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TIERE/154: Schilde, selten, aber doch gefährdet ... (SB)



Auf Madagaskar, der viertgrößten Insel der Erde, waren einst ungewöhnlich große Tiere beheimatet. Dort lebten Riesenlemuren (Archaeolemur majori), Elefantenvögel (Aepyornis) sowie Riesenschildkröten (Aldabrachelys grandidieri). Während dieser Zeit war der allergrößte Teil der Insel mit Wald bewachsen und bot den Tieren Schutz und Heimstatt. Das währte nur so lange, bis vor etwa 1000 Jahren Menschen Madagaskar aufsuchten, um sich dort niederzulassen. Sie benötigten Flächen für Landwirtschaft und rodeten den Wald. Das Holz nutzten sie für den Hüttenbau und es diente ihnen als Brennholz. Schließlich verdienten die Inselbewohner ihren Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Holz. Unzählige Bäume wurden zu diesem Zweck gefällt. Die riesigen Tiere verloren ihren Lebensraum und ihre Nahrungsquelle. Außerdem wurden sie gejagt und gegessen. Das führte letztendlich zum Aussterben dieser Arten auf Madagaskar.


Wie die Aldabra-Riesenschildkröte sich vor dem Aussterben gerettet hat

Vor vielen Jahrhunderten oder wohl eher Jahrtausenden wird es einer Schildkröte gelungen sein, auf einem weit entfernten, einsam gelegenen Atoll im Indischen Ozean zu landen. Anzunehmen ist, dass mindestens ein Weibchen den langen Weg, immerhin sind es an die 1000 Kilometer bis zum nächsten Festland, geschwommen sein könnte. Obwohl diese Schildkröten zu den an Land lebenden Tieren zählen, sind sie aufgrund ihres schwimmfähigen Panzers in der Lage, weite Stecken im Wasser zurückzulegen. Eine enorme Leistung für das Tier, überhaupt auf dem Atoll zu landen und unter den widrigen Bedingungen zu überleben, aber eine weitere Schwierigkeit war es, sich zu vermehren.



Aldabra-Riesenschildkröte - Das mächtige Tier mit kräftigen Beinen und gewölbten Panzer macht einen urzeitlichen Eindruck - Buntstiftzeichnung: © 2025 by Schattenblick

Aldabra-Riesenschildkröte
Buntstiftzeichnung: © 2025 by Schattenblick


Daher wird vermutet, dass auf jeden Fall eine weibliche Aldabra-Schildkröte das Atoll erklommen hat, denn nur ihr war es möglich, ohne die Anwesenheit eines Männchens eine Kolonie zu gründen. Schildkrötenweibchen können den Samen, den sie irgendwann zuvor von einem Männchen erhalten haben, lange Zeit in ihrem Körper speichern und damit die Befruchtung der Eier selbst vornehmen. Vermutlich werden die Schildkröten von einst es so oder ähnlich mit dem Ausbrüten der Eier bewerkstelligt haben, wie wir es von den heute lebenden kennen. Sie graben eine Grube in den Sand, legen dort zwischen 4 und 14 kugelförmige Eier hinein, aus denen nach 98 bis 200 Tagen kleine Schildkrötenbabys schlüpfen. Die Brutzeit ist abhängig von der Außentemperatur, je wärmer, desto kürzer die Dauer. Mit ungefähr 68 bis 200 Gramm Gewicht sind die frisch Geschlüpften recht leicht und klein im Vergleich zu ihrer Größe, die sie als Erwachsene erreichen. Aldabra-Schildkröten können ungefähr 1,20 Meter lang und 250 bis 300 Kilogramm schwer werden.


Die Kunst zu Überleben

Die Pioniere der auf dem Aldabra-Atoll gestrandeten Schildkröten haben es sicherlich nicht leicht gehabt, denn sie befanden sich auf einem damals noch sehr unwirtlichen Land. Wassermangel und ein noch geringer Pflanzenbewuchs wird ihnen zu schaffen gemacht haben. Sie mussten sich zudem unbedingt vor Überhitzung durch direkte Sonneneinstrahlung schützen. Es ist anzunehmen, dass zu der Zeit kaum schattenspendende Bäume wuchsen. Da es auf dem Atoll keine natürlichen Feinde der Schildkröten gab, konnten im Laufe der Zeit ungestört Veränderungen an ihrem Panzer stattfinden. Es bildete sich zum Beispiel eine Art Vorwölbung über ihrem Kopf aus, der ihnen als Sonnenschutz diente. Außerdem veränderte sich ihr Panzer im vorderen Bereich. Die Brust- und Halsregion blieb offen, das heißt, der Schildkröte stand dadurch eine größere freie Hautfläche zur Verfügung, über die sie ihre Körpertemperatur ein wenig regulieren konnte.

Diese Entwicklungen fanden über sehr lange Zeit und über viele Generationen statt und sie konnten gelingen, weil es dort für sie keine natürlichen Feinde gab und das Atoll nicht von Menschen besiedelt wurde. Sie wurden nicht in ihrer Existenz bedroht und blieben ungestört. Bis heute erleichtern diese Anpassungen an die kargen Lebensbedingungen den Schildkröten das Leben.

So begeben sich die Aldabra-Schildkröten nur am frühen Morgen oder in den späten Nachmittagsstunden auf Nahrungssuche, um der Hitze zu entgehen. Sie fressen Schildkrötengras, das zwischen den Kalksteinregionen mit den vielen kleinen scharfkantigen Steinen wächst, ein Gemisch aus kurzem Gras und Kräutern. Auch trockene Blätter verachten sie nicht und sie können einige Zeit ohne Nahrung auskommen. Die Aldabra-Schildkröten können sehr alt werden. Ihr durchschnittliches Alter liegt bei 80 bis 100 Jahren, doch es gibt verschiedene Berichte über das erreichte Alter einer Aldabra-Schildkröte von 191 bis angeblich 256 Jahren.


Im Folgenden noch ein kleiner Bericht über die Entstehung des Aldabra-Atolls:

Das Aldabra-Atoll, ein Paradies für Schildkröten

Es ist das größte Atoll im Indischen Ozean, das Aldabra-Atoll. Dieses unwirtliche Land entstand vor 20 Millionen Jahren auf einem unterseeischen erloschenen Vulkan, der von Korallen besiedelt wurde, beständig weiter anwuchs und sich als Atoll aus dem Wasser erhob. Im Verlauf der Erdgeschichte änderte es sechsmal sein Aussehen und seine Beschaffenheit. Seit nun 125.000 Jahren existiert es so wie wir es heute kennen, mit einem festen Rand und einer Lagune in der Mitte. Es ist 35 Kilometer lang und 14 Kilometer breit und ragt vier bis acht Meter hoch aus dem Meer. Bei der Lagune handelt es sich um ein Gewässer von einer Fläche von 224 Quadratkilometern mit einer durchschnittlichen Tiefe von 2 Metern. Über Unterwasserkanäle ist sie mit dem Ozean verbunden, was dazu führt, dass es in der Lagune Ebbe und Flut gibt. Bei Niedrigwasser liegen ungefähr 80% der Fläche trocken. Durch die natürliche Verdunstung erhöht sich der Salzgehalt des Wassers in der Lagune. Für die meisten Pflanzen ist das schädlich, nicht aber für Mangroven, denn sie sind in der Lage im Salzwasser zu wachsen und kommen gut mit dem Gezeitenwechsel zurecht. Im Zusammenspiel mit Ebbe und Flut und den Mangroven häufen sich Sedimentablagerungen an, die durch das Wurzelwerk gehalten werden und so zur Bodenbildung führen. Mangroven wachsen am Rand der Lagune, ihre Wurzeln reichen tief hinab und weit über den Wasserspiegel hinaus. Ihr weit verzweigtes Wurzelwerk bietet zudem einen hervorragenden Lebensraum für Fische, Amphibien und Pflanzen. Ein mächtiger Mangrovenwald konnte auf diese Weise heranwachsen und sich über fast 90% des Randgebiets des Atolls ausbreiten. Es folgten mehr und mehr Landpflanzen, bis hin zu Palmen, die nur an einer bestimmten Stelle anzutreffen sind.

Der Boden des Atolls ist zu einem großen Teil mit scharfkantigen Kalksteinbrocken übersät. Gräser und kleine Sträucher müssen mit wenig Wasser auskommen, denn es gibt dort keine Süßwasserquelle. Nur der Regen, der zudem unregelmäßig fällt, ermöglicht es, den Pflanzen zu wachsen und Tieren ihren Durst zu löschen.

Das Aldabra-Atoll gehört zu den Seychellen, liegt aber weit abseits. Wissenschaftler errichteten eine Forschungsstation, geleitet von einer kleinen Gruppe von Mitarbeitern der Seychelles Islands Foundation (SIF), die für den Schutz des Atolls zuständig sind. Ansonsten bleibt das Aldabra-Atoll unbewohnt. Es ist ein abgelegenes und unberührtes Naturparadies und UNESCO-Weltnaturerbe.


Diesem Artikel liegen folgende Quellen zugrunde:

Aldabra-Riesenschildkröte
https://www.zoo.ch/de/naturschutz-tiere/tier-pflanzenlexikon/aldabra-riesenschildkroete

Der Holzmafia auf der Spur
https://www.daserste.de/information/wissen-kultur/w-wie-wissen/sendung/2011/der-holzmafia-auf-der-spur-100.html

Aldabra - Die Arche Noah der Riesenschildkröten - Die letzten Paradiese (TV-Dokumentation)
https://www.youtube.com/watch?v=f2q2zvTRinU


7. November 2025

veröffentlicht in der Schattenblick-Druckausgabe Nr. 184 vom 29. November 2025


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