen Halbinsel und aus anderen muslimischen Ländern abzuziehen." Laut Pape geht auch aus den Daten klar hervor, daß, sobald die ausländische Besatzung beendet wird, in der Regel auch das Problem des "Terrorismus" erledigt ist.

Von solchen Erkenntnissen wollen die Macher von "24" gar nichts wissen, sondern versuchen statt dessen das Bush-Märchen von den "Terroristen" als "Feinden der Freiheit" den Fernsehzuschauern der Welt nahe zu bringen. Mittels dieser Version des GWoT soll vor allem bei den US-Bürgern die Einsicht in den andauernden Ausnahmezustand hervorgerufen werden, den laut Weißem Haus die Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon erforderlich gemacht haben. Das eindrücklichste Beispiel dieser Lehre von einer angeblich neuen Ära lieferte "24" in der dritten Staffel mit der Hinrichtung von "Ryan Chappelle", gespielt von Paul Schulze. Jack Bauer mußte seinen Vorgesetzten Chappelle mit dessen Einverständnis erschießen, um eine Forderung der "Terroristen" zu erfüllen und einen weiteren verheerenden Biowaffenanschlag zu verhindern. Zu recht nennt Cassar dies "die schockierendste Szene in der Geschichte von 24". Schließlich handelt es sich hier um das allererste Mal in der Film- und Fernsehdramaturgie, daß die "Guten" einen der ihrigen selbst töten, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Solches Handeln nach dem Motto "Der Zweck heiligt die Mittel" ist normalerweise das Erkennungsmerkmal des "Bösen" per se.

Mit der These, die Bereitschaft, beliebte Figuren über den Jordan gehen zu lassen, sei "das Markenzeichen" von "24", macht sich Cassar und den Lesern ebenfalls etwas vor. Schließlich gebührt dieses Prädikat eher der brillanten Mafiaserie "Die Sopranos" von Home Box Office (HBO). Wenn es etwas gibt, das "24" von allen anderen bisherigen Fernsehserien unterscheidet, so sind es die häufigen Folterszenen. Der Anlaß hierfür ist das immer wiederholte Szenario, ein fürchterlicher Anschlag stünde bevor und man habe nur wenige Stunden, ihn zu verhindern. Immer wieder gibt es Personen, die möglicherweise wichtige Hinweise besitzen und die scheinbar nicht bereit sind, diese preiszugeben. Ob nun der terroristische Handlanger, der Sohn des Verteidigungsministers, die CTU-Kollegin oder der ahnunglose Geschäftsmann, gefoltert wird notfalls bis in den Tod. Selbst der gute Jack Bauer ist bei einer Folterszene unter Einsatz von Herzlähmungsmedikamenten von seinen Gegnern fast getötet worden.

Für die unsägliche Kungelei zwischen den Produzenten von "24" und den reaktionärsten Elementen der Polit- und Meinungselite in den USA sprechen die Bilder des vorliegenden Buchs davon, wie der republikanische Senator und bekannte Militarist John McCain die Dreharbeiten zur fünften Staffel besucht und eine Statistenrolle spielen darf, sowie davon, wie Joel Surnow den chauvinistischen Radiomoderator Rush Limbaugh bei einem Besuch am Set "im Raucherzimmer bewirtet". Limbaugh ist bekanntlich derjenige, der im Frühjahr 2004, als der Folterskandal von Abu Ghraib bekannt wurde, im amerikanischen Radio die Opfer mit der zynischen Bemerkung verhöhnte, das, was ihnen angetan worden sei, stünde lediglich auf der selben Stufe wie die Ausschweifungen bei einer x-beliebigen Wochenendorgie an einer amerikanischen Hochschule.

Welchen Stellenwert "24" in der amerikanischen "Terror"-Debatte inzwischen innehat, zeigen erstaunliche Meldungen der letzten Wochen. Am 27. Juni berichtete der Londoner Guardian, Gregory Itzin, der in der vierten und fünften Staffel die Rolle von US-Präsident Charles Logan spielt, sei wenige Tage zuvor zusammen mit dem echten US- Heimatschutzminister Chertoff auf einer Konferenz der konservativen Heritage Foundation mit dem verblüffenden Titel "24 and America's Image in Fighting Terrorism: Fact, Fiction or does it matter" aufgetreten. In einer in der 9.-Oktober-Ausgabe der Zeitschrift American Conservative erschienenen Besprechung des Buchs "War by Other Means - An Insider's Account of the War on Terror" von John Yoo, der als Stellvertretender Justizminister zwischen 2001 und 2004 die wesentlichen Argumente für die Anwendung von Folter, die Einrichtung von Sondergefangenenlagern und die Sondervollmachten des Präsidenten formuliert hat, schrieb James Bovard, die Argumente des heutigen Berkeley-Juraprofessors läsen sich wie der schriftliche Antrag eines Winkeladvokaten, der alle seine Informationen von Fox News erhalte. Laut Bovard "ignoriert" Yoo "FBI- und Militärexperten, die Folter verachten, weil es falsche Geständnisse produziert". Statt dessen "beruft" dieser "sich auf Vizepräsident Dick Cheney als Autorität, was die Frage des Wertes von Folter betrifft, sowie auf die 'populäre Fernsehsendung 24'". Früher haben die Menschen Agentenserien im Fernsehen wie "Solo für Onkel", "Maxwell Smart" und "Cobra übernehmen Sie" genießen können, ohne diese mit der Realität zu verwechseln. Es wäre zu wünschen, daß die Zuschauer von "24" und die Fans von Jack Bauer das gleiche täten.

19.10.2006


Jon Cassar, "24 - Twenty Four: Behind the Scenes", übersetzt von Anne Litvin, Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, Berlin, 2006, 168 Seiten, ISBN 3-89602-728-X



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REZENSION/357: Nizar Sassi - Ich war gefangen in Guantanamo



Nizar Sassi


Ich war gefangen in Guantanamo

Ein Ex-Häftling erzählt



Das im Jahre 2002 vom US-Verteidigungsministerium auf dem Militärstützpunkt Guantánamo an der Südspitze Kubas eingerichtete Lager für "feindliche Kombattanten" hat seinen anfänglichen Nimbus als ultrageheime Einrichtung verloren. Es erfährt eine regelmäßige Berichterstattung, und längst ist bekannt, daß die Militärs ein weltweites Netz an tatsächlich klandestinen Lagern, deren Orte nicht bekannt gegeben werden, aufgebaut haben. Ungeachtet der weltweiten Beachtung, die Guantánamo zuteil wird, gibt es dort gesonderte Abteilungen, die vor der Öffentlichkeit vollkommen verschlossen geblieben sind. Wohingegen die Scharen von akkreditierten Journalisten und der ein oder andere Politiker, ohne die geringste Chance, mit den Gefangenen zu sprechen, immer nur durch jenen Teil des Lagers manövriert werden, in dem den Häftlingen das "Zuckerbrot" für wohlfeiles Verhalten gereicht wird, während ihre Leidensgenossen nebenan die "Peitsche" zu schmecken bekommen.

Die US-Regierung strebt mit einigem Erfolg eine Legalisierung des Gefangenenlagers an, indem sie beispielsweise die universale Gültigkeit der Menschenrechte in Frage stellt und vormaliges Unrecht zu Recht erklärt. So ist amerikanischen Verhörspezialisten nach dem von Kongreß und Senat durchgewunkenen und am 17. Oktober 2006 von Präsident George W. Bush durch seine Unterschrift besiegelten Military Commissions Act fortan nur "schwere" Folter verboten, wohingegen schmerzhafte Verhörmethoden unter dem Vorwand, es handele sich nicht um Folter, legalisiert wurden.

Eine zahlenmäßig kleine kritische Presse, internationale Menschenrechtsorganisationen, wenige Politiker und natürlich die Angehörigen der Guantánamo-Gefangenen werden nicht müde, die US- Regierung zu drängen, den Insassen wenigstens das Recht zuzugestehen, sich vor einem ordentlichen Gericht verteidigen zu dürfen. Vergeblich. Jeder vermeintliche Teilsieg, beispielsweise ein Urteil des Obersten Gerichts der USA vom06.2006 in der Klage Hamdan gegen Rumsfeld, wonach das vom US-Präsidenten vor fünf Jahren eingerichtete System von Militärtribunalen mit bestehenden Gesetzen der Vereinigten Staaten von Amerika unvereinbar sei, hat im Resultat zu einer Verschlechterung der Aussichten der Gefangenen, jemals mit rechtlichen Mitteln für ihre Freiheit kämpfen zu dürfen, geführt: Mit dem Military Commissions Act wird den Bundesgerichten das Recht abgesprochen, Klagen von Guantánamo-Gefangenen anzunehmen.

Auch wenn das Thema Guantánamo in aller Munde ist, wird dadurch das Leid der dort seit Jahren Inhaftierten um nichts gelindert. Über jene generelle Qual hinausgehend, die sich allein aus der Gefangenschaft auf unbestimmte Zeit in engster Behausung, unter lückenloser Observierung in permanenter Drangsal durch die Wachhabenden, ergibt, werden die Betroffenen unterschiedlichen Formen gezielter Folter ausgesetzt.

Zu den gängigen Praktiken zählen Reizentzug ebenso wie Reizüberflutung; Isolation in einer Klimakammer, die mal heiß und mal kalt gestellt werden kann; Verweigerung der notwendigen medizinischen Versorgung oder Verabreichung von Medikamenten unbekannter Art zum Zweck medizinischer Experimente. Mal muß eine Person stundenlang in einer schmerzenden Position verharren, mal nicht enden wollende Verhöre über sich ergehen lassen, oder aber sie wird gewaltsam vom Schlaf abgehalten. Schläge und Tritte durch die Wachhabenden, die gewöhnlich in Gruppen in die Zellen eindringen und den Insassen bearbeiten, sind an der Tagesordnung; Schändungen des Korans und sexuelle Belästigung der muslimischen Glaubensanhänger keine Ausnahme.

Einige der Folterpraktiken hat auch der tunesischstämmige Franzose Nizar Sassi am eigenen Leib erfahren müssen. In dem Buch "Ich war gefangen in Guantanamo" berichtet er, wie er in diese leidvolle Lage geraten war. Seine Erfahrungen aufzuschreiben diente ihm schlußendlich als Therapie, um sich gesellschaftlich wieder zu integrieren und ein ganz normales Leben zu führen.

Nizar Sassi, der in einem Vorort von Lyon aufgewachsen ist, erklärt, daß er sich schon immer für Waffen interessiert und ihn diese Neigung nach Afghanistan geführt habe. Er sei immer vollkommen unpolitisch gewesen, habe nie kämpfen wollen, und von den Namen Osama bin Laden oder Al Qaida habe er erst gehört, als er schon in Afghanistan weilte. Es sei immer nur sein Wunsch gewesen, schießen zu dürfen. Als ihm deshalb im Sommer 2001 von seinem Freund Mourad die Möglichkeit in Aussicht gestellt wurde, ein Ausbildungslager in Afghanistan zu besuchen, wo er angeblich ohne Einschränkungen hätte schießen dürfen, habe er die Gelegenheit beim Schopf ergriffen und sei mit seinem Freund, ohne seiner Familie von dem Vorhaben zu unterrichten, via London und Pakistan nach Afghanistan gereist.

Von dem Leben im afghanischen Ausbildungslager war er jedoch schwer enttäuscht. Das Essen schmeckte ihm nicht, und es war völlig ungenügend. Vom Schießen hatte er ebenfalls mehr erwartet. Im ersten Monat lief in dieser Hinsicht gar nichts, erst später bekam er die Gelegenheit, in beschränktem Maße seiner Leidenschaft zu frönen. Aufgrund einer schweren Durchfallerkrankung mußte er jedoch das Lager vorübergehend verlassen. Genau in der Zeit sei Osama bin Laden dort gewesen, wie Sassi später erfuhr.

Der Autor beschreibt, wie die USA bald nach den Anschlägen vom 11. September 2001 Afghanistan bombardierten und wie er, als er zur französischen Botschaft nach Pakistan habe fliehen wollen, in den Bombenhagel auf die Bergfestung Tora Bora geraten sei. Nach tagelangen Irrungen und Wirrungen, durchgefroren bis auf die Knochen, hungrig und total erschöpft, wurden er, sein Freund Mourad und weitere Flüchtlinge von einem Führer zur pakistanischen Grenze gebracht. Dort habe man sie herzlich empfangen, verköstigt, zum Ausruhen ermuntert ... und an die pakistanischen Sicherheitskräfte verhökert.

Er und andere Gefangene seien gerade in einem Bus transportiert worden, als es darin zum Aufstand kam. Um ihn herum hätten die Kugeln gepfiffen, und er sei wieder eingefangen worden, unverletzt. Schließlich sei er in Guantánamo gelandet, wo er rund zwei Jahre verbrachte, amerikanischen Befragern Rede und Antwort stand und zwischenzeitlich auch von französischen Geheimagenten verhört wurde.

Seine Familie, insbesondere sein Bruder Aymane, hätten unermüdlich für seine Freilassung gekämpft, auch als er sich selbst schon aufgegeben hatte. Im Juli 2004 wurde er endlich an Frankreich ausgeliefert, wo er weitere eineinhalb Jahre im Gefängnis verbringen mußte, bis er schließlich freigelassen wurde.

Nizar Sassi würde sicherlich der Einschätzung zustimmen, wenn man sein Verhalten als völlig naiv bezeichnete. Bereits die Tatsache, daß sein Freund Mourad und er mit gefälschten Pässen von London nach Islamabad fliegen mußten, hätte ihn mehr als nur mißtrauisch machen müssen. Desweiteren boten die von ihm geschilderten subversiven Manöver noch vor dem Abflug aus Großbritannien genügend Anlaß, um auszusteigen und sich nicht tiefer und tiefer in die für ihn unüberschaubare Lage hineinzubegeben. Sassi verwendet bereits in dieser frühen Phase seiner Reise eindeutig konspirative Begriffe wie "Schlepper" und "Kontaktmann" oder "anonyme Wohnung", in der er und sein Freund in London tagelang warten mußten. Dennoch schreibt er über diese Zeit:

Seltsamerweise gefällt mir diese doch ziemlich eigenartige Situation. Ich, der Parkwächter aus Les Minguettes, bin im Ausland, mit falschen Papieren, in einer anonymen Wohnung. Ich lebe in einem Abenteuerfilm. Nur diesmal bin ich der Held. Ein echter Jugendtraum. (S. 29)

Von Pakistan aus werden er und sein Freund auf dem Landweg zum afghanischen Ausbildungslager Al Faruq bei Kandahar "geschleust", wobei sie einheimische Kleidung anlegen und mehrfach das Fahrzeug wechseln mußten. Kurz vor Erreichen des Lagers wurden sie sogar aufgefordert, ihre Gesichter zu verhüllen. Auch wenn Sassi sein gutgläubiges Verhalten mit dem Argument zu rechtfertigen versucht, daß er die dortigen Ausbilder nicht verstanden habe, da sie kein Französisch gesprochen hätten, und man ihm immer übersetzen mußte, so ist schwer nachzuvollziehen, was es daran mißzuverstehen gibt, wenn einem gelehrt wird, eine Waffe auseinander- und wieder zusammenzubauen, sich im Gelände an einen potentiellen Feind heranzuschleichen und auch mit Sprengstoff umzugehen.

Es spielt allerdings keine Rolle, ob die Leserinnen und Leser dem Autor glauben, daß sich all dies genau so zugetragen hat, wie er behauptet. In jedem Fall liefert er mit seinem Buch der US- Administration eine Steilvorlage für die Aufrechterhaltung des völkerrechtswidrigen Lagers von Guantánamo. Denn entweder hat Nizar Sassi ein völlig falsches Bild von sich erzeugt - dann wären er und logischerweise auch andere Guantánamo-Gefangene zurecht als gefährlich eingestuft worden -, oder aber er war so manipulierbar und "abenteuerlustig", wie er es darstellt, und müßte genau deshalb als gefährlich betrachtet werden. Denn die Sicherheitskräfte müßten davon ausgehen, daß noch mehr Leute seines Schlags afghanische Ausbildungslager durchlaufen und sich schlußendlich als "nützliche Idioten" haben rekrutieren lassen.

Was wäre aus Sassi geworden, wenn seine Ausbildung nicht zufällig durch den Angriff der USA und ihrer Verbündeten auf Afghanistan unterbrochen worden wäre? Müßten die westlichen Sicherheitsapparate nicht annehmen, daß er ein im Bombenbau unterwiesener Kämpfer geworden wäre, der, wenn die äußeren Umstände nur entsprechend gestaltet worden wären, seine Fertigkeiten auch eingesetzt hätte?

Es ist fraglich, ob den noch immer in Guantánamo einsitzenden Gefangenen mit diesem Buch ein Gefallen getan wird. Wozu, werden sich die Leserinnen und Leser fragen, denen tagtäglich glauben gemacht wird, es fände ein Kampf der Kulturen statt, lassen sich Muslime im Umgang mit Waffen und Sprengstoff ausbilden, wenn nicht (mindestens seitens der Ausbilder) die Absicht besteht, diese auch einzusetzen? Ohne Rücksicht auf jene, die bis heute unter völkerrechtswidrigen Umständen in Guantánamo festgehalten werden, schreibt Sassi:

Im Verlauf meiner Umzüge von Käfig zu Käfig werde ich viele Kämpfer kennen lernen. Wie Slimane [A. d. Red.: Name eines aus Dänemark stammenden muslimischer Gefangenen] ertragen sie ihre Haft mit Willensstärke. Man hat sie gefangen. Für sie gehört das zum Spiel. Sie wissen nicht, wie lange sie hinter Gittern bleiben werden. Aber sie wissen schon, was sie tun werden, sobald man sie freilässt: Sie werden wieder zu den Waffen greifen. (S. 119)

Und weiter:

Ihnen gegenüber achte ich darauf, mich im Gespräch nicht auf das Thema "Heiliger Krieg" einzulassen. Das ist nicht schwer. Sie gehen alle vom selben Grundsatz aus: Die eingesperrten Muslime sind alle Waffenbrüder und alle aus demselben Grund hier. (...) Die Kämpfer stellen alle die große Mehrheit der Insassen, aber ich begegne auch einigen "Irrläufern" ... (S. 119)

Geradezu grotesk wirkt Sassis Schilderung eines alten Gefangenen namens Faiz, der nur deshalb in einer Moschee in Afghanistan übernachtet habe, weil er so arm gewesen sei. Die Amerikaner hätten ihn dort herausgeholt, und jetzt säße er in Guantánamo:

Die Amerikaner haben ihren Irrtum rasch bemerkt und ihm gesagt, sie würden ihn in die Heimat zurückbringen. Aber das will er nicht. Dort hat er nichts, keinen Besitz, keine Familie, keine Freunde. Hier ist es warm, und er bekommt genug zu essen. Etwas anderes will er nicht. Über seine Geschichte musste ich tatsächlich lachen. (S. 120)

Solche Beschreibungen decken sich weitgehend mit der Propaganda des für das Folterlager von Guantánamo verantwortlichen Pentagon, das im Mai dieses Jahres 3000 Personen des öffentlichen Lebens zwecks Verbesserung des Rufs seines Lagers angeschrieben hatte. Dem Briefing zufolge gleicht das Leben der Gefangenen einem Urlaub auf einer malerisch-exotischen Karibikinsel mit Vollpension und täglicher Animation durch das aufmerksame Personal. Um dem Foltervorwurf zu begegnen, wurde sogar behauptet, daß das größte Risiko für viele Gefangenen darin bestehe, daß sie sich auf dem Basketballfeld Sportverletzungen zuzögen.

Da auch Nizar Sassi eigenem Bekunden zufolge mißhandelt wurde, ist es nicht nachvollziehbar, daß er seine früheren Leidensgenossen mit Aussagen wie derjenigen, daß die meisten von ihnen Kämpfer seien und wieder zur Waffe griffen, sobald man sie freiließe, immer tiefer hineinreitet. Auf den letzten 18 Seiten jedoch erschließt sich der wahrscheinliche Grund für solches Bemühen um Abgrenzung gegenüber den anderen Gefangenen. Nizar Sassi strebt die Rehabilitation und gesellschaftliche Reintegration an, da ihm der Makel des Guantánamo-Insassen anhaftet. Zudem soll das Schreiben dieses Buchs für ihn die Funktion einer Therapie erfüllen. Sassis kaum verhohlener Hilferuf nach einer therapeutischen Behandlung wegen seines Abgleitens auf die schiefe Bahn wird an Aussagen deutlich wie:

Letzten Endes weiß ich selbst nicht mehr so genau, was stimmt und was nicht. Durch die Wiederholung sind die Lügen in meinem Kopf zu Wahrheiten geworden. Alles hat sich vermischt. Ich bin unfähig, einen zusammenhängenden, stimmigen Bericht über die Zeit zwischen meiner Abreise am 21. Juni 2001 und meiner Verhaftung in Pakistan sechs Monate später zu geben. (S. 175)

Während seiner Haftzeit in Frankreich hat sich Sassi freiwillig in eine psychiatrische Behandlung begeben - in der Danksankung am Schluß wird unter anderem die Fachärztin für Psychiatrie im Gefängnis Santé genannt -, und er bemüht sich um den Eindruck, als sei die Therapie erfolgreich verlaufen und er wieder ein nützliches Mitglied der Gesellschaft. Dieses Bild wird laufend bedient, teils durch versteckte Signale wie:

Nach einer vorschriftsmäßigen Leibesvisitation werden mir meine Schnürsenkel abgenommen, und ich sitze wieder in einer Zelle. (S. 173)

Mit der Formulierung "vorschriftsmäßig" nimmt Sassi die Sichtweise der Wachhabenden an. Das ist normalerweise nicht die von Personen, die solch sprichwörtlich erniedrigenden Prozeduren unterworfen werden. Eine Seite weiter berichtet er, er sei von zwei französischen Beamten "in bestem Einvernehmen" zwei Tage und Nächte verhört, aber "gut behandelt" worden, und beteuert, daß die "Ruhezeiten" eingehalten wurden. Man habe "besondere Rücksicht" (S. 174) auf ihn genommen. Kein Wort davon, daß dies der Auftakt zu den späteren eineinhalb Jahren Gefängnisaufenthalt dafür bildete, daß er ja nur habe Schießübungen machen wollen.

Vermutlich auf das wohlwollende Verständnis der Leserinnen und Leser abzielend berichtet Sassi, daß er den amerikanischen Offizieren in Guantánamo stets nach dem Mund geredet und ihnen alles gesagt habe, was sie hören wollten, selbst wenn er sich dadurch in Widersprüche verstrickte. Als dann später der französische Untersuchungsrichter Ricard von der Pariser Anti- Terror-Abteilung seine Akte bearbeitet habe, sei dieser über manche Ungereimtheiten gestolpert. In der Weise, wie Sassi dieses Problem beschreibt, scheint er sogar Verständnis für den Richter, der über sein weiteres Schicksal entscheiden würde, gehegt zu haben. Erst zu einem späteren Zeitpunkt verweigert Sassi die weitere Zusammenarbeit.

In der Erinnerung an seine Empfindungen nach der Überstellung an die französischen Behörden behauptet der Autor, daß er sich vor einem Gefängnisaufenthalt in Frankreich nicht gefürchtet habe. "Vielleicht wünsche ich es mir sogar", schreibt er, der sich "sicher" war, daß ihm ein Gefängnisaufenthalt "gut tun" (S. 178) werde. Und als wenn er es darauf angelegt hätte, die Bewertungskriterien der Gefängnispsychologin für eine erfolgverheißende Therapie zu erfüllen, gelangt er zu der Einsicht:

Ich wünsche mir, wie schon gesagt, dass sich der Gefängnisaufenthalt positiv für mich auswirkt. Er soll mir als Übergang, als Phase der Wiedereingliederung dienen. Sobald es mir möglich ist, bitte ich deshalb um einen Termin bei der Psychologin." (S. 181)

Mit der Therapeutin im Gefängnis Fresnes kam Sassi nicht zurecht, erst als er ins Pariser Santé verlegt wird, begegnet er seiner "großartigen Psychologin":

Durch die Gespräche mit ihr lösen sich viele Blockaden. Wir arbeiten intensiv. Ich lerne, Gefühle und Empfindungen auszudrücken, die tief in meinem Inneren vergraben sind. Bisher habe ich mich immer noch geweigert, mit dem Richter zu sprechen, doch sie führt mich auf den Weg der Sprache und der Kommunikation zurück. (S. 182)

Nizar Sassi hat es schließlich geschafft. Nach seiner Freilassung im Januar 2006 hat er eine Stelle als Lagerist in Lyon angenommen. Trotz dieses Erfolgs dürfte er wegen seines Guantánamo-Stigmas im Lebenslauf weiterhin unangenehme Erfahrungen machen, die keinem Menschen zu wünschen sind. Sein Buch soll den persönlichen Schaden offenbar so klein wie möglich halten. Es eignet sich deshalb weniger als Zeugnis unerträglicher staatlicher Willkür, denn als Versuch eines Opfers dieser Verhältnisse, sich mit ihnen zu arrangieren.

Nizar Sassi,
in Zusammenarbeit mit Guy Benhamou:
Ich war gefangen in Guantanamo.
Ein Ex-Häftling erzählt,
Heyne Verlag, 2. Aufl.,
München 2006, 190 Seiten.
ISBN-10 3-453-12095-7,
ISBN-13 978-3-453-12095-2



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REZENSION/358: Redaktion Brockhaus - Literatur (Lexikon)



Lexikonredaktion Brockhaus


Dr. Hildegard Högen (Projektleitung)

Literatur

Schriftsteller, Werke, Epochen, Sachbegriffe

Nicht nur ein kompetenter Lesebegleiter ...



Das Thema "Lesekrise" ist spätestens seit dem PISA-Schock in aller Munde. In Deutschland wachsen Projekte und Aktionsveranstaltungen zur Leseförderung wie Pilze aus dem Boden, von Veranstaltungen in Bibliotheken und Literaturhäusern und Empfehlungskatalogen in den Medien bis zu Netzwerken von Vorlesepaten und Arbeitskreisen "Freies lesen" in den Schulen. Ebenso vielfältig werden Argumente angeführt, die für das Lesen sprechen: Lesen fördere den Spracherwerb, biete Gesprächsanlaß, schaffe Vertrauen zu den Eltern, erweitere das Weltbild. Der große öffentliche Aufwand, mit erhobenem Zeigefinger zum Lesen zu ermahnen, hat jedoch bisher wenig bewirkt, nur sechs Prozent aller Deutschen greifen abends lieber zum Buch als zur TV- Fernbedienung.

Spezialisierte man gar die Themenstellung auf die Frage "Wer liest denn heute noch 'Literatur'?", sähe die Statistik noch alarmierender aus. Denn es besteht die Gefahr, daß das belletristische bzw. literarische Lesen zugunsten des informativen Lesens zurückgeht. Jugendliche widmen sich nicht mehr dem konzentrierten Lesen längerer Texte, dafür erfassen sie den Inhalt einer Webpage oft schneller als ihre Eltern. Wichtig ist nur noch die Information, nicht ihre Auswertung. Hypertexte verleiten im Vergleich zu linearen Texten (in Büchern) zu bloßem Konsum und zum Sammeln, statt zum Entwickeln einer Argumentation. Es fällt schwerer, die Aufmerksamkeit auf inhaltliche Probleme und größere Zusammenhänge zu richten, was nichts anderes heißt, als daß das Problembewußtsein abnimmt. Das wirkt sich auch auf das Lesen gedruckter Texte aus, die heute nicht mehr von vorne bis hinten durchgelesen, sondern nur noch überflogen werden. Dabei sind das Vor- und Rückblättern im Buch, sein Fassungsvermögen, die Möglichkeit, es zu transportieren, sein Vorteil, ohne Drähte, Schaltpläne, Stromkreise und Batterien zu funktionieren, nicht vernetzt oder angeschaltet werden zu müssen, nahezu unschlagbar.

Kein Wunder, daß die Klassiker der deutschen Literaturgeschichte immer mehr in Vergessenheit geraten. Kaum ein Leser bedient sich noch der literarischen Überlieferung, denn die Einsicht, warum man sich noch auf Kenntnisse über alte sprachliche Zeugnisse des Denkens und Handelns - d.h. Literatur - konzentrieren sollte, ist fast verlorengegangen, ebenso wie die Mühe, sich in die Geschichte des deutschen Sprachsystems einzudenken, was allerdings die Ausdrucksmöglichkeiten erweitern würde.

Auch die von Jahr zu Jahr sich steigernden Ermunterungen in den Feuilletons der großen Tages- und Wochenzeitungen, sich mit literarischen Studien intellektuelle, philosophische und politische Denkweisen zugänglich zu machen und nicht nur um der Weltflucht und des Tagtraums willen zu lesen, können zwar das Vorhaben stärken, konkreter sind sie aber nicht.

In Wirklichkeit gilt: Literatur kann nur durch sich selbst überzeugen. Sie ist nicht dazu da, Lebenswirklichkeiten nachzuplappern, zu überhöhen oder Berufskarrieren zu begründen. Sie ist etwas Ernsteres. Sie ist eine echte Alternative, keine Flucht vor der Wirklichkeit, sondern eine Gegenwirklichkeit, mancher sagt: die eigentliche Wirklichkeit. Nur in großer Literatur sind vergangene Zeiten gegenwärtig, nur hier ist das Innere eines anderen für uns erfahrbar, nur hier können wir uns selbst als Fremde begegnen, nur hier sind Anarchie und Subjektivität wirklich zu Hause. Was wüssten wir vom Judentum, was vom Christentum oder den anderen Religionen ohne Literatur? (aus: "Zeichen und Wunder, gute Bücher bilden nicht nur Herz und Verstand: Sie machen auch glücklich", von Iris Radisch, DIE ZEIT Nr.51, 11.12.2003)

Ein Stück entschiedener - denn er versteht sich als Lesebegleiter -, moralfrei und unaufdringlich überzeugend, wenn auch im wahrsten Sinne des Wortes ein "wuchtiger" Beitrag von 960 Seiten zum Thema, ist das Brockhaus Lexikon "Literatur". Seine Stellungnahme: "Lesen ist eine unverzichtbare Kulturtechnik, notwendig zur Teilnahme am gesellschaftlichen Leben" (S. 474). Es versteht sich als "ein Muss für alle Bücherwürmer, aber auch für Menschen, die sich in Ausbildung und Beruf mit Literatur befassen" (Presseinformation).

Nimmt man das Lexikon zur Hand, folgt man, verführt durch Layout und inhaltliche Struktur, immer vertiefender den Stichworten.

Wer gern liest, wird aber noch weitaus mehr Fragen haben: zu Fachbegriffen, zu Epochen, zu Stilrichtungen und, nicht zuletzt, zu den Werken der Weltliteratur. (aus dem Vorwort)

Das Konzept ist wegen des umfangreichen Stoffes, aus dem zwangsläufig eine Auswahl präsentiert werden muß, gewagt: Dieser Band vereint eigentlich vier verschiedene Bereiche aus der Literaturwissenschaft, zu denen jeweils regalmeterweise Lexika herausgekommen sind, nämlich Autoren- und Werklexika, Literaturgeschichten (Epochen) und Sachwörterbücher der Literatur. Für den Leserkreis ist die Auswahl jedoch gelungen, sie deckt mehr als nur die Grundkenntnisse in den Bereichen ab und ist so akzentuiert, daß sie den aktuellen Fragestellungen entspricht. Zudem ist ein Nachschlagewerk in Buchform auch heutzutage noch zum Gewinn umfassender Eindrücke und zur Leistung des Behaltens und "Begreifens" im wahrsten Sinne des Wortes "griffiger" als das entsprechende elektronische Medium. Das Wort "begreifen" erinnert treffend daran, daß etwas mit den Händen zu greifen, der Tastsinn, eine ältere Form des Lernens ist als der visuelle Vorgang, der für sich allein genommen (am Bildschirm) die Lernqualität einschränken kann.

Insgesamt 4.000 Stichwörter sollen das Lesen begleiten und fördern, darunter sind 3.000 Biographien von Schriftstellern, auch Gegenwartsautoren, zu finden. 1.200 Abbildungen und Tabellen machen die "Literatur" anschaulich. Zudem gibt es 24 doppelseitige, reich illustrierte Sonderartikel, die Begriffe der Literatur und des Literaturbetriebs beleuchten, z.B. "Bibliotheken - Sammlungen kollektiven Gedächtnisses", "Film und Literatur - Illustration oder Transformation", "Kitsch - Ein 'Echo der Kunst?'", "Literaturkritik - Zwischen Werk und Publikum", "Literaturzeitschriften - Organe des Literaturbetriebs", "Neue Medien - Von Lyrikmaschinen und Hypertexten", "Verlage - Literatur als Ware" und "Zensur - Überwachung der öffentlichen Äußerung", um nur einige zu nennen.

Des weiteren stellen 24 Verweistafeln zu den großen Epochen der Literatur diese in ihren historischen Kontext und bieten verwandte Begriffe zum Nachschlagen an. 150 hervorgehobene Infokästen präsentieren die Hauptwerke der Weltliteratur (entweder Inhalt, besondere Bedeutung oder Wirkungsgeschichte) und 120 Infokästen gibt es zu Hintergründen aus der Literaturgeschichte.

Abgesehen von diesen eher das Auge ansprechenden Akzenten beim Durchblättern lohnt es sich, gezielt Stichwörter aufzuschlagen, die oft umfangreicher sind als die doppelseitigen Sonderartikel, an denen zudem die durch die Kürze etwas schlagwortartig geratenen Begrifflichkeiten stören (wie "Grenzziehung und Dekonstruktion"). Zum Beispiel findet ein Leser, der entweder durch einen Schriftsteller, einen Heftroman oder einen Comic auf das Genre Sciencefiction aufmerksam geworden ist und mehr darüber wissen will oder Anregungen zum Weiterlesen sucht, mehr als nur die Definition, Hintergründe, die literaturgeschichtliche Entwicklung und Trends, sondern auch gleich eine Stellungnahme, nämlich daß dieses Genre oft eine politische Funktion erfüllt und allein schon durch seine historische Entwicklung als ein ernstzunehmender Teil der sogenannten "gehobenen" Literatur anzusehen ist.

Wer auch mal Gedichte lesen will und eventuell etwas fassungslos vor dem Inhalt eines Geschenkbandes steht, der findet gleich eine vierseitige Einführung zum Thema "Lyrik" mit diversen Querverweisen, so daß die literarische Gattung vertrauter wird und möglicherweise sogar neugierig macht.

Die Sachbegriffbeiträge sind ausführlich und aktualisiert. Etwas kürzer fallen bei der Menge die Autorenporträts aus. Ihre Sprache unterscheidet sich zudem unangenehm von der gut verständlichen Sprache der Sachbegriffe. Zum Beispiel endet der kurze Beitrag zum Literatur-Nobelpreisträger von 2006, Orhan Pamuk, in unverständlichem literaturwissenschaftlichen Kauderwelsch:

Pamuk, Orhan, türkischer Schriftsteller, * Istanbul 7.6.1952; reflektiert in seinen Romanen die Frage nach der Identität des Individuums. Er steht dabei nicht in der Tradition des engagierten Realismus der türkischen Republik, vielmehr ist sein Werk ironisch-distanziert, historisierend, surreal, symbolistisch und bewußt eklektisch, die Komposition polyphon und heterogen. (S. 620 f)

Wer hat nun eine Vorstellung von der Schreibweise dieses hochprämierten Autoren?

Die kleine Schriftgröße ermöglicht sehr viel Inhalt. Trotzdem ist der Brockhaus "Literatur" auch bei komplizierten Fragestellungen nicht schwierig zu handhaben. Durch die übersichtliche Struktur und ein akzentuiertes Layout, dem man Absicht und Erfahrung anmerkt, findet sich der Benutzer gut zurecht und wird nicht zuletzt von den zahlreichen Bildern darüber hinaus noch zum Weiterblättern verführt. "All diese konzeptuellen Besonderheiten dienen einem einzigen Zweck: dem Leser beides zu bieten - ästhetischen Genuss und intellektuelle Urteilskraft." (aus dem Vorwort)

Zuletzt bleibt nur noch anzumerken, daß der Brockhaus "Literatur" in seiner 3. aktualisierten Auflage ein Profi darin ist, die oben angesprochene Lesekrise überwinden zu helfen, und wer andere vom Abenteuer "Literatur" überzeugen will, der kann ihn als reiches Anschauungsmaterial weiterempfehlen. Was allerdings auch das verführerischste Literatur-Lexikon dem Benutzer nicht abnehmen kann, ist das Lesen der Literatur selbst.

26. Oktober 2006


Lexikonredaktion Brockhaus,
Dr. Hildegard Högen (Projektleitung)
Der Brockhaus Literatur
Schriftsteller, Werke, Epochen, Sachbegriffe
3., aktualisierte Auflage
4.000 Stichwörter, 1.200 Abbildungen und Tabellen
Bibliographisches Institut und F.A. Brockhaus AG
Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich 2007
960 Seiten, Euro 49,95
ISBN-10: 3-7653-3133-3
ISBN-13: 978-3-7653-3133-6



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REZENSION/360: Biermann/Klönne - Objekt der Gier (US-Iranpolitik)



Werner Biermann & Arno Klönne


Objekt der Gier

Der Iran, der Nahe und Mittlere Osten und Zentralasien



Seit über einem Jahr gibt es immer wieder beunruhigende Hinweise darauf, daß die Regierung von US-Präsident George W. Bush noch vor Ende ihrer zweiten Amtszeit im Januar 2009 das ihr verhaßte "Mullahregime" in Teheran zu stürzen gedenkt - notfalls unter Einsatz von militärischer Gewalt einschließlich des Gebrauchs von Atomwaffen. Zu den in den USA gut informierten Personen, die in Artikeln und Interviews dringend vor den Gefahren eines solchen Schrittes warnen, gehören unter anderem die Journalisten Larisa Alexandrovna, Robert Dreyfuss, Jim Lobe, Laura Rozen und Seymour Hersh, die Ex-CIA- Mitarbeiter Philip Giraldi und Ray McGovern, die Ex-Militärs Sam Gardiner, Karen Kwiatkowski und Scott Ritter sowie die Kernphysiker Jorge Hirsch und James Gordon Prather.

Wie ernst solche Warnungen zu nehmen sind, zeigen Äußerungen Zbigniew Brzezinskis, der unter Jimmy Carter Nationaler Sicherheitsberater war und dessen Ruf als führender Geostratege der USA nur mit dem Henry Kissingers zu vergleichen ist. Noch in diesem Frühjahr hat Brzezinski öffentlich vor einer Verschärfung der Spannungen am Persischen Golf gewarnt, die Aufnahme von bilateralen Gesprächen zwischen den Vereinigten Staaten und der Islamischen Republik Iran gefordert und jeden Gedanken Washingtons an einen großen Showdown mit Teheran als Irrwitz verurteilt. Ein Angriff der US-Streitkräfte auf den Iran käme einem Kapitalfehler historischen Ausmaßes gleich und leitete den Auftakt zum Ende der Globalhegemonie Amerikas und zu einem Dreißigjährigen Krieg zwischen dem Westen und dem Islam ein, so Brzezinski in einem aufsehenerregenden Gastkommentar, der am 23. April unter der Überschrift "Been There, Done That" in der Los Angeles Times erschienen ist.

Während derzeit, also in den letzten Tagen vor den Zwischenwahlen für das Repräsentantenhaus und den Senat in Washington, in der amerikanischen Öffentlichkeit dem Thema Iran keine besondere Aufmerksamkeit zuteil wird und dieses statt dessen vom erbitterten Streit um die blutige Irakpolitik des Weißen Hauses überlagert wird, besteht Grund zu der Befürchtung, daß sich das nach dem Urnengang am 7. November schlagartig ändern wird. Warum das so ist und weshalb die Neokonservativen am Hofe von Bush jun. dermaßen auf einen "Regimewechsel" in Teheran fixiert sind, erläutern Werner Biermann und Arno Klönne in ihrem neusten Buch "Objekt der Gier - Der Iran, der Nahe und Mittlere Osten und Zentralasien". Es dürfte kaum eine Lektüre geben, die besser die aktuellen sowie historischen Hintergründe des gestörten Verhältnisses der USA zum Iran beleuchtet und den daraus resultierenden, scheinbar unabwendbaren Kollisionskurs der beiden ehemaligen Verbündeten erklärt.

Seit der 1953 von der CIA im Rahmen von Operation Ajax durchgeführten Absetzung des demokratisch gewählten Premierministers Mohammed Mossadegh spielt der Iran wegen seines gigantischen Öl- und Gasreichtums sowie wegen seiner strategisch günstigen Position im Herzen der eurasischen Landmasse in den Überlegungen der USA eine enorm wichtige Rolle. Gerade deswegen hat man in Washington bis heute den Sturz des Schahs im Jahre 1979 immer noch nicht verwunden und hält die Islamische Republik nach wie vor für ein illegitimes Kunstgebilde der Geschichte. Ohne die Rückendeckung der Falken in Washington hätte Saddam Hussein kaum jenen Iran-Irak-Krieg, der zwischen 1980 und 1988 rund eine Million Todesopfer gefordert und beide Staaten an den Rand des finanziellen Ruins geführt hat, gestartet und bis zum Ende durchgehalten. Die damalige Unterstützung Washingtons ging über die allgemein bekannten Tatsachen der Lieferung von Giftgas und Satellitenfotos hinaus; es griffen sogar Spezialstreitkräfte der US-Marine zugunsten Bagdads mit einer Reihe von geheimen Operationen am Persischen Golf in die Kämpfe ein. Nicht zu vergessen ist natürlich der im Juli 1988 erfolgte Abschuß einer mit 290 Mekkapilgern besetzten iranischen Passagiermaschine durch den US-Lenkwaffenzerstörer Vincennes. Für den vermeintlichen Fehlabschuß hat sich Washington bei den Iranern niemals entschuldigt. Statt dessen verlieh Präsident George Bush sen. zwei Jahre später dem Kapitän und der Besatzung des Schiffs Tapferkeitsorden wegen ihres heldenhaften Einsatzes am Persischen Golf.

Auf die selbstgestellte Frage, warum der Iran "im Fadenkreuz" der USA liege, tun Biermann und Klönne den Streit um das iranische Atomprogramm als vordergründig, wenn nicht gar völlig an den Haaren herbeigezogen ab, und präsentieren statt dessen folgende, schwer von der Hand zu weisenden Argumente:

Hinter dem rhetorischen Schwall eines 'demokratischen Messianismus', von der US-Regierung und den ihr nahestehenden Medien gebetsmühlenartig vorgebracht, gibt es allerdings handfeste Gründe, Iran unter Kontrolle der Vereinigten Staaten zu bringen:

- Beim Iran handelt es sich um eine unabhängige Regionalmacht mit militärischen Kooperationen mit Rußland und der Volksrepublik China. Mit einer Bevölkerung von rund 70 Millionen und großem ökonomischem Potential ist das Land die letzte Bastion gegen eine vollständige Beherrschung des Nahen Ostens durch die USA.

- In den US-Machtzirkeln grassiert die Vorstellung, daß der Iran mit bald starken Konkurrenten - so kategorisieren die Planer im Weißen Haus die EU, China, Indien und Rußland - zusammengehen könnte, wodurch die geopolitische Bilanz zulasten der Vereinigten Staaten verschoben würde.

- Der Iran ist ferner in der Region der letzte überlebende Unterstützerstaat jener Länder und Organisationen, die im Konflikt mit der israelischen Regierungspolitik sind: Ohne den Iran wären Syrien, der Libanon, aber auch die Palästinenser der militärischen Überlegenheit Israels nahezu schutzlos ausgeliefert. (S. 29f.)

In großer Ausführlichkeit geht das Autorenteam auf die Stellung des Irans bezüglich nicht nur des Nahen Ostens und der zum Teil schwierigen Beziehungen zwischen Schiiten und Sunniten respektive zwischen Arabern und Persern ein, sondern auch bezüglich des erbitterten Ringens, das nach dem Untergang der Sowjetunion um den Zugang zu den Energieressourcen rund um das Kaspische Meer ausgebrochen ist. Bei diesem "Risikospiel um Weltmacht", wie es Biermann und Klönne recht treffend bezeichnen und in dem die Supermacht USA mit allen Mitteln um die Verteidigung ihrer Führungsposition kämpft, stellt der Iran die vielleicht wertvollste Position auf der Landkarte dar.

Erst vor diesem Hintergrund kann man verstehen, warum die bestimmenden Kräfte in Washington am "Schurkenstaatkonstrukt" Iran festhalten und von den zahlreichen Bemühungen Teherans um Aussöhnung und Normalisierung der bilateralen Beziehungen ernsthaft nichts wissen wollen. Die diplomatischen Vorstöße der Iraner beschränken sich nicht nur auf die Zeit, als Bill Clinton im Weißen Haus residierte und in Teheran der Reformer Mohammed Khatami das Sagen hatte. Der Iran hat sowohl 2001 den USA geholfen, die afghanischen Taliban zu stürzen, als auch 2003 über die Schweiz der Bush-Regierung weitgehende Vorschläge zur Bereinigung aller Probleme unterbreitet. Obwohl das Vorschlagspaket Teherans sogar die Anerkennung Israels durch die Islamische Republik enthielt, wurde es von Washington brüsk zurückgewiesen.

Statt dessen spielt die Bush-Regierung das Thema des iranischen Kernenergieprogramms hoch, bringt dubiose "Hinweise" auf angeblich illegale Atombombenforschungen in Umlauf, torpediert die diplomatischen Bemühungen des EU-Trios Deutschland, Frankreich und Großbritannien, aktiviert den UN-Sicherheitsrat, unterstellt Teheran irgendwelche "terroristischen" Verbindungen, prangert Menschenrechtsverletzungen im Iran an, bringt oppositionelle Exilgruppen, sowohl Monarchisten als auch die Volksmudschaheddin, in Stellung und schickt - Presseberichten aus den USA zufolge - sogar Spezialstreitkräfte ins Land des künftigen Gegners, um eine fünfte Kolonne zu rekrutieren und Destabilisierungsmaßnahmen vorzubereiten.

Nicht umsonst weisen Biermann und Klönne auf die "Einkreisung" des Irans als eine der wesentlichen Entwicklungen hin, die das Pentagon nach den Flugzeuganschlägen vom 11. September 2001 in den USA durch die Eroberung Afghanistans und des Iraks sowie den Aufbau zahlreicher Stützpunkte auf dem Gebiet der südlichen Republiken der früheren Sowjetunion im Kaukasus - Georgien und Aserbaidschan - und in Zentralasien - Kirgisien, Tadschikistan, Usbekistan - sowie im pakistanischen Belutschistan vorangetrieben hat. Die Tatsachen, daß Rußland und China im Rahmen der Shanghai Cooperation Organisation (SCO) dieser für sie bedrohlichen Tendenz mit einigem Erfolg entgegentreten sind und daß die Position der USA in Afghanistan und im Irak angesichts der zunehmenden Schlagkraft der dortigen Widerstandsgruppen alles andere als rosig ist, legen nahe, daß sich die Bush-Regierung bald gezwungen sehen könnte, die von vielen befürchtete Großabrechnung mit der "Mullahkratie" zu suchen.

In letzter Zeit hat es nicht an Indizien dafür gefehlt, daß ein solches Szenario tatsächlich in der Vorbereitungsphase steckt. So haben das Außenministerium Condoleezza Rices und das Pentagon Donald Rumsfelds im vergangenen Frühjahr jeweils eine neue Sonderabteilung zur Koordinierung der Zusammenarbeit mit iranischen Oppositionsgruppen gegründet. Zum Leiter des neuen Iran-Büros im Außenministerium wurde der langjährige "Demokratiespezialist" des International Republican Institute, David Denehy, ernannt, der unter der Unterstaatssekretärin für Nahost-Angelegenheiten, Elizabeth Cheney, Tochter des Vizepräsidenten Dick Cheney, arbeitet. Das neue Iran-Direktorat des US-Verteidigungsministeriums soll offenbar die gleiche Rolle wie das berüchtigte Office of Special Plans im Vorfeld des Irakkrieges spielen. Bekanntlich hat sich das von den israelfreundlichen Neokonservativen beherrschte OSP zusammen mit Achmed Chalabis Iraqi National Congress (INC) diverse Gruselgeschichten hinsichtlich der Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins und der Kontakte Bagdads zum Al-Kaida-"Netzwerk" Osama Bin Ladens ausgedacht und sie über Multiplikatoren wie Judith Miller von der New York Times als ernstzunehmende Geheimdiensterkenntnisse in Umlauf gebracht.

Darauf, daß auf die Weltöffentlichkeit erneut eine Überstrapazierung ihres Vorstellungvermögens zukommt, deutet die Besetzung des Postens des Leiters des neuen Iran-Direktorats im Pentagon ausgerechnet mit Abram Shulsky hin, der bereits als leitender Mitarbeiter des OSP wichtige Erfahrungen bei der Manipulation von Geheimdienstmaterial und der Erzeugung von irreführenden, dafür um so angsteinflößenderen Bedrohungsszenarien sammeln konnte. Auch für die Beschaffung der entsprechenden Informationen über eine vom Teheran für die Welt ausgehende Bedrohung wird bereits gesorgt. Presseberichten in den USA zufolge hat das Doppelgespann Cheney-Shulsky vor kurzem den iranischen Waffenhändler Manucher Ghorbanifar, bekannt durch seine zwielichtige Rolle in der Iran-Contra-Affäre, mit dieser heiklen Aufgabe beauftragt. Schließlich wollen die jüngsten Propagandasprüche Rumsfelds und Bushs, Teheran sei der größte Förderer des "internationalen Terrorismus", beziehungsweise die "freiheitliebenden Nationen" des Westens befänden sich im Jahrhundertkampf gegen den "Islamofaschismus", mit Belegen - wie dürftig und fadenscheinig auch immer - unterfüttert sein.

Ungeachtet des Mißerfolges des über ein Jahr lang geplanten, im Sommer in Absprache mit dem Pentagon durchgeführten Feldzugs Israels gegen die libanesisch-schiitische Hisb-Allah-Miliz, der von allen Militärexperten als der nicht ganz gelungene Versuch einer Frontbegradigung im Vorfeld eines größeren Vorgehens der US- Streitkräfte gegen den Iran bewertet wurde, gehen die ideologischen und militärischen Vorkehrungen Washingtons unvermindert weiter. Nachdem in diesem Frühjahr in der neuen National Security Strategy der Iran als "größte Bedrohung" der USA identifiziert worden ist, haben Ende September beide Häuser des Kongresses mit überwältigender Mehrheit das Iran Freedom Act verabschiedet. Das wenige Tage später von Bush unterzeichnete Gesetz verflichtet die USA zur "Befreiung" des Irans, wie es eine verblüffend ähnliche, 1998 verabschiedete Kongreßresolution im Falle des Iraks getan hat. Seit Wochen melden Nachrichtenagenturen eine zunehmende Massierung von Marinestreitkräften der USA, darunter mehrere Flugzeugträger, rund um den Persischen Golf.

Die Befürchtungen Biermanns und Klönnes hinsichtlich eines bevorstehenden "Big Bang" sind mehr als begründet, schließlich hält sich Präsident Bush mit seiner Dauererklärung, wonach "alle Optionen auf dem Tisch liegen", die Möglichkeit des Einsatzes von Atomwaffen gegen den Iran offen. Zu hoffen, daß die Demokraten um Senatorin Hillary Clinton und den Kongreßabgeordneten Rahm Emanuel, sollten sie sich bei den Zwischenwahlen für den Kongreß durchsetzen, für eine gemäßigtere Iran-Politik der USA sorgen, ist müßig. Gerade zum Thema Iran profiliert sich der konservative, tonangebende Flügel der Demokraten in den letzten Monaten durch rabiate Forderungen nach einer noch härteren Gangart Washingtons. Sollten die USA demnächst tatsächlich, wie beispielsweise auf der diesjährigen Jahrestagung des American Israel Public Affairs Committee (AIPAC) in Washington vom ehemaligen Stellvertretenden US-Verteidigungsminister und neokonservativem Oberguru Richard Perle unter großem Beifall empfohlen, mit einem Dutzend Tarnkappenbombern vom Typ B-2 einen Enthauptungsschlag gegen die iranischen Atomanlagen und das "Regime" in Teheran durchführen, würde das vermutlich der Auftakt zu einem Flächenbrand werden, der den bisherigen Irakkrieg wie das sprichwörtliche Sandkastenspiel aussehen ließe. Jedem, der die aktuelle, demnächst völlig außer Kontrolle zu geraten drohende Krise am Persischen Golf besser verstehen will, kann man Biermanns und Klönnes "Objekt der Gier" nicht eindringlich genug empfehlen.

1. Nobember 2006


Werner Biermann & Arno Klönne
Objekt der Gier -
Der Iran, der Nahe und Mittlere Osten und Zentralasien
PapyRossa Verlag, Berlin, 2006, 200 Seiten,
ISBN: 978-89438354-1



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Schattenblick - EUROPOOL


JUSTIZ/174: Neuer Bericht über "dirty tricks" der Briten in Nordirland



Neuer Bericht über "dirty tricks" der Briten in Nordirland

Pat Finucane Center erhebt in einer neuen Studie schwere Vorwürfe



In Nordirland ringen derzeit die größten katholischen und protestantischen Parteien, auf nationalistischer Seite die Sinn Féin, der politische Arm der Irisch-Republikanischen Armee (IRA), und auf probritischer Seite die Democratic Unionist Party (DUP), um eine Wiederbelebung der Institutionen, die nach dem Karfreitagsabkommen vom 1998 ins Leben gerufen worden waren - Provinzregierung in Belfast sowie Allirischer Rat. Es rechnen alle Beobachter damit, daß gemäß den im schottischen St. Andrews Ende Oktober getroffenen Vereinbarungen die DUP unter der Führung des inzwischen 81jährigen Dr. Ian Paisley demnächst tatsächlich eine gemeinsame Regierung mit der ihr einst verhaßten Sinn Féin bilden wird. Dafür muß sich die Sinn Féin vorher lediglich zur Zusammenarbeit mit dem Police Service of Northern Ireland (PSNI), der Nachfolgeorganisation der jahrzehntelang mit den Katholiken verfeindeten, protestantisch dominierten Royal Ulster Constabulary (RUC), bereit erklären.

Wie begründet das Mißtrauen der nordirischen Katholiken nicht nur gegenüber der RUC, sondern auch gegenüber der britischen Armee gewesen ist, zeigt das Ergebnis einer neuen Studie, die am 6. November auf einer Pressekonferenz in Belfast der Öffentlichkeit vorgestellt worden ist. Demnach waren an bis zu 74 Morden, die in den siebziger Jahren beiderseits der inneririschen Grenze begangen worden sind, damals in Nordirland diensttuende Polizisten und Soldaten beteiligt. Zu den untersuchten Fällen gehören auch die zeitlich aufeinander abgestimmten Autobombenanschläge, die am 17. Mai 1974 in der irischen Hauptstadt Dublin und der grenznahen Stadt Monaghan 33 Menschen das Leben kosteten. Für die Verfasser der Studie gilt es als erwiesen, daß für diese Serie an Schreckenstaten eine Einheit der loyalistischen Ulster Volunteer Force (UVF) verantwortlich gewesen ist, die von einem Bauernhaus nahe der grenznahen Kleinstadt Glennane in der nordirischen Grafschaft Armagh aus operiert hat und die von den Sicherheitskräften gedeckt wurde.

Herausgeber der Studie ist das in Derry, der zweitgrößten Stadt Ulsters, ansässige Pat Finucane Centre, dessen Name an den katholischen Rechtsanwalt erinnert, der am 12. Februar 1989 von zwei maskierten Männern, die mit Vorschlaghämmern seine Haustür durchbrachen, in der eigenen Küche vor den Augen seiner Frau und dreier Kinder mit 14 Schüssen aus nächster Nähe erschossen wurde. Finucane war der Regierung Großbritanniens ein Dorn im Auge, weil er London unter anderem mit einer erfolgreichen Klage vor dem Europäischen Menschenrechtsgerichtshof in Straßburg gegen die Folter katholisch-nationalistischer Verdächtiger in Nordirland durch das britische Militär und die nordirische Polizei bloßgestellt hatte.

Lange Zeit wurde die These, protestantische Paramilitärs hätten in Nordirland jahrelang als inoffizielle Todesschwadrone des britischen Geheimdienstes und Militärs sowie der RUC, allen voran ihres berüchtigten Special Branch, agiert und in deren Auftrag reihenweise unschuldige Katholiken wie auch mutmaßliche Aktivisten und Sympathisanten der IRA umgebracht, von den Behörden und den Medien beiderseits der Irischen See als Verschwörungstheorie abgetan. Nachdem jedoch im Frühjahr 2003 der damalige Polizeipräsident des Großraums London, Sir John Stevens, nach jahrelangen Sonderermittlungen einen spektakulären Bericht veröffentlicht hat, in dem die Zusammenarbeit zwischen staatlichen Stellen und den protestantischen "Terroristen" erstmals offiziell belegt wurde, gilt diese faktisch als bewiesen.

Ein Jahr nach der Veröffentlichung des Stevens-Berichtes hat im April 2004 der pensionierte kanadische Richter Peter Cory, der zuvor von der Labour-Regierung Tony Blairs eingesetzt worden war, das Ergebnis einer eigenen Untersuchung des Finucane-Mordes vorgelegt. Demnach wußten Mitglieder des britischen Inlandsgeheimdienstes MI5, der Sondereinheit Force Research Unit (FRU) des britischen Militärgeheimdienstes sowie des RUC Special Branch, der nordirischen Sicherheitspolizei, zumindest vorab von der geplanten Ermordung des prominenten Anwalts, wenn sie nicht sogar an der Organisation der Operation beteiligt waren. Ungeachtet dessen weigert sich die Blair-Regierung bis heute, die von ihr versprochene Einberufung einer öffentlichen Untersuchungskommission im Falle Finucane in die Tat umzusetzen.

Was die neue Studie des Pat Finucane Centre betrifft, so haben deren Autoren nach eigenen Angaben glaubhafte Beweise dafür gefunden, daß in den siebziger Jahren die Mitglieder besagter UVF-Einheit von Offizieren der RUC und Soldaten des staatlichen Ulster Defence Regiment (UDR) Ausbildung, Waffen und operative Hilfe erhalten haben. Dem Bericht zufolge waren die Kontakte zwischen den loyalistischen "Terroristen" und den zum Teil hochrangigen Vertretern des britischen Staates nicht nur sporadischer, sondern systematischer Natur. Dies verwundert nicht. Schließlich trugen die bereits erwähnten Anschläge von Dublin und Monaghan aufgrund ihrer Kompliziertheit die Handschrift professioneller, das heißt im Staatsdienst befindlicher Akteure. Als Beweise werden in der neuen Studie die Ergebnisse ballistischer Untersuchungen wie auch die Aussage eines ehemaligen RUC-Offiziers präsentiert, der eine frühere Zusammenarbeit seinerseits mit der UVF- Einheit in Mid-Ulster eingeräumt und sich selbst damit belastet hat. Zu den untersuchten Mordfällen gehören das berühmte Massaker an der Miami Showband im Juli 1975 und die Erschießung des katholischen RUC- Polizeimeisters Joseph Campbell in Februar 1977.

Douglass Cassell, der Jura an der angesehenen Notre Dame University in den USA lehrt und der die Studie des Pat Finucane Centre geleitet hat, beklagte sich auf der Pressekonferenz, daß ihm und seinen Mitarbeitern der Zugang zu den relevanten Dokumenten der nordirischen Polizei verwehrt worden war, und forderte deshalb die Einsetzung einer staatlichen Untersuchungskommission. Man kann davon ausgehen, daß die Forderung Cassells auf genauso wenig Resonanz in London stoßen wird wie vor ihr die der Finucane-Familie.

9. Nobember 2006



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JUSTIZ/175: Britischer Doppelagent soll zum Omagh-Anschlag schweigen



Britischer Doppelagent soll zum Omagh-Anschlag schweigen

Kevin Fulton bekommt Einschüchterungsmaßnahmen Londons zu spüren



Seit einigen Jahren bringt ein Mann mit dem Pseudonym Kevin Fulton die Armee und den Geheimdienst Großbritanniens sowie die nordirische Polizei immer wieder schwer in Erklärungsnot. Fulton, ein zwischen 40 und 50 Jahre alter Katholik aus Nordirland, diente in der britischen Armee bei den Royal Irish Rangers (RIR), als er in den achtziger Jahren aufgrund seiner konfessionellen Zugehörigkeit vom Militärgeheimdienst rekrutiert wurde, die Irisch-Republikanische Armee (IRA) zu unterwandern. In seiner Funktion als Maulwurf unterstand Fulton der Leitung der berüchtigten Force Research Unit (FRU) des britischen Militärgeheimdienstes. 13 Jahre lang will er ein Leben als Doppelagent bei einer Einheit der IRA in der grenznahen Stadt Newry, zuerst als Kurier, später als Fahrer und schließlich als Bombenbauer, geführt haben.

Laut Fulton, der in der Gegend South Down/Newry operierte, haben die FRU und der berüchtigte Special Branch der damals den Katholiken verhaßten, weil protestantisch dominierten Royal Ulster Constabulary (RUC), die im Zuge des Karfreitagsabkommens von 1998 durch den Police Service of Northern Ireland (PSNI) ersetzt worden ist, nicht wenige IRA-Anschläge absichtlich zugelassen, weil die eigenen Doppelagenten darin verwickelt waren und deren Tarnung nicht auffliegen sollte. Im Jahr 2000 hatte Fulton die RUC mit der spektakulären Enthüllung in Bedrängnis gebracht, sie rechtzeitig über den Anschlag der Splittergruppe Real IRA in der Stadt Omagh im August 1998, der 29 Menschen das Leben kostete, informiert zu haben. Die Richtigkeit der Angaben Fultons in Bezug auf den Omagh-Anschlag wurden trotz anfänglicher, vehementer Dementis des damaligen RUC-Chefs Ronnie Flanagan später von der Polizeiombudsfrau Nuala O'Loan bestätigt.

Derzeit steht der mutmaßliche Real-IRA-Aktivist Sean Hoey als bisher einzige Person wegen möglicher Verwicklung in den Omagh-Anschlag in Belfast vor Gericht. Darüber hinaus wollen demnächst die Opferfamilien von Omagh in Dublin eine öffentliche Anhörung durchführen, um auszuloten, was die Polizei der irischen Republik, die Garda Síochána, im Vorfeld des blutigsten Einzelanschlags der ganzen Troubles in Nordirland wußte. Konkret geht es hier unter anderem um den Diebstahl jenes Autos, mit dem die Bombe über die Grenze zum Zielort transportiert wurde, durch einen Spitzel der Gardaí. Auf beiden Foren sollte Fulton sein Insiderwissen zum Thema der Verwicklung staatlicher Doppelagenten in den Omagh-Anschlag und andere "terroristische" Gewalttaten beisteuern. Beim Hoey-Prozeß sollte er als Zeuge der Verteidigung auftreten und unter Eid aussagen.

Doch aus beiden Vorhaben wird nun nichts. Am 1. November wurde Fulton, der derzeit unter falschem Namen in England lebt, von der dortigen Polizei - vermutlich in Begleitung des einen oder anderen Vertreters des britischen Inlandsgeheimdienstes MI5 - verhaftet, nach Nordirland geflogen und dort fünf Tage lang vernommen, bis man ihn, ohne Anklage zu erheben, wieder gehen ließ. Vermutlich aus Angst vor weiteren Repressalien will der frühere Spion nun nicht mehr beim Hoey-Prozeß auftreten oder zur öffentlichen Anhörung in Dublin erscheinen. Dies berichtete am 12. November die liberale, britische Sonntagszeitung Observer unter der Überschrift "British spy 'gagged' over Omagh".

Dem Bericht aus der Feder des Irland-Korrespondenten Henry McDonald zufolge plante Fulton, beim Hoey-Prozeß zwei Real-IRA-Mitglieder, die in den Omagh-Komplott verwickelt waren, als staatliche Spitzel zu enttarnen. Laut McDonald hat Fulton die Namen der Männer der nordirischen Polizeiombudsfrau O'Loan bereits zukommen lassen, die angeblich eine Vernehmung beider Personen durch Vertreter ihrer Behörde in die Wege geleitet hat. Nach der Festnahme und dem mehrtägigen Verhör in Nordirland ist die Auskunftsfreudigkeit Fultons plötzlich drastisch gesunken. Gegenüber dem Observer wollte er sich zu den jüngsten Ereignissen nicht äußern und erklärte lediglich, seine Anwälte hätten ihm von weiteren Stellungnahmen zu seiner früheren Rolle als aktiver Teilnehmer des sogenannten "schmutzigen Krieges" des britischen Staates gegen die IRA und ihre Ableger abgeraten.

Nach Angaben des Observer-Korrespondenten McDonald brachte man Fulton nach der Verhaftung in England und dem Flug nach Belfast während besagter, fünftägiger Internierung in den Räumen des Serious Crime Squad des PSNI im Polizeirevier von Antrim unter. Interessanterweise wurde der frühere Doppelagent nicht - wie es eigentlich zu erwarten gewesen wäre - von Mitgliedern des vor kurzem ins Leben gerufenen Historical Inquiries Team, jener Sondereinheit des PSNI, welche die unaufgeklärten Verbrechen aus den Jahren 1969 bis 1998 untersuchen soll, befragt, sondern von Offizieren der Mordabteilung C2. Aus dieser Angabe läßt sich schließen, daß sich Fulton während dieser Zeit in den Händen entweder seiner früheren Führungsoffiziere vom ehemaligen RUC Special Branch oder deren Nachfolger befand.

Daß dieser Personenkreis dem Ansinnen Fultons, nähere Einzelheiten über die frühere Zusammenarbeit von staatlichen Stellen mit Mitgliedern der diversen paramilitärischen Gruppierungen Nordirlands zu enthüllen, feindlichst gegenübersteht, versteht sich von selbst. In den fünf Tagen durfte man dies Fulton recht nahe gebracht haben. Im Observer-Artikel heißt es weiter, Fulton sei über seine mutmaßliche Rolle bei einer Serie von IRA-Operationen, darunter bei einem Bombenangriff, der sich am Kontrollpunkt im Süden der Grafschaft Armagh im Jahre 1990 ereignete und einen Soldat tötete, und bei der Ermordung eines IRA-Sympathisanten im Jahr 1991 in Newry, befragt worden. Vermutlich hat man Fulton damit gedroht, ihm die Beteiligung an diesen Operationen zur Last zu legen und ihn für mehrere Jahre hinter Gitter zu bringen.

Welchen Verlauf auch die mehrtägige "Vernehmung" von Fulton genommen haben mag, fest steht, daß dieser nun denjenigen nicht mehr zur Verfügung steht, die seit Jahren um eine Aufklärung des "dirty war" im allgemeinen, des Anschlages von Omagh im besonderen kämpfen. Entsprechen groß ist die Enttäuschung bei denen, die sich Aufklärung und Richtigstellung der Geschichte in dieser Angelegenheit erhofft hatten.

Im Observer-Artikel wurde das frühere Mitglied des britischen Geheimdienstes, das früher selbst Doppelagenten bei der IRA geführt hat und in der Presse unter dem Namen Martin Ingram bekannt ist, mit den Worten zitiert: "Indem sie ihn während des Prozesses [von Hoey] festnahmen, haben sie ihn um jede Chance auf Immunität davor, angeklagt zu werden, gebracht. Nicht nur, daß er jetzt große Gefahr liefe, sich selbst zu belasten, sollte er beim Omagh-Prozeß über den 'dirty war' aussagen, er ist zudem nicht mehr in Lage, darüber auf der Anhörung in Dublin zu sprechen."

Ähnhlich enttäuscht über die jüngste Entwicklung und die rüden Einschüchterungsmethoden des britischen Staates gab sich gegenüber dem Observer Michael Gallagher, Vorsitzender der Omagh Victims Group, dessen Sohn Aidan bei dem damaligen Anschlag ums Leben kam: "Es dient der Wahrheitsfindung und der Gerechtigkeit, wenn Agenten wie Kevin Fulton gestattet wird, ihre Geschichte darzulegen - entweder vor einem Gericht oder einer Anhörung. Jetzt erfahren wir, daß er sich selbst belasten könnte und daß ihm eine Anklage droht, sollte er dies tun. Wir vermuten, daß man ihm einen Maulkorb verpaßt hat."

14. Nobember 2006



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Schattenblick - EUROPOOL


PARTEIEN/202: Paisley sagt Ja zu Regierungskoalition mit Sinn Féin



Paisley sagt Ja zu Regierungskoalition mit Sinn Féin

Einst absolut Unvorstellbares rückt in den Bereich des Möglichen



Als im Frühjahr 1998 in den Belfaster Government Buildings die Regierungen von Großbritannien und Irland, angeführt von ihren Premierministern Tony Blair und Bertie Ahern, mit der damals größten protestantisch-probritischen Partei Nordirlands, der Ulster Unionist Party (UUP) von David Trimble, mit der damals größten katholisch- nationalistischen Gruppierung, der Social Democratic Labour Party (SDLP) von John Hume, und Sinn Féin, dem politischen Arm der Irisch- Republikanischen Armee (IRA), das Karfreitagsabkommen aushandelten, wurden die Friedensgespräche von den lautstarken Protesten des stimmengewaltigen Reverend Ian Paisley begleitet, der umringt von den Kollegen seiner Democratic Unionist Party (DUP) vor dem Gebäude in düsteren Tönen gegen den "Verrat" der königinstreuen Protestanten Ulsters an die "Terroristen" von "Sinn Féin/IRA" und die Regierung der angeblich vom Vatikan dominierten Irischen Republik wetterte.

Wer damals behauptet hätte, in nur wenigen Jahren würde sich Paisley bereiterklären, eine Provinzregierung für Nordirland mit Sinn Féin als Juniorpartner anzuführen, wäre nicht nur ausgelacht, sondern vermutlich als geistesgestört eingewiesen worden. Doch nach den dreitägigen Verhandlungen, die am 13. Oktober im Fairmont Hotel im schottischen Golfmekka St. Andrews zu Ende gegangen sind, sieht alles danach aus, als würde tatsächlich das einst Unvorstellbare demnächst Realität werden: nämlich daß der seit mehr als 40 Jahren eisernste Verteidiger der Union Nordirlands mit Großbritannien als Erster Minister Nordirlands gemeinsam mit Martin McGuinness, dem Stellvertretenden Vorsitzenden von Sinn Féin und mutmaßlichen früheren Oberbefehlshaber der IRA in Derry, als seinem Vize eine neue interkonfessionelle Regierung in Belfast anführen wird. Sollte dieses surreales Szenario tatsächlich eintreffen, dann wird man mit Recht die "Troubles", die rund 30 Jahre lang Nordirland erschütterten und rund 3500 Menschen das Leben kosteten, als beendet erklären können.

Auch wenn nach außen hin die scheinbare Einigung zwischen der DUP und der Sinn Féin wegen der einst verbissenen Positionen seltsam anmutet, so läuft der Prozeß der vorsichtigen Annäherung schon länger. Obwohl erklärte Gegner des Karfreitagsabkommens, nahmen dennoch die DUP- Vertreter die ihnen wegen der Fraktionsgröße zustehenden Plätze in der früheren interkonfessionellen Regierung unter David Trimble ein und arbeiteten mit den Kollegen dort zusammen, bis diese Administration 2002 im Zuge einer über alle Maßen aufgebauschten Spionageaffäre auseinanderbrach. Tatsächlich waren es aber der Dauerstreit um die IRA- Entwaffnung und die nie abreißenden Vorwürfe der DUP an die Adresse Trimbles, dieser mache zu viele Zugeständnisse an Sinn Féin, welche ein Überleben der damaligen Administration in Belfast unmöglich gemacht hatten.

Mit ihrer Dauerattacken auf Trimble und das angeblich einseitige Karfreitagsabkommen gelang es der DUP in den letzten Jahren die UUP als stärkste Vertreterin unionistischer Interessen zu überholen - zuletzt bei den britischen Parlamentswahlen im Frühjahr 2005. Der Erfolg hatte jedoch einen Haken. Paisley und Co. konnten nicht mehr nur die anderen schlechtmachen und auf deren Fehler hinweisen, sondern mußten eigene konstruktive Vorschläge machen, wie ein dauerhafter Friede in der Unruheprovinz zu erreichen wäre. Hinzu kommt, daß Sinn Féin parallel zum Aufstieg der DUP die SDLP als stärkste katholisch- nationalistische Partei überholt hatte. Folglich ist seit einigen Jahren klar gewesen, daß ohne die DUP und Sinn Féin in Nordirland gar nichts mehr läuft. Aus diesem Grund haben Dublin und London beiden Parteien vor einiger Zeit ein Ultimatum gestellt, entweder sie rauften sich zusammen und brächten bis zum 24. November eine neue Provinzregierung zustande oder Großbritannien löste das Regionalparlament in Belfast vollends auf - was viele Abgeordnete dort arbeitslos gemacht hätte - und verwaltete zusammen mit der Republik Irland die Provinz.

Bereits Ende 2004 waren Ahern, Blair, Paisley und der Sinn-Féin- Vorsitzende Gerry Adams einer Einigung sehr nahe gewesen, doch scheiterten die Verhandlungen an der Frage der Entwaffnung der Paramilitärs. Doch seit die IRA im letzten Sommer ihren bewaffneten Kampf gegen die britischen Staatsorgane offiziell für beendet erklärt und unter Aufsicht einer Internationalen Kommission ihr umfangreiches Waffenarsenal zerstört hat, ist dieser Streitpunkt endgültig vom Tisch. Die Democratic Unionists haben, das Unvermeidliche wohl auf sich zukommen sehend, bereits in diesem Frühjahr mit einem provinzweiten Konsultationsprozeß begonnen, im Rahmen dessen man in der Frage einer möglichen Koalition mit Sinn Féin die Stimmung an der eigenen Parteibasis sowie in der protestantischen Bevölkerung testen wollte.

Der Höhepunkt des Konsultationsprozesses war das erstmalige Treffen Paisleys mit Erzbischof Sean Brady, dem geistlichen Anführer der Katholiken in ganz Irland, der seinen Sitz im nordirischen Armagh hat. Demonstrativ empfing der angehende nordirische Premierminister den Vertreter Roms - den er noch vor einigen Jahren als Handlanger der "Hure Babylons" bezeichnet hätte - zwei Tage vor Beginn der Verhandlungen in St. Andrews zum freundlichen Plausch bei Tee und Keksen in Schloß Stormont, dem imposanten Symbol jahrzehntelanger, unionistischer Vorherrschaft in den sechs nordöstlichen Grafschaften Irlands. Ob die beiden Kirchenführer - Paisley ist das Oberhaupt der von ihm gegründeten, fundamentalistisch angehauchten Freien Presbyterianischen Kirche - gemeinsam für den Frieden gebetet haben, ist nicht bekannt. Eher nicht. Dafür war anschließend die Rede davon, das Gespräch habe in einer freundlichen Atmosphäre stattgefunden.

Das Treffen mit dem römisch-katholischen Erzbischof war vermutlich die Vorbereitung auf eine weitere Begegnung, die mit Sicherheit unter der Bezeichnung "historisch" in die Geschichtsbücher eingehen wird. Am 17. Oktober sollen sich Paisley und seine Stellvertreter Nigel Dodds und Peter Robinson in Stormont erstmals mit Sinn Féins Gerry Adams und Martin McGuinness, welche die DUP-Führung seit Jahren unablässig als "Terrorpaten" beschimpft, zusammensetzen und beraten, wie sie gemeinsam den von Ahern und Blair in St. Andrews vorgelegten "Fahrplan" in die Tat umzusetzen gedenken. Ähnlich wie nach dem Treffen mit dem Erzbischof Brady wird es auch hiernach keine gemeinsame Pressekonferenz oder Fotos eines demonstrativen Händeschüttelns geben.

Sollte der St.-Andrews-Fahrplan dennoch realisiert werden, so kommen eine Reihe spektakuläre Ereignisse auf die Menschen in Nordirland zu. Bis zum 10. November müssen DUP und Sinn Féin Dublin und London erklären, ob sie die britisch-irischen Vorschläge annehmen. Dies ist deshalb auch wichtig, weil sich damit Sinn Féin bereiterklären muß, künftig mit der Police Service of Northern Ireland (PSNI) zusammenzuarbeiten, und die DUP, daß sie bereit ist, mit den politischen Vertretern des irischen Republikanismus eine Regierung zu bilden. Klappt dies, dann soll am 24. November das Belfaster Parlament tagen, um die Posten des Ersten Ministers und dessen Stellvertreter zu nominieren. Aller Voraussicht nach wird es sich um das Gespann Paisley- McGuinness handeln. Im März 2007 sollen zudem Neuwahlen für das Regionalparlament stattfinden, um den Segen der Wählerschaft für die neue politische Wirklichkeit einzuholen. Ende März soll das interkonfessionelle Kabinett in Belfast die Regierungsverantwortung für Nordirland von London wieder übernehmen und sollen die nach dem Karfreitagsabkommen geschaffenen, allirischen Institutionen, die aufgrund des politischen Stillstands nördlich der Grenze praktisch zum Erliegen gekommen waren, wiederbelebt werden. Sollte dies alles gelingen, dann ist damit zu rechnen, daß Sinn Féin bei den ebenfalls für das kommende Frühjahr erwarteten Wahlen für das Parlament in Dublin die Zahl ihrer Sitze erheblich vergrößert und somit von dort aus den Prozeß der Wiedervereinigung auf Insel vorantreibt.

16. Oktober 2006



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PARTEIEN/203: Paisley kneift vor Treffen mit Adams und McGuinness



Paisley kneift vor Treffen mit Adams und McGuinness

Dem DUP-Chef stehen 40 Jahre gehässiger Rhetorik im Weg



Weniger als vier Tage, nachdem der zuständige britische Minister Peter Hain die Einigung, welche die Premierminister von Großbritannien und Irland, Tony Blair und Bertie Ahern, mit der Führung der Democratic Unionist Party (DUP) und der Sinn Féin bei den jüngsten Verhandlungen im schottischen Badeort St. Andrews erzielt hatten, als einen "erstaunlichen Durchbruch" bezeichnete, befindet sich der nordirische Friedensprozeß schon wieder in der Krise. Auslöser ist die Weigerung von DUP-Chef Paisley, an dem für den 17. Oktober geplanten Treffen mit Gerry Adams und Martin McGuinness, den Führern von Sinn Féin, teilzunehmen. Bei diesem Treffen sollten die jeweils größten protestantisch-probritischen und katholischen-nationalistischen Parteien über die Umsetzung des "Fahrplans" von St. Andrews, demzufolge sie im kommenden Frühjahr gemeinsam eine interkonfessionelle Regierung bilden und das Regionalparlament in Belfast sowie die anderen nach dem Karfreitagsabkommen von 1998 geschaffenen Institutionen, die sich derzeit im Dornröschenschlaf befinden, wiederbeleben sollen. Doch wie erwartet, konnte es der christliche Fundamentalist Paisley doch nicht über sich bringen, sich mit denjenigen an einen Tisch zu setzen, die er seit mehreren Jahrzehnten als "Terrorpaten" der Irisch-Republikanischen Armee (IRA) verteufelt. Da rächen sich die gehässigen Worte von einst - beziehungsweise von vor wenigen Tagen.

Fatal erinnert die jetzige Situation an die, als 1998 der damalige Chef der Ulster Unionist Party (UUP) David Trimble mit der Social Democratic Labour Party (SDLP) und Sinn Féin das Karfreitagsabkommen beschloß. Aus Rücksicht auf Kritiker innerhalb der eigenen Partei sowie bei der DUP, die ihm vorwarfen, Nordirlands königinstreue Protestanten an die terroristische Brut des Papstes verraten und verkauft zu haben, machte Trimble die Umsetzung des Friedensvertrages unmöglich, indem er sich in einen jahrelangen Streit mit Sinn Féin über die Modalitäten der IRA-Entwaffnung verhedderte. Trimbles widersprüchliches Verhalten war Wasser auf die Mühlen derjenigen, die wider besseres Wissen behaupteten, die UUP hätte sich bei den Verhandlungen zum Karfreitagsabkommen über den Tisch ziehen lassen. Die Folge war jedoch, daß die UUP in den Augen der nordirischen Protestanten in Mißkredit geriet und ab 2001 ihre bisherigen Führungsposition im unionistischen Lager an die Partei des stimmgewaltigen Paisley verlor.

Dafür ist es nun die DUP-Truppe, die von Dublin und London seit einiger Zeit massiv unter Druck gesetzt wird, ihre ermüdende, unerträgliche Dauernörgelei endlich sein zu lassen und konstruktiv zum Friedensprozeß beizutragen. Da im nationalistischen Lager Sinn Féin die SDLP längst hinter sich gelassen hat, heißt das konkret, Paisley und seine Männer - Peter Robinson, Nigel Dodds, Sammy Wilson usw. - die sich in den letzten Jahren hauptsächlich mit Verbalattacken gegen Sinn Féin, den politischen Arm der IRA, auf sich aufmerksam gemacht haben, müßten sich mit den führenden Vertretern des irischen Republikanismus arrangieren.

Das dies der DUP-Führung - jedenfalls nach außen hin - so schwer fällt wie Dracula, einen Schluck Weihwasser zu trinken, zeigte das jüngste Affentheater im Schloß Stormont, dem Belfaster Parlamentgebäude, am 17. Oktober. Eigentlich sollte bei dieser Gelegenheit die DUP mit Sinn Féin über die für den 24. November geplante Nominierung und Wahl von Paisley als neuen Ersten Minister Nordirlands und McGuinness als seinen Stellvertreter beraten werden. Nach dem britisch-irischen Plan von St. Andrews sollten beide Männer - zusammen mit dem restlichen Kabinett - ihre Ämter erst im kommenden März antreten. Doch unter Verweis auf angebliche Versprechen, die er in Schottland von Ahern und Blair erhalten haben wollte, weigerte sich Paisley, das Treffen stattfinden zu lassen, bis er die Zusicherung erhielte, McGuinness würde sich bereits am 24. November und nicht erst im März auf eine uneingeschränkte Zusammenarbeit mit dem Police Service of Northern Ireland (PSNI) vereidigen lassen. Da Sinn Féin den St.-Andrews-Plan anders verstanden hatte, das heißt, ihr Bekenntnis zur PSNI sollte erst im kommenden Frühjahr nach der formellen Absegnung durch einen eigenen Sonderparteitag erfolgen, fiel das Eröffnungstreffen des sogenannten Programme for Government Committee ins Wasser.

Das britische Nordirlandministerium bemühte sich darum, das Nicht- Erscheinen der DUP-Delegation zum geplanten Treffen mit Sinn Féin als "Ausrutscher" herunterzuspielen. Anstelle des Programme for Government Committee sollte das Preparation for Government Committee dringend zusammenkommen, um das entstandene Mißverständnis - sofern es sich um eines handelt - aus dem Weg zu räumen, hieß es aus dem Hause Peter Hains. Gerry Adams, der in Stormont vergeblich auf seine und McGuinness' allererste, direkte Begegnung mit Paisley und den anderen führenden Politikern der DUP wartete, gab sich über das Fernbleiben der sich zierenden Koalitionspartner nicht besonders überrascht: "Unser Beitrag zu diesem Prozeß besteht in unserer Fähigkeit, unsere Leute mitzunehmen. Ian Paisleys besteht darin, seine Leute mitzunehmen. Möglicherweise finden hier taktische Spiele statt."

Adams' Verweis auf die Notwendigkeit, die jeweiligen Parteibasen mitzunehmen, deutet darauf hin, daß eventuell Teile der DUP immer noch große Schwierigkeiten mit der Vorstellung von der Bildung einer gemeinsamen Regierung ihrer Partei mit Sinn Féin haben. Dafür spricht die Tatsache, daß in der Ausgabe der Tageszeitung Belfast Newsletter ausgerechnet vom 17. Oktober, dem Tag des geplanten historischen Treffens in Stormont, ein Kommentar erschien, in dem Jim Allister, Abgeordneter der DUP im Europäischen Parlament, die Einigung von St. Andrews heftig kritisierte, weil sich darin keine Mechanismen fänden, die Auflösung des Army Council, des IRA-Generalstabs, zu erzwingen oder Sinn Féin aus der neuen Regierung zu verbannen, sollte diese irgendwann einmal ihrer Verplichtung auf friedliche und demokratische Mittel der Politik nicht nachkommen. Ob nun das von Paisley verursachte Platzen des ersten gemeinsamen Treffens der DUP und Sinn Féin nur eine kluge Geste zur Besänftigung der Skeptiker in den eigenen Reihen oder doch der entgültige Beweis für die Kompromißunfähigkeit des 81jährigen freipresbyterianischen Pfarrers war, werden die nächsten Tage und Wochen zeigen.

18. Oktober 2006



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Schattenblick - MEDIEN


REZENSION/003: Jakob Moneta Jude - Gewerkschafter - Sozialist



Jakob Moneta


Jude - Gewerkschafter - Sozialist

Stationen eines Lebens im 20. Jahrhundert

Ein Film von Juri Hälker



Mit 92 Jahren gehört Jakob Moneta nicht nur zu den ältesten Zeitzeugen der Linken in Deutschland. Er ist auch einer der ältesten sozialistischen Aktivisten, die von Kämpfen und Entwicklungen berichten können, die seit dem angeblichen Sieg über den Kommunismus zusehends in Vergessenheit geraten. Pünktlich zum 92. Geburtstag Jakob Monetas am 11. November hat der VSA-Verlag der Zeitschrift Sozialismus eine DVD als Supplement beigelegt, in der Moneta über "Stationen eines Lebens im 20. Jahrhundert" berichtet, die er als "Jude - Gewerkschafter - Sozialist" weniger erlebt denn geprägt hat.

In dem Film von Juri Hälker berichtet Jakob Moneta in loser chronologischer Folge von ersten Erinnerungen an Judenpogrome in Polen, der Flucht seiner Familie 1919 nach Köln, seinem früh erwachenden Interesse für die soziale Frage und dem Beitritt in die Jugendorganisation der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP). Aufgrund der scharfen Konfrontation mit dem politischen Gegner wußte er sofort, was 1933 die Stunde für Menschen wie ihn geschlagen hatte, die den Nazis als Linke und Juden auf doppelte Weise verhaßt waren. So emigrierte er eher notgedrungen nach Palästina, wo er in einem Kibbuz lebte und arbeitete. Aufgrund seines gewerkschaftlichen Engagements für arabische Arbeiter geriet er jedoch nicht nur mit zionistischen Kibbuzim, sondern auch der britischen Mandatsmacht in Konflikt.

Während Monetas 27 Monate währender Internierung in britischer Administrativhaft vertiefte sich seine Einsicht in die Irrelevanz ethnischer und religiöser Unterschiede. Sein Eintreten für einen binationalen Staat, in dem Juden und Palästinenser ohne jegliche Bevorzugung oder Benachteiligung miteinander leben, erscheint unter heutigen Bedingungen um so utopischer, als die sozialistische Basis einer solchen Gesellschaft außerhalb jede Reichweite geraten zu sein scheint. Die Erfordernis einer egalitären Ordnung, in der der Mensch durch seinen Einsatz für den anderen in Erscheinung tritt, anstatt ihn durch Ab- und Ausgrenzung zu erniedrigen, bekräftigt jedoch die andauernde Gültigkeit dieses Lösungsansatzes nicht nur für Palästina. Das gilt auch für den von Moneta propagierten Internationalismus jeglicher Form sozialistischer Opposition, der nicht umsonst durch die Globalisierung des Kapitals zerschlagen werden soll.

Noch vor der Gründung der Bundesrepublik in seine Heimatstadt Köln zurückgekehrt, um die abgebrochene Revolution von 1919 endlich zu verwirklichen, begann er seine journalistische Laufbahn bei der Rheinischen Zeitung. 1953 qualifizierte ihn sein polyglottes Sprachvermögen für eine Stellung als Sozialreferent an der deutschen Botschaft in Paris, die er fast zehn Jahre behielt. Seine vielfältigen Kontakte zu französischen Gewerkschaftern, algerischen Befreiungskämpfern und deutschen Beamten führten nicht nur zu bizarren Begegnungen über die Grenzen der ideologischen Lager hinweg, sondern ermöglichten es ihm auch, Menschen in Not auf unkonventionelle Weise Hilfe zu leisten.

In der restaurativen Enge der zuendegehenden Adenauerära und inmitten der Absetzbewegungen einer durch das vermeintliche Wirtschaftswunder für den rheinischen Kapitalismus eingenommenen Arbeiterschaft blieb Moneta als Vorstandsmitglied der IG Metall und Chefredakteur zweier Gewerkschaftszeitungen seinen emanzipativen Vorstellungen verpflichtet, die er in zahlreichen Artikeln verbreitete und die ihn unverändert umtreiben. Weder von der bis heute offenen Frage nach der Überwindung nicht nur der herrschenden Verwertungsverhältnisse, sondern auch der durch sie formierten, das gesellschaftliche Subjekt über seine unmittelbare Einbindung ins Kapitalverhältnis hinaus korrumpierenden Teilhaberschaft noch von den objektiven Bedingungen eines zusehends repressiven Sozialchauvinismus läßt er sich entmutigen, seine Ziele, die die aller Menschen sein sollten, zu verfolgen.

Jakob Monetas Rückschau ist ein Stück linker Zeitgeschichte, das bei älteren Menschen längst vergessene Erinnerungen wachruft und bei Jüngeren Fragen von einer Art aufwirft, die in der mit liberalistischer Beliebigkeit widerspruchsbereinigten, zivilgesellschaftlich eingeebneten Landschaft administrativer Sachzwanglogik und parlamentarischer Konsenspflicht nicht mehr gestellt werden. Was immer man von der trotzkistischen Ausrichtung des Sozialkämpfers Moneta halten mag, sein streitbarer Elan und sein Festhalten an Prinzipien, die weit jüngere Linksradikale als er bereits mehrmals in ihrem Leben den herrschenden Verhältnissen angepaßt haben, machen ihn zu einem Vorbild an gelebter sozialistischer Gesinnung.

Das filmische Lebenszeugnis eines Aktivisten, der den heute weitgehend verschwundenen Typus des sozialrevolutionären Gewerkschafters verkörpert, ist ein schönes Beispiel dafür, daß nichts über das Festhalten an einmal als wahr und richtig erkannten humanistischen Idealen geht. Aus der amorphen Masse der Biermann und Fischer, die sich mit ihrer Überlebensweisheit, daß sich nur treu bleibe, wer sich wandele, einen Generaldispens für die Sünde versuchter Systemüberwindung ausgestellt haben, ragt Moneta hervor wie ein Fels in der Brandung. Schade nur, daß man dem Film nichts über aktuelle Fragen wie nach dem Verhältnis der organisierten Arbeiterschaft zur immer größeren Masse der Überflüssigen oder nach dem Versuch der Gewerkschaften, sich als Garanten des obsolet gewordenen Klassenkompromisses unentbehrlich zu machen, entnehmen kann. Auch hierzu hätte Jakob Moneta zweifellos höchst Aufmunterndes und Erfrischendes beizutragen.

8. Nobember 2006


Dokumentarfilm 2006
Supplement der Zeitschrift
Sozialismus 11/2006
als DVD beim VSA-Verlag,
Hamburg, erschienen.



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Schattenblick - MEDIZIN


BALL/1202: Experten warnen vor globaler Hungerkatastrophe



Welternährungstag

Zahl der Hungernden wächst unaufhörlich

Weltweit hungern 852 Millionen Menschen



17.11.2006: Die globale Hungertragödie hat sich weiter verschärft. Gegenwärtig leiden 852 Millionen Menschen weltweit an Unterernährung. Das sind 11 Millionen Hungernde mehr als vor zwei Jahren. Zu diesem Ergebnis gelangt der Welthungerbericht "The State of Food Insecurity in the World 2005", welcher im Auftrag der Food and Agriculture Organization of the United Nations, kurz FAO, seit 1981 jedes Jahr erstellt und zum Welternährungstag am 16. Oktober veröffentlicht wird. Laut dem Bericht sind letztes Jahr circa 36 Millionen Menschen auf Grund mangelnder Ernährung gestorben. Dieses "tagtägliche Massaker" koste mehr Todesopfer als sämtliche Kriege und Terroranschläge zusammen, beklagte Jean Ziegler, der Sonderberichterstatter der UN-Menschenrechtskommission. Das beim UN-Millenniumsgipfel im Jahre 2000 gesteckte Ziel, die Zahl der Hungernden bis zum Jahr 2015 auf 400 Millionen zu halbieren, rücke ständig in weitere Ferne. Um das Millenniumziel erreichen zu können, müsse die Zahl jedes Jahr um 26 Millionen verringert werden, fordert die in Rom ansässige FAO. Als Soforthilfe seien 24 Milliarden US- Dollar sowie ein stärkeres Engagement des privaten Sektors für den Kampf gegen den Hunger dringend erforderlich. Sollte diese Hilfe ausbleiben, stünden der Menschheit schon in naher Zukunft Hungerkatastrophen dramatischen Ausmaßes bevor.

Diese drohten insbesondere in mehreren bevölkerungsreichen Ländern wie Indien, Indonesien, Nigeria, Pakistan oder Sudan. Aber auch Nordkorea, Kuba und die Palästinensergebiete seien besonders betroffen. Während Ziegler im sudanesischen Darfur die bewaffneten Milizen als Hauptschuldige ausmachte, die das Menschenrecht auf Nahrung mißachteten, indem sie Ernteerträge, Agrarland, Viehherden und Brunnen entweder zerstörten oder plünderten, kritisierte er auch die Bush-Regierung, die durch die von ihr beschlossene Verschärfung des Wirtschaftsembargos gegenüber Kuba dort den Hunger verschärfe.

Auch zu Nordkorea nahm Ziegler Stellung. Dort seien im vorigen Jahrzehnt Hunderttausende von Menschen von einer "stillen Hungersnot" umgebracht worden. Derzeit leiden laut Ziegler 6,5 Millionen Nordkoreaner an chronischer Unterernährung. Ziegler beschuldigte das Regime in Pjöngjang, Hilfsaktionen humanitärer Organisationen zu behindern, ohne dabei weiter auf die einer Aufgabe der Staatssouveränität gleichkommenden Bedingungen einzugehen, die mit diesen verknüpft sind. "Auch wenn nur ein Drittel der Reissäcke bis zu den Schulkindern durchkommt und sich die Armee und Funktionäre die beiden anderen Drittel teilen, so ist das immer noch besser als gar keine Hilfe", erklärte er.

Israel warf Ziegler vor, für Hunger und Durst in den besetzten Gebieten verantwortlich zu sein. "Die Situation dort verschärft sich dramatisch, und es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen der Besetzung und der humanitären Katastrophe." Die in den besetzten Gebieten zusammengepferchten Menschen hätten (gezielt durch die Grenzziehung der Sperranlagen, Anm d. Red.) keinerlei freien Zugang zu Trinkwasser, sondern müßten dieses von Israel kaufen.

Dabei hatte die internationale Staatengemeinschaft im Jahr 1996 angekündigt, verstärkt Anstrengungen gegen den Welthunger zu unternehmen. Doch obwohl in den letzten fünfzehn Jahren die weltweite Getreideproduktion verdoppelt worden sein soll, ist keine Verbesserung der globalen Ernährungslage festzustellen. Statt dessen steht dem Überfluß, der in Europa und den USA herrscht, in den Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas ein frappierendes Ausmaß an Mangelernährung gegenüber. Und die Kluft zwischen Hungernden und Satten wird immer weiter. Während in den industriellen Ballungsgebieten der nördlichen Hemisphäre gerade die angespannte Wirtschaftslage beklagt wird, ist die Lage in Südasien und Schwarzafrika so aussichtslos, daß nicht nur ein Massensterben in den Armutsregionen, sondern darüber hinaus eine explosive Zuspitzung der politisch heute schon schwierigen Lage zu erwarten ist, die die Industrieländer keineswegs grundlos als ernste Bedrohung auch ihrer Existenz betrachten.

Trotzdem ist laut FAO-Generaldirektor Jacques Diouf der für landwirtschaftliche und ländliche Entwicklung vorgesehene Anteil der sogenannten Offiziellen Entwicklungshilfe (ODA) in den Jahren zwischen 1990 und 2000 um etwa 50 Prozent von rund 16 Milliarden auf etwa acht Milliarden Dollar pro Jahr gesenkt worden. Insgesamt hätten die ODA-Zahlungen in diesem Zeitraum zwischen 45 Milliarden und 55 Milliarden Dollar gelegen. Auf diese Weise sei eine Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion in den armen und ärmsten Ländern des Südens nicht möglich, so der FAO-Chef weiter. Kein Sektor könne wachsen, wenn ihm die Mittel um die Hälfte gekürzt würden. "Wir fordern, daß die Geber den ODA-Anteil für Landwirtschaft wieder auf das Niveau von 1990 anheben." Zusätzlich müßten die 133 armen und ärmsten Länder acht Milliarden Dollar investieren, so daß eine jährliche Summe von 24 Milliarden Dollar zustande komme. "Peanuts", kommentierte ein Mitarbeiter aus dem FOA-Stab, seien das im Vergleich zu den rund 400 Milliarden Dollar, die die USA jedes Jahr für den Militärbereich ausgeben.

Lächerlich gering ist ohnehin der Anteil der Entwicklungshilfe am Bruttosozialprodukt der reichen Länder. Die USA rühmen sich eines Anstiegs von 0,11 auf 0,13 Prozent, die EU will 0,39 Prozent erreichen, 0,7 Prozent sind das Fernziel. Deutschland liegt mit seiner Quote von 0,27 Prozent unter dem Durchschnitt der EU-Länder.

Von den ausländischen Direktinvestitionen fließt nach Angaben des World Economic Forum (WEF) weltweit nur ein Prozent (elf Milliarden Dollar) nach Afrika, in den ärmsten Kontinent. Daher forderte Diouf die Geberländer auf, einen Soforthilfefonds in Höhe von 24 Milliarden Dollar aufzulegen, der für öffentliche Investitionen in der Landwirtschaft, der Infrastruktur sowie im Bildungswesen genutzt werden könnte. Doch noch schwerer als die ausbleibenden Hilfsgelder wiegen die hohen Agrarsubventionen in den USA und der EU. Zwar verheißen die Globalisierer den armen Ländern eine bessere Zukunft, wenn die Märkte erst einmal alle geöffnet seien, vergessen dabei aber zu erwähnen, daß gerade die Industriestaaten hohe Importbeschränkungen, beispielsweise für Agrarprodukte, haben, um die einheimische Landwirtschaft vor Konkurrenz - aus dem Süden - zu schützen. "Der weltweite Markt für landwirtschaftliche Rohstoffe hat längst alle Fairneß hinter sich gelassen, so schlecht sind die Preise. Und die reichen Länder subventionieren ihre Landwirtschaften mit 300 Milliarden Dollar pro Jahr, jeder einzelne Bauer dort erhält 12.000 Dollar Unterstützung. Dagegen ist die Entwicklungshilfe im Agrarbereich auf insgesamt 8 Milliarden gesunken, das sind insgesamt 6 Dollar pro Farmer", weiß Diouf zu berichten.

Nicht zufällig herrscht der größte Hunger in den ländlichen Gebieten der Armutsländer, wo die Menschen am meisten darben. Nach den Analysen der Task Force on Hunger des United Nations Development Programme (UNDP), des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen, ist Hunger immer noch zu 80 Prozent ein ländliches Phänomen. Die Hälfte der Hungernden sind verarmte und marginalisierte Kleinbauern, die meisten davon Frauen. Ein weiteres Viertel stellen Landlose, die ebenfalls überwiegend von Landwirtschaft leben. Der tragische Widerspruch: Obwohl sie Nahrung produzieren, haben sie selber nichts zu essen. Die Gründe der gescheiterten Hungerpolitik sind daher vor allem in der Politik gegenüber diesen ländlichen Armutsgruppen zu suchen.

Doch anstatt dem Hunger vorbehaltlos Einhalt zu gebieten, soll auf Initiative der deutschen FAO-Vertretung ein Verhaltenskodex für die Armutsländer erarbeitet werden, um nur jenen Staaten Hilfe zu gewähren, die sich dem Diktat des Kapitals aus dem Norden unterwerfen. Wohlweislich verschwiegen wird sowohl im Norden als auch innerhalb der FAO, daß der weltweite Hunger kein Verteilungsproblem darstellt, sondern daß es nicht genügend Nahrungsmittel für alle gibt, so daß jedes Reiskorn und jedes Teeblatt, das den Weg in den Norden nimmt, den Menschen im Süden genommen wird und deren Hunger verschlimmert. Der Hunger ist kein Phänomen, das im Rahmen des weltweiten Kapitalismus auftritt und daher durch Umorganisation behoben werden könnte, sondern Hunger und Kapitalismus sind untrennbar miteinander verbunden. Es liegt auf der Hand, daß im Norden niemand daran interessiert sein kann, daß die hungernden Menschen im Süden realisieren, daß sie nicht nur beim Kampf um Nahrungsmittel zu unterliegen drohen, sondern daß die Menschen des Nordens ihnen die spärlichen vorhandenen Nahrungsmittel auch wegessen. Schließlich könnten die Menschen des Südens daraus den Schluß ziehen, daß sie nichts als die sie in Hunger und Elend haltenden Ketten zu verlieren haben.



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Schattenblick - NATURWISSENSCHAFTEN


KOMMENTAR/072: In höchster Not - Phosphor aus organischen Überresten



Es ist soweit. Lange wurden wir schon mit kleinen, vorsichtigen Anspielungen, SF-Szenarien in Filmen und den ewigen nie ernstgenommenen Warnrufen der als Schwarzseher verschriehenen Zukunftsvisionisten darauf vorbereitet: Es gibt keinen Abfall mehr. Wir haben nichts mehr wegzuwerfen. Alles, was wir nicht mehr unmittelbar brauchen, birgt wertvolle Rohmasse auf diesem ausgelaugten Planeten. Und es ist nicht nur das Erdöl, das fehlt.

Während derzeit nämlich die Diskussion um den Rückgang der Vorkommen fossiler Brennstoffe allgegenwärtig ist, scheint die Tatsache, daß auch andere Rohstoffe immer knapper werden, etwas in den Hintergrund gerückt zu sein. So hat man beinahe schon vergessen, daß es noch wesentlich elementarere Stoffe als die brennstoffliefernden gibt, mit deren Verbrauch das Leben auf der Erde tatsächlich beendet sein wird, Phosphor beispielsweise.

Das war nicht immer so, denn schon 1975 schloß der Wissenschaftler und SF-Autor Isaac Asimov in seinem Werk "Asimov on Chemistry" seine Ausführungen über Phosphor mit den Worten:

Lebewesen können sich vermehren, bis der Phophor vollständig verbraucht ist. Unerbittlich kommt dann das Ende, und niemand kann es verhindern. [...]

Wir können Kohle durch Kernkraft ersetzen, Holz durch Kunststoffe, Fleisch durch Hefe, Freundlichkeit durch Isolation - aber für Phosphor gibt es keinen Ersatz.

Doch während das seinerzeit die Denker und Wissenschaftler bewegte, stehen diese Probleme mit globaler Erwärmung, Mißernten, Umweltverschmutzung und fast verbrauchten Ressourcen vieler elementarer Grundstoffe beinahe unmittelbar bevor, ohne daß dafür bisher maßgebliche Lösungsansätze gefunden wurden. Die wenigen Ansätze, um unsere Zeit auf diesem Planeten noch ein wenig zu strecken, bestehen bestenfalls aus Haushalten, d.h. Sparen und Recyclen:

Erst vor kurzem stellten wir an dieser Stelle vor, wie vorbildlich Amerika seine Hundehaufen verwertet [siehe: NEWS/622: Amerikanische Alchemie - Gold aus Hundescheiße, Februar 2006. Dies wurde allerdings noch unter dem verschleiernden Deckmäntelchen der Straßenreinigung publik. Tatsächlich hatte die Stadt San Franzisko in einer zufälligen Untersuchung entdeckt, daß beinahe 4 Prozent des gesamten Hausmülls, der auf die städtische Mülldeponie kommt, aus Abfällen besteht, die von Haustieren produziert werden. Im Klartext sind das 6.500 Tonnen Hundescheiße im Jahr - etwa genauso viel wie die Menge an Einwegwindeln, die im gleichen Zeitraum anfällt. Und diese Massen an stinkendem Hundekot sollten - so schien es jedem einzuleuchten - möglichst sinnvoll und kostensparend beseitigt werden. Und was ist kostensparender als wenn sich gleichzeitig Kapital daraus schlagen läßt.

Daß die derzeit in San Franzisko massiv vorangetriebene Recycling- Programme, die die Bürger zum Sammeln von Flaschen, Dosen, Papier und anderem Müll anhalten, um etwa Zweidrittel des gesamten Mülls von den Deponien fern zu halten, vor allem auch wegen des inzwischen sichtbar nachlassenden Bodenschätzeangebots staatlich gefördert werden, wurde hier von den entsprechenden amerikanischen Quellen nicht so eindeutig zum Ausdruck gebracht.

Ganz anders hierzulande, wo Verwertungs-Forschung geradezu systematisch betrieben und gefördert wird und auch nicht vor menschlichen Exkrementen zurückschreckt. Jüngstes Objekt massiven Forschungsdrangs, dem Saft aus dem die Träume des Chemikers sind, ist: Urin.

In einer Pressemitteilung der Fachhochschule Lübeck (über den Informationsdienst Wissenschaft - idw) wurde schließlich auch Urin als zukünftiger Wertstoff vorgestellt. Wörtlich hieß es:

Forscher der Fachhochschule Lübeck wollen es wissen. Ist Urin ein Rohstofflieferant der Zukunft? In einem neuen F&E- Projekt wollen sie der Frage nachgehen, ob sich menschliche Ausscheidungen wie Urin zur Begegnung einer allgemein bekannten und zu erwartenden Rohstoffknappheit verwerten lassen.
idw, 3.07.2006

Daß die vollständige Verwertung menschlicher Hinterlassenschaften längst als notwendige Maßnahme verstanden wird, und es weniger um die Frage "ob" als um ein "wie" oder "wie am besten" geht, läßt sich nur zwischen den Zeilen herauslesen und geht beispielsweise aus dem Umstand hervor, daß das schleswig-holsteinische Ministerium für Wissenschaft, Wirtschaft und Verkehr das Projekt mit Mitteln aus dem Regionalprogramm 2000, mit Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) im Rahmen des Ziel 2-Programms sowie mit Landesmitteln fördert.

Das Projekt hat im Februar 2006 begonnen und ist mit einer Laufzeit von drei Jahren versehen. Es endet im Dezember 2008. Das Fördervolumen beträgt knapp 485.000 Euro.

Urin, aus dem seinerzeit der Hamburger Alchimist Hennig Brandt etwa 1669 erstmals Phophor extrahierte, könnte beispielsweise als Rohstoffquelle für diesen zunehmend rarer werdenden Stoff dienen, denn in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts ist damit zu rechnen, daß weltweit die natürlichen Lagerstätten an Phosphor nahezu aufgebraucht sein werden, und der Abbau der dann noch vorhandenen Vorkommen nur unter extremem technischen Aufwand möglich sein wird. So hatte man beispielsweise schon vor drei Jahren von der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft eine Frist genannt, nach der unbemerkt neben sämtlichen angesprochenen Problemen, das Leben auf dieser Erde nach und nach beendet werden wird:

Phosphor (P) ist ein essentielles Element. Die größten Mengen finden sich in höheren Lebewesen, so auch in Menschen, vor allem in den Knochen. Die Weltvorräte an Phosphor reichen (bei heutigen Preisen und Gewinnungstechnologien) nur noch für ca. 50 Jahre.
idw, FAL, 24. Oktober 2003

Vor diesem Hintergrund wird die Suche nach nachhaltigen Bewirtschaftungsstrategien der vorhandenen Ressourcen immer wichtiger.
idw, 3.07.2006

Allerdings sind in 1 Liter menschlichen Urin nur etwa 1,4 Gramm Phosphor enthalten. Daß sich die fhl-Forschungs GmbH in Zusammenarbeit mit dem Labor für Siedlungswasserwirtschaft und Abfalltechnik der Fachhochschule Lübeck, Prof. Dr.-Ing. Matthias Grottker, dennoch nicht von dem Forschungsprojekt, vor allem Phosphor aus Urin zu recyclen, abhalten läßt, sondern das zudem auch schon von der regionalen Wirtschaft geförderte Projekt weiter vorantreibt, läßt daher nur auf die extreme Notlage schließen, aus der man hier möglichst schnell Geld machen will. Wörtlich heißt es im idw:

Die zentrale Themenstellung dieses Projektes ist es, die Möglichkeiten einer technischen Realisierbarkeit der Nachrüstung von Stoffstromtrennverfahren bei der dezentralen Behandlung von Abwasser in bereits bestehenden sanitären Anlagen und Einrichtungen zu untersuchen. Insbesondere wird dabei die Separation von Urin im Vordergrund stehen. Urin besteht zu hohen Anteilen aus Stickstoff und Phosphor und ist daher als Wertstoff zu betrachten, der vor dem Hintergrund eines nachhaltigen Umgangs mit Ressourcen in geschlossenen Stoffkreisläufen wiederverwertet werden sollte.

Das Forschungsvorhaben hat ein Gesamtvolumen von nahezu 780.000 Euro. Zu den Fördermitteln des Landes und der Europäischen Union finanzieren die Projektpartner aus der regionalen Wirtschaft und die FH Lübeck selber erhebliche Anteile.
idw, 3.07.2006

Jährlich werden etwa 75 Millionen Tonnen Phophatminerale abgebaut und zu Düngemitteln verarbeitet - wahrscheinlich mehr, als in derselben Zeit durch normale Verwitterung von Gesteinsmaterial freigesetzt wird. Auf diese Weise begegnete man im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts der Auslaugung und Verarmung (Stickstoff und Phosphor) der Landwirtschaftsflächen in vielen Regionen der Erde, so daß die Erträge, und damit gleichzeitig auch die Bevölkerungszahlen wuchsen. Dadurch wurde der Nahrungsvorrat zumindest für die reichen Industrieländer, in denen der Hunger sonst in viel größerem Ausmaß spürbar geworden wäre, zeitweise sichergestellt.

Natürlich führt der Einsatz von Phophatdüngern auf den Feldern zu einem zunehmenden Austrag des Nährstoffs in Wasserläufe und Gewässer, während gleichzeitig der Boden mit Phophor gesättigt wird.

Im Laufe der Zeit wird nun mehr und mehr Phophor über die Auswaschung mit Regenwasser in Flußläufen, Seen, Grundwasser und schließlich in den dunklen Tiefen des Ozeans absinken und verschwinden. Denn von dort aus gibt es keine natürlichen Prozesse, die ihn wieder in den Zugriffsbereich des Menschen oder anderen Lebens bringen könnten. Entsprechend nehmen die Lebewesen an Land und in den von der Sonne erhellten oberen Meeresschichten allmählich ab. Der immer weniger fruchtbaren Erde ist dann eine immer dünner werdende Vegetationsdecke beschieden, bestehend aus spärlichen Arten. Diese natürliche Entwicklung wurde durch den Abbau von Phosphaten und die künstliche Düngung erst einmal für 50 Jahre aufgeschoben. Doch bei der vorherrschenden Praxis der Umweltexperten, sich zu ihren Gunsten zu verrechnen und dem meist alle Berechnungen sprengenden exponentiellen Konsum unserer menschlichen Gattung, bleibt die Frage "wie lange noch", durchaus aktuell.

Es ist durchaus zweifelhaft, ob das Sammeln von Urin und seine Deklarierung als "Wertstoff" den weiteren Untergang des Lebens überhaupt noch verzögern kann, zumal es sich nur um wenige Gramm pro Liter handelt. Und es läßt sich denken, daß es nicht allein dabei bleiben wird, bzw. welche weiteren "Abfallprodukte" der menschlichen Gesellschaft bei einem weiter fortschreitenden Raubbau an der Erde dann noch logischerweise nach Urin zur Verwertung herangezogen werden. Der Filmklassiker Soilent Green hat die Lösung gewissermaßen vorweggenommen und differenzierte Aufstellungen darüber, was nach Ableben diesbezüglich noch von Wert ist, existieren jedenfalls schon:

Tabelle 3.1. Phosphor im menschlichen Körper
(Der Gesamtgehalt des Körpers eines durchschnittlich, 70 kg schweren Erwachsenen beträgt 840 g.)

 Körperteil 
 Gehalt 
 (g Phosphor pro kg Frischgewicht) 
 Zähne 
 Knochen 
 Gehirn * 
 Leber 
 Muskeln 
 Nieren 
 Lunge 
 Herz 
 Haut 
 Haare und Nägel 
 130 
 110 
    3,4 
    2,7 
    1,8 
    1,8 
    1,6 
    1,5 
    0,4 
 frei von Phosphor 
 durchschnittlich 
   12 

* Mittelwert; die graue Substanz enthält mehr Phosphor (4,0g) als die weiße (2,2g)

aus: John Emsley, Phosphor - ein Element auf
Leben und Tod, Wiley-VCH 2001

17. Juli 2006



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KOMMENTAR/073: Manipulation durch Nahrungsmittel - Widerstand zwecklos



Schweizer Firma verkauft eisenhaltigen Reis, um die Lernfähigkeit zu verbessern



Blei ist ein bekanntes unerwünschtes Umweltgift, dem wir vor allem in den Entwicklungsländern, in denen noch Motoren mit verbleiten Treibstoffen betrieben werden, begegnen. Blei sorge, so hieß es unlängst im Deutschlandfunk, bei Kindern für gravierende Entwicklungstörungen im zentralen Nervensystem und als Folge daraus für eine mangelhafte Ausbildung der kognitiven Fähigkeit. Der IQ verharre auf einem niedrigen Niveau und die Lernfähigkeit verringere sich.

Was hier gar nicht gesagt wurde: Blei bindet sich auch wie Eisen an Hämoglobin und macht dieses direkt unwirksam. Das Resultat ist die Anreicherung eines Hämoglobin-Vorläufers, der Aminolävulinsäure, im Körper - diese verursacht die bekannten Vergiftungssymptome. Der Darm wird gelähmt, dadurch entstehen Magenkrämpfe, Verstopfungen und Ansammlungen von Flüssigkeit im Gehirn, die Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit auslösen. Auch das Fortpflanzungssystem wird beeinträchtigt: Es kommt zu Fehlgeburten und Kindesmißbildungen. Auch Anämie ist eine langfristige Wirkung der schleichenden Bleivergiftung, die nicht nur für Kinder gefährlich ist.

Das größte Risiko einer Bleiintoxikation haben gegenwärtig Großstadtkinder; manche Umweltschützer machen das Blei der Autoabgase für die Zunahme der Lernschwierigkeiten und krimineller Entwicklung unter Kindern verantwortlich. Noch 1999 war das einem Artikel von John Emsley zufolge in den USA ein großes Problem.

Während in den Industrieländern, z.B. in den USA, Stadtkinder regelmäßig einem Bluttest auf Blei unterzogen werden und die beiden Hauptquellen des Bleis (Autoabgase und bleihaltige Anstrichfarben) allmählich ausgeräumt werden und versiegen, steigt in den Entwicklungsländern das Risiko schleichender Bleivergiftungen bei Kindern nach wie vor stetig an.

Nun wurde im Deutschlandfunk angesichts dieser Sachlage ein neues, von dem aus Amerika stammenden Lebensmittelchemiker, Michael Zimmerman, an der ETH in Zürich entwickeltes Verfahren propagiert, das angeblich nicht nur neue Hoffnung bringe, sondern konkret die Bleivergiftung bei Kindern verringern könne. Dabei setze er mit seinen Forschungen bei dem Mechanismus an, der überhaupt dafür sorge, daß Blei in den menschlichen Körper aufgenommen wird.

Dazu sei angemerkt, daß normalerweise nur ein geringer Teil des Bleis, das wir mit der Nahrung aufnehmen, ins Blut gelangen kann. Der Rest wird unverändert ausgestoßen. Doch bei den mangelernährten indischen Kindern sieht das völlig anders aus:

Da gibt es ein Molekül [gemeint ist vermutlich Transferrin, Anm. d. Schattenblick-Red.], das beides aufnimmt und durch den Körper transportiert: Eisen und Blei, was beispielsweise in der Nahrung enthalten ist. Jetzt nehmen wir mal den Fall eines Kindes irgendwo in Indien, das in aller Regel an Eisenmangel leidet. Dieses Molekül versucht, der Nahrung ein Höchstmaß an Eisen zu entziehen, um dem Eisenmangel entgegenzuwirken.

Das ist eigentlich eine gute Sache. Nur: Wenn die Bleibelastung der Umwelt relativ hoch ist, sorgt dieses Molekül automatisch dafür, dass auch das Blei in sehr hohen Konzentrationen in den Körper des Kindes mit Eisenarmut gelangt. Wie hier Abhilfe schaffen? Die Bleibelastung der Umwelt reduzieren - das ist ein frommer Wunsch, der sich nicht auf die Schnelle verwirklichen lässt.

Michael Zimmermann suchte einen anderen Weg: Warum nicht das Transportmolekül regelrecht austricksen, indem die Eisenzufuhr erhöht wird? Denn wenn ein Kind nicht mehr unter Eisenmangel leidet, regelt das Molekül automatisch die Aufnahmekapazität herunter. In der Folge gelangt nicht mehr so viel Blei ins Blut wie zuvor. Zimmermann schaute sich die Ernährungsgewohnheiten vor allem in Indien und in asiatischen Entwicklungsländern an. Hauptnahrungsmittel dort ist Reis. Die Eisenzufuhr musste also über den Reis erfolgen - kein unproblematisches Unterfangen.
DLF, 15.08.2006

Das hört sich zunächst ganz plausibel an. Alles weitere, wie die entsprechende Eisenverbindung in einem Nahrungsmittel anzureichern ist, damit alle Betroffenen ausreichend davon zu sich nehmen, scheint nur noch ein technisches Problem zu sein. Hierzulande und auch sonst wäre das dann mit der Verabreichung eines entsprechenden Eisenpräparates getan, von denen es zahlreiche Darreichungsformen (Saft oder Tabletten, bzw. Dragees) gibt und die auch sehr einfach herzustellen, nicht teuer und gut dosierbar sind.

Nicht so für Chemiker Zimmerman, der diesen Mangel (ob er besteht oder nicht) ausgleichen will, ohne daß die Betroffenen überhaupt etwas davon mitbekommen.

Vergewaltigung statt Aufklärung
Wie versteckt man Medikamente in der Nahrung?

Deshalb besteht das erste grundlegende Problem für Zimmerman auch darin, wie man das Eisenpräparat, das gewöhnlich eine auffällige dunkle Eigenfärbung aufweist und daher nur in Schokolade oder Cola unsichtbar bliebe, in dem weißen Reis versteckt, so daß die Betroffenen die Manipulation ihres Grundnahrungsmittels nicht bemerken.

Er hat dafür schon eine geniale Lösung gefunden, denn die gleiche Eisenverbindung die in normaler Kristallform bräunlich aussieht, verändert ihre Farbe in farblose, weiße Körnchen, wenn man die Partikelgröße entsprechend verkleinert:

Was aber Zimmerman für einen unbedeutenden Korngrößenunterschied hält, kann das Eisenpräparat durchaus in etwas Gefährliches und zumindest vollkommen Unberechenbares verwandeln.

Der einzige Unterschied ist, dass wir diese Verbindung in einer wesentlich kleineren Partikelgröße als bisher verwenden. Doch eben diese Verbindung ist die einzige Eisenverbindung, die eben weiß ist, so dass man sie problemlos mit Reiskörnern mischen kann.

Diese Eisenverbindung erscheint als weißes Pulver. Und das lässt sich problemlos mit Reismehl vermischen. Aus dem daraus entstehenden Gemisch ließen die Züricher Wissenschaftler Körner pressen [...].
DLF, 15.08.2006

Je kleiner aber die Staubpartikel, in die die Eisenverbindungen zerlegt wird, das zeigt uns derzeit die Nanoforschung anhand verschiedener bisher als harmlos geltender Elemente, umso größer wird die Gefahr gesundheitlicher Nebenwirkungen, die von Zimmerman regelrecht verschwiegen werden.

So wurden Eisenoxidpartikel dieser Größenordnung in einer unlängst erschienenen Pressemittelung über toxikologische Untersuchungen an menschlichen Lungenzellen (Reagenzglasversuche) in ihrer Schädlichkeit mit Asbest verglichen:

Zwischen Asbest und Siliziumoxid konnte das Empa-Team eine Art "Toxizitätsrangliste" aufstellen: Während Eisen- und Zinkoxidpartikel den menschlichen Lungenzellen erheblich zusetzen, erwies sich Trikalziumphosphat (das bei medizinischen Implantaten zum Einsatz kommt) als ähnlich verträglich wie Siliziumoxid. Titanoxid, Ceroxid und Zirkonoxid haben den Zellstoffwechsel zwar kurzfristig beeinträchtigt, waren aber deutlich weniger toxisch als Asbest. Insgesamt reagierten die menschlichen Lungenzellen deutlich empfindlicher auf die Nanopartikel als Mausfibroblasten. "Die Lungenzellen eignen sich daher sehr gut für derartige Toxizitätsuntersuchungen", sagt Wick.
idw, 9.05.2006

Aufgrund dieser theoretischen Überlegungen und mit künstlichen Preßreiskörnen wurde laut DLF ein Experiment mit 134 Kindern aus dem indischen Bangalore gestartet, ohne Ursache und Wirkung noch einmal auf anderem Weg zu hinterfragen oder zu überprüfen.

In diesem "Menschenversuch" bekam die Hälfte der Kinder über ein Jahr hinweg das neue, mit Eisen angereicherten Reispreßprodukt zu essen. Die andere Hälfte aß herkömmlichen Reis. Nach einem Jahr kontrollierten Zimmerman den Bleigehalt im Blut der Kinder und fand tatsächlich das gewünschte Ergebnis:

Bevor das Schuljahr begann, stellten wir bei etwa zwei Drittel der Kinder eine stark überhöhte Bleikonzentration fest. Am Ende des Schuljahres hatte nur noch ein Viertel der Kinder überhöhte Bleiwerte. Bei der Kontrollgruppe, die den herkömmlichen Reis ohne die Eisen-Anreicherung bekam, stellten wir überhaupt keine Verbesserung fest. [...]
Das Transportmolekül hat durch die Eisenzufuhr die Bleiaufnahme gestoppt, obwohl das Blei in derselben Konzentration in der Umwelt auftrat.
DLF, 15.08.2006

Normalerweise gilt bei einer diagnostizierten chronischen Bleivergiftung (und das ist eine "stark überhöhte Bleikonzentration") die Gabe eines Gegenmittel wie D- Penicillamin als Mittel der Wahl, das dann quasi in inniger und unablöslicher Umklammerung mit dem Blei wieder ausgeschieden wird.

Da aber weder diese direkte Reduktion der Bleibelastung im kindlichen Organismus noch eine direkte Behandlung des Eisenmangels in diesem Zusammenhang diskutiert werden, liegt doch der Verdacht sehr nahe, daß beides gar nicht im Sinne des Erfinders ist.

Anders gesagt: Zimmermans Rechnung ist aufgegangen. Nun steht, sagt der in Zürich tätige Lebensmittelexperte, einer großflächigen Anreicherung von Reis mit Eisen nichts mehr im Wege. Und damit auch dem großen Geschäft: Ein Schweizer Unternehmen hat bereits eine Maschine entwickelt, die in großindustriellen Mengen Reis nach dem Konzept der Züricher Wissenschaftler anreichern kann. Die erste dieser "Eisenreismaschine" wurde bereits nach China verkauft.

Abgesehen von der zuvor angemerkten unabsehbaren Auswirkung von Nanopartikeln auf den menschlichen Körper (die kaum jemand kennt) basiert das Verfahren insgesamt auf dem guten Ruf, den Eisen in unserer Gesellschaft besitzt. Da Eisen für fast alle lebenden Organismen, von der Mikrobe bis zum Menschen essentiell ist, und Mangelzustände weltweit betrachtet wahrscheinlicher sind, als Eisenüberschüsse - immerhin leiden schätzungsweise insgesamt 500 Millionen Menschen an Anämien -, geht man davon aus, daß eine Anreicherung von Lebensmitteln mit Eisen insgesamt nur begrüßt werden könne.

Eisenvergiftungen sind selten - kommen aber vor

Doch selbst wenn man einmal von der "ungefragten" und unfreiwilligen Medikation mit Eisenpräparaten in unkontrollierbarer Dosis absieht, ist eine unkontrollierte Eisenzufuhr nicht für jeden "gesund". Es gibt durchaus Menschen, die auf Eisen negativ reagieren, weil sie aufgrund einer besonderen Disposition zuviel davon zu speichern.

Die Folge wäre dann eine Eisenüberladung, die geradezu verheerende Wirkung zeigen kann. Zu hohe Eisenspiegel im Gehirn können ebenso schädlich sein wie die oben geschilderten Bleischäden: So wurden zu hohe Eisengehalte schon im Zusammenhang mit degenerativen Erkrankungen wie Parkinson beobachtet.

Abgesehen von vererbbaren Krankheiten, die zu einer übermäßigen Aufnahme von Eisen führen, was im Fall der indischen Kinder nicht unbedingt wahrscheinlich aber auch nicht auszuschließen ist, wurden aber gerade an Kindern schon häufiger - und oft infolge des unachtsamen Umgangs der Erwachsenen mit Eisenpräparaten - regelrechte Eisenvergiftungen festgestellt.

Laut Forth, Henschler, Rummel "Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie" ist einer Beobachtung des Mass. General Hospital zufolge enthielt das "Patientengut der pädiatrischen Ambulanz in der Zeit von 1962-1973 bei rund 32.000 behandelten Fällen 0,02% Eisenvergiftungen".

Je nach Typ der Eisenverbindung kann Eisen bei hoher Dosierung, Verätzungen der Schleimhaut des Gastrointestinaltraktes hervorrufen (Fe(III)). Die Folge davon sind ausgedehnte hämorrhagische Blutungen. Zweiwertiges Eisen (Fe(II)) wird aufgrund seiner besseren Verfügbarkeit rascher und in größerem Umfang als dreiwertiges Eisen resorbiert (und daher auch meistens in Eisenpräparaten verwendet). Fe(II) verursacht eine Gefäß- Dilatation. Hohe Konzentrationen von Eisen-Ionen im Blut können darüber hinaus zu peripheren und zentralen Lähmungen führen. Es kann zu einem Kreislaufkollaps und Blutungen im Bereich des Darms kommen.

Während akute Vergiftungserscheinungen aber mit entsprechenden Chelat-Antidoten (Eisenfängern) therapiert werden können, lassen sich die Folgen einer schleichenden unterschwelligen Eisenüberladung, die nicht so drastisch zu Tage tritt, kaum abschätzen. So steht u.a. in John Emsleys populärwisenschaftlichem Werk "Sonne, Sex und Schokolade - Chemie im Alltag II" unter dem Kapitel "Geheimnisvolles Element: Eisen":

Infolge einer Eisenüberladung kann auch das Risiko steigen, an Krebs zu erkranken. So beobachtete man bei Patienten mit transfusionsabhängiger Thalassämie und bei Arbeitern aus Eisenminen und -gießereien eine anormal hohe Krebshäufigkeit. In Rußland wurde Krebs viele Jahre lang als "Rostkrankheit" bezeichnet, vielleicht aus der Erkenntnis heraus, daß Eisen einer der auslösenden Faktoren sein kann. Bis heute ist allerdings nicht geklärt, welche Rolle Eisen bei der Krebsentstehung wirklich spielt - abgesehen von der bereits erwähnten Fähigkeit des Metalls zur Erzeugung krebsbegünstigender freier Radikale.
Emsley, Verlag Wiley-VCH, 1999

Über derartige Folgen wird aber über die Köpfe der Betroffenen hinweg entschieden, wenn ihnen noch unter dem Deckmäntelchen der Humanität und Menschenliebe undeklarierter eisenmanipulierter Reis als normaler Reis untergeschoben wird.

Fakt ist auch, daß Großstadtkinder westlicher Industriestaaten, die ebenfalls unter dem Umweltgift Blei leiden, nicht mit einer Überdosis Eisen behandelt werden, sondern mit den üblichen Gegengiften.

Darüber hinaus konnte die in westlichen Ländern relativ gute Versorgung mit Eisen auch bisher niemanden (weder Kind noch Erwachsene) vor der Akkumulation des Umweltgiftes Blei schützen, wenn er entsprechenden Belastungen ausgesetzt war.

Hier hinkt die Theorie des Chemikers geradezu und daher scheinen doch eher ganz andere, skurrile Interessen im Spiel, die den klassischen Reisländern China und Indien, Schweizer Reis bzw. Maschinen verkaufen, mit denen sie ihren Reis "verbessern" sollen, um damit quasi im nebenherein großflächig angelegte Menschenversuche zu starten, und vielleicht am lebenden Beispiel auszutesten wie sich Manipulationen von Lebensmitteln durchführen lassen, ohne Widerstand zu erzeugen. Oder soll in diesen Teilen der Erde mit solchen Experimenten der statistisch hohe Anteil der hungernden Weltbevölkerung, der ein großes Problem in der Versorgung darstellt, gewissermaßen relativiert werden?

29. August 2006



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Schattenblick - NATURWISSENSCHAFTEN


UMWELTLABOR/180: Perlmut am Himmel, ein Zeichen für den Weltuntergang



Stratosphärenwolken im Sommer widerlegen sämtliche Hochrechnungen

Oben is 'en Loch und unten is 'en Loch



Verglichen mit dem Weltall ist die Lufhülle der Erde eine Art Haargefäß, das bekanntlich die Eigenschaft besitzt, durch kapillare Kräfte Flüssigkeit aufzusaugen und durch Verschluß eines Röhrchenendes auch darin zu behalten. Läßt man den Finger, der das Ende verschließt jedoch los, läuft die Flüssigkeit sofort aus. Nun hatte die Lufthülle der Erde nicht nur über der Antarktis, sondern auch über der Arktis ein Loch, das mit besonderer Besorgnis betrachtet wird, da es sich während der Sommermonate nicht mehr vollständig schließt. Das Loch über der Antarktis aber sei, so heißt es, so groß wie noch nie.

Da außerdem Ozon aus der schützenden Hülle um die Atmosphäre in diese Löcher nachfließt, ist die Ozonschicht inzwischen auf der ganzen Welt nachweislich dünner geworden, und hindert die gefährlichen UV- und die anderen kosmischen Strahlen kaum noch daran, die Erdoberfläche zu erreichen. Wachsende Hautkrebsstatistiken sind nur ein Punkt auf der erschreckenden Bilanz dieser Umwelterscheinung.

Ganz gleich, ob der Vergleich mit kapillaren Kräften im Verhältnis zum Raumzeitkontinuum hinkt oder nicht - zwei Löcher lassen den Inhalt der lebenswichtigen Lufthülle unseres blauen Planeten in jedem Fall sehr viel schneller entweichen als zuvor. Davon sprechen die Wissenschaftler allerdings nicht, wenn sie ihre Aufregung über wunderschöne perlmutterne Wolkenformationen in der Stratosphäre über der Antarktis zum besten geben und sie anhand von sensationellen Fotos, die von der Mawson Station am 25. Juli gemacht wurden, dokumentieren. Diese wurden vor wenigen Tagen veröffentlicht und dem besorgten Umweltbeobachter als bizarre oder ungewöhnliche Geschichte verkauft.

Solche Wolken können aber nur bei &