Schattenblick → INFOPOOL → MEDIZIN → FACHMEDIZIN


ONKOLOGIE/2103: Pilotprojekt - Neue Gespräche gegen die Angst (SHÄB)


Schleswig-Holsteinisches Ärzteblatt Nr. 4, April 2024

Neue Gespräche gegen die Angst

von Dr. Karl-Heinz Reger


ONKOLOGIE. Pilotprojekt einer Gesprächsrunde für Krebspatienten: Der Arzt und Betroffene Dr. Karl-Heinz Reger hat diese Idee in die Tat umgesetzt.


Jahr nach eigener Krebsbehandlung sah ich mich in der Lage, die Idee einer Gesprächsgruppe zu diesem Thema zu verwirklichen. (Karl-Heinz Reger: "Geht es Ihnen wieder besser Herr Doktor?", Schleswig-Holsteinisches Ärzteblatt, Heft 6, Juni 2023, S. 18-10; Karl-Heinz Reger: "Wenn die Welt Kopf steht", Deutsches Ärzteblatt, Heft 33/34, 22.8.2022, S. 1396-1398) Während meiner dreiwöchigen AHB-Reha hatte ich Anne-Marie Tauschs Buch "Gespräche gegen die Angst" gelesen und mit vielen Randbemerkungen versehen. ( Anne-Marie Tausch: Gespräche gegen die Angst. Krankheit als ein Weg zum Leben. Reinbek bei Hamburg 1981) So alt das 1981 erschienene Büchlein ist, so gültig sind die Schlussfolgerungen der Autorin noch heute: Notwendigkeit des Austausches unter den an Krebs Erkrankten, Eingestehen der vielfältigen Hindernisse und Ergreifen der Potenziale zur Selbsthilfe. Dies sind die zentralen Aussagen des Buches. Inzwischen hat sich die Gesprächsrunde, die ich, Tauschs Buch zitierend "Neue Gespräche gegen die Angst" nenne, ein gutes Jahr etabliert. Von ersten Erfahrungen und einer qualitativen Auswertung der Sitzungen will ich hier berichten.

Es dauerte überraschend lang, ehe die angestrebte Teilnehmerzahl von neun Personen zusammen war. Meine Anrufe bei etlichen haus- und fachärztlichen Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich gut zusammenarbeite, fand zwar positive Resonanz, direkte Empfehlungen an Patienten zur Teilnahme gab es aber nur zwei oder drei. Meine kurzgefassten Informationsblätter für die Kollegen lagen nicht etwa auf deren Schreibtisch, sondern auf Stühlen und Zeitschriftentischen der Wartezimmer und wurden von manchem Patienten zufällig entdeckt. Ein Gespräch mit dem leitenden Klinikonkologen ist bis heute nicht zustande gekommen, immerhin aber ein Austausch mit der Psychoonkologin vor Ort.

Schon im Vorfeld wurde damit die zentrale Ambivalenz nicht nur der Betroffenen, sondern auch der Helfer deutlich: "Ich will sprechen, und ich will es auch nicht." Für einen Teil der Betroffenen meldete sich der oder die Angehörige, um das Interesse anzumelden. In Gang kam die Sache erst, nachdem eine Tageszeitung für einen Bericht über das Projekt gewonnen werden konnte. Und selbst diese Hilfestellung wirkte, verglichen mit den regelmäßig abgedruckten Herz-Schmerz-Reportagen, schüchtern-unsicher.

Die Runde ist keine Selbsthilfegruppe und keine klassische Psychotherapiegruppe. Ersteres wird in der Stadt reichlich angeboten, letzteres führe ich selbst seit Jahrzehnten mit verschiedener Thematik durch. Angeregt wieder durch Anne-Marie Tauschs Bericht, worin sie nicht nur ihre Gruppenleitung (nach der Methode von Carl Rodgers) analysiert, sondern auch ihre eigene, gleichzeitige Brustkrebserkrankung thematisiert, definierte ich mich selbst als teilnehmender Betroffener und gleichzeitig als Leiter und Organisator der Gesprächsrunde. Nach 40-jähriger ärztlicher Tätigkeit traute ich mir - erstmalig - diese Überwindung der Abstinenz zu, reflektierte das Konzept intensiv und führte unter anderem das "Du" in der Gruppe auch mir gegenüber ein. Von Beginn an und bis heute spüre ich weit weniger Irritation darüber bei den anderen Teilnehmern als bei mir selbst. Die strenge und fundierte Lehre der Universitätsklinik Lübeck bei Professor Horst Dilling wirkt offenbar zeitlos in mir weiter.

Dicht genug, um intensive Psychodynamik zu ermöglichen, aber auch nicht ermüdend oft: So ergab sich ein 14-tägiger Rhythmus von Montagabenden, durch das ganze Kalenderjahr gleichmäßig laufend. Dies gewährleistet leichte Planbarkeit bei zu erwartenden Unterbrechungen durch stationäre Behandlungen und andere gesundheitliche Krisenzeiten der Teilnehmer.

Keinerlei Vorgaben und Einschränkungen der Teilnahme wurden gemacht hinsichtlich Alter, Geschlecht, Erkrankungsart, begleitender anderer Krankheiten. Malignome in Brust, Prostata, Darm und Lunge sind jeweils mehrfach vertreten, ganz der Krankheitsverteilung in der Bevölkerung entsprechend.

Es nahmen insgesamt 15 Frauen und acht Männer im Alter von 41-72 Jahren teil. Insgesamt waren es bislang 22 Sitzungen. Durch schwere Komplikationen aus der Runde sind zehn Personen ausgeschieden, von den Betreffenden jeweils sehr bedauert. Drei Mitglieder sind meines Wissens innerhalb des Jahres verstorben.

Aus der Runde heraus kam der Wunsch verbindlicher Abmeldung bei Verhinderung, anders als ursprünglich von mir geplant. Hinter diesem Wunsch ist unzweifelhaft die Präsenz der für uns alle ungebetenen und unsichtbaren Gäste zu erkennen: Der Verlust, der Tod und die Angst vor den beiden.

Verglichen mit manch anderen Psychotherapiegruppen ist es bislang stets ein ruhiger, bedächtiger Redefluss und es werden mehr Pausen zugelassen. Wir tauschen auch "Fremdmeinungen" aus Zeitschriften und Fernsehen aus, auch einschlägige Informations- und Ratgeber-Bücher, reflektieren und bewerten sie. Schließlich gibt es Selbstgeschriebenes, das vorgestellt wird.

Nun sollen einige inhaltliche Aspekte dargestellt werden. Zur Auswertung stehen von jeder Sitzung erstellte Protokolle zur Gruppendynamik, zu besprochenen Inhalten und mit je einem "Gruppenbild" in der Methode nach Fengler (Prof. Dr. Jörg Fengler: Fengler-Institut, Köln, mündliche Mitteilung bei den Lübecker Psychotherapietagen) zur Verfügung, insgesamt inzwischen 22 Blätter. In diesem "Gruppenbild" wird von mir als dem Leiter, oft auch im Austausch mit den Teilnehmenden, ein symbolhaftes Bild oder Wort, ein Satz oder Motto gesucht, welches den bewussten und unbewussten Gehalt der gesamten Gruppensitzung widerspiegelt.

Insbesondere zu Beginn wurde deutlich: Die Neigung sich mit der Diagnose "Krebs" zurückzuziehen, ja zu isolieren, tritt regelhaft auf und macht es schwer; ebenso die häufige Erfahrung unpassender, ungebetener, sinnlos verharmlosender Ratschläge der Verwandtschaft; und nicht zuletzt menschliche und in engerem Sinne kommunikative Mängel bei den aufklärenden Ärztinnen und Ärzten. Dies alles löst im Ergebnis Hemmungen aus, sich überhaupt mitzuteilen.

Gerade indem wir in der Gruppe über diese Isolierungstendenz sprechen und merken, wie sehr diese Erfahrungen uns verbinden, überwinden wir diese Isolierung. Dies geschieht psychodynamisch derart still und plötzlich, dass es in aller Regel ein emotional sehr wirksames Ereignis ist, das "als Ereignis" im Sinne des Philosophen Martin Heidegger auf einen Sinn von Sein hinweist, der auch und geradezu beispielhaft die Angst vor einer lebensbedrohlichen Erkrankung einschließt (Martin Heidegger: Sein und Zeit, GA, Bd. 2, Frankfurt/Main 1976; derselbe: Beiträge zur Philosophie [Vom Ereignis] GA Bd. 65, FfM 1989).

Als hätten alle meine Schicksalsgenossen das Tausch-Buch studiert, taucht immer und immer wieder, wie in der Studie beschrieben, das Motiv des Akzeptierens, ja des mit der Krankheit Kooperierens als alternative Haltung zum Motiv des Besiegens und Zerstörens der Krebskrankheit auf. Diese explizite Differenzierung und Distanzierung von "Kooperation" gegenüber "Zerstörung" ist der entscheidende Vorgang der Überwindung.

Dieser Wandel und Überstieg ist nur als Prozess möglich, auch wenn es dabei echte Entwicklungssprünge gibt, die in Verbindung mit Krisen immer wieder zu beobachten sind. Wir tauschen in der Runde aus: Schreck und Kränkung bei der Diagnose-Eröffnung; Abschied vom Selbstbild des unverwundbaren Achilleus (der Arzt, der denkt, er selber werde schon nicht krank, die Krankenschwester, die sich aufsaugen lässt); die Entscheidungsnot vor den vielen "Behandlungen und Folgen"; die Schuldgefühle bei abgelehnten Behandlungsmöglichkeiten; unsere zutiefst irritierende Erfahrung einer "anderen Zeitrechnung", ja eines anderen Welterlebens (ich erinnere mich an mein Gefühl während der Reha-Maßnahme, der Krebs stehe dezidiert einen halben Meter vor mir); unsere jeweilige und jemeinige, von niemandem anderen übernehmbare Lebensbilanz. Dies alles. Und "am Ende die Endlichkeit". Als nach recht genau einem Jahr in den Abenden das Thema Sterben und Tod ins Zentrum rückte (von mir mit dem Gefühl wahrgenommen, er trete tatsächlich aus der Tiefe nach oben, mitten unter uns in die Gesprächsrunde) hatte ich die Phantasie, dass hier ein Gruppenprozess in seiner selbststeuernden Dynamik zum Abschluss kommt, Sinn und Ziel der ganzen Initiative.

Dass Besiegen und Zerstören mehr Kraft kostet als Zusammenarbeiten und Akzeptieren, liegt auf der Hand. Weniger augenscheinlich ist die Erfahrung, dass das Verbergen belastender Emotionen enorme Anstrengung verlangt - und dabei keine Erlösung bringt. Teilnahme in einer Gruppe ist nachgerade ein Garant für den Gegenzug: Interaktion ist automatisches Spiel- und Übungsfeld für das Gegenteil des Verbergens, das "Entbergen". Ich sage etwas, oder ich höre zu. Oft sprechen andere meine Gedanken aus. Ich brauche nur noch mitzufühlen.

Wir lernen also am Anderen. Dabei ist das Sprechen-Lernen für viele erst Resultat der Erfahrung, dass es mit einfühlsamem Zuhören (sei es durch Geschulte, sei es durch Betroffene) besser geht als ohne. Unabdingbare Rahmenbedingung solcher Prozesse ist das Regelwerk gegenseitiger Achtung, möglichst großer Offenheit bei gleichzeitigem Verzicht auf Drängen und Fordern und schließlich das Angebot von Vertrauen innerhalb der Gruppe - bei gleichzeitiger Verschwiegenheit nach außen. Ob für die einzelne Betroffene und den jeweiligen Betroffenen eher ein "zurück zum Alltag" oder der "starke Schritt zur Veränderung" resultiert, ist angesichts der unendlichen Vielzahl unterschiedlicher Erfahrungen, mithin der Multiperspektivität lange nicht ausgemacht.

Mehr diese Rahmensetzung und Grenzsicherung sind der Grund, dass einer solchen Gesprächsgruppe eine leitende Person - und sei es auch nur ein primus inter pares, also ein Erster unter Gleichen - guttut, dagegen reine Selbsthilfegruppen vielen Fallen der interaktionellen Psychodynamik ausgeliefert sind.

Ist es doch zu belastend, sich immer wieder über die schreckliche Krebskrankheit zu unterhalten? Ja, für manch einen Menschen ist es das. Deshalb versuchen sie es erst gar nicht, bleiben dadurch aber an in ihren eigenen Angstfantasien hängen. Andere kommen - und brechen ab. Zweimal war es in dem hier beschriebenen Gruppenjahr sehr auffällig, einmal wurde die Erwartung nach bloßer Ablenkung, einmal die nach heftig eingeforderter Betroffenheit durch die Gruppe nicht erfüllt. Beide Male hatte ich die Zuspitzung der Angst übersehen und war von der Absage - ohne Abschied aus der Gruppenrunde - überrascht. Ich konnte nur im Nachhinein telefonisch für die Teilnahme danken und alles Gute wünschen. In fast jedem Protokoll finde ich Sätze, die die Teilnehmer rausgehauen haben - und die einen bass erstaunen lassen. Etwa: "Wem sollen wir vertrauen? Dem Internet?" "Die Firma hat mich sofort freigestellt. Gefragt hat mich niemand." "Die Sorgen machen keine Pause, bloß weil ich krank bin." "Es wird auf einmal eng, so denke ich jetzt." "Angst ist nur eines von vielen Gefühlen."

Nach einem Jahr sehe ich den Versuch als gelungen an. Ich brauchte aber mehrere Ermunterungen von Kollegen und von meiner Kontrollanalytikerin und Supervisorin, um die anfängliche Verunsicherung zu überwinden. Und ich rückversicherte mich immer wieder und bis heute in der Runde selbst, ob sie mich in meiner Leitungsrolle nicht als zu stark strukturierend empfinden. Ich frage, ob ich zu viel erkläre, wenn medizinische Fragen auftauchen. Auch, ob und wie sie meine eigene Krankheitsgeschichte verstanden haben. Ich frage: Was haben wir noch gar nicht angesprochen? Wenn dann die jüngste Teilnehmerin zuerst zurückfragt, wie denn meine Kontrolluntersuchung letzte Woche ausgegangen sei, dann spüre und denke ich, dass ich in etwa richtig liege - und nicht alleine bin.


Autor

Dr. Dr. phil. Karl-Heinz Reger war in Schleswig niedergelassen. Für das Schleswig-Holsteinische Ärzteblatt hat er über seine Krebserkrankung berichtet.

*


Der Podcast des Schleswig-Holsteinischen Ärzteblattes

→ https://www.buzzsprout.com/954985

Die Podcasts des Schleswig-Holsteinischen Ärzteblattes behandeln regelmäßig Themen aus dem Gesundheitswesen im Norden - mit Stimmen aus der Ärztekammer und aus anderen Organisationen wie etwa ärztliche Verbände und Krankenkassen. Es geht um aktuelle Themen wie Tarifabschüsse für MFA oder die finanzielle Situation der Ärztegenossenschaft, aber auch um zeitlose Themen wie assistierter Suizid oder Leichenschau. Mehr als 75 Folgen können über Streamingdienste wie Spotify oder Apple Podcast gehört werden. Darunter u.a.:

• Ärztin in Weiterbildung und im Kammervorstand
• Eigene Praxis: Motivation statt Abgesang
• Aufstehen für Demokratie
• Gesund trotz Frau

*

Quelle:
Schleswig-Holsteinisches Ärzteblatt Nr. 4, April 2024
77. Jahrgang, Seite 36-37
Herausgeber: Ärztekammer Schleswig-Holstein
Bismarckallee 8-12, 23795 Bad Segeberg
Telefon: 04551/803-0, Fax: 04551/803-101
E-Mail: info@aeksh.de
Internet: www.aeksh.de
Podcast: https://www.buzzsprout.com/954985
 
Das Schleswig-Holsteinische Ärzteblatt erscheint zehn Mal im Jahr.

veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 14. Mai 2024

Zur Tagesausgabe / Zum Seitenanfang