Elisabeth Voss
Praxishandbuch Selbstverwaltung
Rechtsformen und Finanzierung für die Gründung von Kollektivbetrieben und Hausprojekten
Aus der Reihe Neue Ökonomie Band 4
Buchcover: © by transcript Verlag
Längst werden wieder die Kriegstrommeln gerührt, Gegner dämonisiert, alle Kräfte für den Endsieg mobilisiert. Ein vaterlandsloser Geselle und Kollaborateur des entmenschlichten Feindes, wer nicht mitmarschiert, sich dem Opferaltar verweigert, autokratischer Verfügung und sozialen Grausamkeiten entgegenstemmt. Der Kampf für ein Leben in Würde, gegen Leiden und Sterben überall auf der Welt, die ungebremst hereinbrechende Klimakatastrophe und zahlreiche weitere Fangarme des Verhängnisses mehr - all das war gestern und bleibt auf der Strecke. Schnall den Gürtel enger und zahle die Zeche, übe den Ernstfall und rüste das Land, bring Hirn und Mundwerk im Gleichschritt auf Kurs, denn allein darauf kommt es nun an, sonst sind wir dem Untergang geweiht! Wer wollte da noch von oben und unten sprechen, von Ausbeutung und Ausplünderung, gar vom Feind im eigenen Land?
In dieser überwältigenden Gemengelage von Krisen und Kriegen, brechenden Bündnissen und berstenden Gewissheiten, wachsenden Nöten und einpeitschenden Parolen ausgerechnet Entwürfe und Praktiken eines nachhaltigen, solidarischen Wirtschaftens zu thematisieren, um den Weg für eine plurale, interdisziplinäre und sich selbst kritisch reflektierende Ökonomie zu ebnen, scheint auf den ersten Blick gleichsam aus der Zeit gefallen zu sein. Haben wir heute nicht andere Sorgen und viel drängendere Probleme, als Träumereien vergangener Tage nachzuhängen, womöglich gar in Sackgassen gescheiterten Nebenschauplätzen nachzutrauern? Doch Vorsicht: Wird uns aus höchsten Kreisen eine Zeitenwende verordnet, in der plötzlich alles anders sein soll, weil von Osten her die Vernichtung drohe, aber Rettung nahe, so wir denn unter äußersten Anstrengungen Waffen schmieden und zur Vorwärtsverteidigung in Stellung bringen, sollte sich Misstrauen regen.
Wenn von Friedensdividende die Rede ist, die von einer Generation verhätschelter Tagträumer leichtfertig vergeudet worden sei, drängt sich doch eine Frage auf: War unser Frieden und Wohlstand, der auch hierzulande niemals für alle galt, womöglich ein Produkt von Krieg und Raubzügen in anderen Regionen der Welt? Hat denn jemals Frieden für alle geherrscht, waren Hunger und Durst, Krankheit und Elend, erbärmliches Leben und frühes Sterben allerorts gebannt? Hat Deutschland mit seiner Wirtschaftsstärke und im Bündnis geballten Waffengewalt nicht andere niederkonkurriert und ausgeplündert? Was wir jahrzehntelang anderen angetan haben, kommt plötzlich auch über uns: Kriegsgefahr und Wirtschaftskrise suchen uns heim, die Räuberbande sieht ihr Erfolgsmodell schwinden.
Eine Räuberbande war es seit eh und je, weshalb die Folgerung nahe liegt, dass der Krieg, ob von Händlern oder Soldaten ausgetragen, nie geendet hat. Wir können also im Grunde von demselben Krieg sprechen, den Menschen immer schon gegeneinander geführt haben, um die Ratio durchzusetzen, alles Heil liege im Übervorteilen des anderen. Die heute verkündete Zeitenwende leugnet die eigentliche Herkunft des Desasters und verschreibt mit der geforderten Kriegstüchtigkeit mehr von der alten Rezeptur deutschen Machtstrebens nach innen und außen. Können wir den aktuellen Frontverläufen gesellschaftlicher Auseinandersetzungen und nationalstaatlicher Konflikte die Qualität einer besonderen Zeit absprechen und vielmehr von alten Kämpfen in neuem Tarnkleid ausgehen, besteht kein Anlass, grundlegende Fragen und aktuelle Vorhaben im Sinne einer anderen Lebens- und Wirtschaftsweise zurückzustellen oder gar preiszugeben. Denn wohin das Primat von Wachstum und Profit geführt hat, lässt sich schwerlich verschleiern: Zerstörung der Natur, Vereinzelung der Individuen, beständige Reproduktion sozialer Ungleichheiten an den Achsen von Klasse, Rasse und Gender. Wer wollte da noch behaupten, eine solidarische Ökonomie, bei der die Befriedigung der Bedürfnisse und die Sorge für unsere Um- und Mitwelt im Vordergrund steht, sei eine überholte, nicht länger relevante Fragestellung!
Wie die Autorin bereits in der Einleitung ihres Buches "Wegweiser Solidarische Ökonomie" (Erstauflage 2010) schrieb, könne sie mit dieser Welt nicht einverstanden sein, so lange Menschenrechte nicht überall und unterschiedslos für alle Menschen durchgesetzt sind. Die materielle Basis der Verstöße gegen Menschenrechte sehe sie in der kapitalistischen, profitorientierten Ökonomie begründet. Dabei sei ihr Blick geprägt von diesem Deutschland mit seiner mörderischen Vergangenheit, von diesem Europa mit seinen tödlichen Außengrenzen und von dieser nördlichen Hemisphäre mit ihrem ausbeuterischen und zerstörerischen Ressourcenfraß. Dabei war es ihren eigenen Angaben zufolge wichtig, von einem erweiterten Begriff von Solidarischer Ökonomie auszugehen und sie nicht auf wirtschaftliche Selbsthilfe zu reduzieren, sondern über genossenschaftliche Formen des Wirtschaftens hinaus auch soziale Kämpfe um Ressourcen und öffentliche Unternehmen einzubeziehen wie auch eine globale Perspektive nicht aus dem Blick zu verlieren.
Die in Berlin lebende Betriebswirtin und Publizistin Elisabeth Voss (zuvor Voß) [1] berät seit vielen Jahren Kollektivbetriebe und Hausprojekte und engagiert sich stadtpolitisch und vernetzend. Sie arbeitet aus anarcha-feministischer Perspektive unter anderem zu solidarischem Wirtschaften, Genossenschaften, Selbstorganisation und Digitalisierung. Bereits seit Ende der 1980er Jahre hat sie sich intensiv mit anderen Lebens- und Arbeitsformen beschäftigt und seither zu vielen Themen rings um alternative, solidarische und genossenschaftliche Wirtschaftsweisen veröffentlicht. Von 1993 bis 1996 lebte sie in Neustadt/Weinstraße im Projekt A, das auch unter dem Namen WESPE (Werk selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen) bekannt war. Dabei handelte es sich um eines der größeren Selbstverwaltungsprojekte der Alternativenbewegung. Sie war 25 Jahre lang Redaktionsmitglied und Autorin der CONTRASTE, arbeitete als Projektentwicklerin und Beraterin unter anderem im Rahmen des NETZ [2] und in einer Reihe weiterer leitender Aufgaben in Freiburg und Berlin.
Ihre theoretischen und praktischen Kenntnisse und Erfahrungen gibt sie in Veröffentlichungen, Vorträgen, Seminaren und Workshops weiter. Dabei versucht sie zum einen, Einblicke in alternative Wirtschaftsweisen und neue Perspektiven zu geben, zum anderen konkretes Wissen zu vermitteln, das hilfreich sein könnte, um selbstverwaltete Strukturen aufzubauen und zu stabilisieren. Das verstehe sie als ihren Beitrag zur Delegitimation des Bestehenden und zur Unterstützung von Ideen und Praxen anderen Wirtschaftens, so die Autorin auf ihrer Homepage. Wie sie betont, sei ihr eine kritische Perspektive wichtig, gerade auch auf die Themen und Projekte, die ihr besonders am Herzen liegen. Sie berichtet von Ideen und deren Umsetzung in solidarischen Ökonomien, für die es weltweit Beispiele gibt, verzichtet dabei aber nicht darauf, Widersprüche und Ambivalenzen gemeinschaftlicher wirtschaftlicher Selbsthilfe aufzuzeigen und nicht zuletzt auch vor der Gefahr eines Missbrauchs für wirtschaftlich und politisch fragwürdige Zwecke zu warnen.
Mit dieser Widmung stellt Elisabeth Voss dem vorliegenden "Praxishandbuch Selbstverwaltung" den größeren Zusammenhang ihres Anliegens voran, ihre langjährige Erfahrung in Gestalt einer vielfältig nutzbaren Hilfestellung bei praxisrelevanten Fragen und Problemen weiterzugeben. Der recht nüchtern anmutende Untertitel "Rechtsformen und Finanzierung für die Gründung von Kollektivbetrieben und Hausprojekten" sollte dabei nicht abschrecken, handelt es sich doch im besten Sinne um einen sachdienlichen Ratgeber, der einer erfolgreichen Navigation durch die Tücken von Juristerei, Bankwesen und Buchhaltung zur Hand gehen soll. Es geht darin also um all jene leider notwendigen Kenntnisse, auf die zu verzichten dem Schiffbruch Vorschub leistet, bei dem Engagement, Beziehungen und womöglich auch eine Menge Geld in den Sand gesetzt werden.
Die Autorin vermittelt Basiswissen zu Rechtsformen und Finanzierung, geht aber auch auf die Gestaltung des sozialen Umgangs ein. Damit möchte sie Gründungsgruppen ermutigen, fundierte Entscheidungen nach ihren Bedürfnissen zu treffen, da es keine Lösung gebe, die für alle passt. Wie das Geld lediglich ein Mittel zum Zweck sei, sollten die formalen Regelungen dem sozialen Miteinander dienen und sie erinnert daran, das eigene Anliegen nicht inmitten des Wusts fremdbestimmter Vorgaben und Verfahrensweisen aus den Augen zu verlieren. Sie habe sich bemüht, das praxisorientiert und mit vielen Beispielen versehene Buch auch für Laien verständlich zu schreiben.
Wie aber soll man ein derart umfangreiches Werk von 480 Seiten voller Fachwissen aus diversen relevanten Gebieten lesen, ohne dabei das Handtuch zu werfen? Natürlich weiß die Autorin um dieses Problem und so spart sie auch nicht mit Hinweisen zum Umgang mit dieser Herausforderung. Das könne je nach Bedarf und Entwicklungsstand des gemeinsamen Projekts recht unterschiedlich aussehen, wobei es in jedem Fall hilfreich wäre, wenn alle in der Gruppe den gleichen Wissensstand hätten. Ob man aber von vorn bis hinten alles liest, einzelne Themen herausgreift oder gar von hinten anfängt, ist den jeweils eigenen Bedürfnissen überlassen. Im Wechsel von Wissenserwerb und Konkretisierung des Projekts geht es voran, manches überspringend, vieles nachschlagend, mit dem Handbuch als zuverlässigem Begleiter.
Selbstverwaltete Kollektivbetriebe und Hausprojekte sind ein Teil der Bandbreite vielfältiger Alternativen, weshalb dieses Praxishandbuch dazu beitragen soll, widerständige Intentionen und solidarisches Miteinander trotz aller Widrigkeiten im Alltag zu bewahren und weiterzuentwickeln. Als Hilfestellung bei der Entscheidung für eine rechtliche und finanzielle Struktur vermittelt es relevante Grundzüge des Rechts und der Finanzierung, ohne jedoch ein juristisches Fachbuch zu sein. Auf Grundlage ihrer Auffassung und Erfahrung hat die Autorin diese Grundkenntnisse nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt. Dabei legt sie ihrer Leserschaft ans Herz, sich einzuarbeiten und so weit wie möglich eigene Kompetenzen anzueignen, um die Abhängigkeit von Experten zu reduzieren. Zugleich warnt sie vor Selbstüberschätzung, da sich dem Laien in der Welt des Rechts vieles anders zu erschließen scheint als dem Juristen, der sich im Labyrinth der Paragraphen, Bezüge und Formulierungen wesentlich besser zu orientieren vermag. Das gilt um so mehr, als sich rechtliche Auslegungen nicht immer aus dem Gesetzestext ergeben, sondern in Kommentaren oder Urteilen zu finden sind.
Die Autorin empfiehlt, zu jedem Sachverhalt mindestens zwei seriöse Quellen zu benutzen und auf deren möglichst aktuelles Datum zu achten. Vieles im Internet ist veraltet und somit fehlerhaft, zumal sich juristische Sachverhalte immer wieder ändern können. Das Praxishandbuch ersetzt nicht in jedem Fall eine Beratung, könnte aber bei intensiver Nutzung den Beratungsbedarf erheblich verringern. Wichtig sei jedenfalls, zuerst ein Konzept dessen zu erstellen, was man gemeinsam vorhat, und im Zweifelsfall bereits in der Frühphase eine externe Prozessbegleitung hinzuzuziehen. Ein gründlich erarbeitetes Konzept bietet dann eine solide Grundlage, mögliche Rechtsformen und Finanzierungsinstrumente daraufhin zu prüfen, ob sie zu diesem Konzept passen.
Für das Gelingen des Vorhabens kommt es indessen zuallererst auf den Umgang miteinander und die Art und Weise der Zusammenarbeit an. Das Wichtigste sind die Menschen selber, die gemeinsam ein Projekt in Angriff nehmen, weshalb nach der Einleitung das 2. Kapitel "Anregungen für die Zusammenarbeit" der Einstimmung und Vorbereitung auf die Bearbeitung der konzeptionellen Fragen im darauffolgenden Kapitel dienen. Diese Herangehensweise ist geboten, sollen Selbstverwaltung und Kollektiv nicht von vornherein missachtet werden, indem ein Projekt übergestülpt wird, das vorgebliche Prioritäten und Handlungszwänge suggeriert.
Darauf folgt die Entwicklung des Konzepts, die im 3. Kapitel "Ein Konzept erstellen" zur Sprache kommt. Dieser Schritt wird zunächst ganz unabhängig von der Rechtsform vollzogen, die ja kein Selbstzweck ist. Menschen schließen sich zusammen, weil sie etwas Konkretes miteinander vorhaben, aber nicht, um einen Verein, eine GmbH, Genossenschaft oder was auch immer zu gründen. Im Mittelpunkt steht der Kollektivbetrieb oder das Hausprojekt, dem die Rechtsform entsprechen und dienen soll.
Im 4. Kapitel "Einführung in die Welt des Rechts und der Wirtschaft" vermittelt die Autorin Grundbegriffe und Basiswissen, worauf sie in den folgenden Kapiteln zurückkommen wird. Recht und Wirtschaft sind komplexe Fachgebiete, von denen sich aber niemand einschüchtern lassen sollte. Dabei ist es hilfreich, die Sprache von Fachleuten und Fachliteratur zu verstehen, gerade weil man das Projekt nach eigenen Vorstellungen gestalten möchte. In einer kapitalistisch strukturierten Wirtschaft und Gesellschaft gibt es zwangsläufig keine Rechtsform, die für selbstverwaltete Betriebe und Projekte ideal wäre. Es wird also darum gehen, eine noch am ehesten in Frage kommende Form zu finden und dabei Kompromisse einzugehen. Daher gilt es unbedingt zu klären, welche Kompromisse für das gemeinsame Vorhaben noch akzeptabel sind.
Das sich anschließende 5. Kapitel "Ausgewählte Rechtsformen" ist zunächst einer Beschreibung unterschiedlicher Arten von Rechtsformen gewidmet. Auf diese Weise wird ein Gerüst entworfen, in das dann die folgenden Kurzdarstellungen einzelner Rechtsformen und deren Gestaltungsmöglichkeiten eingeordnet werden können.
Die Autorin findet "Die Genossenschaft (eG)" so wichtig, dass diese in einem eigenen 6. Kapitel behandelt wird, unterscheidet sie sich doch durch ihren besonderen Charakter und ihre Art des Wirtschaftens von anderen Rechtsformen. Unter Genossenschaft ist zum einen eine Rechtsform, zum anderen eine wirtschaftliche Selbsthilfepraxis zu verstehen. Mehrere Menschen tun sich gleichberechtigt zusammen und wirtschaften nicht für den Profit, sondern zur Erfüllung ihrer Bedürfnisse. Um diesen Entwurf mit Leben zu füllen, kann die rechtliche Form der Genossenschaft hilfreich sein. Umgekehrt ist jedoch keineswegs sicher, dass der Genossenschaftsgedanke in jeder formellen Genossenschaft auch wirklich gelebt wird. Davon abgesehen kann es natürlich weitere Gründe geben, sich in anderer Form zu organisieren. Wenngleich sich in jüngerer Zeit immer mehr Kollektivbetriebe genossenschaftlich aufstellen, sei diese Rechtsform immer noch viel zu wenig bekannt. Nach einer Beschreibung der Werte und Prinzipien einer Genossenschaft kommen ihre formalen Regelungen wie auch besondere Probleme und Alternativen zur Sprache.
Vorzüge, Risiken und weitere kritische Aspekte werden auch im 7. Kapitel "Die Gemeinnützigkeit" behandelt. Bei dieser handelt es sich um einen steuerrechtlichen Tatbestand, der nicht an eine bestimmte Rechtsform gebunden ist, wenngleich er häufig im Zusammenhang mit Vereinen oder Stiftungen Anwendung findet. Jede Körperschaft kann im Sinne des Körperschaftsteuergesetzes (KStG) gemeinnützig oder mildtätig sein. Geld ist nun einmal nicht neutral, und der Umgang damit hat viel mit sozialen Beziehungen zu tun. Die Anfangsinvestitionen und ihre Finanzierungen haben Auswirkungen auf die laufende Wirtschaftlichkeit eines Projekts. Fördermittel können hilfreich sein, beinhalten jedoch auch Risiken.
"Rund ums Geld" geht es im 8. Kapitel, in dem die Autorin verschiedene Facetten des Geldes einschließlich der Digitalisierung thematisiert. Sie vermittelt Grundwissen über Finanzierungsarten und -instrumente und wie eine überschlägige Kalkulation vorgenommen werden kann. Dies soll ermutigen, sich mit den finanziellen Fragen rund um das Projekt auseinanderzusetzen.
"Buchhaltung, Steuern und Versicherungen", die das 9. Kapitel thematisiert, haben nicht direkt mit der Entscheidung für eine Rechtsform oder mit Finanzierungsfragen zu tun, berühren aber beides. Die Buchhaltung dient der Überprüfung eigener Kalkulationen an der Realität, was ebenso wichtig ist, wie rechtzeitig finanzielle Risiken zu bedenken und ihnen entgegenzuwirken, etwa durch den Abschluss von Versicherungen und geeignete steuerliche Gestaltungen. In einem kollektiv organisierten Betrieb können die Arbeitsverhältnisse unterschiedlich gestaltet sein: sozialversicherungspflichtig angestellt oder als Selbstständige punktuell oder alltäglich kooperierend. Es liegt auf der Hand, dass selbstverwaltetes Arbeiten jenseits hierarchischer Ausbeutungsverhältnisse jede Menge Fragen aufwirft, die es für das geplante Projekt vorab wie auch laufend zu beraten und klären gilt.
Das 10. Kapitel "Vertiefung (1): Kollektivbetriebe" geht nach einigen grundsätzlichen Überlegungen auf die Zweige der Sozialversicherung und unterschiedliche Abgaben für die verschiedenen Beschäftigungsformen ein. Auf Ausführungen zur Lohnberechnung und zu Fördermitteln folgt ein Blick auf Zusammenhänge über einen einzelnen Betrieb hinaus.
Auch bei selbstverwalteten Hausprojekten jenseits unsicherer Mietverhältnisse gilt es viele Aspekte zu berücksichtigen. Man kann ein Haus kaufen oder neu bauen, was aber in vielen Regionen sehr teuer ist. Oder man findet ein Haus, das gemietet oder gepachtet werden kann. Das 11. Kapitel "Vertiefung (2): Hausprojekte" befasst sich mit der Suche eines geeigneten Hauses, dem Erbbaurecht und der Gemeinschaft der Wohnungseigentümer (GdWE) sowie Projekten unter dem Dach einer anderen Organisation. Zunächst kommen Kalkulation und Finanzierung von Anfangsinvestitionen und laufendem Betrieb zur Sprache, dann werden Fördermittel und Zusammenhänge über ein einzelnes Haus hinaus thematisiert.
Im 12. Kapitel "Die Rechtsform-Entscheidung" behandelt das Buch konzeptionelle Aspekte mit Blick auf verschiedene Rechtsformen, geht diese noch einmal durch und endet mit einigen Anregungen zum weiteren Vorgehen. Damit wird der Prozess, ein Konzept für das eigene Vorhaben zu erstellen und Grundwissen über Rechtsformen wie auch Finanzierung zu erwerben, zusammen- und einer Entscheidung zugeführt.
Im Anhang findet sich das Literatur- und Abbildungsverzeichnis, ein Verzeichnis der Abkürzungen, ein Schlagwortregister und die im Buch genannten Projekt-Beispiele. Unter "Weitere Informationen und Anlaufstellen" führt die Autorin all das auf, worauf sie im Text verwiesen hat. Am Ende ist eine Auflistung der konzeptionellen Fragen aus dem 3. Kapitel angefügt.
Elisabeth Voss legt durchweg großen Wert darauf, sowohl die Praxistauglichkeit ihres Buches als auch dessen Grenzen zu thematisieren. Das bringt schon der darin untersuchte Komplex mit sich, da es in der Sphäre des Rechts prinzipiell darum geht, Aussagen als richtig oder falsch einzuordnen, es unter bestimmten Bedingungen aber auch viele Ausnahmen und Ausnahmen von den Ausnahmen gibt. Insofern könnte man von einem Feld in fortgesetztem Fluss sprechen, auf dem sich selbst Experten nicht immer trittsicher bewegen. Wo die Autorin also schreibt, dass etwas "in der Regel" oder "meist" so sei, ist das gewiss keine Ausflucht, sondern im Gegenteil eine unverzichtbare Warnung, nicht von vermeintlichen Sicherheiten auszugehen, ohne sie zuvor bestmöglich überprüft zu haben.
Wenngleich das vorliegende Handbuch natürlich kein Unterhaltungsroman ist, der sich genussvoll verschlingen lässt, gibt es darin doch viel mehr zu entdecken und zu vertiefen als zunächst gedacht. Die Autorin sucht in Form und Inhalt das Gespräch mit ihrer Leserschaft und täuscht dabei keine Neutralität vor. Sie lässt ihr Grundverständnis anklingen und argumentiert im Dienste eines umfassenden Projekts, das einem breit gefassten gemeinsamen Anliegen verpflichtet ist, den herrschenden Verhältnissen etwas entgegenzusetzen. Dabei sind ihr belehrende Vorschriften oder dogmatische Engführungen fern, hebt sie doch immer wieder die Eigenständigkeit jedes Projekts der Selbstverwaltung hervor und legt dem breiten Spektrum möglicher Interessenlagen keine Zügel herablassender Bewertung an, wiewohl sie durchaus den Selbstverwaltern der Reichsbürgerszene eine dezidierte Absage erteilt. Ihr Freiheitsbegriff ist weder eingeschränkt noch beliebig, sondern entschieden und damit durchaus Widersprüchen ausgesetzt, denen sie sich stellt. Mit dem "Praxishandbuch Selbstverwaltung" legt Elisabeth Voss ein Werk vor, das in der Tat all jenen Menschen zum unverzichtbaren Wegbegleiter werden könnte, die schon heute an Keimformen des Morgen bauen.
7. November 2025
Fußnoten:
[1] Elisabeth Voss - Homepage
https://www.elisabeth-voss.de/
[2] NETZ für Selbstverwaltung und Selbstorganisation
http://www.netz-bund.de/
Elisabeth Voss
Praxishandbuch Selbstverwaltung
Rechtsformen und Finanzierung für die Gründung von Kollektivbetrieben und Hausprojekten
transcript Verlag, Bielefeld 2025
480 Seiten
ISBN: 978-3-8376-7580-1
veröffentlicht in der Schattenblick-Druckausgabe Nr. 184 vom 29. November 2025
Zur Tagesausgabe / Zum Seitenanfang