"Die charakterliche und physische Erziehung durch Bewegung, Spiel und
Sport ist in diesem Sinn auch Teil der Erziehung zur 'Kriegstüchtigkeit' in
einem freiheitlichen Gemeinwesen." [1]
(Prof. Michael Krüger, emeritierter Sportwissenschaftler und -historiker)
Spätestens seit dem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg der
NATO-Staaten auf Jugoslawien (1999), der NATO-Osterweiterung
(1999/2004), der Veröffentlichung des Wiedererstarkungspapiers "Neue
Macht - neue Verantwortung" (2013) und dem geopolitischen
Stellvertreterkrieg gegen Russland in der Ukraine (2014/2022) gibt es
keinen Zweifel mehr, dass sich Deutschland wieder auf Kriegspfaden
befindet. Die "Enttabuisierung des Militärischen", wie sie
Altbundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) einst forderte und wie sie
von seinem späteren Nachfolger Olaf Scholz (SPD) in Gestalt
der "Zeitenwende" umgesetzt wurde, bricht sich immer mehr
Bahn. Als hätte man aus den schmerzlichen Erfahrungen früherer
nationaler Mobilisierungen für Krieg und Hochrüstung nichts gelernt,
feiern Massen- und Militärpropaganda wieder fröhliche Urständ in den
Medien, während Friedensproteste, die sich gegen die
"Stärke"-Ideologie der Zeitgeistwende richten, als Feind-Propaganda
und Verbreitung von Putin-Narrativen verspottet und niedergemacht
werden.
"Wir müssen kriegstüchtig werden - wir müssen wehrhaft sein und die Bundeswehr und die Gesellschaft dafür aufstellen", sprach Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) vor zwei Jahren in die laufenden Kameras. [2] Die Militarisierung der Gesellschaft wird inzwischen an allen Fronten vorangetrieben, um dem erklärten Ziel, bis 2029 kriegstüchtig zu werden, weil "der Russe" angeblich jederzeit angreifen könnte, näherzukommen. Nach dem Motto "wir liefern die Waffen, ihr liefert die Leichen" wird die Ukraine nicht nur zum Unsummen verschlingenden Entwicklungs- und Erprobungsfeld für neue Menschentötungstechnologien, sondern auch zum Motor innergesellschaftlicher Wandlungsprozesse instrumentalisiert. So gut wie kein Subsystem bleibt von der kriegstüchtigen Mobilmachung ausgespart, auch der organisierte, scheinautonome Sport nicht, der sich in der Vergangenheit politisch immer willfährig verhalten hat, was sich schon daraus erklärt, dass er von staatlichen Fördermittelzuwendungen abhängig ist.
Nach dem 2. Weltkrieg gab es unter liberalen und linken Wissenschaftlern und Pädagogen, aber auch Politikern, Sportjournalisten und Funktionären, die sich gegen die althergebrachte Tradition abzugrenzen suchten, wonach Sport und Soldatentum nur zusammenzudenken seien, einmal eine deutliche Abneigung, "Leibesübungen als eine Art von Erziehung zu seelischer und körperlicher Militärtauglichkeit zu betrachten" (Carlo Schmid, SPD-Politiker, Jurist und Verfassungsvater). Das war beileibe keine Selbstverständlichkeit. Glühende Militaristen und Nationalisten wie der Sportfunktionär Carl Diem (1882-1962), der dem Sport in vier Gesellschaftsformen diente, das Deutsche Sportabzeichen erfand, Mitorganisator der Olympischen Spiele von Berlin 1936 war und maßgeblich zum Aufbau der Deutschen Sporthochschule Köln beitrug, hatten nie ein Hehl aus ihrer kriegstüchtigen Einstellung gemacht. "Der Sport, so formulierte Diem, sei 'Büchsenspanner' des Soldaten, und der Krieg sei 'der vornehmste, ursprünglichste Sport', 'der Sport par excellence'. Sport und Olympische Spiele, folgerte Diem, lehrten den 'Geist des Angriffs und der blitzschnellen Entschlusskraft'. Und: 'Der gute Kämpfer greift an und bricht jeden Widerstand.'" [3]
Inzwischen geht es wieder um die Körper, Herzen und Hirne der jungen Menschen für den Kriegsfall. Vergangenes Jahr buchstabierte der emeritierte Sportwissenschaftler Michael Krüger im offiziellen Organ des Deutschen Sportlehrerverbandes (DSLV) aus, was Boris Pistorius zwar nicht explizit ausgesprochen hat, aber auf der Hand liegt. "Kriegstüchtig" bedeute nicht nur, so Krüger, "dass das Kriegsgerät funktioniert und in ausreichender Zahl Waffen und Munition zur Verfügung steht, sondern es geht auch um die Menschen, die bereit und in der Lage sind, einen Krieg zu führen, die Waffen zu bedienen und die physischen und psychischen Strapazen sowie Entbehrungen eines Krieges auf sich zu nehmen, wie es die ukrainischen und russischen Soldaten tun". Ohne Position gegen die aktuelle Kriegspolitik der Bundesregierung zu beziehen, führte Krüger weiter aus: "Eine freiheitliche Gesellschaft in einem demokratischen Staat braucht deshalb Bürger*innen, die sowohl seelisch als auch körperlich in der Lage sind, dies [die Würde des Menschen erkämpfen und verteidigen - Anm. d. Red.] zu tun. Die charakterliche und physische Erziehung durch Bewegung, Spiel und Sport ist in diesem Sinn auch Teil der Erziehung zur 'Kriegstüchtigkeit' in einem freiheitlichen Gemeinwesen." [siehe 1]
Als die politische Parole noch lautete, "Deutschlands Sicherheit wird auch am Hindukusch verteidigt" (Verteidigungsminister Peter Struck, 2002), um die Notwendigkeit des deutschen Militäreinsatzes in Afghanistan zu begründen, schien die vermeintliche "Bedrohung" noch weit entfernt. Der Deutsche Olympische Sport-Bund (DOSB), der zusammen mit dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) und finanziert vom Auswärtigen Amt Fußball-Projekte in Afghanistan initiierte, konstatierte damals in seiner Presse: "Fussball bedeutet Ablenkung von Sorgen, Bomben und Raketen". [4]
Die beispiellose, Millionen an Steuergeldern verpulvernde Kampagne der Konkurrenzbewerber München, Berlin, Hamburg und Rheinregion für die Olympischen und Paralympischen Spiele 2036, 2040 oder 2044 zeugt davon, dass "Ablenkung" auch weiterhin ein großes Thema der aktuellen Kriegspolitik ist, und sei es mit Hilfe eines sich über Jahre hinziehenden Wettbewerberstreits, der die öffentliche Aufmerksamkeit bindet.
Doch es gab während des Afghanistankrieges auch kritische Stimmen, die vor der Instrumentalisierung des Sports für kriegerische Zwecke warnten. So hatte der Sporthistoriker Prof. Dr. Helmuth Westphal (Potsdam) in der Debatte um Carl Diem treffend bemerkt:
"Mißbraucht wird der deutsche Sport, wenn er von einer Politik der Gewaltanwendung ablenkt, Chauvinismus erzeugt und trainiertes Menschenmaterial für den Kriegseinsatz liefert, wie es auch Carl Diem gelehrt und praktiziert hat. Diese Gefahr wächst in dem Maße, wie die BRD in internationale Konflikte verwickelt wird und die deutsche Politik den Erwartungen, Verlockungen oder Erpressungen nationaler oder internationaler Monopole erliegt." [5]
Bündnisfunktionäre wie NATO-Generalsekretär Mark Rutte drängen die Menschen, einen "Wechsel zu einer kriegerischen Denkweise" zu vollziehen. [6] Mittlerweile wird in großen Teilen von Politik und Medien schon so getan, als stehe "der Feind" unmittelbar vor der Tür. Für den gegenwärtigen, offen kriegstüchtigen deutschen Verteidigungsminister, der sich nicht im Krieg, aber auch nicht mehr im kompletten Frieden wähnt, kann die innere Aufrüstung gar nicht schnell genug gehen. Fieberhaft wird nun an der "Wehrhaftmachung" - sorry, so hieß es damals während des Dritten Reichs, als beginnend mit der Machtübernahme 1933 durch die Nazis und kulminierend in der Wiederinkraftsetzung der allgemeinen Wehrpflicht im März 1935 die Wehrmacht aufgebaut und die Aufrüstung im Land vorangetrieben wurde - an der Wiedereinführung der Wehrpflicht in der Bundesrepublik gearbeitet. Um nicht unnötig Widerstände bei den jungen Leuten, die als Kanonenfutter oder Abschreckungsstaffage für künftige Kriegshandlungen gegen die Atommacht Russland dienen sollen, zu mobilisieren, wird unter den Führungseliten der Bundesregierung noch darüber gestritten, ob der Freiwilligkeit bzw. dem Los(un)glück oder der Pflicht der Vorzug gegeben werden sollte.
Auch wenn es in der näheren Vergangenheit im Sport nicht primär um die körperliche Wehrtüchtigkeit ging, so hat sich der Sport dennoch Stück für Stück als Werbevehikel für die Militarisierung der Gesellschaft angedient. Lassen wir ein paar markante Stationen auf diesem Weg Revue passieren:
Im Zuge der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland wurde der "positive" bzw. "gesunde" oder "unverkrampfte" Patriotismus wieder salonfähig gemacht. Selbst Teile der Linkspartei machten beim sportiven Nationalchauvinismus mit. Drei Jahre später wurden erstmals vier Soldaten mit dem neuen "Ehrenkreuz der Bundeswehr für Tapferkeit" ausgezeichnet. Der Wehrbeauftragte des Bundestags, Reinhold Robbe, nannte die Auszeichnung "positiven Patriotismus", der kein Heldenkult sei. [7]
Bei der "Hall of Fame des deutschen Sports" frönt man indessen ganz unverhüllt einem Kult um Ruhm und Ehre. In der virtuellen Stätte, die 2006 auf Initiative des langjährigen Industriemanagers und Chefs der Deutschen Sporthilfe Hans Wilhelm Gäb ins Leben gerufen worden war, sollen Persönlichkeiten mit besonderen Hervorbringungen für den deutschen Sport geehrt werden. Dazu können neben Sportlern auch Trainer, Funktionäre oder andere Personen mit Vorbildcharakter zählen. Nachdem anfangs fünf NSDAP-Mitglieder Einzug hielten, erbrachte jüngst eine Untersuchung, dass heute insgesamt 15 frühere NSDAP-Mitglieder der "Hall of Fame" angehören - weitere der Geehrten standen auch ohne Parteibuch der Nazipartei nahe. Das verwundert insofern nicht, als im Gegensatz zur DDR in der Bundesrepublik viele NS-Sportfunktionäre ihre Karriere im deutschen und olympischen Sport fortsetzen konnten. Träger der nationalpathetischen Ruhmeshalle ist neben der Sporthilfe und dem DOSB bezeichnenderweise auch der Verband Deutscher Sportjournalisten (VDS).
Die Arbeitersportbewegung in Deutschland im Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert, die nicht nur vehement die Kriegstreibereien der herrschenden Klasse und die körperliche Ertüchtigung für paramilitärische Zwecke ablehnte, sondern sich auch gegen die heute aus dem olympischen Hochleistungssport nicht wegzudenkende Rekordhatz, Medaillenjagd und nationalpatriotische Erhöhung richtete, wurde nach der Machtübernahme der Nazis 1933 zerschlagen. Das nach den Erfahrungen des 1. Weltkrieges sehr viele Menschen vereinende Motto "Nie wieder Krieg" bei der 1. Arbeiterolympiade 1925 in Frankfurt hat es im olympischen Spitzensport nie gegeben. Heutzutage wird von den Falken wie selbstverständlich gefordert, dass Arbeiter aus Deutschland auf Arbeiter aus Russland schießen sollen, obwohl sie der gleichen Klasse der Ausgebeuteten angehören.
Echte Solidarität scheint unter Kadersportlerinnen und -sportlern inzwischen zum Fremdwort geworden zu sein. Statt zu Beginn des Ukrainekrieges zu fordern, keinen Athleten wegen seiner Herkunft, Nationalität oder politischen Einstellung in Haftung zu nehmen oder vom internationalen Sporttreiben auszuschließen, war der Lobbyverein "Athleten Deutschland e.V." einer der ersten, der mit Vehemenz den vollständigen Ausschluss russischer und belarussischer Athleten und Verbände aus dem internationalen Sportverbandssystem gefordert hatte. Der internationale und nationale Sport müsse jetzt alle Möglichkeiten ausschöpfen und geschlossen Sanktionen mit voller Härte aussprechen, um seinen Werten treu und glaubwürdig zu bleiben, verkündete die vom Bundesinnenministerium finanzierte Athletenvertretung. "Schweren Herzens sind wir uns darüber bewusst", so "Athleten Deutschland" weiter, "dass solche Maßnahmen auch russische und belarussische Athlet*innen treffen werden. Der russische Angriffskrieg lässt keine andere Wahl, als dass Sanktionen auch unschuldigen Dritten Schaden zufügen." [8] Ähnliche Forderungen an die Adresse Israels oder anderer westlicher Staaten, Verbündete oder Staatenlenker, die sich schwerer Menschenrechtsverletzungen, Kriegs- oder Völkerrechtsverbrechen schuldig gemacht haben, hat "Athleten Deutschland" nie erhoben. Allzu schwer kann das Herz also nicht sein, wenn man die Option hat, jederzeit mit zweierlei Maß messen zu können und dabei stets die Fahne nach dem Wind zu drehen.
Die erste Adresse für Kriegstüchtigkeit ist aber die "Goldschmiede" Bundeswehr, die zahlreiche Sportsoldatinnen und -soldaten im Sold hält und darüber Werbung für die Truppe macht. Das wurde von allen Spitzenfunktionären immer unterstützt. "Die Athleten, die Deutschland vertreten, sorgen für ein positives Bild der Bundeswehr", unterstrich der frühere Grünenpolitiker und spätere DOSB-Generaldirektor Michael Vesper. Ähnliche Aussagen sind auch vom ehemaligen DOSB- und IOC-Präsidenten Thomas Bach (Ex-FDP) überliefert.
Schon vor gut 20 Jahren, also weit vor den aktuellen Vorwandsgründen für Aufrüstung und Krieg, hatte die Bundeswehr begonnen, sogenannte "BW-Olympix" zu veranstalten, um mit Hilfe sportlicher Wettbewerbe bei jungen Leuten Abenteuerlust, Partyfeeling und Gemeinschaftsgefühle zu wecken und sie für den Arbeitgeber Bundeswehr zu gewinnen. Doch die sportbezogenen Rekrutierungsmaßnahmen reichten nicht. Ab 2014 fingen die Bundeswehr-Planer an, Zigmillionen Euro in die Nachwuchswerbung zu stecken, darunter in sogenanntes Jugendmarketing (Events, die Minder- und Volljährige mit Verheißungen auf Abenteuer, Action und Funsport anzulocken suchen). Weitere Geldempfänger sind Sportvereine, die Werbekooperationen abgeschlossen haben. Zwar gab es auch Fan- und Sportlerproteste dagegen, doch die waren einkalkuliert und verliefen im Sande. Besonders der Topmultiplikator Fußball, aber auch Handball- und Basketballklubs, füllten mit Bundeswehrgeldern ihre oft klammen Kassen und lieferten dafür BW-Mitmachwerbung auf Banden, in Zeitschriften oder Programmheften sowie auf Stadionleinwänden. Zudem haben Sportdachverbände wie DOSB und DBS (Deutscher Behindertensportverband) schon seit vielen Jahren Kooperationen mit dem Verteidigungsministerium laufen.
Inzwischen geht die Bundeswehr immer zielgerichteter mit Werbeclips auf Social-Media-Kanälen, online oder in Kinos auf Jugendliche zu. Auf der weltgrößten Computerspielemesse gamescom gehörte die Armee schon zu den größten Ausstellern. Aktuell findet gerade eine an Videospiele erinnernde Werbekampagne statt, die Uniformierte, Spezialkräfte und Kriegsfahrzeuge in Pixeloptik zeigt, um Jüngere mit dem Slogan "Weil du es kannst" für den Militärdienst zu gewinnen. Altbackene Slogans haben ausgedient, heute docken die Werbeprofis gleich bei den Allmachtsgefühlen einer ganze Fantasiewelten bespielenden Konsolejugend an und plakatieren "Das Gefühl, wenn eine ganze Armee hinter dir steht". [9]
Zwar wird es, anders als zunächst geplant, beim Supersponsor Saudi-Arabien nun doch keine Olympischen Spiele 2027 der E-Sportlerinnen und -sportler geben, doch es scheint nur noch eine Frage der Zeit, wann die Gewalt- und Kriegsszenarien reproduzierenden Shooterspiele auch außerhalb der Gamingindustrie die volle gesellschaftliche Akzeptanz genießen. Deutschland schickt Rüstungsgüter wie Iris-T-Raketen oder Eurofighter-Kampfjets (geplant) nach Saudi-Arabien, womit Menschen ganz real getötet werden können (siehe Jemenkrieg), warum sollten dann nicht auch Gamer ihren virtuellen Spaß daran haben, menschliche Leiber per Knopfdruck zu zerfetzen? Und hat der Arbeitgeber Bundeswehr in der realen Welt nicht ähnliches vor, wenn er auf Computerspielmessen Jugendliche anspricht, damit sie vielleicht einmal "gutes Geld" bei künftigen Cyber- und Drohnenkriegen verdienen?
Langsam könnte einem der Verdacht kommen, dass es bei der Kriegstüchtigkeit im Sport gar nicht so sehr um die körperliche Ausbildung geht, sondern vielmehr um die Bereitschaft zum Mitmachen, um gesellschaftliche Gewöhnung und um das ideologische Rüstzeug. Unterdessen tritt auch eine deutliche (Re-)Militarisierung des Bildungssektors in Erscheinung, etwa wenn vermehrt Jugendoffiziere in Klassenzimmern auftauchen und sogar Kitas von Soldatinnen und Soldaten besucht werden. Eine Kleine Anfrage der Linkspartei aus dem Jahre 2023 ergab, dass mittlerweile rund 100 Kooperationen zwischen Bundeswehr und sozialen Einrichtungen bestehen. [10]
2019 haben sich CDU/CSU, SPD und FDP für die Etablierung von sogenannten "Invictus Games", deren Vorbild die "Warrior Games" in den USA sind, stark gemacht. Offizieller Grund war, dass Soldaten und Soldatinnen, die im Dienst physisch oder psychisch verletzt wurden, einerseits Respekt und Wertschätzung entgegengebracht und andererseits Möglichkeiten der Rehabilitation eröffnet werden sollten. Der eigentliche Grund dürfte vielmehr darin liegen, dass die Bundeswehr bei ihren Einsätzen mit mehr verletzten, invaliden oder traumatisierten Soldatinnen und Soldaten rechnet und eine gesellschaftliche Akzeptanzstruktur aufgebaut werden muss, die zwar die Auswirkungen von Kriegen auf ein sozialverträgliches Maß sichtbar macht, die geo- und machtpolitischen Steigbügeldienste für Kriege aber versteckt. Nicht die Verhinderung, sondern die Nachsorge und damit die Normalisierung von Kriegen ist das Ziel der Invictus Games. Sportliche Erfolge und heitere Eventstimmung sollen zeigen, dass auch die Folgen von Kriegen erfolgreich zu regulieren und gemeinschaftlich zu bewältigen sind.
Im vergangenen Jahr hat der Fußball-Bundesligist Borussia Dortmund für einen eklatanten Tabubruch gesorgt und den Rüstungskonzern Rheinmetall als Sponsor gewonnen. Wenig später wurde bekannt, dass sich auch der Eishockeyklub Düsseldorfer EG von Rheinmetall mit "Blutgeld", wie viele Fans kritisierten, bezahlen lässt. Das Logo des hochprofitablen Dax-Unternehmens soll künftig etwa auf Banden und Werbeaufstellern oder am Stadion sichtbar sein. "Sportwashing" findet also nicht nur im "Nahen Osten" statt, wie hiesige Medien in dumpfer Einigkeit geneigt sind zu berichten, sondern direkt vor unserer Haustür. Um die Blutspuren nach Gaza, in die Ukraine und zu vielen weiteren Schlachtfeldern zu verwischen, an denen deutsche Industrieunternehmen durch Waffenlieferungen und Rüstungsprojekte direkt oder indirekt beteiligt sind, macht es durchaus Sinn, den auf Unterhaltung und schnelle Affekte abonnierten Sport als Plattform für mehr Sichtbarkeit zu nutzen. Rheinmetall würde den Sponsorendeal nicht eingehen, wenn der Konzern sich dadurch nicht Image- und Akzeptanzgewinne in der Gesellschaft verspräche. Und wie die relativ geringen und mit der Zeit abflauenden Proteste gegen die Militärkooperationen zeigen: Auf das Mitläufertum der breiten Massen sowie das duldsame Stillhalten in Wissenschaft und Sport (mit wenigen Ausnahmen) können sich die Könige, Kaiser, Führer, Präsidenten und Funktionseliten seit dem Circus Maximus verlassen.
Heute muss nicht mehr das Wort von der Wehrtüchtigkeit durch Sport im Munde geführt werden, wie dies die Altväter des Turnens und modernen Sports, Friedrich Ludwig Jahn und Carl Diem, noch taten. Die patriotische Willensbildung gegen den "Feind von Freiheit, Demokratie und Menschenrechten" und die körperliche Ertüchtigung für Arbeit und Militär sind Wesensbestandteile des Sports und werden ja nach Bedarf des gesellschaftlichen Herrschaftspersonals produziert, verwertet oder propagandistisch an die große Glocke gehängt - mal gegen den Feind im Westen (früher Frankreich), mal gegen den Feind im Osten (heute Russland). Wer sich darüber etwas vormacht, dem ist mit Verweis auf seine Geschichtsvergessenheit auch nicht mehr zu helfen.
Fußnoten:
[1] https://dslv-niedersachsen.de/wp-content/uploads/2024/08/Sportunterricht-Brennpunkt-August-2024.pdf
[2] "Wir müssen kriegstüchtig werden", ZDF-Interview mit Boris Pistorius am 29.10.2023 (verfügbar nur bis 29.10.2024).
[3] https://www.spiegel.de/sport/sonst/sporthistorie-schickte-carl-diem-kinder-in-den-sicheren-tod-a-175980.html. 09.01.2002.
[4] https://www.dosb.de/aktuelles/news/detail/helle-begeisterung-in-verdunkelten-stuben. 23.06.2008.
[5] Neues Deutschland, 29.5.2002. Debatte um Carl Diem. Meinungsbeitrag des Zeitzeugen Prof. Dr. Helmuth Westphal.
[6] https://de.euronews.com/my-europe/2025/01/16/neue-kriegsmentalitat-nato-chef-empfiehlt-umdenken-in-den-bundnisstaaten. 16.01.2025.
[7] https://www.fr.de/politik/neuer-orden-kein-heldenkult-11494994.html. 26.01.2019.
[8] https://athleten-deutschland.org/nach-angriffskrieg-gegen-die-ukraine-vollstaendiger-ausschluss-russlands-und-belarus-aus-dem-weltsport-gefordert/. 26.02.2022.
[9] https://www.bundeswehrkarriere.de/weil-du-es-kannst
[10] https://dserver.bundestag.de/btd/20/082/2008284.pdf. 07.09.2023.
7. November 2025
veröffentlicht in der Schattenblick-Druckausgabe Nr. 184 vom 29. November 2025
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