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INTERNATIONAL/271: Schadensminderung und Prävention im Drogenkonsum - Lima und Berlin (poonal)


poonal - Pressedienst lateinamerikanischer Nachrichtenagenturen

Schadensminderung und Prävention im Drogenkonsum: Lima und Berlin

von Tomás Matamala


Drogenkonsum: Projekte in Städten wie Lima und Berlin belegen, dass inklusive Ansätze jenseits der klassischen Strafpolitik möglich sind.

(Berlin, 12. August 2025, npla) - Der Kampf gegen Drogen ist seit Jahrzehnten ein zentrales Thema in Politik und Gesellschaft. Der Begriff "Krieg gegen die Drogen" wurde 1971 durch die Medien nach einer Pressekonferenz des US-Präsidenten Richard Nixon populär, als dieser den Drogenmissbrauch zum "Public Enemy Number One" erklärte. Noch am selben Tag legte Nixon dem US-Kongress ein Konzept zur Prävention und Kontrolle des Drogenmissbrauchs vor, in dessen Fokus die Ressourcenzuteilung zur Verhinderung neuer Abhängiger und zur Rehabilitation bestehender Betroffener stand. Dennoch dominieren bis heute der Begriff "Krieg" und eine punitive Herangehensweise die öffentlichen Narrative - zulasten menschenzentrierter und gesundheitlich orientierter Perspektiven. Wir berichten über zwei aktive Beispiele von Schadensminderung und Präventionsarbeit im Umfeld des Drogenkonsums: eins in Lima, Peru, und eins in Berlin, Deutschland. Beide zeigen, wie alternative Ansätze effektivere Lösungen bieten können.

Was ist Schadensminderung?

Schadensminderung (engl. harm reduction) ist eine alternative Strategie, die darauf abzielt, die mit dem Drogenkonsum verbundenen Risiken zu mindern, ohne eine vollständige Abstinenz vorzuschreiben. Statt zu kriminalisieren oder zu stigmatisieren, fördert diese Strategie Aufklärung, Bildung und professionelle Begleitung, damit Menschen informierte und sichere Entscheidungen treffen können. Sie respektiert Menschenrechte, stellt Gesundheit in den Vordergrund und minimiert Risiken wie Gewalt, Krankheiten und andere negative Folgen des Konsums. Dazu gehören chemische Analysen von Substanzen (Drug Checking), professionelle Beratung und Bildungs- sowie Empowerment-Kampagnen - im Gegensatz zu traditionellen, strafenden Maßnahmen.

Lima, Peru: ein gesundheitsbezogener Informationsansatz

Francesca Brivio, Koordinatorin der 2018 in Lima gegründeten Non-Profit-Initiative SOMA [1], beschreibt die Mission ihrer Organisation als Bereitstellung von Information, Bildung und Unterstützung in einer Welt, in der Drogen eine Realität darstellen. Das Engagement von Soma aus erstreckt sich auf ganz Lateinamerika, mit dem Ziel, Risikominimerung, Empowerment und eine erweiterte Debatte über psychoaktive Substanzen - legale wie illegale - voranzutreiben. Esteban Acuña, Leiter und Mitgründer der Organisation, betont, dass das Gespräch über Drogen auch zentrale Lebensfragen wie Sicherheit, persönliche Entwicklung, Vergnügen und Genuss betrifft. Sein Ansatz geht über die Themen Schaden und Kriminalisierung hinaus und strebt eine integrale und respektvolle Sichtweise an.

Für Entkriminalisierung und fundierte Aufklärung

In der gesellschaftlichen Praxis jedoch wird Menschen, die Drogen konsumieren, häufig nach wie vor ein "Charakterfehler" zugeschrieben - eine Sichtweise, die Soziologen wie Erving Goffman als "Blemishes of individual character" beschreiben: willensschwache, dominierende oder unnatürliche Leidenschaften, böswillige und starre Überzeugungen sowie Unehrlichkeit, basierend auf Stigmata wie Sucht oder Alkoholismus."[2] Diese Wahrnehmung spiegelt nicht den aktuellen Stand der Forschung wider, die konsumbedingte Phänomene als multifaktorielle Prozesse mit biologischen, psychologischen, sozialen und strukturellen Dimensionen versteht - und nicht als moralisches oder individuelles Versagen. Das peruanische Strafrecht bestraft den Handel mit illegalen Substanzen mit Haftstrafen, während der Besitz zum persönlichen Konsum in bestimmten Fällen nicht strafbar ist. Dennoch bleibt das Rechtssystem für Konsument*innen feindlich und geht mit Risiken wie Gewalt, polizeilicher Verfolgung und Diskriminierung einher. Humberto Rotondo, peruanischer Jurist, erklärt, dass in Peru formal ein allgemeines Prohibitionsregime vorliegt, in der Praxis jedoch eine gewisse Entkriminalisierung existiert. Dennoch würden viele Menschen allein aufgrund ihres Konsums inhaftiert. Die aktuelle Debatte in Peru und weltweit zielt auf eine Abkehr von punitiven Ansätzen und eine Hinwendung zu gesundheits- und menschenrechtlich orientierten Politiken ab. Entkriminalisierung und fundierte Aufklärung sind entscheidend, um Risiken zu minimieren und einen humaneren und wirksamen Umgang zu fördern.

Berlin, Deutschland: Innovation und gesellschaftliche Teilhabe

Auch in Berlin setzen Initiativen auf eine Transformation des Umgangs mit Drogenkonsum. So versammelten sich beispielsweise fast hundert Menschen am Kottbusser Tor, um Fortschritte bei der Entkriminalisierung und für menschlichere Politiken zu fordern. Ein herausragendes Projekt ist Drug Checking [3]: Es bietet neutrale und vertrauliche Informationen über psychoaktive Substanzen, deren Wirkungen und Risiken. Stephan Moore, Mitarbeiter des Projekts, erläutert, dass diese Initiative Nutzer*innen befähigt, sicherere Entscheidungen zu treffen und schwerwiegende unerwünschte Wirkungen oder tödliche Überdosierungen zu verhindern. Das Ziel beider Projekte - in Lima wie in Berlin - ist es, vor besonders gefährlichen Substanzen zu warnen, Konsumrisiken zu senken und Menschen zu stärken, ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden selbstbestimmt zu gestalten. In Berlin sind Politik und Praxis stärker an der öffentlichen Gesundheit und an der gesellschaftlichen Teilhabe orientiert - mit einem menschlicheren und präventiven Ansatz.

Selbstgefährdender Drogenkonsum ist kein isoliertes individuelles Problem

Von Lima bis Berlin zeigen inspirierende Projekte, wie Schadensminderung zu einem humaneren und effektiv wirkenden Umgang mit Drogenkonsum beitragen kann. Die entscheidende Wende besteht darin, punitives und stigmatisierendes Denken hinter sich zu lassen und stattdessen Politiken zu fördern, die Menschenrechte respektieren, Qualitätsinformation bereitstellen und Gesundheit zur Priorität machen. Drogenkonsum ist kein isoliertes individuelles Problem, sondern ein soziales Phänomen, das umfassende, evidenzbasierte Antworten erfordert. Kriminalisierung und Repression fördern Exklusion, erschweren den Zugang zu Unterstützungsangeboten und richten mehr Schaden als Nutzen an. Alternativen, die auf Bildung, Prävention und Risikoreduktion setzen, eröffnen den Weg zu einer inklusiveren, informierten und diskriminierungsfreieren Gesellschaft. Der Weg zu einem humaneren Umgang beginnt mit dem Respekt vor den Rechten konsumierender Menschen, evidenzbasierter Aufklärung und Programmen, die Gesundheit und Wohlbefinden über Bestrafung stellen. Internationale Erfahrungen und laufende Projekte in Städten wie Lima und Berlin belegen, dass inklusive, effektive Ansätze jenseits der klassischen Strafpolitik möglich und wirkungsvoll sind.


Anmerkungen:

[1] https://proyectosoma.com/tag/lima/
[2] Erving Goffman, Stigma: Notes on the Management of Spoiled Identity (1963), Capítulo 1, p. 13-14
[3] https://drugchecking.berlin/

Einen Audiobeitrag auf Spanisch zu diesem Thema findet ihr unter:
https://www.npla.de/thema/urbanes-leben/lima-y-berlin-dos-iniciativas-para-reducir-los-danos-en-torno-al-uso-de-drogas/

Das Audio auf Deutsch gibt's unter:
https://www.npla.de/thema/arbeit-gesundheit/schadensminderung-beim-drogengebrauch/

URL des Artikels:
https://www.npla.de/thema/urbanes-leben/schadensminderung-und-praevention-im-drogenkonsum-lima-und-berlin/#_ftnref1


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Quelle:
poonal - Pressedienst lateinamerikanischer Nachrichtenagenturen
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Telefon: 030/789 913 61
E-Mail: poonal@npla.de
Internet: http://www.npla.de

veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 21. November 2025

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