Ulrich Geilmann
Goldene Partien
Entscheidende Momente der Schachweltmeisterschaften
Buchcover: © by Joachim Beyer Verlag
Weltmeisterschaften im Schach waren von Beginn an prägende Meilensteine der besonderen Art. Nicht nur wurde ein neuer Champion gekürt oder der Regent im Amt bestätigt, seit jeher wohnte diesen Duellen am Brett eine bedeutsame Signalwirkung für die Zukunft inne. Oft und tiefgreifend wurde dabei die Theorie bereichert und somit die Spielpraxis auf einen neuen Stand gebracht. Über mühsame Monate hatten die beiden Akteure, die um die Krone kämpften, sich auf die Begegnung vorbereitet, allein oder mit ihrem Sekundantenstab, hatten Neuerungen ausgefeilt und die Partien des Gegners durch die Röntgenstrahlen der Analyse gejagt.
Vor der Zeit der WM-Kämpfe hatte ein Match zweier Schachmeister nie so viel Aufmerksamkeit erregt und für die gesamte Schachgemeinschaft inspiratorisch bewegt. Die WM-Partien bildeten das Schwungrad für die Entwicklung aller Anhänger und Freunde der Schachkunst, die aus den kreativen Ideen und innovativen strategischen Höhepunkten ihr eigenes Spiel gestalterisch überdachten.
Bücher über die Weltmeisterschaften erzählen nicht nur eine Geschichte von Rivalität und Ansporn und geben weit mehr wieder als einen im Kontext der Ereignisse gefärbten Zeitkolorit. Ulrich Geilmann hat sich in der Vergangenheit durch honorable Werke einen Ruf als gewissenhafter Autor der Schachhistorie erworben. Mit "Goldene Partien" widmete er sich nun der edlen Aufgabe, Laien- und Hobbyspielern einen Überblick über die kritischen und entscheidenden Momente der Weltmeisterschaften zu verschaffen und dabei die Rolle dieser Begegnungen für die Schachwelt im Besonderen und Allgemeinen darzustellen, so dass am Ende der Zeitreise mehr herauskommt als der Genuß einer exzellenten Partienanalyse.
Zweikämpfe unter Meistern hatte es schon lange vor dem ersten WM-Duell 1886 in New York, St. Louis und New Orleans gegeben, als sich Wilhelm Steinitz und Johannes Zukertort um den Ruhm, als bester Schachspieler der Welt anerkannt zu werden, in die direkte Konfrontation begaben. Doch erst mit Steinitz betrat ein offizieller Titelträger die Bühne der 64 Felder.
Ausgefochten wurde in einer WM nicht nur die Spielstärke und Kreativität, nicht selten ging es dabei auch um Fragen der evolutionären Entwicklung des Schachspiels, ob diese oder jene Strategie in der Auffassung von der Kräftedynamik der Figuren den Vorrang erhielt vor anderen nicht weniger wertvollen Gedanken zum Spiel.
Weltmeister sind und waren immer auch Vorbilder für den Kurs der Schachjünger gewesen. Geilmann nahm die schachhistorischen Kämpfe um die Krone von 1886 bis 2024 mit großer Sorgfalt in den Fokus seiner Recherche und Analyse. Den einzelnen Protagonisten stiftete er einen erhellenden Begleittext, um dem Leser die Bedeutung der Ereignisse für die damalige Zeit näherzubringen.
Die Wahl der im Buch dokumentierten WM-Partien folgte dem sichtbaren Vorsatz, widerspiegeln zu lassen, welcher Meister zuletzt das Rennen machte und welche spielerischen Schwächen die Niederlage des anderen begründeten. Die Analyse der Züge verliert sich nicht ins Uferlose, sondern legt den Finger auf die kritischen Wendepunkte und Brüche, was die Nachvollziehbarkeit für den Leser enorm erleichtert.
Dankenswerterweise hat der Autor bei Geistesduellen wie beispielsweise dem zwischen Emanuel Lasker und Carl Schlechter 1910 nicht darauf verzichtet, tiefer in die Analyse zu dringen, um dem divergierenden Spielcharakter der Akteure gerecht zu werden. Bei der hohen Anzahl der WM-Kämpfe auf dem Brett blieb für die Dokumentation nur ein geringer Raum, so dass sich Geilmann auf jeweils eine Partie aus den Zweikämpfen beschränkte, eben jene Goldenen Partien mit schachtheoretischer Relevanz oder schlicht aus dem Grund, weil sie im Kern strategisch hervorragend waren.
Geilmann liefert einen Streifzug durch die WM-Geschichte, auf essentielle Momente heruntergekürzt, und in dieser Chronologie glänzt er mit empfindsamer Feder. Da ist kein Platz für Häme, ob der Weltmeister seinen Titel vor den Augen der Welt verdient hat, auch bedient er mit schmunzelndem Seitenblick nicht die zeitgenössischen Gerüchteküchen. Allein auf die Ahnenreihe der Weltmeister kam es ihm an, dokumentarisch wiedergegeben in einem Werk, das mit viel Liebe und Respekt geschrieben wurde.
Geilmann versteht sich nicht als Schachhistoriker im engeren Sinne, der um Fragen der Authentizität ringt. Ihm ging es vor allem darum, aus dem Schatz der Weltmeisterschaften jene Goldenen Partien herauszufiltern, die aus dem Stoffe sind, ein Schachpublikum in Begeisterung zu versetzen und nebenbei und nicht unwesentlich auf die Errungenschaften der Titelträger auf dem Brett aufmerksam zu machen, als sie um des Schachspiels willen ihr Bestes gaben und so die Erinnerung an ein historisches Ereignis vergoldeten.
7. November 2025
Ulrich Geilmann
Goldene Partien
Entscheidene Momente der Schachweltmeisterschaften
Joachim Beyer Verlag 2025
300 Seiten
ISBN 978-3-95920-225-1
veröffentlicht in der Schattenblick-Druckausgabe Nr. 184 vom 29. November 2025
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