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TIERGESCHICHTEN/027: Überraschungsmut ... (SB)



In seinem ersten Abenteuer "Spinnenbein in Gips ..." [1], trifft Kellerassel Mäxchen auf eine hungrige Spinne. Obwohl er große Angst hat, hilft er ihr und verbindet ihr kaputtes Spinnenbein. Um danach nicht von ihr gefressen zu werden, überredet er sie zu einem Bananenschalen-Essen.


Die Kellerassel Mäxchen hatte das abgeknickte Bein der Spinne gut verbunden und so begaben sich die beiden nun auf den Weg zur am Boden liegengelassenen Bananenschale. Mäxchen hoffte inständig, dass die Spinne davon satt werden und ihn dann in Ruhe lassen würde. Er selbst aß begierig winzige Reste der Frucht. Die Spinne biss erwartungsfroh in die kleinen Bananenreste, schluckte und spie aus: "Igitt, das schmeckt furchtbar, wie kannst du nur so etwas essen?"

"Ich find's lecker", schmatzte Mäxchen. Doch als er zur Spinne hinüberblickte, wurde ihm ihr gieriger Blick gewahr und ängstlich sah er sich nach einer sicheren Fluchtmöglichkeit oder einem Versteck um. Doch weit und breit war davon nichts zu entdecken.

"Nun, mein kleiner Freund, zwar bedanke ich mich wirklich sehr für deine Hilfe, aber mein Hunger ist unerträglich. Also werde ich mein Versprechen nun brechen und dich verspeisen. Bitte nimm es mir nicht übel."

Mäxchen war entsetzt und bekam es nun mit einer unsäglichen Angst zu tun, die ihm keinen Raum mehr für mutige Auswege ließ. Er wurde ganz ruhig und es schien, als habe er sich mit seinem Schicksal abgefunden: "Das war's, mein letztes Stündlein hat geschlagen."

Die Spinne näherte sich, aber plötzlich blieb sie stehen, verzog angewidert ihr Gesicht und ging rückwärts, weiter weg von Mäxchen. "Was hast du getan, du Schuft?"


Im Hintergrund liegt eine Bananenschale, davor steht die kleine Kellerassel, vor der sich die große, schwarze Spinne angewidert zurückzieht. Buntstiftzeichnung: © 2025 by Schattenblick

Die Spinne weicht vor Mäxchen zurück
Buntstiftzeichnung: © 2025 by Schattenblick


Die kleine Kellerassel wusste zwar nicht, was sie getan haben sollte, erfasste aber die Gelegenheit und trumpfte auf: "Ha, damit hast du wohl nicht gerechnet?"

"Na warte, ich krieg dich doch noch!", fluchte die Spinne, wagte sich ein paar Schritte vor, wich wieder zurück und hielt inne. Angeekelt rückte sie weiter von Mäxchen ab: "Was ist das für ein Teufelszeug?"

Mäxchen antwortete nicht, sondern ergriff die Flucht. So schnell seine Beinchen ihn trugen, suchte er das Weite. Er rannte, ohne zu wissen wohin, erst als er die Spinne nicht mehr sehen konnte, gönnte er sich eine Verschnaufpause.

"Was nun? Wo finde ich ein Versteck und vor allen Dingen muss ich wissen, warum die Spinne auf einmal von mir abließ."

Mäxchen sah sich um und krabbelte weiter, blickte wieder und wieder hinter sich, ob die Spinne ihn verfolgen würde. Schließlich erreichte er einen hellen Lichtstreifen direkt über dem Boden. Eine riesige Tür ragte vor ihm auf, und unser kleiner Wagemut erfasste die Gelegenheit, krabbelte unter ihr hindurch ins Freie, hinaus, nur weg aus diesem Haus. Er kletterte über viele Steinchen. Für einen Menschen waren sie winzig, doch für eine Kellerassel gerieten sie zu wahren Felsen. Nach einem anstrengenden Marsch entdeckte er eine kleine Höhle unter einem am Boden liegenden Ast. Dorthin verkroch Mäxchen sich. Die letzten Erlebnisse hatten ihm Kraft geraubt und so fiel er alsbald in einen tiefen Schlaf. Viel später erwachte er und untersuchte nun seine Umgebung.

"Wer bist du und was machst du hier in unserer Höhle?", wollte eine herrische Stimme wissen. Erschrocken starrte Mäxchen sein Gegenüber an. Eine Kellerassel, viel größer als er, baute sich vor ihm auf, hinter ihm eine Schar kleinerer und neugieriger Kellerasseln. "Oh, ich, ich bin auf der Flucht und da kam mir eure Höhle als Versteck gerade recht", erklärte Mäxchen.

"Na, das ist etwas anderes, dann bleib." Die anderen Kellerasseln zogen sich wieder zurück, sie hatten genug gesehen und der Alte wird sich kümmern, was er auch tat: "Aber sag, vor wem bist du geflohen? Muss ich mich auch in Acht nehmen?"

"Vor der Spinne!", Mäxchen war furchtbar aufgeregt und so sprudelte die ganze Geschichte aus ihm heraus, er erzählte von der Angst vor der Spinne im Schuhregal, dem verletzten Spinnenbein und wie er es verbunden hatte, einfach alles bis zu dem vergeblichen Versuch, der hungrigen Spinne Bananenschale anzubieten.

"Na, du bist mir aber ein mutiges Kerlchen. Einer Spinne ein kaputtes Bein zu verbinden!", die große, alte Kellerassel schüttelte ihren Kopf. "Da muss deine Spinne aber sehr verwirrt gewesen sein, dass sie dich überhaupt so nah an sich herangelassen hat."

Mäxchen begriff gar nichts: "Ich hatte Angst vor ihr, wieso sollte sie denn Angst vor mir haben?"

"Ah, ich sehe schon, du hast überhaupt keine Ahnung von deiner Geheimwaffe", gluckste der Alte vergnügt.

"Wärst du so freundlich, mir alles zu erklären?", Mäxchen war ärgerlich, dass er wie ein dummer Junge dastand.

"Ja, ja, das werde ich, aber komm erst mal mit nach hinten in die Höhle, da ist es gemütlicher." Mäxchen folgte dem Alten.

"Also, wir Kellerasseln brauchen uns vor Spinnen nicht zu ängstigen. Sie können uns nicht ausstehen, weil wir, wenn sie uns zu nahe kommen, unter unserem Panzer einen Stoff absondern, den sie so widerlich finden, dass sie vor uns zurückweichen. Kurz gesagt, sie mögen uns nicht, und fressen wollen sie uns schon gar nicht."

Mäxchen staunte: "Aber wieso konnte ich denn ihr Bein verbinden? Hätte sie nicht da schon vor mir zurückweichen müssen?"

"Tja, das verstehe ich auch nicht", gab die alte Kellerassel zu, "aber du bist ja noch sehr klein, vielleicht hat deine Geheimwaffe noch nicht richtig gewirkt. Es könnte auch sein, dass deine Spinne so durcheinander war, dass sie vor Schmerzen nichts gemerkt hat."

Die alte Kellerassel fasste zusammen: "Wie dem auch sei, jedenfalls könnt ihr beide, die Spinne und du, ganz zufrieden sein, du bist nicht vor Angst gestorben und dank deines Mutes hat die Spinne nun ein heiles Bein. Besser geht's doch nicht, oder?", lächelte er.

Mäxchen grübelte eine Weile über das Gesagte nach. Er überlegte, ob er nun seine Reise fortsetzen sollte, nun, da er von seiner Fähigkeit wusste. Viel Zeit nahm er sich für die Entscheidung nicht.

"Weißt du, jetzt kann ich getrost weiterreisen, mir kann nichts passieren und ich danke dir für alles", verabschiedete sich Mäxchen und schickte sich an, die Höhle zu verlassen.

"Halt warte", rief die alte Kellerassel, "sei nicht so übermütig. Es lauern noch überall Gefahren, da wird dir deine geheime Kraft nicht helfen!"

"Ach was, ich werde schon aufpassen, was soll schon passieren?" Voller Übermut und Tatendrang eilte er davon. Er wollte nicht auf den Alten hören, wollte sich nicht seine Abenteuerlust verderben lassen. Mäxchen war neugierig auf das Leben, war gespannt auf neue Bekanntschaften.

Als er bereits eine Strecke zurückgelegt hatte, bebte der Boden unter seinen Füßen und ein riesiger Schatten verdunkelte seinen Weg. Er sah sich um, blickte soweit er konnte nach oben, sah riesige Schuhe auf sich zu kommen, Schritt für Schritt, jeder Schritt ein Beben. Unsere kleine Kellerassel befand sich in einer Gefahr, in der ihr ihre Geheimwaffe nichts nützen würde. Hier galt es, sofort die Flucht zu ergreifen, weg von den Schuhen, weg von dem riesigen Wesen, das den Boden beben ließ.

Fortsetzung folgt


Anmerkung:
[1] Der erste Teil dieser Geschichte ist in der Online-Ausgabe des Schattenblick zu finden unter:
www.schattenblick.de → Infopool → Kinderblick → Geschichten →
TIERGESCHICHTEN/026: Spinnenbein in Gips ... (SB)
https://www.schattenblick.de/infopool/kind/geschi/kgti0026.html
oder in der Schattenblick-Druckausgabe Nr. 183, Seite 56 - 58


7. November 2025

veröffentlicht in der Schattenblick-Druckausgabe Nr. 184 vom 29. November 2025


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