DER RABE RALF
Ausgabe Dezember 2025 / Januar 20026
Die Berliner Umweltzeitung
500 Jahre Bauernkrieg
Die Landwirtschaft der Zukunft wird noch immer unterdrückt
von Johann Thun [1]
Wir schreiben das Jahr 1525. In Deutschland brennen die Burgen. Leibeigene, Freie, Knechte und Mägde greifen zu Sensen und Heugabeln, machen aus Erntewerkzeugen Waffen. Die Bauern revoltieren gegen die feudale Obrigkeit und fordern Freiheit, Gerechtigkeit und das Recht, von ihrer Arbeit leben zu können. Jahrhunderte von Frondiensten und Willkür lasten auf ihnen. Jetzt erheben sie sich gegen die Herrschaft der Fürsten und Klöster, gegen ein System, das sie zu Untertanen gemacht hat. An ihrer Seite steht Thomas Müntzer, radikaler Prediger und Rebellenführer. Er ruft dazu auf, die "Gerechtigkeit Gottes" auf Erden durchzusetzen.
Im Süden fassen die Aufständischen ihre Kernforderungen in zwölf Artikeln zusammen. Diese klingen erstaunlich vertraut, wenn man heutigen Landwirten zuhört. Vor 500 Jahren wollten sie Zwangsdienste und Abgaben reduzieren, selbst über die Nutzung von Boden und Vieh entscheiden und in Dorf- und Kirchensachen mitbestimmen. Heute fordern die Bauern Respekt, faire Preise und eine Politik, die nicht nur über Nachhaltigkeit redet, sondern diese auch ermöglicht.
Ihre Gegner sind heute nicht mehr so klar auszumachen wie früher. Statt Fürsten und Herren sind es eher anonyme Mächte wie ausufernde Bürokratie, gnadenlose Marktlogik und einengende Konsummuster, die die Höfe umzingeln. Vor 500 Jahren wurden die Bauern blutig niedergeschlagen. Auch heute kämpfen sie ums Überleben.
Heute von einem "Krieg gegen die Bauern" zu sprechen, mag übertrieben wirken, doch die Lage vieler Betriebe spitzt sich dramatisch zu. Kleine Höfe stehen unter massivem Preisdruck und kämpfen darum, auf dem Markt bestehen zu können. Immer mehr von ihnen verschwinden zugunsten großer Betriebe, die dank sogenannter Skaleneffekte und Kapitalvorteile wachsen.
1525 kämpften die Bauern mit Sensen und Forken an einem bestimmten Ort. Heute kämpfen sie mit Zahlen und Formularen in einem global vernetzten System, das immer weniger Spielraum für Eigeninitiative und Eigenverantwortung lässt - dem einstigen Stolz des Bauernstandes. Der "Krieg gegen die Bauern" ist heute kein Kampf mit Waffen mehr, sondern einer, der mit Auflagen, Regeln und gesellschaftlichem Druck geführt wird. Er trifft gerade jene massiv, die versuchen, es richtig zu machen: die Bio-Bauern, die Vielfalt bewahren, Böden schonen und Tiere artgerecht halten.
Die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland sinkt seit vielen Jahrzehnten. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes gab es 2023 nur noch rund 250.000 landwirtschaftliche Betriebe, etwa drei Prozent weniger als 2020. Zum Vergleich: 1970 gab es hierzulande noch über eine Million Höfe. Der Rückgang trifft vor allem die kleineren Betriebe unter 100 Hektar, die zwar nach wie vor 80 Prozent aller Höfe ausmachen, aber zusammen nur ein Drittel der landwirtschaftlichen Fläche bewirtschaften.
Dieser Trend verschärft den Strukturwandel auf dem Land. Früher wurde jedes Dorf durch seine Bauern geprägt, heute gehen mit jedem gestorbenen Hof auch Arbeitsplätze, jahrhundertealtes Wissen und regionale Identität verloren. Die Schuld wird dann oft bei den Falschen gesucht. In der Monokultur wächst der Hass auf die Multikultur, und der überdüngte Boden bietet Nährstoffe für rechtsradikale Auswüchse.
Auch der heutige Krieg fordert Tote. In Frankreich begeht statistisch gesehen alle zwei Tage ein Landwirt Suizid [2]. Zwischen 2007 und 2011 wurden dort 985 Selbsttötungen registriert, die Rate lag damit 20 Prozent höher als in der allgemeinen Bevölkerung. Experten sehen als Hauptursachen wirtschaftliche Belastungen, Verschuldung, Einsamkeit und hohen Leistungsdruck. Auch die psychische Belastung durch Bürokratie und Förderauflagen spielt eine erhebliche Rolle.
In Irland zeigt eine Untersuchung, dass Landwirte über 65 Jahre ein Suizidrisiko von rund 29 pro 100.000 Einwohner haben - fast doppelt so hoch wie in der Gesamtbevölkerung. Ähnliche Trends zeigen sich in England und Wales, wo Landwirte und Beschäftigte in der Landwirtschaft über Jahre hinweg eine erhöhte Suizidrate aufwiesen.
Für Deutschland und Österreich fehlen belastbare Zahlen, doch Studien zu Burnout, Depressionen und Angststörungen weisen ebenfalls auf eine alarmierende Situation hin: Rund 20 bis 25 Prozent der Landwirte gelten als stark psychisch belastet, vor allem kleine Betriebe sind betroffen. Auch hier wirken wirtschaftlicher Druck, Bürokratie und soziale Isolation als Verstärker.
Es gibt auch positiv klingende Statistiken. Die Zahl der Ökobetriebe scheint kontinuierlich zu wachsen: Fast 29.000 Höfe in Deutschland bewirtschaften derzeit ihre Flächen ökologisch, also immerhin jeder neunte Betrieb. Wendell Berry, US-amerikanischer Dichter [3] und Ökobauer, beschreibt, was die Grundlagen einer zukunftsorientierten Landwirtschaft sind: "Gute Bauern, die ihre Pflichten als Verwalter der Schöpfung und Erben ihres Landes ernst nehmen, tragen zum Wohl der Gesellschaft bei. Sie erhalten den Boden, sie halten das Wasser sauber, sie schützen die Tierwelt, sie bewahren die Landschaft." Bauern sind nicht nur Versorger, sondern Hüter eines kulturellen und ökologischen Erbes. Aber Berry sagt auch: "Um gute Landwirtschaft zu haben, muss es Grenzen geben. Der Kapitalismus kennt aber keine Grenzen."
Gerade die ökologisch wirtschaftenden Höfe stehen in einem auf grenzenloses Wachstum ausgelegten System unter dem größten Druck. EU- und Bundesförderungen belohnen vor allem große Flächen, wodurch die meist kleinen Öko-Betriebe oft deutlich weniger Unterstützung erhalten. Hinzu kommen komplizierte Förderanträge, zusätzliche Investitionskosten und nicht angemessene Preise. Die Folge: ewige Planungsunsicherheit, existenzielle Risiken und Konkurrenzdruck durch die Großen. Einige Höfe bereuen deshalb den Wechsel von "konventionell" auf "öko" oder machen ihn sogar wieder rückgängig. Unter den Konsumenten wächst zwar das Bewusstsein für Nachhaltigkeit, dies ändert aber selten etwas am Kaufverhalten. Die naturnahe Form der Landwirtschaft ist im Kapitalismus unnatürlich.
Die ökologische Landwirtschaft führt täglich vor, wie Ernährungssicherheit, Klimaschutz und Artenvielfalt zusammengehen können. Diese Betriebe zeigen, dass Landwirtschaft und Naturschutz keine Gegensätze sein müssen, im Gegenteil. Mit Fruchtfolgen statt Monokulturen, mit Hecken statt Beton, mit Mist statt Chemie. Doch der unbetonierte Weg in die Zukunft kostet Zeit, Mühe und Geld, er wird auch politisch noch immer zu wenig unterstützt. Förderprogramme sind hochbürokratisch, Märkte gnadenlos, und die öffentliche Wahrnehmung schwankt zwischen Romantisierung und Misstrauen. Die Gegenwart kennt keine Feudalherren mehr, aber sie kennt Machtverhältnisse, die ganz ähnlich wirken. 1525 ist nicht vorbei.
Die zukunftsorientierten Bäuerinnen und Bauern brauchen Rückhalt - politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich. Einen Termin kann man sich vormerken: Am 17. Januar 2026 ruft das Bündnis "Wir haben es satt!" wieder zur großen Demonstration in Berlin auf. Unter dem Motto "Zukunftsfähige Landwirtschaft nicht wegschieben!" werden Bäuerinnen, Umwelt-, Tier- und Klimaschützer zusammen mit engagierten Verbraucherinnen durch das Regierungsviertel ziehen. Die Forderung ist klar: Weg von industrieller Massenproduktion, hin zu einer bäuerlich-ökologischen Landwirtschaft, die faire Preise, weniger Bürokratie, Tierwohl und Klimaschutz alltäglich macht. Jeder Hof zählt.
Der heutige "Krieg gegen die Bauern" kann nur beendet werden, wenn
alle erkennen, dass die Landwirte nicht Gegner, sondern Partner sind -
im gemeinsamen Kampf für eine lebenswerte Zukunft.
Bildunterschrift der im Schattenblick nicht veröffentlichten
Abbildung der Originalpublikation:
Die Landwirtschaft der Zukunft wird noch immer unterdrückt.
Foto: Leonhard Lenz, commons.wikimedia.org/?curid=144358956
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wir-haben-es-satt.de
Anmerkungen:
[1] https://www.raberalf.de/tags/autor-johann-thun
[2] https://www.raberalf.de/archiv/filmkritiken
[3] https://www.grueneliga-berlin.de/wp-content/uploads/2024/06/der_rabe_ralf_die_berliner_umweltzeitung_juni_juli_2024_gruene_liga_berlin.pdf#page=15
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Quelle:
DER RABE RALF
35. Jahrgang, Ausgabe Dezember 2025 / Januar 20026, Seite 1+6
ISSN: 1438-8065
Herausgeber:
GRÜNE LIGA Berlin e.V. - Netzwerk ökologischer Bewegungen
Prenzlauer Allee 8, 10405 Berlin-Prenzlauer Berg
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veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 9. Januar 2026
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